Rede von Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/2211, 16/4210
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c und 19 b: Drucksachen 16/2211, 16/4210 –.
Text
Rede von Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/2211, 16/4210
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Nach
dem, was ich gerade erlebt habe, habe ich das Gefühl,
hier geht es weniger um die Beantwortung der Großen
Anfrage als um Hahnenkämpfe.
Es geht auch weniger um Mannesmut als um männliche
Rechthaberei.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Es wäre, wie ich
finde, zu viel Aufwand für die Erstellung von 73 Seiten
Text betrieben worden, wenn diese nur dazu dienten,
Ihnen eine Plattform für das Austragen Ihrer Kämpfe zu
geben.
Ich würde jetzt gerne zur Sache zurückkehren.
Herr Lafontaine, wir haben nie bestritten – um das
einmal deutlich zu sagen –, dass die Hartz-Gesetze, und
zwar von Beginn an, mit Fehlern behaftet waren. Diese
hat uns nämlich die schwarz-gelbe Mehrheit im
Bundesrat eingebrockt.
Nichtsdestotrotz enthalten die Hartz-Gesetze aber
richtige Gedanken. Es war richtig, Arbeitslosenhilfe und
Sozialhilfe zusammenzulegen,
weil das die Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger
deutlich besser stellt und sie nicht länger auf dem
arbeitsmarktpolitischen Abstellgleis belässt. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Es war richtig, den Zugang zum Arbeitslosengeld II
diskriminierungsfrei zu gestalten und damit verdeckte
Armut abzubauen. Es war auch richtig, den Sozialstaat in
eine aktivierende Richtung umzugestalten.
Ich will Ihnen noch etwas sagen: Noch nie in der
Geschichte gab es eine so große Vielfalt und Flexibilität bei
der Förderung von Beschäftigung, wie jetzt im SGB II
vorgesehen. Das Problem ist, dass diese Möglichkeiten
in der Praxis leider zu wenig genutzt werden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ein noch größeres Problem, lieber Herr Weiß, besteht
in dem, was die Koalition aus diesen Ansätzen gemacht
hat. Das stellt tatsächlich ein großes Problem dar. Sie
haben die Reform, die sehr fein ausbalanciert war, zerrupft
und verbogen.
(Klaus Brandner [SPD]: Da bin ich jetzt aber
überrascht!)
Die Maßnahmen, die als Hilfe für die Menschen gedacht
waren, empfinden die Betroffenen inzwischen als
Bedrohung. Die Harmonie zwischen Fördern und Fordern
haben Sie leider zerstört. Sie haben den Missklang von
Diskriminierung und Drangsalierung angestimmt.
(Klaus Brandner [SPD]: Am Anfang waren
Sie noch so gut, Frau Pothmer!)
Damit haben Sie die Akzeptanz der gesamten Reform
gefährdet, Herr Weiß. Dass da eine ganze Menge falsch
läuft, können Sie, wenn Sie sich mit der Wirklichkeit
auseinandersetzen, doch auch nicht leugnen.
Wir sind von einem individuellen Fallmanagement
– das haben wir damals versprochen – weit entfernt.
Eingliederungsvereinbarungen bestehen da, wo es sie
überhaupt gibt, aus standardisierten Formularen. Statt einer
gezielten Integrationsarbeit gibt es immer noch – da hat
Herr Niebel doch nicht ganz unrecht – bürokratisches
Verwaltungshandeln. Mangelhafte Software,
vorgegebene Standardinstrumente, Statistiknachweise und
Controllingverfahren bestimmen den Alltag in den
Agenturen. Davor können auch Sie die Augen nicht
verschließen.
(Zuruf von der SPD: Das ist nur die halbe
Wahrheit!)
Deswegen müssen Sie sich für eine positive
Weiterentwicklung in einigen ganz grundsätzlichen Punkten von
Hartz IV einsetzen.
Wir müssen über eine Anpassung der Leistungshöhe
insoweit reden, als die eingetretenen
Kostensteigerungen eingerechnet werden müssen.
Natürlich müssen die gestiegenen Gesundheitskosten
und Energiepreise berücksichtigt werden. Sie können die
Mehrwertsteuer nicht einfach erhöhen und dann den
Brigitte PothmerHartz-IV-Empfängern sagen: Seht zu, wie ihr damit
fertig werdet. Der Satz ist dafür einfach zu eng berechnet.
