Protokoll der 41. Sitzung des 9. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 41. Sitzung des 9. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 9/41
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
41. Sitzung
Bonn, Mittwoch, den 3. Juni 1981
Inhalt:
Fortsetzung der zweiten Beratung des von
der Bundesregierung eingebrachten
Entwurfs eines Gesetzes über die Feststellung
des Bundeshaushaltsplans für das
Haushaltsjahr 1981 (Haushaltsgesetz 1981)
— Drucksachen 9/50, 9/265 —
Beschlußempfehlungen und Berichte des
Haushaltsausschusses
Einzelplan 04
Bundeskanzler und Bundeskanzleramt
— Drucksache 9/474 —
Dr. Zimmermann CDU/CSU 2235 B
Dr. Graf Lambsdorff, Bundesminister
BMWi 2243 C
Wehner SPD 2244A
Hoppe FDP 2248 C
Dr. Wörner CDU/CSU 2250 B
Dr. Ehmke SPD 2256 B
Jung (Kandel) FDP 2263 C
Dr. Zimmermann CDU/CSU (Erklärung
nach § 30 GO) 2267 C
Schmidt, Bundeskanzler 2268 A
Dr. Kohl CDU/CSU 2276 A
Wischnewski SPD 2283 C
Genscher, Bundesminister AA 2286 C
Dr. Blüm CDU/CSU 2292 B
Mischnick FDP • 2297 D
Dr. Apel. Bundesminister BMVg 2301C
Wischnewski SPD (Erklärung nach § 30
GO) 2308 C
Dr. Mertes (Gerolstein) CDU/CSU . . . 2309A
Bahr SPD 2314C
Metz CDU/CSU 2318 B
Frau Dr. Wilms CDU/CSU (zur GO) . . . 2320D
Löffler SPD 2320 D
Namentliche Abstimmung . . . . 2321D, 2322 A
Einzelplan 05
Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts
— Drucksache 9/475 —
Picard CDU/CSU 2323 D
Würtz SPD 2325 C
Gärtner FDP 2326 D
Coppik SPD 2327 D, 2329 B
Genscher, Bundesminister AA 2328 D
Einzelplan 23
Geschäftsbereich des Bundesministers für
wirtschaftliche Zusammenarbeit
— Drucksache 9/488 —
Schröder (Lüneburg) CDU/CSU 2329 D
Esters SPD 2331 C
Gärtner FDP 2332 A
Offergeld, Bundesminister BMZ 2332 B
Pieroth CDU/CSU 2332 D
Frau Luuk SPD 2333 B
Dr. Vohrer FDP 2334 B
Einzelplan 27
Geschäftsbereich des Bundesministers für
innerdeutsche Beziehungen
— Drucksache 9/490 —
Gerster (Mainz) CDU/CSU 2334 D
Nehm SPD 2336 B
Dr. Wendig FDP 2337 B
Einzelplan 14
Geschäftsbereich des Bundesministers der
Verteidigung
— Drucksache 9/484 —
Hauser (Bonn-Bad Godesberg) CDU/CSU 2339 B
Stöckl SPD 2343 A
Dr. Zumpfort FDP 2345A
Hoffmann (Saarbrücken) SPD 2349 C
Würzbach CDU/CSU 2351 B
Jungmann SPD 2354 A
Duve SPD 2356 A
Dr. Schöfberger SPD 2357 C
Coppik SPD 2358 C
Kleinert FDP 2359 C
Hansen SPD 2360 A
Mischnick FDP 2360 B
Namentliche Abstimmung 2360 C
Einzelplan 35
Verteidigungslasten im Zusammenhang
mit dem Aufenthalt ausländischer Streit
-k
räfte
— Drucksache 9/495 — 2362 C
Nächste Sitzung 2362 D
Anlage
Liste der entschuldigten Abgeordneten . . 2362 B
41. Sitzung
Bonn, den 3. Juni 1981
Beginn: 9.00 Uhr
Präsident Stücklen: Die Sitzung ist eröffnet.
Wir setzen die Beratung des Haushaltsplans 1981
fort. Ich rufe auf:
Zweite Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
über die Feststellung des
Bundeshaushaltsplans für das Haushaltsjahr 1981
(Haushaltsgesetz 1981)
— Drucksachen 9/50, 9/265 —
Beschlußempfehlungen und Berichte des
Haushaltsausschusses (8. Ausschuß)
Wir kommen zum
Einzelplan 04
Bundeskanzler und Bundeskanzleramt
— Drucksache 9/474 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Löffler
Metz
Dr. Riedl (München)
Walther
Hoppe
Meine Damen und Herren, im Ältestenrat ist zum
Einzelplan 04 eine umfassende Generaldebatte über
die Regierungspolitik bis ungefähr 18 Uhr
vereinbart worden. Ich unterstelle, daß das Haus damit
einverstanden ist. — Eine gegenteilige Meinung höre
ich nicht.
Ich eröffne die allgemeine Aussprache. Das Wort
hat der Herr Abgeordnete Dr. Zimmermann.
Dr. Zimmermann (CDU/CSU): Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Der Bundeshaushalt
steht auf tönernen Füßen; das ist in der gestrigen
Debatte des Hauses noch einmal deutlich geworden.
Nichts charakterisiert die Haushaltslage des
Bundes treffender als die Tatsache, daß bereits während
der Beratungen des Haushalts 1981 die öffentliche
Diskussion über die noch größeren Finanzlöcher des
Haushalts 1982 begonnen hat.
Die Bundesregierung ist finanzpolitisch an einem
Punkt angelangt, wo sie die Fehler der Vergangen
-
heit nicht mehr mit neuen ungedeckten Wechseln
auf die Zukunft vertuschen kann. Die Finanzmisere
des Bundes ist offenkundig, und die mit dem
ursprünglichen Haushaltsentwurf 1981 aufgestellte
Fassade — das ist ein paar Monate her — ist schon
zusammengebrochen. Die vielgerühmte
Wirtschaftskraft der Bundesrepublik Deutschland hat
stark nachgelassen, und es war der
Bundeswirtschaftsminister, der Anfang des Jahres gegenüber
einer amerikanischen Zeitschrift prophezeit hatte:
Die Bundesregierung gilt im Ausland nicht mehr als
solider Schuldner, der Ruf der D-Mark ist stark
angeschlagen.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
Man kann sich darüber streiten, ob es zweckmäßig
ist, daß der zuständige Minister so etwas im Ausland
sagt.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Hier sagt er etwas
ganz anderes!)
Aber zutreffend bleibt es leider doch.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Präsident Stücklen: Herr Abgeordneter Dr.
Zimmermann, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Herrn Abgeordneten Graf Lambsdorff?
Dr. Zimmermann (CDU/CSU): Bitte sehr.
Dr. Graf Lambsdorff (FDP): Herr Kollege Dr.
Zimmermann, darf ich Sie um die Freundlichkeit bitten,
mir das Zitat, das Sie soeben gebracht haben, zur
Verfügung zu stellen?
Dr. Zimmermann (CDU/CSU): Ich kann Ihnen die
Zitatstelle jetzt schon sagen, und nachher kann ich
es Ihnen auch zur Verfügung stellen. Es stand in
dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin „Forbes"
und wurde von der „Welt am Sonntag„ auf Seite 1 am
31. Mai 1981 zitiert.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Eine für einen Bundeswirtschaftsminister so be
deutsame Aussage wäre sicher dementiert worden,
wenn sie nicht so gesagt worden wäre; denn
immerhin stand das Zitat auf Seite 1 einer der drei großen
überregionalen Tageszeitungen.
(Westphal [SPD]: Es lohnt nicht mehr, die
„Welt am Sonntag" zu dementieren!)
— Das kann jeder machen, wie er will; aber er muß
sich damit auseinandersetzen lassen, wenn man ihm
so etwas vorhält.
Die Bundesregierung hat ihre
Verschuldenspolitik in der Hoffnung betrieben, daß die Bürger mit
diesen astronomischen Zahlen wenig anfangen
können und sich nicht direkt betroffen fühlen. Doch
inzwischen spürt man die negativen Auswirkungen
der Staatsverschuldung unmittelbar: die
Benzinpreise sind gestiegen, die Abgaben wurden erhöht,
und all die vielen Arbeitnehmer, die sich ein eigenes
Häuschen bauen, spüren die Zinslast immer
drükkender.
(Zuruf von der CDU/CSU: Leider wahr!)
Die Bundesregierung wird schon mit dem
Haushalt 1981 die im Grundgesetz Art. 115 beschriebene
Kreditgrenze bei weitem überschreiten. Aus gutem
Grund hat unsere Verfassung die Regel festgelegt,
daß die Neuverschuldung nicht höher sein darf als
die Investitionen. Einer Neuverschuldung von 34
Milliarden DM stehen jedoch lediglich 32 Milliarden
DM an Investitionen gegenüber, und das ist noch
nicht die volle Wahrheit. Denn in Wirklichkeit
kommen zu den 34 Milliarden DM Neuverschuldung
noch die 6 Milliarden DM hinzu, die in einer Art
Schattenhaushalt im Kreditprogramm der
Kreditanstalt für Wiederaufbau vorgesehen sind, sowie die
über 4 Milliarden DM Schuldenabwälzung auf Bahn
und Post. Damit liegt die tatsächliche
Neuverschuldung des Bundes in diesem Jahr um rund 9
Milliarden DM höher als im offiziellen Haushalt
ausgewiesen. Das ist keine seriöse Haushaltspolitik mehr.
Das entspricht eher dem Stil einer zweifelhaften
Abschreibungsfirma als dem Stil einer
verantwortungsbewußten Bundesregierung.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Selbstverständlich enthält der Art. 115 eine
Ausnahmebestimmung für die Störung des
gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts. Nur ist dieser Passus
kein Persilschein für eine ausufernde Verschuldung.
Mit dem bloßen Hinweis auf eine Störung des
gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts glaubt die
Bundesregierung, dem Grundgesetz eine
ausreichende Referenz erwiesen zu haben. Das ist ein
Irrtum. Eine Ausnahmeklausel bleibt eine
Ausnahmeklausel, die gerade dadurch die Grenze der
Verschuldung markiert.
Nach übereinstimmender Auskunft der
ökonomischen Sachverständigen, aber insbesondere nach
dem Urteil der deutschen Bundesbank ist eine
globale Ausweitung der gesamtwirtschaftlichen
Nachfrage durch expansive Staatsausgaben derzeit nicht
geeignet, die wirtschaftlichen Störungen zu
beseitigen. Deshalb ist es die Pflicht der CDU/CSU, die
Bundesregierung schon beim Haushalt 1981 auf die
Einhaltung der Verfassung hinzuweisen. Spätestens
beim Haushalt 1982 wird die Bundesregierung in der
Verschuldensfrage vor einem Stoppschild stehen, an
dem sie sich nicht mehr vorbeidrücken kann. Nach
dem Haushaltsdesaster 1981 muß der
Bundesregierung und der Koalition klar sein, daß die bisherige
Strategie, der bisherige Vorgang, zuerst den
Haushaltsentwurf zu schönen, gleichzeitig die
Verbrauchssteuern zu erhöhen und dann die
Rentenversicherung zu schröpfen, nicht wiederholbar ist.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ohne eine radikale finanzpolitische Wende, ohne ein
Haushaltssicherungsgesetz — gleich, welches Wort
man statt dessen nimmt —, wird es demnächst nicht
mehr abgehen. Die finanzpolitischen Fehler eines
Jahrzehnts holen diese SPD/FDP-Koalition ein.
Es ist interessant zu beobachten, wie sich e i n
Partner der Koalition, die FDP, dabei verhält.
Manche bei ihr tun heute so, als hätten sie damit
überhaupt nichts zu tun, als wären sie zehn Jahre lang
gar nicht mit von der Partie gewesen, als hätten sie
in dieser Zeit nicht den Wirtschaftsminister
gestellt,
(Beifall bei der CDU/CSU)
als hätten sie den Bundeshaushalten von 1970 bis
1980 nicht zugestimmt!
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Wir nehmen sehr ernst, Herr Kollege Hoppe, was
Sie gestern für die FDP über die Fehler der
Regierungspolitik und der Koalition gesagt haben. Sehr
ernst! Wir wissen, daß Sie auch in den letzten Jahren
schon oft wirklich kritische, nachdenkenswerte
Worte gesagt haben. Aber, Herr Kollege Hoppe, Sie
haben sich in den letzten Jahren dann nicht so
verhalten, wie Sie vorher gesprochen haben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Deswegen darf ich Sie nunmehr wirklich bitten:
Machen Sie endlich Ernst, und lassen Sie Ihren
bemerkenswerten Worten von gestern nun auch die Taten
folgen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Nur dann sind Sie und die FDP glaubwürdig.
In seiner ersten Regierungserklärung 1969 hat der
damalige Bundeskanzler Brandt erklärt: „Solidität
wird die Richtschnur unserer Finanzpolitik sein."
(Zuruf von der CDU/CSU: Ausgerechnet
der!)
Im Reformeifer und bei den von
Bundesfinanzminister Strauß übernommenen vollen Kassen begann
man, Jahr für Jahr über die Verhältnisse zu leben.
Das muß auch Helmut Schmidt gespürt haben, als
er 1974 Bundeskanzler wurde. Er sagte damals in
seiner Regierungserklärung: „Die Bundesregierung
wird alle verfassungsmäßigen und alle politischen
Möglichkeiten voll nutzen, um Bund, Länder und
Gemeinden auf eine sparsame Ausgabenpolitik ab 1975
zu verpflichten."
(Lachen bei der CDU/CSU — Seiters [CDU/
CSU]: Dann ging es los!)
Dieser fromme Grundsatz war bald vergessen.
Der Schuldenberg des Bundes wuchs und wuchs. Bei
dieser Sachlage möchte ich von Ihnen gern wissen,
Herr Bundeskanzler, wie Sie sich überhaupt
vorstellen, daß diese Milliardenschulden einmal getilgt
werden. Oder denken Sie daran nicht? Wollen Sie
das Problem wirklich nur der nachwachsenden
Generation überlassen?
Meine Damen und Herren, noch niemals in der
Geschichte sind Schulden dieser Größenordnung
vom Staat zurückgezahlt worden; noch niemals!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich würde gern von Ihnen wissen, Herr
Bundeskanzler, wie Sie wieder zu Vollbeschäftigung
kommen wollen, wie Sie die Stabilität sichern wollen, wie
Sie die soziale Sicherheit garantieren können und
wie die deutsche Wirtschaft wieder leistungsfähig
und auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig gemacht
werden soll.
Die Union wird sich einer sinnvollen Sanierung
der Staatsfinanzen nicht widersetzen. Doch
Voraussetzung ist, daß die Bundesregierung mit der vollen
Wahrheit herausrückt.
(Dr. Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU]: Sehr
richtig!)
Es muß Kassensturz gemacht werden. Die Bücher
müssen auf den Tisch des Hauses, und es muß
Schluß sein mit dem finanzpolitischen
Versteckspiel, das getrieben wird!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir stehen in der Bundesrepublik Deutschland —
mittlerweile ist Allgemeingut geworden, was wir seit
Jahren gesagt haben — vor der größten
Herausforderung seit der Gründung der Bundesrepublik 1949.
