Rede von Dr. Rainer Rothfuß (AfD) – Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 10 und 11: Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,.
Text
Rede von Dr. Rainer Rothfuß (AfD) – Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Herr Botschafter! Frau Ministerin! Wir gedenken
heute eines der schlimmsten Massaker der Geschichte
auf europäischem Boden. Wir – alle Fraktionen in diesem
Hause – sind uns einig, dass dieses Gedenken der Opfer
wichtig ist. Und wir alle sind uns einig, dass aus diesem
Gedenken Schlussfolgerungen für heutiges politisches
Handeln gezogen werden müssen. Über diese
Schlussfolgerungen sind wir uns nicht einig; aber das ist Teil
der Demokratie, auch an solch sensiblen Punkten.
Ich bedanke mich bei Ihnen, Herr Wagener, dass Sie
dieses Thema aufgesetzt haben. Ich bin auch den Antrag
der Koalition genau durchgegangen, und mir ist
aufgefallen, dass Ihr Gedenken nicht umfassend ist. Sie
adressieren hier einen Aufklärungswunsch; das ist richtig. Aber
Sie bleiben hinter der Aufklärung, hinter dem Wissen der
Wissenschaft zurück, das schon von unserem
Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages reflektiert wurde.
Sie sprechen beide in Ihren Anträgen von „lokalen
Kräften“ bzw. „lokalen Kollaborateuren“, die beteiligt
waren. Genau das ist der Punkt. Wir müssen Gedenken,
das 85 Jahre zurückreicht, in die heutige Zeit übersetzen
und uns fragen: Was können wir heute besser machen?
Und was ist unsere deutsche historische Verantwortung?
Heißt es, einen laufenden Krieg mit Waffenlieferungen
weiter am Laufen zu halten? Oder heißt es, den Krieg
umgehend zu stoppen
(Thomas Rachel [CDU/CSU]: Sagen Sie’s
Herrn Putin!)
und durch Verhandlungen eine Lösung zu finden, die
beiden Seiten eine Zukunft gewährt?
(Thomas Röwekamp [CDU/CSU]: Wo ist denn
der Stammtisch?)
Ich möchte einfach nur ganz kurz darauf hinweisen –
weil diese Ausblendung in den Anträgen so scharf war –,
die Verantwortung auch bei der ukrainischen
Hilfspolizei, der OUN, der Organisation Ukrainischer
Nationalisten zu sehen, vor allem der Gruppe um Melnyk, die als
Hilfspolizei damals bei diesem Massaker diese
Zigtausende Juden aufgefunden und zusammengetrieben, die
Logistik gesteuert und sie den Schergen der deutschen
Wehrmacht in die Hände getrieben hat. Das ist Stand
der Wissenschaft, und das können Sie dem Beitrag des
Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages
mit der Drucksachennummer WD 1 – 3000 – 022/22
entnehmen. Da wurde die wissenschaftliche Fachliteratur
dazu genau eruiert.
Der schwedische Historiker Dr. Per Anders Rudling
hat auch diese Verbindung der ukrainischen mit den
deutschen Kräften, im gemeinsamen Willen, das Judentum in
der Ukraine zu vernichten, um dann einen eigenständigen
Staat zu bilden, hervorgehoben. Das können Sie
nachschauen, auch heute noch, in einer NDR-„Panorama“-
Sendung vom 8. Mai 2014.
(Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]: Was
ist denn Ihre Schlussfolgerung?)
Ich lege Ihnen ans Herz, sich diese Perspektive auch
einmal anzuschauen. Wenn heute die Gründer der OUN
mit staatlichen Ehren aus Belgien in die Ukraine
umgebettet werden, wenn dort ein Pantheon zum
Heldengedenken dieser Kräfte errichtet wird, die hier mitgewirkt
haben,
(Widerspruch des Abg. Johannes Volkmann
[CDU/CSU])
– ja, Herr Volkmann, schauen Sie sich diese
Informationen mal genau an –,
(Johannes Volkmann [CDU/CSU]: Auf wessen
Befehl handelten die?)
dann muss ich sagen: Wir als Deutsche sind in der
Verantwortung, auch mit unseren ukrainischen Partnern
wirklich da ranzugehen und das aufzuarbeiten, um einen
Weg aus diesem Konflikt herauszufinden.
