Rede von Katja Kipping (DIE LINKE) – Drucksachen 16/2211, 16/4210
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c und 19 b: Drucksachen 16/2211, 16/4210 –.
Text
Rede von Katja Kipping (DIE LINKE) – Drucksachen 16/2211, 16/4210
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Nichts
hören, nichts sehen, nichts wissen wollen. So verhält sich
die Bundesregierung, wenn es um die soziale Bilanz von
Hartz IV geht. Sie wissen eben nicht, wie viele
behinderte Menschen zu einem Umzug gezwungen wurden.
Sie wissen nicht, wie viele Menschen aus Angst vor
Hartz IV in die Frühverrentung geflüchtet sind. Sie
haben noch nicht einmal eine Zusammenstellung aller
verfassungsrechtlichen Bedenken.
Besonders schockierend finde ich aber, Herr Andres,
dass Sie noch nicht einmal in Erfahrung bringen wollen,
wie sich Hartz IV auf die Gesundheit und die
Bildungsmöglichkeiten der betroffenen Kinder auswirkt. Das
nenne ich wirklich skandalös!
Dabei gibt es bereits erste Untersuchungen, die
deutlich machen, wie verheerend die soziale Bilanz von
Hartz IV ist. 1-Euro-Jobs verdrängen reguläre
Beschäftigungsverhältnisse. Die gesamtgesellschaftliche
Armutsquote ist um 1 Prozent gestiegen. Bei den Sozialgerich-
Katja Kippingten wächst der Klageberg. Der Stapel an Klagen, der
täglich beim Landessozialgericht eingeht, ist bis zu vier
Meter hoch. Ein Viertel der Arbeitslosenhilfebezieher
von früher hat den Leistungsanspruch komplett verloren.
Doch mehr als alle Zahlen und Untersuchungen
belegen Schicksale, wie verheerend die Bilanz ist. Sie
erinnern sich noch an den Dresdner, der als 1-Euro-Jobber
im Winter Unkraut jäten musste. Sie, Herr Andres,
versprachen zu helfen. Mit einem haben Sie offensichtlich
nicht gerechnet:
(Dirk Niebel [FDP]: Dass es gar keinen Winter
gibt!)
Der Mann hat Sie gehört, wollte Sie beim Wort nehmen
und hat versucht, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen.
Irgendwann sagte er zu mir in der Bürgersprechstunde: Ich
kann es mir gar nicht leisten, so oft in Berlin anzurufen,
wie sich der Staatssekretär verleugnen lässt.
(Beifall bei der LINKEN – Dirk Niebel [FDP]:
Aber haben Sie von Herrn Andres was anderes
erwartet?)
Seitdem hat der Mann alles Mögliche unternommen, um
einen Job zu finden.
(Dirk Niebel [FDP]: Ich würde ihm keine
Zwischenfrage zubilligen! Er kann ja eine
Kurzintervention machen!)
Er hat sogar fünf Tage auf dem Bau kostenlos zur Probe
gearbeitet, ohne dafür auch nur einen Cent zu
bekommen. Das Ende vom Lied war, dass man ihn wieder
zurück in Hartz IV geschickt hat. Und um noch einen
draufzusetzen: Als der Mann dann wenigstens die
Fahrtkosten abrechnen wollte, sagte man ihm, dass er laut
Gesetz nur drei Tage kostenlos zur Probe arbeiten dürfe und
man ihm die Fahrtkosten nur für drei Tage ersetzen
könne.
(Dirk Niebel [FDP]: Lassen Sie den Andres
bloß nichts fragen!)