Die wirtschaftliche, finanzielle und soziale
Stabilität ist erschüttert. Der Sozial- und Bildungsstaat hat
die Grenzen der Finanzierbarkeit erreicht. Alle Ziele
des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes sind
verfehlt: Es gibt keine Vollbeschäftigung, keine
Preisstabilität, kein angemessenes Wachstum, kein
außenwirtschaftliches Gleichgewicht.
Was wir in der Bundesrepublik jetzt dringend
brauchen, ist eine Belebung der Wirtschaft; denn
höhere Wirtschaftstätigkeit — und nur sie — baut
Arbeitslosigkeit ab und schont die Finanzmittel der
Bundesanstalt für Arbeit, bringt mehr Lohn- und
Einkommensteuer sowie Umsatzsteuer in die
Staatskasse. Nur das ist das Rezept.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Der Weg der immer neuen Belastungen für den
Bürger, den die Koalition beschritten hat, führt in
die falsche Richtung. Dieser Weg hemmt
wirtschaftliches Wachstum. In einer Situation wirtschaftlichen
Abschwungs sind Steuersenkungen weit
wirkungsvoller als die laufende Erhöhung der
Staatsausgaben.
Die SPD/FDP-Koalition hat in der Vergangenheit
in der Annahme, alles sei machbar und alles
Wünschbare auch finanzierbar, eine
Gefälligkeitspolitik betrieben, die mit dem Schmucketikett
„Reformpolitik" versehen wurde. Die Quellen der
Wertschöpfung in unserem Staat sind jedoch
leistungsfähige Unternehmen und leistungsbereite
Arbeitnehmer. Ihr gemeinsamer Einsatz und ihr Fleiß dürfen
nicht länger bestraft, sondern müssen wieder
honoriert werden!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es gilt, die durch eine falsche Politik gelähmten
Kräfte der Sozialen Marktwirtschaft wieder
freizusetzen.
Zu einer Politik der Erneuerung ist diese
Koalition allerdings nicht mehr in der Lage; denn
gleichzeitig mit den finanziellen Schwierigkeiten ist sie in
eine Identitätskrise geraten. Das gilt vor allem für
den größeren Teil der Koalition, die SPD. Es gibt
eine Wechselwirkung zwischen der Unruhe in der
SPD und der Unsicherheit in der Öffentlichkeit. Die
SPD ist dabei, sich wieder einmal — wie in den 50er
Jahren — selbst zu blockieren. Das wäre für das
Land nicht weiter tragisch, wenn die SPD nicht —
anders als in den 50er Jahren — Regierungspartei
wäre und nicht den Bundeskanzler stellen würde.
Eine Partei, die so mit sich selbst beschäftigt ist wie
die SPD heute, sich in keiner zentralen politischen
Frage zu gemeinsamem Handeln mehr aufraffen
kann, eine solche Partei wird der
Regierungsverantwortung nicht mehr gerecht.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Von Berlin bis Hamburg, von Hessen bis nach Bonn
— es ist überall das gleiche zerstrittene
Erscheinungsbild der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands.
Erst letzte Woche hat die SPD diesem Haus ihren
inneren Zustand präsentiert. Mit seiner
Rücktrittsdrohung erzwang der Bundeskanzler zwar teilweise
die Gefolgschaft der Fraktion in der Abstimmung
über den NATO-Doppelbeschluß zur Nachrüstung,
aber bei einigen nur nach dem Motto: Ich bin zwar
gegen die Politik des Kanzlers, stimme aber für die
Machterhaltung der SPD.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: So ist es!)
Das Schauspiel, das einige SPD-Abgeordnete der
deutschen Öffentlichkeit mit ihren persönlichen
Erklärungen geboten haben, war eine Verhöhnung der
Demokratie und ein Zerfall der politischen Sitten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Was sollen eigentlich junge Leute von einem
Politiker halten, der offen verkündet, er sei zwar gegen
die Politik dieser Bundesregierung, werde aber
dennoch für sie stimmen, weil er einen politischen
Wechsel verhindern wolle? Was sollen sich
eigentlich die denken, die so etwas hören?
(Beifall bei der CDU/CSU)
Bei der Nachrüstung treibt die SPD ein
gefährliches Spiel. Ein Teil dieser Partei — an der Spitze der
Bundeskanzler — tritt für eine westliche
Nachrüstung ein, wenn sich die Sowjetunion weigert, ihre
inzwischen erreichte militärische Überlegenheit
gegenüber Europa in Verhandlungen mit den
Vereinigten Staaten von Amerika zu reduzieren. Ein
anderer Teil der SPD mit Herrn Eppler als Wortführer
will die sowjetische Überlegenheit festschreiben
und auf das Gleichgewicht verzichten. Und dann
kommt Herr Brandt letzte Woche und sagt, am
besten sei es überhaupt, auf das ganze „Teufelszeug"
von Raketen zu verzichten.
(Beifall bei der SPD)
Woran soll sich der Bürger nun halten? — Ja, der
Beifall paßt genau an diese Stelle. — Woran soll sich
der Bürger halten? An Schmidt, an Eppler, an
Brandt? Wie will die SPD den Anspruch
aufrechterhalten, in einer so wichtigen Frage Führung zu
zeigen und die Regierung zu stellen, wenn sie selbst
nicht weiß, was sie will, denn die Herren Eppler und
Brandt sind ja wohl nicht irgendwer, sondern haben
ganz bestimmte Funktionen in der deutschen
Politik?
Meine Damen und Herren, paradoxerweise ist es
die SPD selbst, die durch ihr Verhalten eine
westliche Nachrüstung geradezu herbeizwingt. Das
möchte ich Ihnen begründen. Die Vereinigten
Staaten unter Präsident Reagen sind entschlossen, der
sowjetischen Herausforderung zu begegnen und
eine militärische Überlegenheit der Sowjetunion in
Europa nicht hinzunehmen. Der Widerstand weiter
Teile der SPD gegen jedwede Nachrüstung des
Westens nährt jedoch bei den Sowjets die Hoffnung,
man brauche auf die amerikanischen
Abrüstungsvorschläge nicht einzugehen, weil die Europäer
selbst keine Nachrüstung wollten.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Je entschlossener und je geschlossener eine
Bundesregierung und alle Bundestagsfraktionen für die
Wiederherstellung des militärischen Gleichgewichts
eintreten, desto größer ist die Chance auf
erfolgreiche Verhandlungen mit der Sowjetunion, nicht
umgekehrt!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, die Sowjets
inszenieren gegenwärtig die größte politische Erpressung
des Westens seit Chruschtschows Ultimatum von
1958. Ermutigt werden sie dazu durch die
Zerrissenheit in der SPD in der Bundesrepublik Deutschland
und durch ähnliche Unstimmigkeiten in anderen
NATO-Ländern. Erst vor wenigen Jahren haben wir
hier eine hitzige Auseinandersetzung über die Frage
der Neutronenwaffe gehabt. Auch damals machte
sich ein großer Teil des SPD zum Mitläufer der
Propaganda gegen die Stationierung dieser Waffen in
Europa, sogar gegen ihren Bau in Amerika. Damals
wie heute war der Kollege Bahr einer ihrer
Wortführer. Darf ich Sie heute fragen: wie hat die
Sowjetunion auf den damaligen Verzicht des
amerikanischen Präsidenten auf den Bau der Neutronenwaffe
reagiert?
(Dr. Mertes [Gerolstein][CDU/CSU]: Das ist
die Frage!)
Die Hochrüstungspolitik wurde ungebremst
fortgesetzt, die Stationierung neuer Raketen mit
Zielrichtung Westeuropa wurde weiter getrieben. Das
Zeichen des guten Willens des Westens und des
amerikanischen Präsidenten ist von der Sowjetunion
brutal zum Ausbau der eigenen Überlegenheit
ausgenutzt worden. Das ist unsere letzte Erfahrung auf
diesem sensiblen Sektor mit der Politik der
Sowjetunion.
Heute arbeiten Sozialdemokraten und Linke aller
Schattierungen und Kommunisten Hand in Hand
beim Krefelder Appell gegen eine
Wiederherstellung des militärischen Gleichgewichts.
Die politische Lage in Europa wird blitzlichtartig
dadurch erhellt, daß der SPD-Vorsitzende Brandt in
den nächsten Wochen nach Moskau reisen wird,
während gleichzeitig eine Beschimpfungskampagne
der Sowjetunion gegen den Bundeskanzler und die
deutsche Bundesregierung läuft. Vorreiter dieser
Gespräche sind bekannte Männer: auf deutscher
Seite Herr Bahr, auf sowjetischer Seite Ponomarjow
und Sagladin. Dieses ganze Manöver der
Sowjetunion ist langfristig angelegt. Die Kampagne läuft
seit Monaten mit immer wechselnden Feinheiten
und Aktionen auf allen Ebenen der Publizistik und
der persönlichen Darstellung. Diese Kampagne,
dieses Manöver dient doch nur dazu, den Westen in
dieser existentiellen Frage der Politik zu spalten und
die europäischen Sicherheitsinteressen von denen
der Vereinigten Staaten von Amerika
abzukoppeln.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Nicht erst in der letzten Woche ist deutlich
geworden, daß die SPD ein gestörtes Verhältnis zu den
Vereinigten Staaten hat. Noch während der
Bundeskanzler bei Präsident Reagen war, ging der
Widerstand der SPD gegen Nachrüstung und gegen die
Vereinigten Staaten weiter. Die entsprechenden
Beschlüsse der verschiedensten Gliederungen der SPD
in diesem Sinne aufzuzählen, würde den zeitlichen
Rahmen dieser Debatte weit sprengen. Doch einen
Vorgang finde ich exemplarisch: Sozialdemokraten
hielten es für richtig, den Gustav-Heinemann-Preis
ausgerechnet der Deutschen Gesellschaft für
Friedens- und Konfliktforschung zu überreichen und
damit eine führende Gruppierung gegen den NATO-
Doppelbeschluß zur Nachrüstung auszuzeichnen.
Anläßlich der Feierstunde sprach auch der frühere
SPD-Geschäftsführer Bahr zur Nachrüstungsfrage.
Er sagte:
Niemand kann ausschließen, daß auch in
Moskau einmal ein Wechsel eintritt. Wenn dort
jedenfalls eine neue, ähnliche Linie beschlossen
würde wie heute in Washington, dann wäre das,
was jetzt möglich ist, vertan und nicht mehr
zurückzuholen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Unglaublich!)
Hier stellt Herr Bahr wieder einmal die Dinge total
auf den Kopf.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wer hat in den letzten zehn Jahren massiv
aufgerüstet? Wer unterstützt die Bürgerkriege in Afrika?
Wer führt den Vernichtungsfeldzug gegen
Afghanistan? Wer bedroht Polen? Während Herr Bahr so
daherredet, unterzeichnen Bundeskanzler Schmidt
und Präsident Reagen in Washington ein
Kommuniqué, in dem steht, daß die bedrohliche sowjetische
Rüstung und ihre expansionistische Weltpolitik
verurteilt werden muß. Während das geschieht, spricht
Herr Bahr so vor dieser Gesellschaft.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Das ist der Janus
-
kopf der Linken! — Glos [CDU/CSU]: Sozia
listische Doppelstrategie!)
— Eine schlimmere Art von Doppelstrategie kann
man sich kaum denken.
(Zuruf von der CDU/CSU: Verlogenheit!)
Der Vorsitzende der SPD, Herr Kollege Brandt,
hat in der letzten Woche in diesem Hause eine
bemerkenswerte Rede gehalten, die sich sehr deutlich
von der Regierungserklärung des Bundeskanzlers
absetzte.
(Dr. Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU]: Sehr
wahr!)
Aufmerksame Zuhörer haben dabei sehr wohl
registriert, daß Brandt in vielen Punkten in der Sache
näher bei Hansen als bei Schmidt lag.
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Mertes
[Gerolstein] [CDU/CSU]: So ist es!)
Herr Kollege Brandt hat mit dieser Rede den
Versuch, den gescheiterten Versuch, unternommen, die
Einheit der SPD wiederherzustellen und die
Bundesregierung außen vorzulassen.
(Dr. Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU]: Auf
der Basis der Doppeldeutigkeit!)
Er hat die Illusion genährt, daß vom Prinzip her die
Nulloption bei der Raketenrüstung noch möglich
sei.
Er sagte ein weiteres, nämlich daß es für ihn keine
Perspektive für Entspannung gäbe, wenn sie nicht
in den nächsten Jahren durch Rüstungsbegrenzung
und Abrüstung ergänzt würde. Er sagte wörtlich: „Es
ist eine Illusion zu glauben, Europa und die
Deutschen würden anders überleben." „Überleben" sagte
Herr Brandt. Das ist gespenstisch. Denn ein solches
Wort haben nicht einmal die Sowjets bis jetzt in
ihrem Repertoire der Drohungen und
Erpressungsversuche gebraucht.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Herr Brandt weiß selbst, daß zu Verhandlungen
immer zwei gehören. Und aus seinen Ostverträgen
müßte er eigentlich gelernt haben, was
herauskommt, wenn man sich selbst unter einen zeitlichen
Erfolgszwang setzt. Selbstverständlich müssen
Abrüstungsgespräche zwischen den USA und der
Sowjetunion stattfinden — aber doch mit dem
einwandfreien westlichen Ziel, die sowjetische
Überlegenheit abzubauen. Und dazu gehören Geduld und
Zähigkeit, die richtige Wortwahl und der richtige
Verhandlungszeitpunkt.
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Mertes
[Gerolstein] [CDU/CSU]: Sehr richtig!)
Ich halte es in der Situation der Bundesrepublik
Deutschland auch für wenig hilfreich, wenn der
Kollege Brandt die Raketen insgesamt als
„Teufelszeug" abtut, von dem er Europa freihalten möchte.
Er weiß natürlich, was von diesem „Teufelszeug"
schon alles in Europa steht. Die Russen wird das,
was er sagt, wenig beeindrucken. Aber bei uns
schürt es die Vorurteile gerade junger Menschen
gegenüber unserer Verteidigungsbereitschaft.
Immerhin hat dieses „Teufelszeug" den Europäern eine
jahrzehntelange Friedensperiode beschert. Und ich
sage Ihnen: Lieber mit diesem Teufelszeug in
Frieden und Freiheit leben, als ohne es zu sterben, wie
die Menschen in Afghanistan.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Bei der Diskussion über diese schrecklichen
Waffen muß auch einmal wieder die Frage gestellt
werden: Wie stünde es denn um den Weltfrieden ohne
die großen Waffen und ihre Gleichgewichtigkeit im
interkontinentalen Verhältnis? Wäre da nicht die
Leichtfertigkeit, einen Konflikt zu riskieren, größer?
Die Schrecken eines Atomkriegs, eines totalen
Kriegs und die Gewißheit für jeden, ob Sowjetunion
oder Vereinigte Staaten, dabei nichts zu gewinnen,
nur zu verlieren: auch das trägt zum Frieden bei, und
auch das kann man in der Diskussion nicht so
behandeln, daß man es global zum „Teufelszeug"
erklärt. Da muß man schon etwas tiefer bohren, um
junge Leute davon zu überzeugen, was heute
notwendig ist.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Gerade weil heute viel über die
Friedenssehnsucht der Menschen geredet wird und nur wenig da
über, wie der Frieden konkret gesichert werden
kann, darf man als Vorsitzender einer großen Partei
diese Diskussion nicht so oberflächlich, nicht so mit
„Teufelszeug" führen. Ich weiß, es ist nicht populär,
von Raketen und Sprengköpfen zu sprechen und für
ein militärisches Gleichgewicht einzutreten. Es
gehören Mut und Ehrlichkeit dazu, jungen Menschen
zu sagen, daß Frieden, Freiheit und Wohlstand ihren
Preis haben und daß sie täglich neu erworben
werden müssen. Es gehört auch dazu zu sagen, daß nicht
Resolutionen und Verträge letzten Endes den
Frieden sichern, sondern die Fähigkeit, erfolgreich
Widerstand bei einem Angriff leisten zu können.
