Rede von Enak Ferlemann (CDU/CSU) – Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 3: Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN.
Text
Rede von Enak Ferlemann (CDU/CSU) – Aktuelle Stunde: SES 90/DIE GRÜNEN
Sehr geschätzte Frau Präsidentin! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Es ist eigentlich erfreulich, wenn man in diesem
Hause über Bahnpolitik reden kann, insbesondere wenn
der Anlass dafür von denjenigen ausgeht, die sich der
Bahnpolitik einmal sehr verschrieben haben; das hatten
Sie sich vom Bündnis 90/Die Grünen ja einmal.
Wenn man aber den Titel der heutigen Aktuellen
Stunde liest, fällt einem wieder auf, was in Deutschland
in der Politik falsch läuft. Wenn man die deutsche
Verkehrspolitik beobachtet und sie mit der Verkehrspolitik
in anderen europäischen Ländern vergleicht, dann stellt
man fest, dass in allen anderen europäischen Ländern
Verkehrspolitiker Lobbyisten für das System Schiene
sind. Bei uns in Deutschland ist das anders: Pausenlos
wird auf dem Unternehmen herumgehackt, alles wird
besser gewusst, alles wird schlechtgemacht.
(Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Man kann es auch schönreden!)
Aus verkehrspolitischer Sicht ist das das Falsche; denn
ein Hauptanliegen der Verkehrspolitik ist es doch – dafürwaren auch die Grünen immer –, mehr Verkehr von der
Straße auf die Schiene zu bringen.
Das erreichen Sie natürlich nicht, wenn Sie das System
pausenlos schlechtreden. Sicherlich gibt es Probleme;
das ist überhaupt keine Frage. Darauf musste das
Parlament reagieren. Das haben wir getan. Es wird ein neuer
Unterausschuss gebildet, der sich speziell mit der
Schieneninfrastruktur in der Bundesrepublik Deutschland
beschäftigen wird.
Warum ist die Privatisierung eine so dringliche
Sache? Man könnte ja fragen: Warum macht die Politik
das? Wollen die Politiker die Menschen ärgern bzw.
verärgern? Machen sie eine Spaßveranstaltung daraus? –
Nein, das ist nicht der Fall. Bahnpolitik ist heute
Europapolitik. Ich denke, das muss man im Zeitalter des
zusammenwachsenden Europas, der Globalisierung einmal
feststellen. Auch im Bereich der Bahnpolitik wächst
Europa zusammen: Seit dem 1. Januar dieses Jahres haben
wir einen gemeinsamen europäischen
Schienengütermarkt. Ab dem 1. Januar 2010 werden wir auch im
Personenfernverkehr einen komplett freien europäischen
Markt haben.
Darauf muss sich dieses Unternehmen einstellen
können. Dafür müssen Investitionen getätigt werden. Diese
Investitionen können wir aber nicht aus dem
Staatshaushalt finanzieren, weil es nicht unsere staatliche Aufgabe
ist, diesen Betrieb zu finanzieren. Wenn man
Investitionen tätigen will, muss man das Geld vom Kapitalmarkt
holen, und wenn man das will, muss man Kapital
privatisieren. So einfach ist das. Deswegen unternehmen wir
alle Anstrengungen, das Unternehmen darauf
vorzubereiten.
Es ist unsere Aufgabe, darauf aufzupassen, dass die
Infrastruktur nicht rein betriebswirtschaftlichen
Interessen unterworfen wird, sondern für die Allgemeinheit,
vor allem für den Wettbewerb zur Verfügung steht.
Deswegen ist es Aufgabe der Politik, darauf zu achten, dass
das Netz in öffentlicher Hand bleibt.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN)
Das werden wir auch leisten. Wir diskutieren darüber,
wie wir die Kapitalprivatisierung organisieren. Es wird
Aufgabe der CDU/CSU-Fraktion sein, darauf zu achten,
dass das Netz öffentlich bleibt, weil nur ein öffentliches,
für alle zugängliches Netz Wettbewerb garantiert. Nur
wo Wettbewerb herrscht, gibt es bessere Leistungen. Nur
wo bessere Leistungen vorhanden sind, wird das Ziel der
Bahnreform erreicht, mehr Verkehr von der Straße auf
die Schiene umzulenken. Deshalb ist es wichtig, dass wir
uns um die Schieneninfrastruktur kümmern, dass wir uns
darum kümmern, dass nicht im ländlichen Raum
Schienen abgebaut werden, dass man sich nicht nur auf den
Schienenverkehr zwischen den Metropolen konzentriert,
sondern Schienenverkehr in der ganzen Bundesrepublik
Enak FerlemannDeutschland möglich ist. Dafür werden wir sorgen; das
werden wir organisieren.
Die heutige Aktuelle Stunde hat sicherlich den Sinn,
dass wir uns dessen noch einmal vergewissern. Wir
sollten aber aufhören, die Deutsche Bahn AG
kaputtzureden. Eine Braut, die man zur Hochzeit führen will, muss
man schmücken. Das ist doch unsere allgemeine
Lebenserfahrung.
Es macht keinen Sinn, die Braut, die wir da auf den
Markt führen, so schlecht darzustellen, dass wir keinen
finden, der sie nehmen will.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Relationen
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