Kassenzulassung des nicht-invasiven Pränataltests - Monitoring der Konsequenzen und Einrichtung eines Gremiums
Text
Kassenzulassung des nicht-invasiven Pränataltests - Monitoring der Konsequenzen und Einrichtung eines Gremiums
Antrag
der Abgeordneten Corinna Rüffer, Michael Brand (Fulda), Simone Fischer,
Max Lucks, Dr. Stephan Pilsinger, Sören Pellmann, Dagmar Schmidt
(Wetzlar), Stefan Schmidt, Stefan Schwartze, Emmi Zeulner, Knut Abraham,
Doris Achelwilm, Norbert Maria Altenkamp, Philipp Amthor, Ayse Asar,
Dr. Cornell-Anette Babendererde, Lisa Badum, Dr. Dietmar Bartsch, Sascha
van Beek, Melanie Bernstein, Marc Biadacz, Steffen Bilger, Hendrik Bollmann,
Simone Borchardt, Ralph Brinkhaus, Dr. Carsten Brodesser, Benedikt
Büdenbender, Sandra Carstensen, Jan Dieren, Felix Döring, Michael Donth,
Lars Ehm, Dr. Wiebke Esdar, Michael Frieser, Dr. Jonas Geissler, Martin
Gerster, Katrin Göring-Eckardt, Dr. Armin Grau, David Gregosz, Kerstin
Griese, Christian Haase, Frauke Heiligenstadt, Linda Heitmann, Nadine
Heselhaus, Heike Heubach, Susanne Hierl, Christian Hirte, Alexander
Hoffmann, Dr. Hendrik Hoppenstedt, Franziska Hoppermann, Anne Janssen,
Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Michael Kellner, Dr. Franziska Kersten, Helmut
Kleebank, Axel Knoerig, Anne König, Hans Koller, Jens Lehmann,
Dr. Andreas Lenz, Andrea Lindholz, Patricia Lips, Daniela Ludwig, Dr. Tanja
Machalet, Isabel Mackensen-Geis, Parsa Marvi, Katja Mast, Swantje Henrike
Michaelsen, Kathrin Michel, Claudia Moll, Siemtje Möller, Christian Moser,
Axel Müller, Dr. Stefan Nacke, Charlotte Antonia Neuhäuser, Wilfried Oellers,
Aydan Özoğuz, Dr. Christos Pantazis, Natalie Pawlik, Dr. Martin Plum,
Jan-Wilhelm Pohlmann, Filiz Polat, Dr. David Preisendanz, Pascal Reddig,
Dr. Markus Reichel, Sylvia Rietenberg, Daniel Rinkert, Claudia Roth, Johann
Saathoff, Zada Salihović, Dr. Nils Schmid, Sebastian Schmidt, Julia
Schneider, Nora Seitz, Dr. Lina Seitzl, Nyke Slawik, Stephan Stracke, Dr. Hans
Theiss, Derya Türk-Nachbaur, Kerstin Vieregge, Johannes Volkmann,
Christoph de Vries, Siegfried Walch, Sascha Wagner, Dr. Anja Weisgerber,
Dr. Marie-Lena Weiss, Johannes Wiegelmann, Elisabeth Winkelmeier-Becker,
Tobias Winkler und Mechthilde Wittmann
Kassenzulassung des nicht-invasiven Pränataltests – Monitoring der
Konsequenzen und Einrichtung eines Gremiums
Deutscher Bundestag Drucksache 21/3873
21. Wahlperiode 28.01.2026
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Der Bundesrat hat in seiner 1034. Sitzung am 16. Juni 2023 die Entschließung
„Kassenzulassung des nicht-invasiven Pränataltests (NIPT) – Monitoring der
Konsequenzen und Einrichtung eines Gremiums“ gefasst (Drucksache 204/23 (Beschluss)).