Deswegen haben wir unsere Bundeswehr. Deswegen
sind wir in der NATO. Deswegen stationieren unsere
Verbündeten auf unseren Wunsch hin Soldaten in
diesem Land und in West-Berlin.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Noch eine Bemerkung zur Debatte über die
Regierungserklärung in der letzten Woche. Herr Kollege
Ehmke hat versucht, von den antiamerikanischen
Tendenzen in der SPD durch ein angeblich
kritisches Zitat von Franz Josef Strauß in Richtung USA
abzulenken. Strauß hat vor einem Jahr in Passau
gesagt:
Wir müssen alles dafür tun, daß ein Europa
geschaffen wird, das weniger abhängig ist von
Amerika, das von amerikanischem Schutz und
Schirm nicht so bedingungslos abhängt, wie wir
es sind, ein Europa, das nicht am Rockzipfel der
Amerikaner hängt, das nicht von den
innenpolitischen Wechsellagen der amerikanischen
Politik bestimmt wird, das nicht von wechselnden
Meinungen des amerikanischen Präsidenten
mit seinem Lebensschicksal abhängt.
So weit hat Herr Kollege Ehmke richtig zitiert. Doch
Strauß sagte weiter:
Wir haben doch kein Recht, auf die Amerikaner
zu schimpfen. Tun wir doch selbst, was
notwendig ist! Die Hand zum Frieden muß immer
ausgestreckt bleiben; reden ist allemal besser als
schießen. Der Konferenztisch ist wichtiger als
das Schlachtfeld, aber damit der Konferenztisch
Ergebnisse bringt, müssen wir in Europa —
genau wie die Amerikaner — mehr für unsere
Verteidigung tun.
Meine Damen und Herren, das ist die Lage heute.
Ich bin dem Kollegen Ehmke dankbar, daß er mir
die Gelegenheit gegeben hat, diese Aussage von
Franz Josef Strauß hier vor dem Deutschen
Bundestag zu bekräftigen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir haben, meine Damen und Herren, große Sorge
um die Erhaltung der Verteidigungskraft der
Bundesrepublik Deutschland und um den Zustand der
Bundeswehr selbst. Es sind Zweifel aufgetaucht, ob
die Bundeswehr ihren Auftrag noch in vollem
Umfang erfüllen kann. Das Versagen des amtierenden
Verteidigungsministers hat die Bundeswehr in ein
Finanzdebakel gestürzt und zieht negative Folgen
für die Kampfkraft nach sich.
Der Inspekteur der Luftwaffe hat letzte Woche vor
dem Verteidigungsausschuß nachgewiesen, daß
unsere Luftwaffe im Ernstfall nur beschränkt
einsatzfähig ist, weil die Flugplätze nicht geschützt sind. Er
hat weiterhin festgestellt, daß die Kürzungen im
Verteidigungshaushalt vorgenommen worden sind,
ohne die konkrete Bedrohungsanalyse zu
berücksichtigen. Und jetzt verlangt die SPD seinen
Rücktritt nach dem Motto: Wer die Wahrheit sagt, muß
gehen!
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Marx
[CDU/CSU]: Ja, so ist das!)
Die CDU/CSU wird nicht hinnehmen, daß ein Soldat,
der vor einem Untersuchungsausschuß des
Parlaments pflichtgemäß Rede und Antwort steht, dafür
von der Regierung gefeuert werden soll,
(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU)
während der Verteidigungsminister, der die
Wahrheit seit Monaten vertuscht, von Ihnen, Herr
Bundeskanzler, noch demonstrativ das Vertrauen
ausgesprochen erhält.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Das Finanzdebakel um das Kampfflugzeug
Tornado, das der Verteidigungsausschuß als
Untersuchungsausschuß aufklären will, ist offenbar nur die
Spitze eines Eisberges politischer Unfähigkeit.
Immer deutlicher schält sich heraus, daß
Verteidigungsminister Apel seit dem Frühjahr 1980 sehr
wohl über die finanziellen Schwierigkeiten
unterrichtet war. Wie anders wäre sonst sein
ministerieller Morgengruß: „Na, was gibt es Neues beim
Tornado?" zu verstehen? Niemand nimmt ihm die Ausrede
ab, er habe zwar Akten abgezeichnet und mit
Beamten darüber geredet, aber in Wirklichkeit nichts
gewußt. Vor die Alternative gestellt, entweder die
Unwahrheit über seinen Informationsstand gesagt zu
haben oder der Unfähigkeit im Amt bezichtigt zu
werden, hat er sich offenbar für letzteres
entschieden.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
Vielleicht stimmt es sogar; denn schließlich wurde er
vom Bundeskanzler zu einem Amt gezwungen —
daran muß man wieder einmal erinnern —, daß er
gar nicht wollte.
(Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!)
Er hat dort Probleme vorgefunden, die ihn gar nicht
interessierten. Er hat im Verteidigungsministerium
nur so viel Zeit zugebracht, wie ihm unbedingt nötig
erschien. Im übrigen war er bestrebt, seine
Dienstzeit als Verteidigungsminister „abzureißen" wie ein
mißgestimmter Rekrut seinen Wehrdienst.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf von der
CDU/CSU: Jetzt ist er schon wieder nicht
hier! — Dr. Marx [CDU/CSU]: Er sucht
einen Bürgermeister! — Dr. Blüm [CDU/
CSU]: Er leitet den Hamburger Suchtrupp!
— Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
Bei den wichtigsten Passagen meiner Rede ist er
natürlich wieder nicht da.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Präsident Stücklen: Herr Dr. Zimmermann, der
Herr Bundesverteidigungsminister ist gerade auf
dem Weg zur Regierungsbank.
(Heiterkeit)
Dr. Zimmermann (CDU/CSU): Dieser Auftritt hätte
nicht besser geplant sein können.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Jetzt kommen aber die für den
Verteidigungsminister entlastenden Sätze. Die kann er sich ruhig im
Sitzen anhören. Bei aller Verantwortlichkeit für die
Finanzmisere auf der Hardthöhe trifft die
Hauptschuld nicht Sie, Herr Apel, sondern die
Hauptschuld trifft Sie, Herr Bundeskanzler.
(Lachen bei der SPD — Beifall bei der
CDU/CSU — Dr. Marx [CDU/CSU]: Der
Mann mit den Richtlinien!)
— Ja, selbstverständlich, der Bundeskanzler wollte
doch seinem damaligen Kronprinzen die
Allverwendungsfähigkeit attestieren können, also nicht nur
Finanzminister, sondern auch Verteidigungsminister,
wie er es selbst war, und möglichst noch
Bundeskanzler sein zu können. Davon ist nicht mehr viel
übriggeblieben. Das war doch der Plan. Der
Bundeskanzler hat diesen Minister, der dieses Amt nie
wollte, in dieses Amt gesteckt, es ihm verordnet.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Jetzt, Herr Bundeskanzler, wäre es auch an Ihnen,
die Bundeswehr von diesem Mann wieder zu
entlasten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die Bundeswehr braucht in dieser Zeit einen
Minister, der sich den schwierigen Aufgaben mit
innerem Engagement widmet, das gestörte Vertrauen
der Truppe in die politische Führung wiederherstellt
und die Bundeswehr aus der Krise führt. Einen
solchen Mann braucht die Bundeswehr.
Trotz der beherrschenden Diskussion um die
Finanzmisere des Bundeshaushalts wäre es falsch,
alle Probleme lediglich auf die leeren Kassen
zurückzuführen. Auch die Ebbe im Haushalt ist nicht
etwa durch überirdische Kräfte verursacht worden,
sondern durch die politisch dafür Verantwortlichen.
Wenn die Bundesregierung heute Schwierigkeiten
hat, von Saudi-Arabien zinsgünstige Kredite zu
erhalten, so war das beim Streit um die Waffenexporte
vorhersehbar.
(Dr. Spöri [SPD]: Sie haben wohl gestern
geschlafen! — Weiterer Zuruf von der SPD:
Sie waren wohl gestern nicht da!)
Auch dafür trägt der Bundeskanzler persönlich die
Verantwortung. Wer einmal bei seinen
Gesprächspartnern Erwartungen geweckt hat und davon unter
dem Druck seiner Partei schrittweise wieder
abrückt, darf sich nicht der Illusion hingeben, die
andere Seite würde besonderes Entgegenkommen
zeigen. Schließlich hat Saudi-Arabien der
Bundesrepublik Deutschland ein breites Kooperationsangebot
gemacht.
(Sehr wahr! bei der CDU/CSU)
Die deutsche Öffentlichkeit ist gespannt, wie die
Entscheidung des Kanzlers in Sachen Kooperation
mit Saudi-Arabien letztlich ausfallen wird. Er hat
sich und den Saudis nunmehr eine zweite Frist bis
Weihnachten dieses Jahres gesetzt. Aber vielleicht
wäre es besser, er würde die Entscheidung gleich
einem SPD-Parteitag übertragen, weil er ohne diesen
offenbar nur beschränkt handlungsfähig ist.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch an die
angekündigte Überprüfung der Grundsätze des
Rüstungsexports durch die Bundesregierung erinnern.
Das Ergebnis ist nach dem Besuch des
Bundeskanzlers in den USA fällig, zumal das deutsch-
amerikanische Kommuniqué die Bedeutung der Golfregion für
den Westen ausdrücklich hervorhebt.
Ich möchte nicht noch einmal ausführlich auf die
deutsch-israelischen Gegensätze nach der
Rückkehr des Bundeskanzlers aus Riad eingehen. Hierzu
hat Helmut Kohl, vor allem, was die Ausführungen
des israelischen Ministerpräsidenten angeht, vor
dem Deutschen Bundestag einiges gesagt. Nur
soviel möchte ich feststellen: Es war erschreckend,
welche Emotionen der Kanzler mit seinen
unbedachten Äußerungen über die Palästinenser und die
PLO freigesetzt hat, und zwar bei Israelis, deutschen
und jüdischen Mitbürgern gleichermaßen. Das hat
uns wieder einmal gezeigt, wie nahe Gegenwart und
Vergangenheit beieinanderliegen. Es war sicher
keine diplomatische Meisterleistung des Kanzlers,
mit seinem Besuch in Saudi-Arabien die Araber und
die Israelis gleichzeitig zu verärgern. Die Reaktion
der Israelis auf die Äußerungen des Kanzlers zur
PLO, die in der Form zwar unterschiedlich, in der
Sache aber von allen israelischen politischen
Gruppierungen abgelehnt wurden, zeigen im übrigen
glasklar — falls überhaupt jemand Zweifel gehabt
haben sollte —, wo Israel seine existentielle
Bedrohung sieht, nämlich durch die PLO und nicht durch
Saudi-Arabien. Auch diese Lehre darf aus dem
unglücklichen Streit anläßlich der Worte des
Bundeskanzlers gezogen werden.
(Dr. Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU]: Sehr
wahr!)
Bei seiner Rückkehr aus den USA hat der
Bundeskanzler die nahtlose Übereinstimmung der
deutschen mit der amerikanischen Politik betont. Wir
haben das zur Kenntnis genommen. Die CDU/CSU
verlangt vom Bundeskanzler, nicht mehr und nicht
weniger als das zu tun, was in diesem deutsch-
amerikanischen Kommuniqué festgelegt worden ist.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir als Union tragen diese Politik mit. Was die
Partei des Bundeskanzlers, die SPD, dazu sagt, ist
allerdings eine ganz andere Frage.
Der Bundeskanzler hat auch seiner Freude über
die glanzvolle Abendveranstaltung, die zu seinen
Ehren der amerikanische Präsident gegeben hatte,
hier im Deutschen Bundestag Ausdruck verliehen.
Wir gönnen ihm das Zeremoniell, und wir sehen
daraus, daß auch das militärische Zeremoniell — man
konnte es sehen; es war beeindruckend — auch ihn
selbst beeindruckt hat. An dieser Stelle frage ich
mich, warum der Bundeskanzler und die
Bundesregierung es zulassen, daß das bescheidene Maß an
Tradition, das die Bundeswehr bei uns pflegt,
abgebaut wird.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich halte es für die Tradition einer demokratischen
Armee für unannehmbar, daß die Gelöbnisse der
Soldaten hinter den Mauern der Kasernenhöfe
stattfinden sollen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich halte es für unerträglich, daß sich die
Bundeswehr in Zukunft nicht mehr mit einem Großen
Zapfenstreich vor der Öffentlichkeit, vor den Bürgern,
zu deren Schutz sie da ist, präsentieren darf.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Erst vor wenigen Tagen hat in Würzburg ein
Zapfenstreich der dort stationierten 12. Division unter
großer Anteilnahme der Bevölkerung
stattgefunden.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Der bayerische Ministerpräsident sprach bei diesem
Ereignis vor über 10 000 Bürgern — und 600
Demonstranten.
Die Bundesregierung sollte es sich gut überlegen,
ob sie es wirklich verantworten kann, die
Bundeswehr durch solche Maßnahmen wie Abschaffung des
Zapfenstreiches und der öffentlichen Gelöbnisse in
die Isolierung zu treiben und vor der Bevölkerung zu
verstecken.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, die Staatsfinanzen
zerrüttet, in der Sicherheitspolitik zerstritten: Wie
sieht die Politik der Koalition auf den anderen
Feldern aus? Ich beschränke mich auf Stichworte. In
Berlin gab es eine Eskalation der Gewalt, Zunahme
rechtswidriger Hausbesetzungen und einen
handlungsunfähigen Senat. Das wird hoffentlich bald
durch ein Zusammenwirken der verantwortlichen
demokratischen Kräfte mit der vom Wähler zur
Führung des Senats beauftragten Berliner CDU unter
Richard von Weizsäcker wieder anders werden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Das Versagen erstreckt sich auch auf das Feld der
Sicherung des Rechts. Das Zurückweichen vor
krimineller Hausbesetzung und gewalttätiger
Demonstration geht so weit, daß man zwar die
Vermummung von Demonstranten toleriert, aber
Namensschilder für Polizisten wieder einführen will. Damit
macht sich der Rechtsstaat lächerlich und
untergräbt das Vertrauen der Bürger in die Stabilität des
Systems.
(Beifall bei der CDU/CSU)
In der Frage der Kernenergie — —
Präsident Stücklen: Herr Abgeordneter Dr.
Zimmermann, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Herrn Abgeordneten Dr. Graf Lambsdorff?
Dr. Zimmermann (CDU/CSU): Nein, ich bin mit
meiner Zeit am Ende und muß zu Ende kommen.
(Zurufe von der SPD)
— Ich habe dem Bundeswirtschaftsminister aus
gegebenem Anlaß ganz selbstverständlich eine Frage
beantwortet. Ich bin aber aus Zeitgründen einfach
nicht in der Lage, weitere Fragen zu beantworten.