Wir wissen inzwischen auch, dass Kinder und
Jugendliche über den für sie vorgesehenen Regelsatz
hinaus noch Sachleistungen benötigen. Es kann nicht
hingenommen werden, dass Kinder von Hartz-IV-
Empfängern massenhaft von Schulmahlzeiten abgemeldet
werden, nicht mehr an Sportveranstaltungen teilnehmen,
nicht zur Musikschule gehen und Bibliotheken nicht
benutzen können. Wenn wir das hinnehmen und nicht
ändern, wird uns das teuer zu stehen kommen.
Die derzeitige Prüfung der Arbeitsbereitschaft läuft in
eine falsche Richtung. Sie haben inzwischen eine
Misstrauenskultur geschaffen, die zur Schikanierung von
Arbeitslosen und nicht selten zu sinnloser Beschäftigung
führt. Das können Sie nicht wollen, weil Sie damit die
Würde von Arbeitslosen verletzen und Ihr eigenes
Projekt diskreditieren. Auch das muss geändert werden.
Wenn wir eine Förderung erreichen wollen, die dem
Einzelnen tatsächlich gerecht wird, dann brauchen wir
eine konsequente Dezentralisierung des SGB II. Dann
müssen wir den Argen, zu denen wir stehen, mehr
Freiheiten geben. Sie müssen die vollständige Hoheit über
ihr Personal und ihr Budget haben.
Sie müssen endlich eine eigene „Firma“ werden, wenn
sie den Aufgaben gerecht werden wollen.
Außerdem müssen wir das Fördern in den
Mittelpunkt stellen. In der Antwort auf die Große Anfrage
wird mehrfach darauf hingewiesen, dass die Hartz-
Gesetze keine Arbeit schaffen. Abgesehen davon, Herr
Andres, dass das bei Herrn Clement in der letzten
Legislaturperiode immer etwas anders geklungen hat, haben
Sie damit recht. Aber diese Arbeitsmarktreform soll die
Menschen fit machen für die vorhandenen Arbeitsplätze.
Das geschieht jedoch gänzlich ungenügend. Allein
aufgrund des Konjunkturaufschwungs wird die
Langzeitarbeitslosigkeit nicht abgebaut. Es ist eine schlichte
Propaganda, wenn Sie sagen, die Langzeitarbeitslosigkeit gehe
zurück. In den letzten drei Monaten ist die Zahl der
Langzeitarbeitslosen sogar noch einmal um 50 000
angestiegen. Das sind die wahren Zahlen.
Wenn die Langzeitarbeitslosigkeit abgebaut werden
soll, dann ist es natürlich gänzlich falsch, dass Sie jetzt
bei den Integrationsmitteln 1 Milliarde Euro gestrichen
haben, statt sie der Förderung zur Verfügung zu stellen.
Es ist auch gänzlich falsch, dass Sie sich in einem so
großen Umfang auf die 1-Euro-Jobs konzentrieren. Es
muss sehr viel mehr in Bildung und Ausbildung
investiert werden; denn zwei Drittel der Arbeitslosen sind
Geringqualifizierte. Die Politik, die Sie betreiben, ist
gerade in Bezug auf die Jugendlichen eine richtige
Katastrophe. Wenn nur 85 000 Jugendliche unter 25
Jahren tatsächlich ihre Arbeitslosigkeit beenden, indem sie
eine schulische oder betriebliche Ausbildung beginnen,
und fast 250 000 unter 25-Jährige in 1-Euro-Jobs
verharren, dann läuft hier doch etwas falsch. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wenn wir das nicht ändern, dann werden wir diese
Menschen ein Leben lang alimentieren müssen – Menschen,
die wir aber brauchen und die auch in die sozialen
Sicherungssysteme einzahlen sollen.
Nein, der Aufschwung wird das Problem der
Langzeitarbeitslosigkeit nicht lösen. Wenn Sie so
weitermachen, dann werden Sie am Ende dieses Aufschwungs
eine höhere Sockelarbeitslosigkeit haben als zu Beginn.
Die „Süddeutsche Zeitung“ hat es Ihnen in einem
Kommentar ziemlich gut, wie ich finde, ins Stammbuch
geschrieben: Wenn es ins Haus hineinregnet, löst schönes
Wetter das Problem nur vorübergehend; wenn Sie
dauerhaft im Trockenen sitzen wollen, müssen Sie das Dach
schon reparieren, solange die Sonne scheint. Aber das
scheint Ihnen etwas zu anstrengend zu sein. Sie legen die
Hände in den Schoß, beklatschen den Aufschwung und
verwalten ihn lediglich. Das ist zu wenig. Damit lösen
Sie die Probleme nicht.
Ich danke Ihnen.