(Zuruf des Abg. Dr. Hendrik Hoppenstedt
[CDU/CSU])
Ansonsten wiederholen wir immer nur einseitige
Perspektiven, vertiefen einen Graben, der geopolitisch
motiviert gezogen wurde – in der Ukraine, zwischen Europa-
Ost und Europa-West. Das kann nicht unser Ziel und
unser Anliegen sein.
Unser Anliegen muss sein, einen Friedensplan für die
Ukraine und für Europa als Auftrag aus diesen Lehren zu
entwerfen. Ein solcher Friedensplan könnte mehr bringen
als die in Ihren Anträgen geforderten fortgesetzten,
verstärkten Waffenlieferungen, wo schon genügend
Millionen Menschen verwundet und gestorben sind in diesem
Krieg ohne militärischen Fortschritt, ohne Lösung. Es
muss unser Anliegen sein, aus der historischen
Verantwortung heraus aufzuzeigen: Wie könnte ein Ausweg aus
diesem Krieg aussehen? Das muss unser erstes Anliegen
sein: Ein sofortiger Stopp aller Waffenlieferungen, aber
eine Fortsetzung der humanitären und zivilen technischen
Hilfe – bei einem sofortigen Waffenstillstand und
sofortiger Aufnahme von Verhandlungen.
Es bedarf in der Ukraine auch umgehender Wahlen, um
wieder eine legitimierte Regierung zu schaffen, die auch
internationale Verträge schließen kann.
(Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]: Wie
sieht’s denn mit Russland aus? Ich finde, in
Russland könnten die auch mal wählen!)
Wir brauchen eine neutrale Vermittlung für diesen
Dialog. Deutschland hat sich da ins Abseits geschossen. Es
braucht andere Kräfte; aber es gibt Staaten in der Welt,
die sich hierfür anbieten.
Wir brauchen auch eine neue, zukünftige
Friedensordnung, die das Sterben in der Ukraine nicht nur beendet,
sondern auch einen tragfähigen Friedensschluss danach
ermöglicht.
(Johannes Volkmann [CDU/CSU]: So wie im
Budapester Memorandum? – Weitere Zurufe
von der CDU/CSU)
Diese Garantiemächte könnten zum Beispiel die USA für
die Ukraine sein – ich nehme hier jetzt mal Deutschland
aus, weil unsere Bundeswehr nicht in dem Zustand ist, in
dem das glaubwürdig wäre –, weil die USA Interesse an
Diplomatie gezeigt haben, was Deutschland noch nicht in
diesem Maße getan hat.
(Thomas Rachel [CDU/CSU]: Das stimmt
doch überhaupt nicht! Das ist die
Unwahrheit! – Adis Ahmetovic [SPD]: Das stimmt
nicht!)
Und wir könnten China miteinbeziehen als
Garantiemacht für Russland.
(Dr. Ralf Stegner [SPD]: Sie missbrauchen das
Thema!)
Wir brauchen ein Lösungskonzept, das über die
Konfliktparteien hinausreicht, das eine globale
Dialogmöglichkeit bietet, um zukünftige Spannungen beizulegen.
(Detlef Seif [CDU/CSU]: Der
völkerrechtswidrige Krieg muss beendet werden, und das
kann nur einer!)
Nach einer Demilitarisierung beiderseits brauchen wir
Abrüstungsverhandlungen und müssen in einem
zukünftigen Dialogformat verhindern, dass es wieder zu einem
Aufflammen dieses Konflikts kommt.
Danke schön.
Relationen
- part_of → Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → 85 Jahre Massaker von Babyn Jar - Deutschlands historische Verantwortung für die Ukraine
- part_of_vorgang → 85. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar - Erinnerung bewahren, historische Verantwortung stärken und die Ukraine auf ihrem Weg in Freiheit
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