(Weitere Zurufe von der SPD)
In der Frage der Kernenergie stecken die
Bundesregierung und die Koalition den Kopf immer tiefer
in den Sand. Auf die Frage nach der Energiepolitik
dieser Bundesregierung antworten alle Fachleute in
der Bundesrepublik Deutschland mit dem Satz: Es
gibt keine Energiepolitik dieser Regierung. —
Während in Frankreich der sozialistische Präsident
Mitterrand das französische Kernenergieprogramm
fast ohne Abstriche weiterführt, ist bei uns nach wie
vor Pause. Unsere Leistungsbilanz wäre nicht so
negativ, wenn sich die Bundesregierung in der
Vergangenheit so verhalten hätte wie Frankreich.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Jedes moderne Kernkraftwerk erspart etwa 1
Milliarde DM an Devisen für den Kauf von 01. Dazu
kommt, daß die Kilowattstunde Strom aus 01 etwa
dreimal und aus Kohle etwa zweimal so teuer ist wie
die aus Kernkraft.
Die Bundesregierung muß der deutschen
Öffentlichkeit endlich einmal sagen — und es nicht nur
den Energieunternehmungen überlassen —, daß das
Risiko der Kernenergie technischer Natur und
damit aus eigenen Kräften beherrschbar ist, das Risiko
des Ölimports jedoch politischer Natur ist und bei
einer politischen Krise nicht dem Einfluß der
Bundesregierung unterliegt.
' (Beifall bei der CDU/CSU)
Verschonen Sie uns bitte mit Formeln wie „Die
Kohle hat Vorrang" oder „Der Restbedarf an
Kernenergie". Sie helfen in dieser Situation nicht weiter.
Die Bundesregierung muß endlich einmal deutlich
machen, daß Kernenergie ihrem Charakter nach
einer nationalen Energiequelle gleichzusetzen ist.
Unsere Wirtschaftskraft, unsere
Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt, unsere Arbeitsplätze
hängen aber nicht nur von sicherer Energie, hängen
auch von preiswerter Energie ab. Das wird sich im
Verhältnis zu Frankreich noch in diesem achten
Jahrzehnt mit schrecklicher Deutlichkeit zeigen,
meine Damen und Herren.
Keine Kooperation mit Saudi-Arabien, kein
Ausbau der Kernenergie — das ist die
Bankrotterklärung auf dem Sektor der Energiesicherung. Denn
Sie werden sie ja wohl nicht alleine mit dem
Russengas betreiben wollen!
Wenn die Bundesregierung heute in finanziellen
Schwierigkeiten ist, so liegt es auch daran, daß sie
sich jahrelang auf der Flucht vor Entscheidungen in
immer neue Gutachten und Forschungsvorhaben
geflüchtet hat. Um nur einen Bereich
herauszugreifen: Im Forschungsministerium werden derzeit
7 000 Einzelprojekte direkt gefördert; mit der
Abwicklung sind 750 Projektverwalter und 1 400
Berater befaßt; der Bundesrechnungshof hat festgestellt,
daß noch nicht einmal die Verwendungsnachweise
der abgerechneten Projekte vollständig überprüft
werden. Hier soll die Bundesregierung einmal mit
ihren Rationalisierungs- und Sparvorschlägen
anfangen!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ungelöst hat die Bundesregierung auch ein
Problem gelassen, das in der Bevölkerung unter der
Oberfläche schwelt, aber von erheblicher Brisanz
ist: das Ausländer- und Asylantenproblem. Die
Bundesregierung ist einer Lösung in der Frage der
Asylanten immer wieder ausgewichen. Auch dieses
Problem kann sie nicht länger vor sich herschieben.
In der Medienpolitik klammern sich die SPD und
die Bundesregierung krampfhaft an das
öffentlichrechtliche System und stellen sich dem Fortschritt
in der Kommunikationstechnik in den Weg. Auf
diesem Gebiet gibt es einen Investitionsstau von rund
20 Milliarden Mark, dessen Freisetzung den Staat
keinen Pfennig kosten würde. Was soll das Gerede
— auch des Bundeskanzlers — wegen der
Überflutung durch das Fernsehen? Ich kann in München
fünf Programme sehen; manchmal gefallen sie mir
alle fünf nicht. Mehr Angebot bedeutet doch nicht
mehr Konsum, sondern nur mehr Auswahl! Um
nichts anderes geht es.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Herr Bundeskanzler, Sie sollten nicht so tun, als
ob das Schicksal der Nation gefährdet wäre, wenn
die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und
Fernsehanstalten eine kommerzielle Konkurrenz erhielten.
Das kann allen Beteiligten nur guttun.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, der Bundeskanzler
kann seiner Partei noch oft die Vertrauensfrage
stellen, ob in der Öffentlichkeit oder hier im Haus. Er
wird, selbst wenn er durchkommt, nichts an der
Tatsache ändern, daß seine Politik von der SPD nicht
mehr geschlossen getragen wird. Das hat lähmende
Auswirkungen auf die Politik seiner Regierung. Das
führt zu einer Degeneration der Politik, zum
Verschieben von Entscheidungen, zu losen
Formelkompromissen, unter denen jeder etwas anderes
versteht.
In Hamburg tritt ein SPD-Bürgermeister als
ideologischer Kernenergiegegner zurück, im
benachbarten Schleswig-Holstein der SPD-
Oppositionsführer aus dem gleichen Grund. In Hessen muß der
Ministerpräsident seiner Partei wegen der
Kernenergie und wegen des Ausbaus des Frankfurter
Flughafens die Vertrauensfrage stellen. In Baden-
Württemberg führt der zurückgetretene SPD-
Landesvorsitzende Eppler, durch seinen Rücktritt noch gestärkt,
eine Kampagne gegen den Kanzler und die Politik
der Regierung.
Diese Partei bietet nicht nur ein zerrissenes Bild;
sie ist auch zu großen politischen Entscheidungen
nicht mehr fähig. Die Krise der SPD hat sich auf
Bundesregierung und Staat übertragen, und es muß
verhindert werden, daß das demokratische System
insgesamt davon erfaßt wird.
Die CDU/CSU hat zu den anstehenden Problemen
Position bezogen,
(Wehner [SPD]: Ja!)
aber wir tragen keine Regierungsverantwortung.
Die SPD-FDP-Koalition hat eine Mehrheit in diesem
Parlament. Die Koalition stellt die Regierung. Die
Koalition allein kann handeln, wenn sie dazu in der
Lage ist, und an ihren Taten wird sie gemessen
werden, nicht an ihren Worten.
Meine Damen und Herren, das Spiel mit verteilten
Rollen hat ein Ende, das Spiel, bei dem jeder Teil der
Koalition seinen Wählern nach dem Munde redet
(Sehr gut! bei der CDU/CSU)
und beide Teile dann gemeinsam nichts tun, um sich
anschließend wechselseitig die Schuld
zuzuschieben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die Stunde der Wahrheit kommt unaufhaltsam
auf diese Koalition und auf Sie, Herr Bundeskanzler,
zu.
(Wehner [SPD]: Unter Umständen sogar
auf Sie, Herr!)
— Auch auf uns, Herr Wehner, das ist ganz sicher.
(Wehner [SPD]: Nach dieser Stunde der
Aufschneiderei!)
Wir, die CDU/CSU, werden dann unserer
Verantwortung gerecht werden — ohne Hektik, ohne Ihren
Sinn für Machterhaltung, ohne Gier.
(Wehner [SPD]: Ohne, ohne! — Dr. Mertes
[Gerolstein] [CDU/CSU]: Wehner bellt!)
Meine Damen und Herren, ein solches Erbe, wie Sie
es uns hinterlassen,
(Wehner [SPD]: Sie Armer!)
kann man nur im Bewußtsein höchster
staatspolitischer Verantwortung übernehmen wollen,
(Lachen bei der SPD — Wehner [SPD]: Zum
Lachen!)
eher widerwillig und nur aus Pflicht, Herr Wehner.
Das ist viel zu ernst, als daß Sie es — wie bei Ihnen
üblich — mit diesen lauten mißklingenden Tönen
begleiten sollten. So ernst ist die Lage dieses Landes
heute!
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Präsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Bundesminister für Wirtschaft.
Dr. Graf Lambsdorff, Bundesminister für
Wirtschaft: Herr Präsident! Meine sehr verehrten
Damen! Meine Herren! Da der Herr Abgeordnete Dr.
Zimmermann eine Zwischenfrage von mir nicht
mehr zugelassen hat, muß ich auf diese Weise
antworten. Ich mache das sehr kurz.
Herr Dr. Zimmermann hat behauptet, ich hätte in
einem amerikanischen Magazin im März dieses
Jahres erklärt, die Bundesregierung gelte im
Ausland nicht mehr als solider Schuldner, der Ruf der
D-Mark sei stark angeschlagen.
Das Interview im Magazin „Forbes" vom März
dieses Jahres liegt mir vor. Keiner dieser Sätze ist in
diesem Interview enthalten.
(Wolfram [Recklinghausen] [SPD]: Hört!
Hört! — Weiterer Zuruf von der SPD:
Schweinerei! — Weitere Zurufe)
Meine Damen und Herren, ich bitte Herrn Dr.
Zimmermann, sich in Zukunft etwas sorgfältiger dort zu
informieren, wo er die Quelle angeblicher
Äußerungen findet.
(Zuruf von der SPD: Das kann er doch gar
nicht! — Weitere Zurufe)
Präsident Stücklen: Herr Bundesminister, Sie
gestatten eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten
Dr. Zimmermann? — Bitte.
Dr. Zimmermann (CDU/CSU): Herr
Bundesminister, darf ich Sie fragen, ob Sie auch die „Welt am
Sonntag"
(Lachen und Unruhe bei der SPD)
vom 31. Mai 1981, der ich das Zitat aus „Forbes"
entnommen habe, überprüft haben? Ich habe die Quelle
genannt; die Quelle war auch in der „Welt am
Sonntag" genannt.
(Zurufe von der SPD)
Dr. Graf Lambsdorff, Bundesminister für
Wirtschaft: Meine sehr verehrten Damen und Herren,
der Ausschnitt aus der „Welt am Sonntag" liegt mir
vor. Dort wird indirekt zitiert und ausdrücklich
angegeben, welche Quelle benutzt wird, die Sie, Herr
Dr. Zimmermann, hätten überprüfen können
(Zuruf von der SPD: Das wollte er doch gar
nicht!)
oder doch wenigstens hätten überprüfen lassen
können.
(Beifall bei der FDP und der SPD)
Ich stelle erstens fest, meine Damen und Herren,
daß das, was hier vorgetragen worden ist, der
Wahrheit nicht entspricht.
(Beifall bei der FDP und der SPD)
Ich stelle zweitens fest, daß damit das, was Sie, Herr
Zimmermann, hier eingeleitet haben, jedenfalls
nicht, wie Sie meinen, die Stunde der Wahrheit
gewesen ist.
(Heiterkeit und Beifall bei der FDP und der
SPD)
Und ich überlasse es zum dritten unseren Zuhörern,
ihre Rückschlüsse auf den Wahrheitsgehalt Ihrer
übrigen Ausführungen zu ziehen.
(Lebhafter Beifall bei der FDP und der
SPD)
Präsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Wehner.
Wehner (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Sie alle kennen j a das Sprichwort
„Morgenstunde hat Gold im Munde".
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und der
FDP)
Was wir heute hier erlebt haben, ändert einiges. Bei
Herrn Zimmermann war es Schaumgold.
(Heiterkeit bei der SPD und der FDP)
Herr Zimmermann hat ja auf sehr gewichtige
Blätter Bezug genommen. Er hat sich darauf
berufen, daß ein Springer-Blatt, das sonntags erscheint,
etwas enthalten habe, und das war etwas, das, j
edenfalls nach dem bisherigen Verlauf dieser Diskussion,
als eine Fälschung oder falsche Wiedergabe
bezeichnet werden muß und darf. Heute morgen läuft neben
dieser Zimmermanns-Rede das, was in der „Welt"
von dem „Chef", Strauß, gesagt worden ist auf die
Frage: Was ist erforderlich? Da sagt er:
Erforderlich ist der finanzpolitische
Offenbarungseid,
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
— ja, sehen Sie, ich lese richtig vor —
verbunden mit dem Rücktritt des
Hauptschuldigen,
(Beifall bei der CDU/CSU)
der Helmut Schmidt heißt.
(Erneuter Beifall bei der CDU/CSU)
Er war entgegen seinen großspurigen
Ankündigungen nicht in der Lage, die aus seinem
Amtseid entspringenden Verpflichtungen zu
erfüllen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
—Ja, ja, klatschen Sie alle bitte zu dieser
unchristlichen Verleumdung, die das Springer-Blatt da
wiedergibt!
(Lachen bei der CDU/CSU)
Klatschen Sie, Christlich-Soziale und Christliche
Demokraten, zu dieser unchristlichen
Verleumdung!
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Das ist j a nur ein Hinweis auf Ihren Zustand, nicht
ein Hinweis auf den Zustand der
Ernstzunehmenden.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der CDU/
CSU)
Da heißt es weiter — damit Sie noch weiterhin
Genuß haben an Ihrem Lieblingsblatt —:
Es ist auch verfehlt, wenn SPD und besonders
FDP nach der Gemeinsamkeit aller Parteien bei
der Ausmistung des finanziellen Augiasstalles
rufen. Ohne die FDP wäre dieser Verfall
unserer öffentlichen Finanzwirtschaft nicht möglich
geworden...
(Beifall bei der CDU/CSU)
Hier sehen wir die Rollenverteilung: Strauß in
einem besonderem Gehege des Springer-Blatts und
Sie, Herr Zimmermann, der Sie wissen, wo das Loch
gelassen worden ist,
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD)
hier in dieser Zusammenkunft.
Nein, nein. Wir wollen die Debatte um das, worum
es hier geht, in den vielen Stunden, die noch vor uns
liegen, zu einer ernsthaften Erörterung, sei es Kritik,
sei es Bemühung um Erläuterung und Erklärung,
gestalten. Und so werden wir uns anders verhalten
als der, dem hier soeben nach der Einleitung des
heutigen Programms zur Debatte so manches aus
dem Mund gekommen ist, zu dem man ihm
eigentlich dann unter vier Augen einiges sagen möchte.
Hier ist alles Mögliche an Entstellungen über die
Absichten der Sozialdemokraten und über die
sozialdemokratische Bundestagsfraktion gesagt
worden. Ich will Ihnen folgendes sagen:
Die Opposition hat im Verlauf der bisherigen
Haushaltsberatungen praktisch keine auch nur
in irgendeiner Weise relevanten Anstrengungen
zu Einsparungsvorschlägen gemacht, sondern
im Gegenteil zahlreiche von der Koalition
abgelehnte Anträge auf Ausgabenvermehrung
vorgebracht.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zurufe
von der CDU/CSU)
Das ist die Meinung der sozialdemokratischen
Fraktion nach Durchberatung der
Haushaltsplanvorbereitungen.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Ich fahre fort:
Demgegenüber haben die
Koalitionsarbeitsgruppen, d. h. SPD/FDP, im Haushaltsausschuß
den im Entwurf der Bundesregierung
eingeschlagenen Sparkurs unterstützt und darüber
hinaus weitere Kürzungsbeschlüsse,
vornehmlich im konsumtiven Bereich, durchgesetzt, um
so eingesparte Mittel für investive Ausgaben
verwenden zu können.
