Rede von Robin Wagener (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 10 und 11: Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,.
Text
Rede von Robin Wagener (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Eure
Exzellenz Botschafter Makejew! Dass wir gemeinsam als
Demokraten, liebe Frau Prien, in Kyjiw der Opfer des
Massakers gedacht haben, bedeutet mir auch persönlich
sehr viel. Vielen Dank!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU und der SPD)
Und genau das war die Einladung unseres Antrags heute:
keine Tagespolitik, sondern ein würdiges Gedenken.
„Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir
von der Erde.“ So lautet die Inschrift auf dem
Gedenkstein direkt neben der Menorah, die als Mahnmal in
Kyjiw an die Opfer des Massakers von Babyn Jar erinnert.
„Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir
von der Erde.“ Dieser Satz stammt aus der biblischen
Geschichte von Kain und Abel. Er steht für das
ungesühnte Unrecht. Das vergossene Blut steht symbolisch
für die Gewalt und den Mord, die nicht verborgen bleiben
dürfen. Und er steht für Verantwortung. Der Satz steht im
Kern für die Frage nach menschlicher Mitverantwortung
und die Schuld am Leid anderer.
Meine Damen und Herren, Babyn Jar steht für eines
der schlimmsten Menschheitsverbrechen, steht synonym
für die schlimmsten deutschen Verbrechen in der
Ukraine. Am 29. und 30. September 1941 wurden 33 771
jüdische Menschen aus Kyjiw in der Schlucht von Babyn
Jar erschossen – 33 771 Menschen innerhalb von 48
Stunden –, weil sie jüdisch waren. Kinder, Frauen, Männer.
Erschossen, weil sie jüdisch waren. 33 771 Jüdinnen und
Juden, Menschen, Bürger der Ukraine, Teil der
ukrainischen Kultur. Es war ein barbarisches Verbrechen, ein
barbarisches deutsches Verbrechen, das in Deutschland
kaum bekannt ist, über das in Deutschland viel
geschwiegen wird, genau wie über die vielen weiteren Opfer der
deutschen Besatzung.
Bis zum Abzug der deutschen Besatzer im Herbst 1943
wurden bis zu 100 000 Menschen nach Babyn Jar
verschleppt und ermordet, unter ihnen sowjetische
Kriegsgefangene, Roma und zahlreiche weitere Opfer der
deutschen Besatzung. Menschen aus der Ukraine. Babyn Jar
steht damit synonym für die deutsche Zerstörungswut
gegen jüdisches Leben und die Verfolgung und
Ermordung unzähliger weiterer Opfergruppen der Nazis in der
Ukraine. Babyn Jar darf nicht länger offene Wunde
unserer Erinnerungskultur bleiben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU, der SPD und der Linken)
„Nie wieder!“ heißt auch „Nie wieder vergessen!“.
„Nie wieder!“ heißt auch, dass wir uns Antisemiten
überall und zu jeder Zeit in den Weg stellen müssen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU, der SPD und der Linken)
Meine Damen und Herren, die Verbrechen des
nationalsozialistischen Deutschlands bleiben in ihrer
historischen Besonderheit; aber aus der Erinnerung an diese
Verbrechen erwächst Verantwortung für unsere
Gegenwart, deutsche Verantwortung. Auch heute schreit das
Blut aus der ukrainischen Erde. Auch heute mahnen uns
Unrecht und Verantwortung. Wieder erleiden zu viele
Menschen in der Ukraine ein grausames
Besatzungsregime, diesmal ein russisches Regime, das staatliche
Souveränität und kulturelle Identität auslöschen will.
Babyn Jar ist auch heute ein Auftrag. „Nie wieder!“ heißt
auch heute „Nie wieder wegschauen!“, „Nie wieder
Gleichgültigkeit!“. Lassen Sie uns dieser Verantwortung
gerecht werden!
Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei
Abgeordneten der Linken)
Relationen
- part_of → Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → 85 Jahre Massaker von Babyn Jar - Deutschlands historische Verantwortung für die Ukraine
- part_of_vorgang → 85. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar - Erinnerung bewahren, historische Verantwortung stärken und die Ukraine auf ihrem Weg in Freiheit
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