Bei nicht-invasiven Pränataltests (NIPT) handelt es sich um ein Suchverfahren, mit
dem mittels einer Blutprobe der Schwangeren das Risiko für Trisomie 13, 18 und 21
des Fetus, Letzteres auch bekannt als Down-Syndrom, bereits früh in der
Schwangerschaft bestimmt werden kann. Nach der Einigung des Gemeinsamen
Bundesausschusses (G-BA) ist dieser NIPT seit Juli 2022 für Schwangere eine Kassenleistung, wenn
diese gemeinsam mit ihrer Gynäkologin oder ihrem Gynäkologen zur Überzeugung
gelangen, dass der Test in ihrer persönlichen Situation notwendig ist. Wie in
Stellungnahmen des Berufsverbands niedergelassener Pränatalmediziner e. V. (BVNP)
festgehalten, regelt der G-BA weder in der Mutterschafts-Richtlinie (Mu-RL) die
Voraussetzung für die Kassenleistung noch in der „Versicherteninformation Bluttest auf
Trisomien/Der nicht invasive Pränataltest (NIPT) auf Trisomie 13, 18 und 21“ den
Sachverhalt ausreichend klar, wann dieser Bluttest zur Anwendung kommen sollte. Es
lässt sich daher befürchten, dass Schwangeren unabhängig von einer medizinischen
Relevanz empfohlen wird, den NIPT vornehmen zu lassen, unter anderem, damit sich
Ärztinnen und Ärzte absichern können. Dies provoziert potenziell, dass dieser Test so
regelmäßig angewendet werden könnte, dass es faktisch einer Reihenuntersuchung,
vorrangig auf Trisomie 21, gleichkommen könnte.
Die mittlerweile vorliegenden ersten Daten der BARMER bestätigen diese Sorge:
Durchschnittlich fast 50 Prozent der Schwangeren nahmen demnach 2024 einen NIPT
in Anspruch, ein Jahr zuvor waren es noch 32 Prozent. Damit ist der Test faktisch zu
einem Screeningtest geworden. Die Inanspruchnahmeraten variieren erheblich nach
Alter – von etwa 25 Prozent bei unter 26-Jährigen bis zu 75 Prozent bei über 40-
Jährigen. Zudem zeigen die BARMER-Daten unerwartete medizinische Entwicklungen:
Entgegen der ursprünglichen Erwartung nahm die Zahl invasiver pränataler Tests nicht
ab, sondern zu (um 0,1 bis 2,5 je 1.000 Schwangerschaften). Die Rate falsch-positiver
Befunde liegt im Versorgungsalltag viermal höher als theoretisch erwartet.
Hervorzuheben ist dabei insbesondere, dass laut BARMER-Daten der Anteil der Tests
bei sehr jungen Schwangeren besonders hoch ist – obwohl in dieser Personengruppe
in medizinischer Hinsicht in aller Regel kein erhöhtes Risiko vorliegt. Dies deutet auf
eine Normalisierung hin, die sich nicht mehr allein mit individueller Risikoabwägung
erklären lässt.
Für Schwangere ergeben sich hierdurch neue Herausforderungen: Einerseits zeigt die
wissenschaftliche Auswertung zur Versicherteninformation des Instituts für Qualität
und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), dass zwar die Mehrheit der
Befragten angibt, sich frei für oder gegen den Test entscheiden zu können, dennoch
empfinden etwa 30 Prozent der Befragten die Versicherteninformation als klare
Empfehlung zur Durchführung des Bluttests. Andererseits zeigt sich, dass sich vermehrt
Schwangere nach einem negativen NIPT-Ergebnis darauf verlassen, dass sie ein
gesundes Kind gebären werden. Infolgedessen verzichten sie auf das
Ersttrimesterscreening, das eine IGeL-Leistung ist und für das die meisten Kassen die Zuzahlung
eingestellt haben, seit der NIPT Kassenleistung ist. Allerdings sind nur 5 bis 10 Prozent der
Auffälligkeiten auf chromosomaler Ebene angelegt und könnten durch den NIPT
überhaupt nur gesucht werden, ein Ersttrimesterscreening würde hingegen weitere
Auffälligkeiten sichtbar machen können. Erste Beobachtungen zeigen, dass es momentan zu
einer Zunahme von Spätabbrüchen kommt, da (andere) Auffälligkeiten deutlich später
in der Schwangerschaft detektiert werden. Spätabbrüche werden zumeist von
Schwangeren und ihren Angehörigen als sehr belastend erlebt.
