Rede von Dr. Petra Sitte (DIE LINKE) – Drucksachen 16/9757, 16/11152
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 29: Drucksachen 16/9757, 16/11152 –.
Text
Rede von Dr. Petra Sitte (DIE LINKE) – Drucksachen 16/9757, 16/11152
Im Antrag der Koalition wird auf den hohen
Importbedarf an fossilen Rohstoffen aufmerksam gemacht.
Mineralöl werde zu 97 Prozent, Erdgas zu 83 Prozent und
Steinkohle immerhin zu 61 Prozent aus dem Ausland
eingeführt. Deutschland ist damit in seinem Rohstoff- und
Energiehunger abhängig von anderen erdöl- oder
gasfördernden Staaten. Dabei unterliegt es Preisschwankungen
und Versorgungsunsicherheiten. Aus Sicht der Industrie
ist es verständlich, dass man sich nach günstigeren und
vor allem sicheren Alternativen umsieht. Und so hat die
EU eine „Leitmarkt“-Initiative aufgelegt, um die Ent-Zu Protokoll gegebene Reden
wicklung von Technologien für die Nutzung
nachwachsender Rohstoffe zu forcieren. Auch die Bundesregierung
will einen Aktionsplan in diese Richtung vorlegen.
Europa soll, so die Vorstellung, Vorreiter bei der
Entwicklung biobasierter Produkte werden. Hier sollen die
Märkte geschaffen werden, die die Innovationen
herausfordern. Diese sollen dann in naher Zukunft einmal auch
Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit sichern und auf
Exportmärkten Erfolge zeitigen.
Die Frage ist jedoch: Wie sieht es mit der
Nachhaltigkeit aus? Alle Prognosen deuten darauf hin, dass
Biomasse wie Holz und andere Nutzpflanzen demnächst
Mangelwaren werden wie bereits jetzt Erdöl oder Erdgas.
Bereits heute werden Naturressourcen überwiegend
importiert, etwa 100 Prozent der Baumwolle oder des hier
verbrauchten Naturkautschuk sowie 90 Prozent der
Arzneipflanzen. Die OECD schätzt, dass das Preisniveau von
Agrargütern in den kommenden zehn Jahren nominal um
35 bis 60 Prozent steigen wird. Erst gestern hat es, wie
der Spiegel berichtet, einen Disput zwischen den
sozialdemokratisch geführten Ministerien für Umwelt sowie für
Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit
gegeben. Minister Gabriel hat sich demnach auch mit dem
wissenschaftlichen Beirat für Umwelt gestritten. Der
Konflikt ist einfach dargestellt: Sowohl das
Entwicklungsministerium wie auch der Beirat warnen vor den
ökologischen und sozialen Folgen einer ausgeweiteten
Biomasseproduktion in Entwicklungs- und
Schwellenländern. Der große Treiber dabei ist allerdings nicht die
stoffliche Nutzung, die bisher wenig verbreitet ist,
sondern die von Gabriel forcierte Sprit-, Wärme- und
Stromproduktion auf Biobasis. Wenn nun in Ausweitung der
Biomassenutzung weitere Anwendungen dazukommen,
verschärft sich das Problem der Flächenkonkurrenz. Die
massive Förderung von Biokraftstoffen und
Biomassekraftwerken war das Gegenteil von nachhaltiger Politik.
Chancen und Risiken wurden eben nicht gegeneinander
abgewogen, Langzeitfolgen nicht bedacht. Das Beispiel
Solarenergie zeigt, wie durchschlagend staatliche
Nachfragesteuerung eine bestimmte Technologie in den Markt
bringen kann. Im Unterschied zur Sonne stehen
nachwachsende Rohstoffe jedoch nur begrenzt zur Verfügung
und fallen zudem nicht einfach an Ort und Stelle vom
Himmel.
Es reicht also nicht, so wie die Koalition es mit diesem
Antrag wieder versucht, vor allem Partikularinteressen
zu bedienen und die systemischen Effekte auszublenden.
Wer nachwachsende Rohstoffe umwelt- und
sozialverträglich einsetzen will, muss schon die Komplexität des
gesamten Produktions- und Reproduktionssystems in den
Blick nehmen. Bei der stofflichen wie der energetischen
Verarbeitung von Biomasse verzahnen sich ökologische,
biologische, wirtschaftliche, soziale und technologische
Fragestellungen. Weder die chemische Industrie, die
billige und sichere Rohstoffe möchte, noch die Land- und
Forstwirte, denen kein Abnahmepreis hoch genug sein
kann, dürfen alleinige Ratgeber der Regierungspolitik
sein. Vielmehr müssen hier ressortübergreifend und
wissenschaftsgestützt Potenziale, aber eben auch Grenzen
der Nutzung beschrieben und politisch umgesetzt werden.
Es ist der schmale Grat zu treffen, auf dem der Einsatz vonBiorohstoffen mehr nutzt als schadet. Und natürlich – da
gehen wir mit dem Antrag der Großen Koalition mit –
hängt dieser massiv vom Wirkungsgrad der eingesetzten
Technologien ab.
Die Politik muss hier die Entscheidungsinstanz sein,
die die Fragen nach Öko-, Energie- und CO2-Bilanzen
beantworten, soziale Folgen der verschiedenen
Nutzungsmöglichkeiten einrechnen und erst danach eine
abgestimmte Forschungs- und Förderstrategie umsetzen
muss. Es steht nicht nur die Antwort aus, wo und welche
Biorohstoffe in welcher Höhe eingesetzt werden, sondern
auch, wo dies, in Abwägung der Risiken, nicht geschehen
soll. Wir finden es daher gut, dass die Koalition im Antrag
einen Forschungsschwerpunkt bei der ökologischen
Verträglichkeit setzen will, allerdings wird den sozialen
Problemen keine ähnliche Wichtigkeit zugemessen. Nötig
wäre eine wissenschaftliche Aufarbeitung des
Strukturwandels, der durch die Expansion der Rohstoffproduktion
in Entwicklungs- und Schwellenländer ausgelöst wurde.
Nur so kann gesichert werden, dass etwa der
wissenschaftliche Beirat für Umwelt oder auch das Ministerium
für wirtschaftliche Zusammenarbeit nicht als
„Gutmenschen“ – O-Ton Gabriel – abgewatscht werden,
sondern auf fundierter Grundlage zur Gesamtstrategie
beitragen können.
Relationen
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