Rede von Maren Kaminski (DIE LINKE) – Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 10 und 11: Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,.
Text
Rede von Maren Kaminski (DIE LINKE) – Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,
Sehr geehrter Herr Präsident! Kolleginnen und
Kollegen! Vor 85 Jahren erschossen Einsatzgruppen der
deutschen Sicherheitspolizei in Babyn Jar 33 771 jüdische
Kinder, Frauen und Männer. Es war das größte
Einzelmassaker des Zweiten Weltkriegs, ein besonders
grausames Beispiel für den menschenverachtenden
Antisemitismus der Nationalsozialisten. Wenige Monate später
beschlossen die politischen Eliten Deutschlands auf der
Wannseekonferenz die Fortführung der Shoah in den
Gaskammern der Vernichtungslager.
Vor dem Überfall auf die Sowjetunion lebten 220 000
Jüdinnen und Juden in Kyjiw, einem Zentrum jüdischen
Lebens. In der trügerischen Hoffnung auf ihre
Evakuierung versammelten sich einen Tag vor Jom Kippur
Jüdinnen und Juden an der Schlucht von Babyn Jar. Die Nazis
hatten sie in eine Falle gelockt und ermordeten sie
systematisch. Ich zitiere Dina Myroniwna, damals 30 Jahre
jung und eine der wenigen Überlebenden:
„Sie mussten sich bäuchlings auf die Leichen der
schon Ermordeten legen und auf die Schüsse warten,
die von oben kamen. Dann kam die nächste Gruppe.
36 Stunden lang kamen Juden und starben. […]
Manche […] starben mit dem Gedanken an andere,
wie die Mutter der schönen fünfzehnjährigen Sara,
die bat, gemeinsam mit ihrer Tochter erschossen zu
werden. […] Wenn sie sah, wie ihre Tochter
erschossen wurde, würde sie nicht sehen, wie sie
vergewaltigt wurde. Eine nackte Mutter verbrachte ihre
letzten Augenblicke damit, ihrem Säugling die Brust
zu geben. Als das Baby lebendig in die Schlucht
geworfen wurde, sprang sie hinterher.“
Es sind Worte, wie die von Dina, die das unbegreifliche
Grauen begreifbar machen. Sie erinnern uns an unsere
historische Verantwortung gegenüber den Millionen
Toten des nationalsozialistischen Vernichtungswahns und
gegenüber den Lebenden, die heute von Antisemitismus,
Rassismus und Antiziganismus bedroht und angegriffen
werden.
(Klaus-Peter Willsch [CDU/CSU]: Von Ihrer
Partei!)
2026 sitzen wieder Abgeordnete im Bundestag, die
diese Barbarei als „Vogelschiss“ der Geschichte oder
sich selbst als „freundliches Gesicht des
Nationalsozialismus bezeichnen“. Und das ist unerträglich.
(Beifall bei der Linken, der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Meine Damen und Herren, mit dem Grundgesetz
wurde 1949 unverrückbar die antifaschistische
Ewigkeitsklausel festgeschrieben – eine notwendige Lehre
aus dem nationalsozialistischen Zivilisationsbruch. Ihr
sind wir alle verpflichtet. Wenn in Sachsen-Anhalt diese
Woche ein rechtsextremer Parlamentspräsident gewählt
wurde – wahrscheinlich mit den Stimmen der CDU –,
dann ist das keine parteipolitische Episode; das ist eine
Zäsur.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: So kann man die
Geschichte auch verharmlosen, durch solche
Vergleiche!)
Relationen
- part_of → Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → 85 Jahre Massaker von Babyn Jar - Deutschlands historische Verantwortung für die Ukraine
- part_of_vorgang → 85. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar - Erinnerung bewahren, historische Verantwortung stärken und die Ukraine auf ihrem Weg in Freiheit
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