Rede von Cornelia Pieper (FDP) – Drucksachen 16/9757, 16/11152
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 29: Drucksachen 16/9757, 16/11152 –.
Text
Rede von Cornelia Pieper (FDP) – Drucksachen 16/9757, 16/11152
Der sogenannte Tortilla-Krieg, mit dem die
brasilianische Bevölkerung auf eine sich zuspitzende
Nutzungskonkurrenz von Nahrungspflanzen aufmerksam machte,
führte dazu, dass die Weltöffentlichkeit ein Paradoxon
wahrnahm, das sich in dieser Schärfe so bislang noch
nicht zeigte. Nach wie vor hungern in Teilen dieser Welt
Millionen von Menschen, allein nur darum, weil ihre
landwirtschaftlich nutzbaren Flächen versteppen und zu
Wüsten werden.
In anderen Weltteilen ist Nahrung im Überfluss
vorhanden. Durch eine hochproduktive moderne
Landwirtschaft werden die Erträge ständig gesteigert, und die
Menschen fangen an, Getreide in heimischen
Heizungsanlagen direkt zu verbrennen, stellen daraus Biosprit zum
Antrieb ihrer Autos her oder vergasen ihre unvorstellbar
großen Mengen an Nahrungsabfällen in Biogasanlagen.
Zugegeben, das sind Extreme, die uns aber zeigen: Wir
befinden uns in einem Dilemma!
Und eben genau das führt uns in dieser Woche Gerald
Traufetter in seinem Artikel „Raubbau fürs Klima“ in der
aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ sehr treffend am
Beispiel der Nutzung unserer Wälder vor Augen. Die
Menschen entdecken einen alten Brennstoff wieder neu, das
Holz! Was über Jahre hinweg ein Zuschussgeschäft war,
von Bund und Ländern mit viel Geld am Leben erhalten
und zum schutzwürdigen Gut erklärt wurde, entwickelt
sich zu einem echten „Renner“, die vollständige Nutzung
des Holzes für die Energiegewinnung.
Die Folge: Zusammenhängende Waldflächen sind
heute in Deutschland nur noch selten zu bekommen, und
wenn überhaupt, dann zu deutlich gestiegenen Preisen.
Das hat auch der Kapitalmarkt erkannt. Große Holzfonds
kaufen, was der Markt noch hergibt. Und es ist noch gar
nicht lange her, als ich in einer deutschen Tageszeitung
las, dass zum Beispiel das Bundesland Brandenburg rund
um Berlin herum weitere neue Bioheizkraftwerke bauen
wird. Deren ungestillter Hunger nach dem Rohstoff Holz
führt bereits heute zu einer Nachfrage, die andere Holz
verarbeitende Branchen schmerzhaft spüren. Nicht nur
die deutsche Papier- und Zellstoffindustrie weiß ein Lied
davon zu singen.
Sehen Sie mir nach, dass ich heute nicht alle
Argumente pro oder contra Biomassenutzung erneut aufzeige.
Das habe ich bereits in meiner Rede am 26. Juni 2008
ausführlich getan. Interessant ist übrigens die Tatsache,
dass es den Autoren des Antrages weder in der ersten
Lesung am 26. Juni 2008 noch heute gelungen ist, ihr
Anliegen in öffentlicher Debatte vorzutragen. Offensichtlich
sind die Widersprüche zwischen den auf diesem Gebiet
agierenden Fachministerien für Forschung, Umwelt und
Landwirtschaft zu groß, um heute und hier im Plenum ein
abgestimmtes Konzept vorzustellen. Es wäre doch
überaus interessant zu hören, was die Bundesregierung zu
diesem Thema zu sagen hat, zumal der WissenschaftlicheBeirat Globale Umweltveränderungen, WBGU, gestern
Frau Dr. Schavan und Herrn Gabriel eine Studie
„Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung“
vorgelegt hat.
Die zunehmende Kritik an einer massiven
energetischen Nutzung von Biomasse ist doch die Folge einer
erkennbar sich verschärfenden Nutzungskonkurrenz,
insbesondere hinsichtlich der land- und forstwirtschaftlichen
Produktionsflächen. Abgesehen von steigenden Preisen
für diese Flächen sowie für Futter- und Nahrungsmittel
wachsen auch die ökologischenBedenken: Stichworte
sind ein gewaltiger Flächenbedarf beim Anbau von
Biomasse, Verlust ökologisch wertvoller Wälder durch
Komplettrodungen und Nutzung der gesamten Biomasse,
zunehmender Einsatz von Pestiziden und Stickstoffdünger,
energieintensive Herstellungsverfahren – insbesondere
von Ethanol aus Mais – und nicht zuletzt:
Methanemissionen großflächiger Rapskulturen – Methan ist um ein
Vielhundertfaches klimaschädlicher als CO2.
Unterdessen warnt das Stockholm International Water
Institute bereits vor massiver Wasserverknappung durch
die Massenproduktion von Biobrennstoffen: Für eine
einzige Tankfüllung reines Ethanol brauche man soviel
Getreide, wie ein Mensch während eines Jahres zum Leben
benötige. China hat die Herstellung von Biokraftstoffen
mittlerweile bis auf Weiteres stark eingeschränkt: Bis
2010 werden keine neuen Projekte mehr genehmigt, noch
nicht laufende Projekte werden gestoppt, ausländische
Investitionen in chinesische Biokraftstoffanlagen sind bis
auf Weiteres untersagt.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie kennen mich als
einen Befürworter der energetischen Nutzung von
Biomassen, aber nicht um jeden Preis! Jeder Nutzung muss eine
breit angelegte Forschung und
Technikfolgenabschätzung vorausgehen.
Daher habe ich diesem Hohen Haus bereits mehrere
Anträge zum Thema vorgelegt. Einen möchte ich
besonders hervorheben. Er ist Ihnen sicherlich noch in guter
Erinnerung: „Gründung eines Deutschen
Biomasseforschungszentrums vorantreiben“ auf
Bundestagsdrucksache 16/3838. Doch im vorliegenden Antrag ist kein Wort
über das Deutsche Biomasseforschungszentrum in
Leipzig zu lesen. Hier stellen sich die Verfasser des Antrages
ein Armutszeugnis aus. Oder glauben sie selbst nicht
mehr an das Gelingen dieses Projekts? Viele Ihrer
Forderungen sollten doch eben durch dieses
Forschungszentrum umgesetzt werden.