(Dr. Friedmann [CDU/CSU]: 35 Milliarden
DM neue Schulden!)
Die SPD-Fraktion begrüßt dieses Engagement
der Arbeitsgruppen der SPD und FDP im
Haushaltsausschuß und erwartet die Fortsetzung
dieser Bemühungen in den weiteren
Haushaltsberatungen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
So haben wir es gehalten, uns so werden wir es
weiter halten. Sie wissen, daß dieser Haushaltsplan,
ungeachtet des Schmutzes,
(Dr. Blüm [CDU/CSU]: Ungeachtet der
Schulden!)
den Sie versuchen, vorher gegen uns zu spritzen, mit
klarer Mehrheit beschlossen werden wird. Sie bauen
schon jetzt ein Schreckgespenst des Haushalts 1982
auf. Das ist das ganze an Ihrer armseligen Taktik.
Sie haben nicht nur „springernde" Blätter, Sie haben
auch andere, die immer etwas aufnehmen, so daß
jetzt für viele Mitbürgerinnen und Mitbürger eine
Art Angstgefühl zu der Frage herausgefordert
werden soll, was noch alles auf uns zukommt.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Die sozialdemokratische Bundestagsfraktion hat
festgestellt:
Die Bundesregierung ... habe bei der
Einbringung des Bundeshaushalts 1981 im Dezember
1980 erklärt, daß sich im Verlaufe der weiteren
wirtschaftlichen Entwicklung
Mindereinnahmen ergeben und Mehrausgaben unabweisbar
werden könnten; sie werde einem solchen
zusätzlichen Finanzbedarf durch zusätzliche
Kreditaufnahmen Rechnung tragen müssen ...
Diese Entwicklung ist eingetreten. Die SPD-
Bundestagsfraktion hält deshalb nach
eingehender Diskussion eine entsprechende
Erhöhung der Kreditaufnahme für geboten.
Wir haben weiter festgestellt:
Mehrausgaben werden erforderlich für die
struktur- und beschäftigungspolitischen
Maßnahmen, die die Bundesregierung unter
Mitwirkung der Bundestagsfraktion im März
beschlossen hat. Die Bundestagsfraktion erwartet, daß
auch die Bundesländer und die Gemeinden in
ihrem Verantwortungsbereich zusätzliche
Anstrengungen unternehmen, um die
Beschäftigung zu verbessern.
Dann kommen wir zu folgenden Feststellungen:
Die soziale Sicherheit muß auch unter
schwierigen wirtschaftlichen Umständen
aufrechterhalten werden. Daher stimmt die SPD-
Bundestagsfraktion den erheblichen Mehrausgaben für die
Bundesanstalt für Arbeit zu. Die SPD-
Bundestagsfraktion stimmt darüber hinaus den
Mehrausgaben zu, die erforderlich sind, um
gesetzliche Verpflichtungen im Bereich von
Sozialleistungen zu erfüllen.
Damit werden Ihre Schwindeleien also
zurückgewiesen.
(Beifall bei der SPD — Lachen und Zurufe
von der CDU/CSU)
— Man merkt, wer sich getroffen fühlt. Ich habe nur
mit dem Finger gezeigt.
Ich fahre fort:
Für die SPD-Bundestagsfraktion gehören
Anstrengungen, mit denen die soziale Sicherheit
gewährleistet wird, und Anstrengungen, mit
denen mehr Arbeitsplätze geschaffen werden,
zusammen.
(Zurufe von der CDU/CSU)
— Ich weiß, ich muß mich gegen Ihr Gebrüll
durchsetzen; denn der Präsident wird nichts tun, daß hier
nicht fortgesetzt gemotzt wird.
(Beifall bei der SPD)
Präsident Stücklen: Herr Abgeordneter Wehner,
Sie haben das Wort und können sich durchsetzen.
Wehner (SPD): Dann kommen wir zu folgenden
Feststellungen:
Die SPD-Bundestagsfraktion erkennt auch im
Bereich der äußeren Sicherheit Mehrausgaben
als notwendig an. Die Bundeswehr muß in der
Lage bleiben, ihren Auftrag zu erfüllen. Dafür
sollen unter Anlegung strenger Maßstäbe der
Sparsamkeit die Voraussetzungen geschaffen
werden.
Das ist unsere klare Verdeutlichung dessen, was Sie
im Zusammenhang mit diesem Haushalt 1981 mit zu
tragen haben.
Wir haben weiter festgestellt:
Die SPD-Bundestagsfraktion will auch die
Voraussetzungen dafür schaffen, die
finanziellen Schwierigkeiten des Beschaffungsprojekts
„Tornado" zu bereinigen.
Ferner:
In diesem Zusammenhang erwartet die SPD-
Bundestagsfraktion, daß von der
Bundesregierung Vorsorge getroffen wird, vergleichbare
Entwicklungen bei anderen
Beschaffungsvorhaben zu vermeiden. Die SPD-
Bundestagsfraktion wird bei Entscheidungen über
Beschaffungsvorhaben darauf achten, daß der
Kontrollauftrag des Parlaments rechtzeitig und in
gebotenem Umfang erfüllt werden kann.
Da haben Sie die klare, wortgetreue Wiedergabe der
von der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion
gegen drei Stimmen — bei voller Besetzung der
Fraktion — beschlossenen Aussagen und
Erklärungen.
(Beifall bei der SPD)
Und ich füge noch einige hinzu:
Mehrausgaben hält die SPD-
Bundestagsfraktion auch im Bereich des sozialen
Wohnungsbaus und des Straßenbaus für erforderlich.
Damit sollen die Verpflichtungen, die im Bereich
des sozialen Wohnungsbaus eingegangen sind,
erfüllt werden. Im Straßenbau soll sichergestellt
werden, daß begonnene Baumaßnahmen
abgeschlossen und verkehrswirksam werden
können. Beide Maßnahmen dienen der
Stabilisierung der Beschäftigungslage.
Auch das ist einstimmig so gesagt und zu Papier
gebracht worden.
Wir haben erklärt, daß wir offen aussprechen,
daß auch die kommenden Haushaltsjahre unter
dem starken Druck insbesondere
weltwirtschaftlicher Probleme stehen werden. Nur mit
großen Anstrengungen aller Beteiligten kann es
gelingen, das Leistungsbilanzdefizit abzubauen,
unsere Abhängigkeit vom Öl zu mindern und
die negativen Folgen hoher Zinssätze
abzumildern.
Wir haben uns dann bemüht, zu verdeutlichen,
was die Notwendigkeit der Eindämmung der hohen
Neuverschuldung, über deren Problematik sich die
Fraktion voll im klaren ist, und damit auch der
Verringerung der Zinskostenbelastung erfordert. Dazu
gehören erstens
im Interesse verstärkter
beschäftigungspolitischer Wirksamkeit des Bundeshaushalts
weitere Umschichtungen zugunsten investiver
Ausgaben,
dazu
weitere gesetzgeberische Maßnahmen zum
Abbau von Subventionen,
ferner
Erhöhung der Eigenbeteiligung der
Unternehmen bei staatlich geförderten Forschungs- und
Entwicklungsvorhaben,
ferner
sozial ausgewogene Einsparungen im Bereich
der Personalkosten der öffentlichen Haushalte
und schließlich
Maßnahmen gegen Steuerhinterziehung,
Subventionsbetrug oder auch Mißbrauch von
Sozialleistungen durch Wirtschaft und/oder
Private.
Damit haben Sie nicht nur die Willensrichtung,
sondern auch den Wegweiser, den die
Bundestagsfraktion der SPD im Zuge der Beratungen und
Entscheidungen über den Haushalt 1981 für sich selbst
aufgestellt hat.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Herr Zimmermann hat einiges gesagt, was j a von
seiner eigenen Partei und auch dem Parteibündnis
CDU/CSU immer wieder als ein Streitobjekt
aufgebracht wird. Da geht es um das, was NATO-
Doppelbeschluß genannt wird. Ich möchte dazu sagen: Auf
dem NATO-Doppelbeschluß zu bestehen bedeutet,
zu erreichen, daß der Bestandteil
Rüstungsbegrenzung/Rüstungsverringerung schließlich zur Realität
gebracht werden soll. Das ist unsere Richtung.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wir verstehen die Sorgen, die Angst vieler, nicht
zuletzt auch junger, Mitbürgerinnen und Mitbürger.
Aber wir sagen unsererseits zu unseren
Verpflichtungen in der Nordatlantischen
Verteidigungsgemeinschaft: Bitte, bei allem, was beunruhigt, aus
diesen Verpflichtungen nicht aussteigen, sondern bis
an die Grenze unserer Möglichkeiten darauf
bestehen, daß die Wiederaufnahme von Verhandlungen
zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika
und der UdSSR Tatsache und nicht nur sozusagen
Andeutung oder einseitiges Versprechen wird!
(Beifall bei der SPD und der FDP — Dr.
Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU]: Wem
sagen Sie das?)
— Ihnen, damit Sie wissen, wie die Meinung der
sozialdemokratischen Bundestagsfraktion wirklich
ist; denn in diesem Haus und durch die vielen
Blätter, denen Sie j a Ihre Interviews geben, wird es so
dargestellt, als herrsche bei der SPD eine völlig
andere Auffassung.
(Beifall bei der SPD)
Präsident Stücklen: Herr Abgeordneter Wehner,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Mertes?
Wehner (SPD): Nein, ich verhalte mich so wie die
Vorredner.
(Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/
CSU]: Die haben aber eine zugelassen!)
Meine Damen und Herren, wir wissen, was das bei
vielen an Befürchtungen auslöst. Wir sind
andererseits der Meinung: Eine aus dem NATO-Bündnis
sozusagen austretende Nation — in diesem Fall unsere
Bundesrepublik, ein Stück des getrennten
Deutschland — würde nicht nur nicht helfen, sondern sowohl
uns insgesamt als auch dem Bündnis als auch den
von uns dringend nicht nur gewünschten, sondern
mit unserem Nachdruck herbeizuführenden
Verhandlungen zwischen den Weltsupermächten zum
Nachteil gereichen und eventuell die
Verhandlungen verhindern oder die Wartezeiten verlängern. Es
kommt auf die Verhandlungen an, und wir möchten
unseren Beitrag dazu leisten.
(Beifall bei der SPD)
Da ich vorhin davon gesprochen habe, daß Sie j a
wieder einmal eine Rollenverteilung vornehmen —
heute ist Herr Strauß, auf den sich der Herr
Zimmermann wiederholt berufen hat, nicht da, hat aber
„gespringert" mit einem Interview, das zur gleichen Zeit
erschien —, lassen Sie mich einiges in Erinnerung
bringen. Manchen wird das zur Erinnerung dienen;
andere werden sagen: Man müßte sich
vergewissern, ob das, was da zitiert wird, eigentlich im
Einklang mit dem steht, was passiert.
Ich zitiere hier und berufe mich auf eine
Auseinandersetzung, die am 30. Juni des Jahres 1960
geführt worden ist. Da habe ich in der Diskussion mit
dem damaligen Bundesminister der Verteidigung,
— es war Herr Strauß, der jetzige Ministerpräsident
des Freistaats Sachsen — —
(Große Heiterkeit)
— Bayern! Ich wollte den j a nicht beleidigen.
Natürlich kann der nicht Ministerpräsident in Sachsen
sein. Aber wenn ich „Freistaat" sage, denke ich
immer daran, daß es in der Zeit bis zum Ende des
vorigen Krieges einen „Freistaat Sachsen" gegeben hat.
Es war meine Heimat; nicht der Freistaat, aber der
Geburtsort. Ich bitte Sie also um Verständnis.
Ich berufe mich hier auf den Bundesminister der
Verteidigung von 1960, der damals in Schleswig
gesagt hatte, eine angestrebte gemeinsame
Außenpolitik von Regierung und Opposition sei eine Frage
von großer politischer Bedeutung, denn sie würde
nicht nur der jetzt amtierenden Regierung — das
war die damals amtierende Regierung —, sondern
auch künftigen Regierungen auf lange Sicht die
politische Freundschaft der Verbündeten garantieren.
Kurz darauf hat der damalige
Verteidigungsminister in Erlangen von vier Voraussetzungen für eine
gemeinsame Außenpolitik gesprochen. Ich habe die
vier Voraussetzungen, die er genannt hat, damals
auch im „Deutschland-Union-Dienst"
wiedergefunden. Das waren folgende; damals war er Regierung
und wir Opposition, und jetzt ist es umgekehrt.
Er nannte a): Die Sozialdemokraten müßten
gemeinsam mit der CDU anerkennen, daß die
europäische Einheit und die atlantische Allianz
Voraussetzung für die Erhaltung der Freiheit und die
Erlangung der deutschen Wiedervereinigung sind. Da
verzeichnet das Protokoll des Bundestags: „Sehr
richtig! bei der CDU/CSU."
Dann kommt b): Die Sozialdemokratische Partei
müsse sich von der alten These distanzieren, daß die
Wiedervereinigung nur möglich sei, wenn die
Bundesrepublik Deutschland aus der NATO und aus den
europäischen Bündnissystemen ausscheide.
(Zuruf von der CDU/CSU)
— Ich komme ja noch zu den Antworten.
Es hieß c): Die Sozialdemokraten müßten nicht
nur in Worten, sondern auch in der Tat bereit sein,
mit den Unionsparteien die Lasten und Bürden der
Landesverteidigung zu tragen, gleichgültig, wer in
der Regierungsverantwortung und wer in der
Opposition stehe.
Wenn ich das heute umgekehrt sage, werden Sie
sagen: Das gilt aber nicht, weil ihr Sozis seid und wir
damals die Würdigeren waren — damit meine ich
Sie von der CDU/CSU —.
Dazu gibt es noch ein Anhängsel, das nicht
numeriert ist, sondern sozusagen zwischen der dritten
und vierten Voraussetzung steht: Die
Sozialdemokraten müßten alle irgendwie gearteten
Disengagement-Pläne aufgeben. Sie müßten den Begriff
Selbstbestimmungsrecht für ganz Deutschland, d. h.
nach freien Wahlen für die Wiedervereinigung,
uneingeschränkt anerkennen.
Das waren die vier Voraussetzungen, die damals
Franz Josef Strauß in seiner Eigenschaft als
Verteidigungsminister öffentlich nicht nur gesagt hat,
sondern auch zu Papier hat bringen lassen, mit einigen
kleinen Änderungen, auf die ich eben schon
zwischendurch hingewiesen habe.
Ich habe damals für die sozialdemokratische
Bundestagsfraktion dazu folgendes erklärt:
Zu a. Die Sozialdemokratische Partei
Deutschlands geht davon aus, daß das europäische und
das atlantische Vertragssystem, denen die
Bundesrepublik angehört, Grundlage und Rahmen
für alle Bemühungen der deutschen Außen- und
Wiedervereinigungspolitik ist.
Zu b. Die Sozialdemokratische Partei
Deutschlands hat nicht gefordert und beabsichtigt nicht,
das Ausscheiden der Bundesrepublik
Deutschland aus den Vertrags- und
Bündnisverpflichtungen zu betreiben.
Sie ist der Auffassung, daß ein europäisches
Sicherheitssystem die geeignete Form wäre, den
Beitrag des wiedervereinigten Deutschland zur
Sicherheit in Europa und in der Welt leisten zu
können.