Der Deutsche Bundestag setzt sich für flankierende Maßnahmen zur Kassenzulassung
des nicht-invasiven Pränataltests (NIPT) durch die Bundesregierung ein.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. ein Monitoring zur Umsetzung und zu den Folgen des Beschlusses der
Kassenzulassung von nicht-invasiven Pränataltests (NIPT) zu implementieren, durch das
belastbare Daten zu verschiedenen Aspekten erhoben und ausgewertet werden
(zum Beispiel zu der in der Mutterschafts-Richtlinie geforderten ausführlichen
medizinischen Beratung Schwangerer vor und nach der Inanspruchnahme eines
NIPT, zu Bedarfen und Angeboten nicht medizinischer Beratungsangebote und
zur Qualität ihrer Vernetzung, zur Inanspruchnahme des NIPT sowie deren
Gründe, zur Inanspruchnahme einer anschließenden invasiven Abklärung und zur
Entwicklung der Geburtenrate von Kindern mit Trisomie 21);
2. sicherzustellen, dass erste Ergebnisse des Monitorings spätestens bis 30. Juni
2027 dem Deutschen Bundestag vorliegen, um diese noch in dieser
Legislaturperiode vor einer möglichen Einführung weiterer pränataler genetischer Tests in den
Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen auswerten und so einer
Normalisierung selektiver Verfahren entgegenzuwirken zu können;
3. ein durch Expertinnen und Experten besetztes interdisziplinäres Gremium
einzusetzen, das die rechtlichen, ethischen und gesundheitspolitischen Grundlagen der
Kassenzulassung des NIPT prüft; das Gremium soll die Bundesregierung fachlich
hinsichtlich der Schaffung einer sachgerechten, ethisch verantwortlichen und
rechtssicheren Grundlage für das Angebot und den Zugang zu vorgeburtlichen
genetischen Tests ohne therapeutische Handlungsoptionen beraten; hierbei sind
insbesondere auch die Qualitätskriterien der in der Mutterschafts-Richtlinie
geforderten ausführlichen medizinischen Beratung in den Blick zu nehmen;
4. die Ergebnisse des Monitorings und die Bewertung des genannten
interdisziplinären Gremiums des Angebots von und den Zugang zu vorgeburtlichen
genetischen Tests ohne therapeutische Handlungsoptionen dem Deutschen Bundestag
zu berichten.
Berlin, den 28. Januar 2026
Corinna Rüffer
Michael Brand (Fulda)
Simone Fischer
Max Lucks
Dr. Stephan Pilsinger
Sören Pellmann
Dagmar Schmidt (Wetzlar)
Stefan Schmidt
Stefan Schwartze
Emmi Zeulner
Knut Abraham
Doris Achelwilm
Norbert Maria Altenkamp
Philipp Amthor
Ayse Asar
Dr. Cornell-Anette Babendererde
Lisa Badum
Dr. Dietmar Bartsch
Sascha van Beek
Melanie Bernstein
Marc Biadacz
Steffen Bilger
Hendrik Bollmann
Simone Borchardt
Ralph Brinkhaus
Dr. Carsten Brodesser
Benedikt Büdenbender
Sandra Carstensen
Jan Dieren
Felix Döring
Michael Donth
Lars Ehm
Dr. Wiebke Esdar
Michael Frieser
Dr. Jonas Geissler
Martin Gerster
Katrin Göring-Eckardt
Dr. Armin Grau
David Gregosz
Kerstin Griese
Christian Haase
Frauke Heiligenstadt
Linda Heitmann
Nadine Heselhaus
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Susanne Hierl
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Anne Janssen
Dr. Kirsten Kappert-Gonther
Michael Kellner
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Jens Lehmann
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Andrea Lindholz
Patricia Lips
Daniela Ludwig
Dr. Tanja Machalet
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Dr. Lina Seitzl
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Johannes Volkmann
Christoph de Vries
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Sascha Wagner
Dr. Anja Weisgerber
Dr. Marie-Lena Weiss
Johannes Wiegelmann
Elisabeth Winkelmeier-Becker
Tobias Winkler
Mechthilde Wittmann
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
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