Rede von Klaas Hübner (SPD) – Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 3: Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN.
Text
Rede von Klaas Hübner (SPD) – Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Der Titel der heutigen Aktuellen Stunde ist:
Zustand der Deutschen Bahn AG vor dem Börsengang.
Darum müssen wir jetzt einmal zurückschauen. Was war
1993 der Anlass für die Organisationsprivatisierung der
Bahn? Man hat damals erstens prognostiziert, dass im
Jahre 2003 ohne Bahnreform die Schulden der
Deutschen Bahn auf 195 Milliarden Euro anwachsen würden.
Wir haben heute ein Zehntel dieser Schulden bei der
Deutschen Bahn AG. Insofern ist das ein Erfolg dessen,
was wir bisher hinter uns gebracht haben.(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Zweitens ist seinerzeit prognostiziert worden, dass
ohne Bahnreform der jährliche Finanzbedarf der
Deutschen Bahn bei 32,5 Milliarden Euro liegen würde. De
facto geben wir heute 19,4 Milliarden Euro pro Jahr aus.
Das sind 13 Milliarden Euro weniger, als wir ohne
Bahnreform hätten ausgeben müssen. Auch das ist ein
deutlicher Vorteil, ein deutlicher Erfolg der bisherigen
Politik.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Einer der Hauptpunkte bei den Zuschüssen sind
natürlich die Regionalisierungsmittel. An der Stelle gestatten
Sie mir als Haushälter ein kritisches Wort an die Länder.
Die Transparenz der Verwendung der
Regionalisierungsmittel ist in unseren Augen deutlich verbesserungswürdig.
Der Bundesrechnungshof hat das mehrmals zu Recht
angemahnt. Es hat ein Schreiben gegeben, auch an die
Landesregierungen. Einige von denen haben gar nicht
geantwortet. Ich glaube, wir werden uns im Haushaltsausschuss
und im Parlament damit auseinandersetzen müssen, wie
wir mehr Transparenz in die Verwendung der
Regionalisierungsmittel bringen.
(Horst Friedrich [Bayreuth] [FDP]: Das
stimmt!)
Insgesamt gesehen ist bisher der Werdegang der
Deutschen Bahn nach der Privatisierung ein positiver.
Die Züge sind schneller, moderner und pünktlicher
geworden. Die Deutsche Bahn schreibt heute schwarze
Zahlen und hat sich zu einem international tätigen
Logistikkonzern entwickelt. Die Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter sind extrem engagiert – mein Vorredner hat darauf
hingewiesen –; sie tragen einen deutlichen Anteil an der
guten Performance der Deutschen Bahn AG. Vor diesem
Hintergrund ein Wort an die Linke, die die Deutsche
Bahn immer wieder als Versager darstellt: Sie werden
den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die bei der
Deutschen Bahn eine exzellente Arbeit leisten, überhaupt
nicht gerecht mit Ihrer Kritik. Sie sollten sich genau
überlegen, ob Sie zum Bahnfeind werden wollen oder
Bahnfreund bleiben wollen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Vor uns liegt nun die Aufgabe, die Parameter für eine
Teilprivatisierung der Deutschen Bahn AG festzulegen.
Wir haben ja einige aufgestellt. Genau an diesen Punkten
wird sich der Gesetzentwurf messen lassen müssen. Wir
wollen das auch tun; denn der Deutsche Bundestag
selbst hat ja beschlossen, unter welchen Kriterien die
Teilprivatisierung vorangebracht werden soll. Ich will
die in meinen Augen wesentlichen Punkte noch einmal
hervorheben:
Wir wollen keine zusätzlichen Risiken für den
Bundeshaushalt haben; als Haushälter sei mir gestattet,
darauf hinzuweisen. Das wird ein wesentliches Kriterium
sein.
(Horst Friedrich [Bayreuth] [FDP]: Die
kriegen Sie aber!)
Klaas HübnerDas Schienennetz wird nicht an private Investoren
gegeben, sondern soll im Eigentum des Bundes bleiben.
Auch an diesem Punkt werden wir den Gesetzentwurf
messen.
(Horst Friedrich [Bayreuth] [FDP]: Das kostet
aber Arbeitsplätze!)
Das Beschäftigungsbündnis – der Kollege Burkert hat
darauf hingewiesen – und der konzerninterne
Arbeitsmarkt müssen fortgeführt werden.
Die Regulierungsinstrumente der Bundesnetzagentur
sollen fortentwickelt werden. Der entscheidende Punkt
wird aber sein, wie die Leistungs- und
Finanzierungsvereinbarung zwischen Bund und Bahn ausgestaltet wird.
Zunächst einmal soll die Substanz des Netzes
erhalten bleiben. Ebenso wichtig wie der langfristige
Substanzerhalt ist die kontinuierliche Instandhaltung des
Netzes. Hier hat es in der Vergangenheit ganz
offensichtlich – ich stimme hier der Opposition zu – Mängel
gegeben. Ich gebe auch zu, dass es im Moment einige
Fehlanreize gibt: Während die Instandhaltung von der
Bahn zu bezahlen ist, sind nämlich Ersatzinvestitionen,
selbst solche, die dadurch entstehen, dass nicht laufend
instandgehalten wurde, vom Bund zu bezahlen. Das
müssen wir korrigieren. Auch ich bin dafür – das
wurde ja auch im Primon-Gutachten festgestellt –,
einen Betrag festzuschreiben, den die Deutsche Bahn
selber für Investitionen in die Infrastruktur aufzubringen
hat.
Der entscheidende Punkt bei der Leistungs- und
Finanzierungsvereinbarung wird aber sein – ich glaube,
das ist ein echter Quantensprung –, dass wir versuchen,
von einer inputorientierten Analyse, wie welches Geld
wofür ausgegeben wird, hin zu einer outputorientierten
Analyse, also inwieweit das Netz wirklich in einem
Zustand ist, dass Pünktlichkeit und Schnelligkeit
gewährleistet sind, zu kommen. Wir haben schon im
Bundeshaushalt Vorsorge dafür getroffen, dass der Bund, dass
der Bundestag unabhängig von der Deutschen Bahn
dieses Jahr eine Eigenbewertung des Schienennetzes
vornehmen kann. Anhand der Ergebnisse kann dann
festgestellt werden, ob die Deutsche Bahn mit den Mitteln, die
wir ihr zur Verfügung stellen, ordentlich umgeht. Wir
werden in dieser Leistungs- und
Finanzierungsvereinbarung auch festhalten müssen, dass die Deutsche Bahn,
wenn sie unseren Anforderungen nicht gerecht wird,
entsprechende Pönalen zu zahlen hat. Ich glaube, dieser
Systemwechsel, den wir vorhaben, ist auch ein
entscheidender Schritt zur Verbesserung des Verhältnisses
zwischen Bund und Deutscher Bahn AG.
Gestatten Sie mir noch eine persönliche Bemerkung
zum Schluss: Ich habe aus allen Fraktionen
Gratulationen für die Wahl in mein neues Amt entgegennehmen
dürfen. Ich freue mich darauf, mit allen Fraktionen in der
neuen Funktion vertrauensvoll zusammenarbeiten zu
können.Herzlichen Dank.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der FDP)