Zu c. Die Sozialdemokratische Partei
Deutschlands bekennt sich in Wort und Tat zur
Verteidigung der freiheitlich-demokratischen
Grundrechte und der Grundordnung und bejaht die
Landesverteidigung.
Ich habe dann hinzugefügt, daß unterschiedliche
Auffassungen über Zweckmäßigkeiten auf diesem
Gebiet, die im demokratischen Staat ja legitim sind
und die demokratisch-parlamentarisch ausgetragen
werden können und müssen, doch nicht bedeuten,
daß etwa die parlamentarische Opposition weniger
verantwortungsfreudig wäre als die Regierung. So
damals ich für die parlamentarische Opposition
gegenüber der Regierungspartei. Heute könnte man
das zwar auch umgekehrt sagen, würde aber ins
Leere sprechen,
(Beifall bei der SPD und der FDP)
weil sich die jetzige Opposition ganz anders berufen
fühlt, auch in ihrer Art, in schwerer Zeit trotz
schwieriger Aufgaben und trotz großer Lasten,
(Zuruf von der CDU/CSU: Selbst
verschuldet!)
der Regierung immer noch weitere Lasten, nämlich
der hiesigen Art der Auseinandersetzung
aufzubürden.
Ich habe zu der Unterfrage oder
Untervoraussetzung, allen Disengagement- Plänen abzuschwören,
hinzugefügt, dazu würde ich mich auf folgende
Erklärung berufen, die ich dann wörtlich
wiedergegeben habe. Ich werde dann sagen, von wem die
Erklärung kommt. Ich zitiere:
Wir Deutsche wollen nicht als Störenfriede auf
dem Wege zur Abrüstung erscheinen. Wir
halten auch die Abrüstung für ein essentielles
Moment auf dem Wege zur Entspannung. Es wäre
selbstverständlich unehrlich, zu sagen: Es mag
kontrolliert und inspiziert werden auf der Welt,
nur nicht bei uns, sondern wir müssen hier das
gute Beispiel geben, und wir sind bereit, die
Bundesrepublik ganz oder teilweise zu einem
Bestandteil einer Kontroll- und
Inspektionszone zu machen. Das heißt nicht, daß die
Kontroll- und Inspektionszone identisch ist mit den
geographischen Grenzen der Bundesrepublik,
aber die Bundesrepublik ganz oder teilweise zu
einem Bestandteil einer Kontrollzone zu
machen nach den Vorschlägen, die zwischen den
Großmächten vereinbart werden können.
Einigen sich die Großmächte nicht, so wäre ein
solcher deutscher Vorschlag von sich aus wohl
nicht von weltentscheidender Bedeutung,
einigen sich die Großmächte jedoch, so stehen wir
nicht durch irgendwelche deutschen
Sonderwünsche dieser Einigung im Wege.
Das ist eine Erklärung, die ohne Änderung und
Auslassung der damalige Bundesminister der
Verteidigung Franz Josef Strauß schon im Oktober 1959
nach seiner Rückkehr von einer Kanada-Reise
gegeben hatte und auf die ich mich dann berufen habe,
als man fragte: Ja, und wie wollen Sie es denn? Sie
wollen doch wohl Disengagement. — Nein, habe ich
gesagt, sondern so.
Letzter Punkt der Fragen, die uns damals
sozusagen mit prüfendem Blick vorgehalten worden sind.
Ich berufe mich, habe ich damals gesagt, auf den
Wortlaut des Beschlusses, den der Bundestag am
1. Oktober 1958 einstimmig, mit den Stimmen der
Sozialdemokraten, in Berlin gefaßt hat, der lautete
— es war ein kurzer Beschluß —:
Der deutsche Bundestag erwartet die
Wiederherstellung der staatlichen Einheit
Deutschlands
— das war damals noch ein Thema, ein aktuelleres,
als es inzwischen hat sein können —
von einem unmittelbaren freien
Willensentschluß des gesamten deutschen Volkes in
seinen heute noch getrennten Teilen, der nach der
Beseitigung der nicht in deutscher
Zuständigkeit liegenden Hindernisse herbeizuführen ist.
Der Deutsche Bundestag erklärt seine
Bereitschaft, jede Verhandlung zu unterstützen, die
die Wege zu einem solchen Willensentscheid des
deutschen Volkes ebnet, sobald eine
Vereinbarung der Vier Mächte diese Möglichkeit
erschlossen hat.
Das ist damals einstimmig vom ganzen Deutschen
Bundestag beschlossen worden. Wir waren damals
die Opposition. Wir haben hierin unsere Pflicht
gesehen. Heute läßt sich etwas Entsprechendes
überhaupt nicht denken, weil Sie ja von Ihrer Rolle als
Opposition eine völlig andere Auffassung haben, als
wir sie gehabt haben, als wir sie selbst als
Opposition in diesem nach dem Kriege zustande
gekommenen demokratischen Staat Bundesrepublik
Deutschland verstanden haben und der entsprechend wir
uns bewegt haben.
(Beifall bei der SPD)
Das ist es, was ich in Erinnerung bringen will. Es
könnte sein, daß das die heutige Debatte überhaupt
nicht beeinflußt, es könnte allerdings auch sein, daß
der eine oder die andere mal nachguckt, ob der
Wehner hier nicht gemogelt hat. Ich habe genau die
Texte gegeben, um die seinerzeit gerungen worden
ist und für die wir uns dann auch eingesetzt haben.
Heute haben wir eine Opposition, die Obstruktion
gegen eine Regierung macht, die es schwer genug
hat. Da stellen wir uns alle vor die Regierung, bei
allen Unterschieden in den politischen
Auffassungen.
(Lebhafter Beifall bei der SPD — Beifall bei
Abgeordneten der FDP)
Präsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Hoppe.
(Zuruf von der CDU/CSU)
Hoppe (FDP): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Da der Herr Kollege Zimmermann für die
Opposition die große politische Oppositionsrede zum
Haushalt gehalten hat, werden Sie sich nicht
wundern, daß ich für meine Fraktion dann auch die
Antwort darauf gebe. Wenn der Kollege Zimmermann
gemeint hat, er müsse für diesen Haushalt Begriffe
wie „tönerne Füße" und „abblätternde Fassade"
gebrauchen, dann kann ich nur sagen: er hat sich doch
hier als Klinkerfassadenkletterer entpuppt, der sich
ganz offensichtlich in der Steilwand verstiegen
hat.
(Zurufe von der CDU/CSU: War wohl
nichts?!)
Natürlich haben die Freien Demokraten das, was
sie bei den haushalts- und finanzpolitisch
anstehenden Entscheidungen der vergangenen Jahre für
richtig hielten, aus ihrer Überzeugung hier
vorgetragen. Sie haben es dann auch in die politischen
Kompromisse eingehen lassen. Wenn wir Zweifel hatten,
ob diese politischen Kompromisse vertretbar waren,
hat uns die Opposition mit ihrer Haltung jedesmal
dabei geholfen, die Gewißheit und die Überzeugung
zu finden, daß der Kompromiß richtig ist. Denn in
„mehr Ausgaben" oder in „mehr
Steuererleichterungen" haben Sie alle in diesem Hause noch immer
überboten.
(Beifall bei der FDP)
Ich nehme es auf, wenn Herr Kollege
Zimmermann uns an einer ganz kritischen Stelle unseres
Grundgesetzes anmahnt und abmahnt: bei dem
Art. 115. Natürlich darf er für eine expansive
Haushaltspolitik kein Persilschein sein. Das soll er auch
nicht sein. Aber um endlich zu begreifen, daß an
dieser Grenze haltzumachen und umzukehren ist,
dafür braucht man keine Weißmacher, aber natürlich
auch keine Weichmacher.
(Zuruf von der CDU/CSU: Ha, ha!)
Ich darf zunächst einen Disput unter Freunden
aus der gestrigen Debatte aufnehmen. Der Kollege
Grobecker hat gemeint, ich hätte gestern bei der aus
der Sicht der Freien Demokraten unumgänglichen
und notwendigen Konsequenz, die es im
Zusammenhang mit dem Haushalt 1982 aus den Daten des
Haushalts 1981 zu ziehen gilt, etwas schonungslos
bestimmte Bereiche, sensible Bereiche, nämlich den
Sozialbereich, in meine Überlegungen einbezogen.
Dazu muß ich sagen: ich habe bei den hier
vorgetragenen Vorstellungen der Freien Demokraten genau
das politische Handlungskonzept vorgetragen, das
wir in der Koalition aus den bitteren
Erfahrungswerten, die wir Haushaltspolitiker der Koalition
eingesammelt haben, in einer gemeinsamen Erklärung
vom 27. Mai hier miteinander formuliert haben. Ich
bin keinen Schritt über diese gemeinsam gezogene
Marke der politischen Handlungsnotwendigkeit
hinausgegangen, meine verehrten Freunde von der
SPD.
(Beifall bei der FDP — Hört! Hört! bei der
CDU/CSU)
Wenn Sie aber — und das sage ich mit der Bitte, uns
handlungsfähig zu lassen — den notwendigen
Anlauf für künftige Operationen jetzt schon verkürzen,
dann werden wir auch wieder zu kurz springen. Und
genau das darf uns nicht passieren.
(Beifall bei der FDP)
Denn — und das war es doch, was wir miteinander
zu registrieren hatten — die goldenen Jahre der
Sozialpolitik zu Anfang des vorigen Jahrzehnts haben
ebenso wie die Finanzierung der
Zukunftsinvestitionen ihre Schleifspuren in den öffentlichen
Haushalten hinterlassen.
Der überproportionale Schuldenzuwachs im
Bundeshaushalt ist einerseits durch verstärkte
Anforderungen auf der Ausgabenseite und andererseits
durch die ungünstige Strukturentwicklung im
Steueraufkommen entstanden. Der Anteil des Bundes
am gesamten Steueraufkommen ist nämlich ständig
gesunken. Im Jahr 1972 entfielen auf ihn noch 51,6 %
des gesamten staatlichen Steueraufkommens; im
Jahr 1979 waren es nur noch 48,8 %.
Bedingt ist dieser für den Bund negative Trend
dadurch, daß er an der sich dynamisch entwickelnden
Lohn- und Einkommensteuer mit weniger als der
Hälfte beteiligt ist und ihm die unterproportional
wachsenden Verbrauchssteuern zustehen. Die
Mehrwertsteuer, von der der Bund 66 %
beansprucht, entwickelt sich bestenfalls im Gleichklang
mit dem Gesamtsteueraufkommen. Und was die
Finanzierung der immer drückender werdenden
außenpolitischen Verpflichtungen angeht, so werden
die Bundesländer ihren Anteil an der soliden
Finanzierung gerade des deutschen Beitrags im
internationalen Maßstab nicht verweigern können.
Präsident Stücklen: Herr Abgeordneter Hoppe,
gestatten Sie mir eine kurze Unterbrechung.
Hoppe (FDP): Bitte, Herr Präsident.
Präsident Stücklen: Darf ich bitten: Die
Abgeordneten, die an dieser Debatte teilnehmen, mögen ihre
Plätze einnehmen.
(Dr. Jenninger [CDU/CSU]: Wo bleibt die
Aufmerksamkeit der SPD, Herr Hoppe? —
Dr. Riedl [München] [CDU/CSU]: Vor allem
auf der linken Seite des Hauses! — Kiep
[CDU/CSU]: Halten die eine Fraktionssit
-
zung ab?!)
Herr Abgeordneter Hoppe, bitte fahren Sie in
Ihren Ausführungen fort.
Hoppe (FDP): In den vergangenen Jahren hat der
Bund — das war unsere gemeinsame Entscheidung,
und dazu stehen wir — vorrangig die finanziellen
Lasten für all das zu tragen gehabt, was ihm als Kon
junkturlokomotive aus innen- und außenpolitischen
Verpflichtungen aufgebürdet wurde. Dabei haben
wir nicht wahllos und willkürlich eine Schuldenlast
in dieser Höhe angehäuft. Die weltweite Krise hat
viele Gründe für eine solche expansive
Haushaltspolitik geliefert.
Auch daran sollten sich alle erinnern: Für diese
Politik und diese politischen Entscheidungen der
Vergangenheit haben uns die Sachverständigen,
Bundesbank und Räte stets ihren zustimmenden
Rat und ihre Empfehlung für eine solche defizitäre
Politik geliefert.
Wir können an dieser Stelle nur noch fragen, ob
uns bei der Bewältigung der daraus entstehenden
Aufgaben die Finanzplanung — wir versuchen
immer noch, uns damit einen Handlungsrahmen zu
schaffen und Zielvorgaben zu geben — sehr
geholfen hat. Ich habe den Eindruck, daß das nicht der
Fall war. Denn wenn wir von Konsolidierung
gesprochen haben, dann fand sie in der Tat immer nur in
der mittelfristigen Finanzplanung statt. Dort, bei
den Zahlen des vierten oder fünften Jahres, konnten
Sie die Konsolidierung ablesen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Aber die sich ständig — und zwar hektisch —
verändernden Konjunkturdaten der letzten Jahre haben
diese Finanzplanungszahlen ständig überholt und
„erschlagen".
Wie sieht es denn mit dem Handlungsspielraum in
der Haushaltspolitik wirklich aus? Er ist nun einmal
so gering, daß die Beschlüsse, von denen wir nun so
häufig geredet haben und von denen wir so viel
hören, unumgänglich und unausweichlich sind. Wir
müssen in die Leistungsgesetze eingreifen. Mit
Ausgabenkürzungen ist hier nichts mehr zu bewirken.
Meine Damen und Herren, das bedeutet, daß wir —
neben dem Block der Personalausgaben — nun
einmal in erster Linie den Block, und zwar den großen
Block, der Transferleistungen vor uns sehen
müssen.
Bei der Beurteilung der möglichen und
notwendigen Einsparungen im Personalhaushalt werden wir
uns sicher immer wieder mit dem Gegenargument
auseinanderzusetzen haben: Einstellungsstopp
verschärft die Arbeitsmarktlage. Aber dennoch müssen
sich hier alle von diesem Teil der Lasten — auch des
Bundeshaushalts — befreien. Im Haushaltsgesetz
1981 haben wir den ersten Schritt getan.
Die bedeutenden Transferleistungen belaufen
sich gegenwärtig auf eine Größenordnung von rund
einem Drittel der Bundesausgaben. Wer es ehrlich
meint und wer Handlungsfähigkeit, von der er redet,
wirklich zurückbekommen will, um die Aufgaben
der 80er Jahre zu lösen, muß auch zugreifen, und
zwar auch dort, wo es schmerzhaft ist.
(Beifall bei der FDP)
Meine Damen und Herren, ich habe es deshalb
sehr bedauert, daß die Opposition auf den Vorschlag,
sich in einem Allparteiengremium dieser wichtigen
Aufgabe zu stellen und sich hier zu engagieren,
ablehnend reagiert und ihn zurückgewiesen hat. Ich
habe Verständnis dafür, daß sich die Opposition
auch dabei vornehm zurückhält und die überfälligen
Eingriffe den Regierenden überlassen will. Wir sind
eine solche vornehme Zurückhaltung der Opposition
gewöhnt. Gerade deshalb ist es die
Bewährungsprobe der Koalition, vor der sie steht, mit dieser
notwendigen und angekündigten Entscheidung
fertigzuwerden und vor dieser Aufgabe auch zu
bestehen.
