Rede von Andrea Nahles (SPD) – Drucksachen 16/2211, 16/4210
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c und 19 b: Drucksachen 16/2211, 16/4210 –.
Text
Rede von Andrea Nahles (SPD) – Drucksachen 16/2211, 16/4210
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Ich erlaube mir eine kleine Warnung an meine
Kollegen von der Linksfraktion, die bald an einem
Parteitag teilnehmen werden. Vielleicht erleben Sie dann
auch eine Überraschung mit Oskar Lafontaine, wie es
mir 1998 ergangen ist. (Klaus Brandner [SPD]: Genau! Mit den zwei
Zungen! Heute so, morgen so!)
Staunend, geradezu baff, hörte ich, wie der damalige
Parteivorsitzende der SPD in seiner Rede auf dem
Parteitag am 25. Oktober 1998 Folgendes zum Besten gab:
Ich lade die Partei und die Gewerkschaften ein,
darüber nachzudenken, ob wir nicht auch bei der
Arbeitslosenversicherung Korrekturbedarf haben, ob
nicht auch hier eher der Fall gegeben ist, nach dem
Sozialstaatsprinzip vorzugehen statt nach dem
Prinzip der Versicherungsleistung …
Wenn man heute hört, was Sie, lieber Oskar
Lafontaine, hier vortragen, muss man sich wundern: Wir
hören massiv, dass das Prinzip der
Versicherungsleistung das einzige ist, das gilt. Ich warne also vor
Überraschungen auf Ihrem Parteitag. Man kann sich nämlich
bei bestimmten Leuten nicht sicher sein.
(Oskar Lafontaine [DIE LINKE]: Was heißt
das?)
Gerechtigkeit, Oskar Lafontaine, wird dann ganz schnell
zu Selbstgerechtigkeit. Das haben wir hier heute wieder
erlebt.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU –
Klaus Brandner [SPD]: So ist das mit dem
Lied vom Teilen! Arbeitszeitverkürzung ohne
Lohnausgleich!)
Ich habe mich heute, als ich der Opposition zugehört
habe, die ganze Zeit gefragt, ob es hier vielleicht eine
starke Beeinflussung durch den indischen Kulturkreis
geben könnte. Das Rezitieren von immergleichen
Wortfolgen hat nämlich einen Namen: Mantra. Man kennt es
aus dem Indischen. Was sagen die Inder darüber, was
dieses Mantra – Hartz IV gehört abgeschafft, die BA
gehört abgeschafft! –
(Dirk Niebel [FDP]: Aufgelöst! Das ist ein
Unterschied!)
bewirken soll? Die immergleiche Rezitation von
bestimmten Wortfolgen hat den Sinn – ich habe mir das
extra einmal angeschaut –, den Geist vor Störungen zu
schützen, also vor Einflüssen von außen, die das
Eigenbild, die Vertiefung in das Eigene irritieren könnten. Das
deckt sich ein bisschen mit dem Eindruck, den ich heute
gewonnen habe.
(Zuruf von der LINKEN: Kommen Sie doch
mal zur Sache!)
Das Mantra soll im Übrigen auch als
Beschwörungsformel gegen Schlangen und Dämonen dienen. Wenn
man sich die Anträge durchliest, merkt man: Diese
Dämonen sind Ihnen abhanden gekommen. Dummerweise
ist es tatsächlich so – man möchte es fast nicht mehr
erwähnen –, dass wir 452 000
sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zusätzlich geschaffen
haben.
Andrea Nahles(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU – Dirk Niebel [FDP]: Das ist
Ihr Mantra, Frau Nahles!)
Mit Ihrem ständigen Wiederholen wollen Sie die
Dämonen austreiben.
Man muss vermuten, dass Dirk Niebel der neue
Vorstandsvorsitzende der Private BA AG ist. Man muss sich
fragen, ob Sie, Herr Niebel, der Sie
Verwaltungsinspektor bei der BA geworden sind, die Abschaffung,
Teilprivatisierung und Wiedererschaffung einer neuen Behörde
vorangetrieben haben, um sich um diesen Job zu
bewerben. Das wäre auch eine Möglichkeit; den Verdacht
muss man haben.
(Beifall bei der SPD – Dirk Niebel [FDP]: Und
als Literaturwissenschaftlerin halten wir mal
eine kleine Rede im Plenum!)
