Rede von Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/9757, 16/11152
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 29: Drucksachen 16/9757, 16/11152 –.
Text
Rede von Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/9757, 16/11152
Als Grüne begrüßen wir die längst überfällige
Schaffung der notwendigen Rahmenbedingungen für die
industrielle stoffliche Nutzung von nachwachsenden
Rohstoffen. Nachdem ich keine Gelegenheit ausgelassen habe,
für die Förderung und Implementierung von
Bioraffinerien zu werben, ist die große Koalition nun ebenfalls
langsam auf dem richtigen Weg. Die industrielle
Verwendung von Biomasse soll angesichts des Klimawandels
endlich ausgebaut werden. Selbst die Novelle zur
Verpackungsverordnung haben wir genutzt, um unter dem
Motto „Weg vom Öl“ diese Technologie zu unterstützen
und mit Biokunststoffen echte Kreisläufe zu schließen;
Drucksache 16/3140.
Bei der Herstellung chemischer Produkte beträgt der
Anteil nachwachsender Rohstoffe bisher nur 10 Prozent.
Dabei könnte sogar selbst nach Aussagen von den
überkritischen Regierungsberatern des PIK 10 Prozent des
gesamten Weltenergiebedarfs durch nachwachsende
Rohstoffe gedeckt werden. Bevor man aber Öle für die
Stromgewinne produziert und das auch noch für
Drittweltländer propagiert, wo die Sonne kostenlos und
kräftig das ganze Jahr scheint, sollte man hier das
Naheliegende auf den Weg bringen: wenigstens die 10 Prozent
des Erdölverbrauchs, die in die chemische Industrie
fließen, durch heimische Rohstoffe, und zwar durch
nachwachsende, zu ersetzen. Die Verstetigung der Forschung
und die Bündelung zu einer ressortübergreifenden
Entwicklungsstrategie für nachwachsende Rohstoffe kann
dabei nur ein erster Schritt sein.
Der Wissenschaftliche Beirat Globale
Umweltveränderungen hat in seinem Gutachten, der inzwischen von
Gabriel selbst kritisierten, gestern erschienenen WGBU-
Studie, wohl ebenfalls vor den Argumenten der AutolobbyZu Protokoll gegebene Reden
kapituliert wie der EU-Ministerrat beim zulässigen CO2-
Ausstoß für 2015.
Das gegenwärtige Abflauen der Weltmarktpreise für
Rohstoffe ist nur vorübergehend. Langfristig wird die
Konkurrenz um die begrenzten Rohstoffressourcen an
Schärfe zunehmen. Auch die jüngste UN-Klimastudie
macht fossile Brennstoffe für den weiter wachsenden
CO2-Ausstoß und die daraus resultierenden Klima- und
Umweltprobleme verantwortlich. Keine Erfindung ist
aber so nachhaltig wie die Verwendung von durch die
Fotosynthese der Pflanzen entstandene Biomasse.
Unlängst haben der Exumweltminister Klaus Töpfer
und auch Volker Hauf vom Nationalen Nachhaltigkeitsrat
die „Erfindung“ der Fotosynthese eingefordert. Gerne
würde die Menschheit den entscheidenden Prozess
nachmachen können, der aus Sonnenlicht, Kohlenstoff und
Wasser Biomasse, also Rohstoffe herstellt. Die Natur
kann das seit Jahrmillionen. Nicht nur ineffiziente
Risikotechnologien wie die CCS-Abscheidung wären dann
unnütz, auch der CO2-Gehalt in der Atmosphäre ließe sich
dann ganz natürlich in nutzbare Masse verwandeln.
Anstatt auf die künstliche Fotosynthese zu hoffen, können
wir uns angesichts der Klimakatastrophe Pflanzen im
Kampf gegen einen steigenden CO2-Gehalt zunutze
machen.
Besonders wenn entsprechend nachhaltige
Anbaumethoden angewandt werden, kann die stoffliche Nutzung
der Rohstoffe auch gleichzeitig zum Erhalt der
biologischen Vielfalt beitragen. Eine landschaftsgerechte, am
besten ökologische Land- und Forstwirtschaft bereichert
unsere Kulturlandschaft. Gleichzeitig wird mit der
heimischen Biomasseproduktion die Abhängigkeit vom Erdöl
verringert und der Kreislauf aus Umweltzerstörung und
Verteilungskonflikten durchbrochen. Studien, die zur
„Teller oder Tank“-Debatte vom Heidelberger IFEU
vorgelegt wurden zeigen, dass zum Beispiel bei der
Herstellung von Bioethanol aus Zuckerrüben gleichzeitig Futter
für Nutztiere mit produziert wird. Glaubt man den
Verlautbarungen des Bundes Deutscher
Bioethanolwirtschaft, BDBe, wird damit sogar der Import von zum
Beispiel Sojamehl und Mais aus Drittländern für unsere
Tiermast überflüssig. Für die Biodiversität wertvolle
Flächen könnten dann als Kulturlandschaft für den
angepassten Nahrungsmittelanbau oder den Erhalt von
Naturlandschaften genutzt werden.
Entscheidend für den Erfolg der Biomasse sind
allerdings verpflichtende Nachhaltigkeitsstandards, die
sowohl national als auch international vereinbart werden
müssen. Darin sind wir uns hoffentlich alle einig:
Energieerzeugung darf nicht auf Kosten der
Nahrungsmittelversorgung und des Naturschutzes gehen.
Schon seit Jahren fordere ich allerdings, die
nachwachsenden Rohstoffe durch die „unmittelbare“
stoffliche Nutzung als grünes Konjunkturprogramm zu fördern.
Schließlich trägt die Einführung von dezentralen
Bioraffinerien als neue Produktionsstätten für chemische
Grundstoffe auch dazu bei, dass in den ländlichen
Gebieten Arbeitsplätze erhalten und neue geschaffen werden.
Der heimischen Land- und Forstwirtschaft werden damit
ebenfalls Produktions- und Einkommensalternativen ge-boten. Der Neubau umstrittener Ethanolpipelines, für die
in Bayern extra ein neues Enteignungsgesetz geschaffen
wurde, wäre dann ebenfalls obsolet. Ein grünes
Konjunkturprogramm par excellence.
Bei dem vorgelegten Antrag der Regierungskoalition,
der in der Zielrichtung stimmt, leider aber nicht weit
genug geht, werden wir uns entsprechend enthalten.
Relationen
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