(Beifall bei der FDP und des Abgeordneten
Dr. Dregger [CDU/CSU])
Was den Verteidigungshaushalt angeht, meine
Damen und Herren, so werden wir ihn, wie es auch
1981 geschieht, so dotieren, daß die Bundesregierung
in der Lage ist, daß wir in der Lage bleiben, die
international eingegangenen und international
übernommenen Verpflichtungen auch zu erfüllen. Aber wie
schon im laufenden Haushaltsjahr: Auch auf der
Hardthöhe, auch bei den Streitkräften muß das
Prinzip der Sparsamkeit endlich einkehren. Mit dem
Größenwahn „Wir brauchen alles, und wir kriegen
alles" muß endlich Schluß gemacht werden, auch in
der Bundeswehr.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Nur wenn wir auch dort mit unseren
Anstrengungen, aber auch im Umgang mit unserem Geld so
preußisch sein werden, daß wir in der Bevölkerung
wieder Vertrauen in das Finanzgebaren der
Bundeswehr wecken, Vertrauen darin, daß wir mit dem Geld
des Steuerzahlers für die Bundeswehr vernünftig
umgehen, erst dann wird es möglich sein,
Verständnis für notwendige Verteidigungsausgaben auch in
Zeiten der drückenden Geldknappheit zu gewinnen.
Nur mit einer solchen im Vertrauen der
Bevölkerung stehenden Bundeswehr wird es gelingen, den
schwierigen Prozeß zu bewältigen, in dem sich alle
Parteien in der Diskussion mit den Bürgern
befinden. Wir müssen klarmachen, daß wir uns nicht zu
mehr Verteidigungsausgaben, nicht zu einer
stärkeren Rüstung gezwungen sehen, weil wir den Krieg
machbarer machen wollen,
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Sehr gut! Das ist völ
-
lig richtig!)
sondern weil wir ihn verhindern wollen. Daß diese
Politik des Gleichgewichts den Frieden bisher
bewahrt hat, sollten wir allen immer wieder ins
Bewußtsein bringen.
(Beifall bei der FDP, bei Abgeordneten der
SPD und bei Abgeordneten der CDU/
CSU)
Präsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Dr. Wörner.
Dr. Wörner (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen! Für gute
Politik gibt es einen gültigen Maßstab: die Kraft, den
Wandel zu gestalten und damit die Zukunft zu
meistern. Legt man diesen Maßstab an Ihre Politik,
Herr Bundeskanzler, dann wird einem erst deutlich,
wie sehr Sie vor Ihrer eigentlichen Aufgabe, dem
deutschen Volk den Weg in die Zukunft freizuhalten,
versagt haben, und zwar entscheidend versagt
haben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Von Gestaltung der Zukunft kann bei Ihrer Politik
auch noch nicht einmal ansatzweise mehr die Rede
sein. Die Probleme wachsen Ihnen ganz sichtbar
über den Kopf. Einer der angesehensten deutschen
Journalisten, Fritz Ullrich Fack von der
„Frankfurter Allgemeinen Zeitung" spricht — ich zitiere —
von der Tatsache, daß heute definitiv gefährdet ist,
was die Bundesrepublik in 30 Jahren an
internationalem Ansehen, an Vertrauen und Verläßlichkeit,
aber auch an wirtschaftlicher Kraft,
Wettbewerbsfähigkeit und sozialer Befriedung erreicht hat.
Sie häufen einen Berg von Schulden auf und
fragen nicht danach, wie die Generationen nach Ihnen
damit fertig werden sollen. Ich meine, ohne
Rücksicht auf die, die nach ihr kommen, sollte keine
Regierung handeln. Wir dürfen der Jugend den Weg in
die Zukunft nicht in dieser Weise versperren, wie Sie
es mit dieser Politik tun.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Jetzt rächt sich, daß Sie jahrelang all unsere
Warnungen und Vorschläge in den Wind geschlagen
haben.
(Zuruf von der SPD: Welche denn?)
Sie haben Ansprüche gezüchtet, den Staatsapparat
aufgebläht, Leistung bestraft und unbedenklich aus
dem Vollen geschöpft. Sie haben sorglos über die
Verhältnisse unseres Staates und seiner Bürger
gelebt. Nun werden Sie sichtbar von Ihren eigenen
Sünden eingeholt und überrollt.
Herr Bundeskanzler, wenn heute Wohnungen
nicht gebaut werden, wenn heute nicht hinreichend
investiert wird, wenn energiepolitische
Entscheidungen nicht getroffen werden, wenn so zusätzlich
Arbeitslosigkeit und Finanzschwäche im System
unserer sozialen Sicherheit heraufbeschworen werden,
wenn unser außen- und sicherheitspolitischer
Handlungsspielraum wegen der galoppierenden
Haushaltsprobleme verengt wird, so ist das eine Folge der
Tatsache, daß Sie die finanzielle und politische
Handlungsfähigkeit unseres Staates verspielt
haben, und zwar ohne jede Notwendigkeit und ohne
jedes Augenmaß.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die Zeche zahlen die kleinen Leute,
beispielsweise die Kinderreichen, die vergeblich nach einer
Wohnung suchen, beispielsweise die Arbeitnehmer
in den ländlichen Bereichen der Bundesrepublik
Deutschland, die Zeche zahlt unser Staat mit
schwindender Investitionskraft. Ich halte das für
eine der bedenklichsten Folgen Ihrer Politik.
Sie haben einmal — ich erinnere mich noch daran
— mit der Parole von der öffentlichen Armut
angefangen, die Sie beseitigen wollten. In diesem Jahr, im
Etat 1981, haben die investiven Ausgaben unseres
Staates mit 13,8 % der gesamten Ausgaben den
geringsten Stand erreicht, den sie jemals in der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hatten.
Was heißt das? Das heißt, daß trotz Milliarden-
Bergen von Schulden der Staat genau für das, was die
Zukunft sicherer macht, kein Geld oder nicht
hinreichend Geld mehr hat.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die Zeche zahlen im übrigen die Bürger unseres
Landes mit weniger Sicherheit nach innen wie nach
außen.
Ihrer Politik fehlen drei Dinge: einmal die
Glaubwürdigkeit, zweitens der Mut und drittens die
vorausschauende Führung.
Es fehlt Ihnen die Glaubwürdigkeit. Im Jahre
1972, Herr Bundeskanzler, hat die Union vor den
Folgen der Inflation gewarnt. Damals hat Helmut
Schmidt unsere Warnungen als Schwarzmalerei
abgetan. Ich erinnere noch an seine Aussage: 5 %
Inflation sind mir lieber als 5 % Arbeitslosigkeit. — Kurze
Zeit später war die Arbeitslosigkeit da.
Im Wahlkampf 1976 haben wir auf das Problem
der Rentenfinanzierung aufmerksam gemacht.
Helmut Schmidt damals: Ein Problemchen! — Die
Quittung kam kurz nach den Wahlen.
1980 haben wir auf die Politik der Verschuldung
und ihre Folgen aufmerksam gemacht. Auch
damals, Herr Bundeskanzler — und das ist noch nicht
einmal ein Jahr her —, haben Sie versucht, unsere
Warnungen als Schwarzmalerei abzutun. Heute
beschwören Sie selbst die Folgen Ihrer eigenen
unseligen Verschuldenspolitik. Ich kann nur sagen: So
bringt man sich um den Rest der Glaubwürdigkeit
draußen bei den Menschen in unserem Lande.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Am 14. Mai dieses Jahres, in der letzten
Sitzungswoche, haben Sie, Herr Bundeskanzler, hier im
Bundestag unsere Sorgen wegen der Finanzierung des
Verteidigungsetats als lächerlich abgetan und von
einem „Sommergewitter" gesprochen. Nicht einmal
drei Tage danach mußte Ihr eigener
Regierungssprecher bestätigen, daß die Bugwelle, die sie vor
sich herschieben, das Defizit, das Sie im nächsten
Jahr erwartet, allein im Bereich der Verteidigung an
die 4 Milliarden DM beträgt.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
Da kann ich nur sagen, Herr Bundeskanzler: Passen
Sie nur auf, daß Sie von den Hagelschauern dieses
Sommergewitters nicht ganz übel zugerichtet
werden. Die ersten Folgen sind schon spürbar.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich sagte: Es fehlt Ihnen der Mut. Sie haben die
Dinge treiben lassen, in Ihrer Partei und in der
deutschen Politik. Sie haben viel zu lange geschwiegen.
Sie haben zugesehen, wie man Ihnen und Ihrer
Politik mehr und mehr ideologische Fesseln angelegt
hat. In der Energiepolitik: Herr Bundeskanzler,
warum sind Sie nicht auf den Parteitag der SPD
nach Hamburg gefahren, als dort die Entscheidung
über Brokdorf getroffen wurde? Da hätten Sie Mut
und Führungskraft zeigen können.
(Beifall bei der CDU/CSU)
In der Verteidigungspolitik: Sie haben es lange ge
-
nug hingenommen, daß man die Sowjetunion und
ihre expansive Politik verharmlost und verniedlicht
hat. Sie haben nichts gesagt, als Herr Wehner die
Aufrüstung der Sowjetunion als defensiv bezeichnet
hat.
(Dr. Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU]: Sehr
wahr!)
Sie haben die Zusammenarbeit mit Kommunisten
in Ihrer Partei geduldet, und Sie nehmen jetzt
wieder hin, ohne daß Sie etwas dagegen tun, daß trotz
der Warnungen Ihres Bundesgeschäftsführers Glotz
Teile der SPD, auch Bundestagsabgeordnete,
gemeinsame Sache mit Kommunisten gegen den
Nachrüstungsbeschluß, gegen den Doppelbeschluß
der NATO machen. Da fehlt es an Mut.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Herr Bundeskanzler, Sie haben es zugelassen, daß
Ihr Verteidigungsminister unter dem Druck der
Straße in die Knie gegangen ist und die öffentlichen
Gelöbnisse ausgesetzt hat. Hören wir doch endlich
auf, die junge Generation in unserem Staat mit den
paar Krawallmachern in eins zu setzen! Die jungen
Leute sind wesentlich besser als ihr Ruf. Und diese
jungen Wehrpflichtigen, die wollen die öffentlichen
Gelöbnisse, die wollen sich vor unserem Volk zeigen,
die wollen öffentlich dartun, daß sie für diesen Staat
und seine Verteidigung stehen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Jetzt — zu spät — sind Sie jedenfalls teilweise zum
Kampf angetreten. Ich sage ohne Häme: Wir alle
fürchten, daß Sie die Dinge nicht mehr in den Griff
bekommen, und die Entwicklung in Ihrer Partei
zeigt es uns täglich. Die letzte Woche war ein
plastisches Beispiel dafür.
Ich finde, das Schlimmste an der gegenwärtigen
Situation ist, daß sich die Krise in der SPD auf
diesen unseren Staat überträgt, daß die
Handlungsunfähigkeit der SPD auch die Handlungsunfähigkeit
dieser Regierung bedeutet. Das ist die eigentliche
Gefahr in dieser Situation.
(Zustimmung bei CDU/CSU)
Ich sage Ihnen ein Drittes: Es fehlt Ihnen an
vorausschauender Führungskraft. Herr
Bundeskanzler, Sie hätten unserem Volke rechtzeitig sagen
können und rechtzeitig sagen müssen, daß jetzt ein
Punkt erreicht ist, wo man zurückstecken muß. Statt
dessen haben auch Sie neue Begehrlichkeiten
geweckt. Sie sind in einen Wahlkampf gezogen und
wußten ganz genau, wie die Situation aussieht; denn
seitdem hat sich nichts Entscheidendes verändert.
Sie haben sich nicht gescheut, für ein
Parteiprogramm geradezustehen, für ein Wahlprogramm
einzutreten, das angesichts dieser Lage in unserem
Volk beispielsweise die Herabsetzung der
Arbeitszeit versprochen hat.
Ich kann Ihnen nur sagen: meine Erfahrungen mit
den Leuten draußen, gerade mit den sogenannten
einfachen Leuten, auf die Ihre linken Intellektuellen
so gerne herabschauen, sind die: In unserem Volk
weiß jeder tief drinnen, daß es so nicht weitergehen
kann! Sie warten nur auf einen Bundeskanzler, der
ihnen reinen Wein einschenkt und sagt: „Jetzt
müssen wir das Steuer herumreißen!", und zwar nicht,
wenn es zu spät ist, Herr Schmidt, sondern wenn
noch Zeit ist, die Dinge zu wenden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich will Ihnen noch ein Beispiel des Mangels an
vorausschauender Führung geben. Sie sind
ehemaliger Verteidigungsminister. Ich vermute, daß Sie in
dieser Frage nicht viel anders denken als wir von
der CDU/CSU. Als damals die
Wehrdienstverweigererzahlen in die Höhe gingen, da wäre es Ihre
Aufgabe gewesen, vor der jungen Generation
klarzumachen, daß vor dem Recht die Pflicht steht, daß ohne
Soldaten, ohne die Bundeswehr, ohne das Bündnis
der Friede nicht gesichert werden kann. Statt dessen
haben Sie ein Gesetz mitgetragen — das sogenannte
Postkartengesetz —, das geradezu eine Prämie für
Wehrdienstverweigerer bedeutet hätte, wenn wir es
nicht zusammen mit dem
Bundesverfassungsgericht zu Fall gebracht hätten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Eines tut mir leid, Herr Bundeskanzler, und ich
sage das gegen mein Parteiinteresse: Sie wären der
Mann gewesen, der in diesem Volk den Respekt
genossen hätte, dem man das abgenommen hätte.
Wenn Sie so mit unserem Volk geredet hätten, wie
Sie das hätten tun können, hätten tun müssen, wenn
Sie diese Ihre Führungsaufgabe rechtzeitig
wahrgenommen hätten, dann müßten Sie jetzt nicht die
Scherben Ihrer Politik allüberall aufklauben und
zusammensuchen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Was brauchen wir jetzt? Im außenpolitischen
Bereich brauchen wir erstens eine neue Politik aktiver
Friedenssicherung, eine Politik, in der die Elemente
der Konfliktverhütung, der Eindämmung der
sowjetischen Expansion und das Angebot zu weltweiter
Zusammenarbeit in einer umfassenden Strategie
verbunden werden.
(Dr. Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU]: Sehr
gut!)
Entscheidend ist, daß die einzelnen Elemente dieser
Politik verbunden und voneinander abhängig
gemacht werden müssen. Hier sind
Meinungsverschiedenheiten mit der amerikanischen Regierung, die
eben noch nicht ausgeräumt sind. Deswegen sagen
wir als CDU/CSU Ihnen: Die Leistungen des
Westens auf allen Gebieten müssen an politische oder
wirtschaftliche Gegenleistungen des Ostens
gebunden werden. Der Sowjetunion muß deutlich gemacht
werden, daß sie nicht beides gleichzeitig haben
kann, Hilfe des Westens auf der einen Seite und
gewaltsame Machtausbreitung auf Kosten des
Westens auf der anderen Seite.
Zweitens. Was wir als nächstes bräuchten und
brauchen, ist eine energische Kampagne zur
Aufklärung unserer Jugend und unserer Bevölkerung
insgesamt über den Zusammenhang zwischen
Friedenssicherung und Verteidigung, zur Aufklärung
über Bundeswehr und Bündnis.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
In diesem Punkte sind wir völlig mit dem Kollegen
Möllemann einig, der das hier im Deutschen
Bundestag vor einiger Zeit auch vorgeschlagen hat.