Ich komme noch zu den Grünen; danach komme ich
zur Sache. Die Grünen sind klasse.
(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Richtig! – Das stimmt!)
– Ja, das kann man so stehen lassen. Ich bin ja gar nicht
so unfreundlich.
(Dirk Niebel [FDP]: Als Literaturwissenschaftlerin
können wir auch schauspielern?)
Die Sorge der Grünen, dass die
Sockelarbeitslosigkeit in dieser Legislaturperiode noch steigen könnte,
teilen wir alle. So etwas könnte passieren. Aber wenn wir
uns einmal ansehen, was im letzten Jahr passiert ist, dann
stellen wir hinsichtlich der Langzeitarbeitslosigkeit – das
ist der Kern der Sockelarbeitslosigkeit –
(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Richtig!)
fest, dass es 200 000 Langzeitarbeitslose weniger gibt.
Das ist ein großer Erfolg. Obwohl wir damit noch nicht
zufrieden sind, möchte ich das hier erwähnen, damit
nicht der Eindruck entsteht, das sei nicht genauso unsere
Sorge wie die der anderen Parteien.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU – Zuruf vom BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN: Es stimmt einfach nicht!)
Worum geht es hier eigentlich?
(Zuruf von der LINKEN: Ich glaube, das
wissen Sie überhaupt nicht!)
– Jetzt lassen Sie mich doch bitte auch einmal etwas
deutlich machen.
(Klaus Brandner [SPD]: Die kennen doch nur
„Hartz IV muss weg!“)
Sie unterstellen uns offensichtlich immer wieder, wir in
Berlin seien in einem Ufo unterwegs und Sie arbeiteten
hart an der Basis; nur unsereins, die Abgeordneten der
SPD und der CDU/CSU, hätten Scheuklappen an.
(Zuruf von der LINKEN: Ja, das ist genau der
Punkt!)Ich habe mit Rolf Stern gesprochen. Er ist ein
Arbeitsvermittler vor Ort, der mir in den letzten Jahren
durchaus auch Beschwerden vorgetragen hat, zum
Beispiel über Probleme beim Computerprogramm, über
Probleme vor Ort hinsichtlich der Selbstständigkeit der
Argen und über Probleme, wie die BA teilweise
reinfummelt.
(Dirk Niebel [FDP]: Ist er Inspektor oder
Oberinspektor?)
Es gibt Probleme. Es gibt auch
Mentalitätsschwierigkeiten zwischen den früheren Kommunalbeamten und
denjenigen, die von der Bundesagentur kommen. Wir alle
wissen darum. Ich habe ihn gefragt: Was ist, wenn du es
dir überlegst, der größte Erfolg von Hartz IV für dich,
Rolf Stern? Er hat auf die Sozialhilfeempfänger
hingewiesen; er war früher bei der Stadt für Sozialhilfe
zuständig. Die eine Million Sozialhilfeempfänger, die jetzt
vollen Zugang zu allen arbeitsmarktpolitischen
Maßnahmen haben,
(Zuruf von der LINKEN: Das stimmt ja gar
nicht!)
erwähnen Sie nicht. Sie kommen nur mit –
möglicherweise berechtigten; das will ich gar nicht abstreiten –
Einzelfällen. Aber über diese eine Million redet keiner
und schon gar nicht die Linkspartei.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Was sagte mir Rolf Stern? Die haben jetzt ein ganz
anderes Selbstvertrauen, weil sie wieder gefordert sind
und weil sie einen geregelten Tagesablauf haben. Sie
wollen arbeiten. Ich sage das einmal klipp und klar:
85 Prozent bis 90 Prozent dieser Menschen wollen
Arbeit; sie sind arbeitswillig. Alles andere ist eine
Diffamierung.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU – Zuruf vom BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN: Sagen Sie das Ihrem
Koalitionspartner!)
Diese Leute bekommen eine Arbeitsgelegenheit. Das
kann man schmähen, aber sie sind froh. Sie fragen: Gibt
es noch eine Verlängerung? Sie wollen im Prinzip das,
was wir ihnen anbieten können.
(Zuruf von der LINKEN: Natürlich wollen die
das, aber sie wollen auch ordentlich bezahlt
werden!)
Ich sage Ihnen: Das führt dazu, dass sie mit mehr
Zuversicht ihre Bewerbungen schreiben und ihre weitere
Einbindung in den ersten Arbeitsmarkt betreiben können.
Das ist ein Erfolg.
Genauso ist es ein Erfolg, dass bei den jungen
Menschen ein Betreuungsschlüssel von 1 : 75 erreicht
werden konnte. Wir haben ihn teilweise sogar unterschritten.
Das kann man an den Erfolgen bei der Vermittlung von
jungen Menschen sehen. Auch hier verzeichnen wir
klare Erfolge.
Andrea NahlesDas hängt nicht nur mit dem Aufschwung, sondern auch
mit der intensiven Betreuung in den Argen zusammen.
(Cornelia Behm [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Aber was ist mit den älteren
Arbeitslosen?)
Damit auch das einmal ausgesprochen wird: Wir sind
nicht an einem Punkt, an dem wir sagen: Das war es jetzt,
wir entwickeln uns nicht weiter. Vielmehr nimmt sich
diese Bundesregierung vor, zu schauen, wo wir ergänzen
und wo wir evaluieren müssen. Ich will Ihnen zwei
Beispiele nennen. Ergänzen müssen wir da, wo es Menschen
mit schweren Vermittlungshemmnissen gibt, die nicht
ohne Weiteres in kurzer Zeit in den ersten Arbeitsmarkt
vermittelt werden können. Deswegen werden wir Ihnen
hier in Kürze einen Vorschlag unterbreiten, der lautet:
Wir wollen einen geförderten Arbeitsmarkt für
Menschen mit schweren Vermittlungshemmnissen, und den
wollen wir bundesweit organisieren.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Zuruf
von der LINKEN: Das hat ja lange genug
gedauert! Wir warten ja seit acht Monaten auf
eine Anhörung!)
Das heißt, dass wir sehr wohl erkennen, wo es etwas zu
ergänzen gibt.
Wir wollen verbessern. Es kann überhaupt kein
Zweifel daran bestehen, dass auf dem deutschen Arbeitsmarkt
beim Lohngefüge einiges ins Rutschen gekommen ist.
Wir haben tatsächlich das Problem der Leiharbeit. In
einigen Betrieben werden mittlerweile mehr als 30
Prozent des Personalbedarfs mit Leiharbeitern abgedeckt.
Das ist eine Form von Lohndumping, die wir nicht
goutieren. Das halten wir für ein großes Problem und für
eine große Herausforderung für den deutschen
Arbeitsmarkt.
Das hat mit Hartz IV überhaupt nichts zu tun.
Gleichwohl ist das ein Problem, um das wir uns kümmern
werden.
Wir Sozialdemokraten wollen einen Mindestlohn
– das ist ganz klar; wir stehen in Verhandlungen –, und
zwar in allen Branchen, wo er nötig ist. Damit fangen
wir an.
(Zuruf von der LINKEN: Und warum lehnen
Sie ihn dauernd ab? Sie haben den Antrag
abgelehnt!)
Wir haben erst in der vorhergehenden Sitzungswoche
– das ist ein bisschen untergegangen – für 850 000
Menschen im Gebäudereinigerhandwerk einen Mindestlohn
verabschiedet.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Dirk
Niebel [FDP]: Großer Fehler!)
Dafür danke ich ausdrücklich den Kolleginnen und
Kollegen auf der Unionsseite, die dagegen vielleicht einige
Einwände hatten. Diese 850 000 Gebäudereiniger
werden es uns danken.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)Andere Bereiche müssen folgen. Das wird mit dieser
Koalition möglich sein.
Zum Schluss: Wir wollen, dass Hartz IV in sich
besser wird. Dazu wird es Vorschläge geben. Wenn Ihnen
von der Linkspartei das Thema Hartz IV demnächst
ausgehen wird, dann muss ich um Ihre Debattenbeiträge
fürchten. In Ihrer Partei ist die Fixierung auf das
Negative, auf das Scheitern offensichtlich so groß, dass
dagegen nur eines hilft: Wir führen unseren erfolgreichen
Kurs in der Arbeitsmarktpolitik in den nächsten Jahren
fort, weil das der Mehrzahl der Arbeitslosen in diesem
Lande hilft und nicht schadet.
In diesem Sinne vielen Dank.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)