Noch ist unser Volk — auch die junge Generation —
in seiner breiten Mehrheit von der Notwendigkeit der
Bundeswehr überzeugt. Noch ist die Mehrheit der
Jungen bereit, ihren Wehrdienst zu leisten. Diese
junge Generation darf — ich sage es noch einmal —
von uns allen nicht in eins gesetzt werden mit den
wenigen Krawallmachern, mit den wenigen Chaoten und
Aussteigern. Die meisten sind kritische junge Leute,
junge Leute, die einem zuhören, die allerdings eines
wollen — und das sage ich dem Herrn Ehmke, der
immer wieder behauptet, die CDU stelle sich nicht dem
Dialog mit der jungen Generation —, die eines spüren
wollen, nämlich daß man einen eigenen klaren
Standpunkt hat und daß man mit Argumenten überzeugen
kann. Mit Anpassung und Opportunismus ist bei der
jungen Generation — auch und gerade in
Verteidigungsfragen — nichts zu holen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Gansel [SPD]:
Deshalb haben Sie auch 70 % aller
Jungwählerstimmen gekriegt! — Windelen
[CDU/CSU]: Warten wir einmal die nächste
Wahl ab! Freuen Sie sich nicht zu früh!)
Zu diesem Dialog gehört dreierlei: einmal der Mut,
die Bedrohung ohne Übertreibung, nüchtern und
ohne Haß beim Namen zu nennen. Dazu gehören
ferner Geschichtskenntnisse,
(Zuruf von der SPD: Welche?)
und dazu gehört schließlich die Aufklärung über die
expansive Politik des Sowjetkommunismus.
Wenn Sie fragen „Welche Geschichtskenntnisse?",
kann ich nur sagen, offensichtlich fehlt Ihnen selber
der Geschichtsunterricht. Geschichte kann man
nicht — weder nach der einen noch nach der
anderen Seite — selektiv betreiben. Wir können vor
keiner Epoche der deutschen Geschichte die Augen
verschließen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es stimmt nun einmal — das muß den jungen
Leuten und nicht nur den jungen Leuten gesagt
werden —, es ist doch eine Tatsache, daß die sowjetischen
Ausgaben für Rüstung, vor allem für strategische
Waffen, in dem mit „Entspannung" bezeichneten
Zeitraum rascher als während des sogenannten kalten
Krieges gestiegen sind. Seit über einem Jahrzehnt hat
die Sowjetunion für ihre konventionelle Rüstung
doppelt soviel wie die Vereinigten Staaten ausgegeben,
und ihre Investitionen in die strategische
Nuklearrüstung waren dreimal so hoch wie die der Vereinigten
Staaten.
Ein Mann, der selbst aus der Sowjetunion kommt,
der ein führender Wissenschaftler an der Moskauer
Akademie der Wissenschaften gewesen ist,
Woslenski, hat unlängst einen Satz geschrieben, den ich für
bemerkenswert halte:
Es ist an der Zeit,
— so schreibt dieser Mann, der die Kommunisten
kennt —
zu begreifen, daß die Sowjetunion in Europa
nicht deshalb aufrüstet, weil sie sich hier
bedroht fühlt oder westliche
Abrüstungsmaßnahmen vermißt. Sie rüstet auf, weil dies ihre
Politik ist.
Ich kann nur sagen, wenn wir anfangen, dies ernst
zu nehmen, dann endlich betreiben wir eine
illusionslose Politik, statt daß wir uns — wie der Herr
Brandt noch in der letzten Woche — hier hinstellen
und wieder diese totale Illusion einer sogenannten
Null-Option an die Wand malen. Wir alle wollen
natürlich die Null-Option. Wir wollen doch keine
Raketen! Wir wollen, daß die Sowjetunion ihre Raketen
abbaut. Aber es ist doch völlig unglaubwürdig,
anzunehmen, daß sie das tun wird, zumal sie sieht, welche
Schwierigkeiten Sie in der SPD und neuerdings
auch in der FDP haben, auch nur Ihre Beschlüsse
durchzusetzen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Zu diesem Dialog gehört zum anderen das
unerschrockene Bekenntnis zur Bundeswehr und ihrem
friedenssichernden Auftrag. Meine Damen und
Herren, die Pazifisten — solche, die es redlich meinen,
und solche, die andere Motive haben — wollen
unseren jungen Leuten einreden, daß der ein besserer
Mensch oder ein besserer Christ sei, der den Dienst
mit der Waffe ablehne. Wir dagegen — und ich hoffe,
das findet die Zustimmung aller Fraktionen in
diesem Hause — müssen immer wieder betonen, daß
nicht der Pazifismus, sondern die Politik der
Friedenssicherung durch Bündnis und Verteidigung
Europa in der Nachkriegszeit vor einem Krieg bewahrt
hat, als in allen anderen Teilen der Welt 140 Kriege
stattgefunden haben. Darum müssen wir wieder und
wieder sagen: Pazifismus gefährdet den Frieden; wie
ein Sozialdemokrat, ein Professor, in einer Zeitung
geschrieben hat. Die Bundeswehr und die Soldaten
der Bundeswehr dagegen sichern den Frieden in
einer reinen Verteidigungsarmee.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Deswegen dürfen wir es nicht zulassen, daß
unseren jungen Leuten, die sich dem Wehrdienst stellen,
ein schlechtes Gewissen eingeredet wird. Sie
brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie
Dienst am Frieden und Dienst für die Freiheit tun.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Zu diesem Dialog gehört, Herr
Bundesverteidigungsminister, auch der Mut, die Bundeswehr zu
zeigen, sie nicht zu verstecken. Darum fordern wir
mit allem Nachdruck, daß bald wieder öffentliche
Gelöbnisse durchgeführt werden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wenn der Herr Verteidigungsminister Gelöbnisse
außerhalb der Kaserne allerdings durch seinen
Generalinspekteur nur ausnahmsweise und nur dann
gestattet, wenn deren störungsfreier Verlauf gesi
-
chert ist, dann bedeutet das nichts anderes, als daß
wir es in die Hand einiger Krawallmacher legen, ob
und wann noch öffentliche Gelöbnisse stattfinden
können.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Das werden wir nicht akzeptieren.
Dieser Staat darf sich doch das Gebot des
Handelns nicht von radikalen Minderheiten aufzwingen
lassen. Sonst kommt es soweit, daß sich in diesem
Staat die Überzeugung breit macht, daß man Gewalt
anwenden muß, Hausbesetzungen durchführen
muß, gewalttätig demonstrieren muß, um das Gehör
der Politiker zu finden. Soweit darf es nicht
kommen. Deswegen müssen wir das Gesetz des
Handelns in der Hand behalten und dürfen es nicht
diesen Minderheiten überantworten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir brauchen auch energische Anstrengungen zur
Wiederherstellung des Gleichgewichts, wie Sie, Herr
Bundeskanzler, das ja wiederholt zugesichert
haben: in Amerika, in Rom, in Brüssel. Was aber
geschieht in Wirklichkeit? Genau das Gegenteil! Ich
wiederhole das, was ich in den letzten Wochen
wieder und wieder gesagt habe, weil ich es beweisen
kann: Ihre Politik schwächt die Einsatzbereitschaft
der Streitkräfte.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Leider wahr!)
Daher und weil wir mit der Politik des
Verteidigungsministers nicht einverstanden sein können,
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Das kann man gar
nicht!)
findet der Verteidigungsetat unsere Zustimmung
nicht.
Herr Bundeskanzler, von Woche zu Woche wird
die tatsächliche Lage unserer Streitkräfte
offenkundiger. Sie haben sich hier vor einer Woche
hingestellt und erklärt: Die Bundeswehr ist voll bereit zur
Erfüllung ihres Verteidigungsauftrags. Nicht einmal
eine Woche später muß der Inspekteur der
Luftwaffe vor dem Untersuchungsausschuß des
Bundestages über die Auswirkungen der Streichungen
folgendes aussagen — ich zitiere —:
Die operative Führung, die operative Nutzung
unserer Streitkräfte von den zur Zeit noch
weitgehend unverteidigten Plätzen ist unter diesen
gegebenen Umständen und bei der
gewachsenen Bedrohung nicht mehr möglich.
(Jäger [Wangen] [CDU/CSU]: Hört! Hört! —
Zuruf von der CDU/CSU: Kann man das
wiederholen?)
Das ist nur ein Beispiel für viele.
Am 14. Mai, vor zwei Wochen, erklärte der
Bundesverteidigungsminister: „Wir werden mit den 155
Millionen DM mehr für Treibstoff die Kubikmeter
kaufen können, die ursprünglich im
Haushaltsansatz drin waren. Die Bundeswehr wird fliegen
können, die Bundeswehr wird üben können." So der
Herr Bundesverteidigungsminister.
Nicht einmal eine Woche danach erklärt der
Inspekteur der Luftwaffe im Untersuchungsausschuß,
wo er wahrheitsgemäß aussagen muß, daß schon im
letzten Jahr gegenüber den mit der NATO
vereinbarten 180 Stunden nur 168 Stunden geflogen
werden konnten und daß selbst unter Berücksichtigung
der zusätzlichen Mittel noch einmal eine Kürzung
von 20 bis 25 % erfolgen müsse, so daß die Piloten in
diesem Jahr im Schnitt nur 135 Stunden fliegen
können.
(Jäger [Wangen] [CDU/CSU]: Hört! Hört!)
Zum Vergleich, Herr Bundeskanzler: Belgien 175
Stunden, Kanada 243 Stunden, England 219
Stunden, Niederlande 219 Stunden, USA 198 Stunden.
Auf meine Frage an den Inspekteur der Luftwaffe,
ob er glaube, daß junge Flugzeugführer mit diesen
Flugstundenzahlen hinreichend ausgebildet werden
könnten, ob sie in der Lage sein würden, die
vorgesehene Einsatzfähigkeit zu erreichen, antwortete der
Inspekteur der Luftwaffe: „mit Sicherheit nicht".
Nun frage ich Sie, Herr Apel: Wie halten Sie es
eigentlich mit der Wahrheit vor diesem Parlament?
(Beifall bei der CDU/CSU)
Herr Bundeskanzler, ich habe mir gerade noch
einmal Ihre Abrechnung mit dem damaligen
Bundesverteidigungsminister von Hassel bei der
sogenannten Starfighter-Geschichte durchgelesen.
Dieses Dokument könnte man wirklich dem ganzen
Haus einmal zuschicken. Damals hatte übrigens der
Präsident des Hauses Anlaß, den Herrn
Abgeordneten Schmidt an den Stil des Hauses zu erinnern. Ich
zitiere, was Sie damals gesagt haben, Herr
Bundeskanzler:
Daraus darf nicht — das ist mein vierter Punkt,
und ich stimme in diesem Punkt mit Herrn von
Hassel überein —, der Schluß gezogen werden,
die Flugstunden der Piloten herabzusetzen.
Herr von Hassel hat völlig recht, wenn er sagt:
Jede geflogene Flugstunde erhöht die
Erfahrung und ist Gewähr dafür, daß die Unfallrate
gedrückt werden kann.
Nun gehen Sie unter das, was unsere jungen
Flugzeugführer noch sicher macht. Sie tragen nicht nur
für deren Leben, sondern auch für das Leben der
Bevölkerung eine hohe Verantwortung. Handeln Sie
entsprechend, Herr Bundeskanzler!
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Jenninger
[CDU/CSU]: Das interessiert den gar nicht!
Er hört gar nicht zu!)
Der Herr Bundesverteidigungsminister erzählt
uns in der letzten Woche, er habe vollkommene
Klarheit über den Verteidigungsetat geschaffen. Heute
müssen wir den Berichten der Presse wieder
entnehmen, daß die gestrichenen 200 Roland-Systeme
zu Schadensersatzforderungen von seiten der
Franzosen in Höhe von über 250 Millionen DM führen
könnten und daß — jetzt kommt das Wichtige — bis
heute von Ihrem Hause nicht geklärt werden
konnte, ob und in welcher Höhe diese Mehrforderungen
auf uns zukommen.
Herr Gansel, wie ich der Presse entnehmen
konnte, haben Sie diesen Streit mit Ihrem
Verteidigungsminister in Ihrer Fraktion ausgetragen. Er mußte
Ihnen wohl zugeben, daß da das Parlament überhaupt
noch nicht einmal eingeschaltet war. Da kann ich
nur sagen: Wenn Sie so wenig Klarheit über die
Verhältnisse in Ihrem eigenen Haus haben, Herr Apel,
dann wäre es besser, Sie gingen nicht nach Ham
-
burg, um dort einen Kandidaten zu suchen, sondern
Sie kümmerten sich um Ihr eigenes Ministerium.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Ich möchte das nicht wiederholen, was ich hier an
Einschränkungen in der Einsatzfähigkeit unserer
Streitkräfte schon einmal aufgezählt habe; aber
wenn das hier bestritten werden sollte, kann ich das
gern noch einmal wiederholen. Ich sage nur eines.
Das Schlimmste sind gar nicht die Auswirkungen
im materiellen Bereich, das Schlimmste sind die
Auswirkungen auf Ausbildungsstand und
Motivation unserer Soldaten. Wenn Fahrzeug- und
Panzerkilometer gekürzt werden, Übungen und Manöver
beim Heer zusammengestrichen werden müssen,
dann werden genau jene Probleme verschärft, die
ohnehin schon am meisten kritisiert werden,
nämlich Gammelei und Frust. Dies ist dann gerade bei
den jungen Wehrpflichtigen der Fall. Diese jungen
Wehrpflichtigen stellen sich ihrer Pflicht. Nur
wollen sie gefordert sein, und nichts schadet der
Bundeswehr in den Augen der jungen Wehrpflichtigen
mehr als sinnloses Absitzen von Zeit.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Genau dazu verurteilen Sie diese jungen Leute.
Wenn sie nicht üben können, wenn sie nicht ins
Gelände können, wächst zu Recht der Eindruck, daß sie
hier sinnlos Zeit verplempern. Auch die Qualität der
Ausbildung leidet darunter. Das wissen Sie, Herr
Bundeskanzler, und das weiß der
Bundesverteidigungsminister.
Aber dann ruft uns der Bundeskanzler vor kurzem
in einer Sitzung des Parlaments mit Stentorstimme
zu — ich zitiere:
Aber wichtiger als Geld ausgeben ist, daß man
Männer hat, die Soldat sein wollen und die ihre
Pflicht ernst nehmen.
Und in Amerika haben Sie nach einem Bericht
offensichtlich vor einem amerikanischen Kreis
ähnliches gesagt, wenn ich dem Zitat glauben darf — ich
mache diese Einschränkung, Herr Bundeskanzler,
aber es deckt sich ja mit dem, was Sie uns hier im
Parlament gesagt haben —:
Das erste, was man braucht, sind Leute. Das
zweite ist, daß man sie motiviert, das dritte, daß
sie gut ausgebildet werden, und viertens
braucht man dann noch ein paar deutsche
Mark, um ihnen Stiefel zu kaufen.
Ich kann nur sagen: Sie haben natürlich in dem
Punkt recht. Dafür haben wir Ihnen Beifall
gespendet. Es kommt auf den Menschen, es kommt auf die
Qualität des Soldaten an. Aber wie so häufig in Ihrer
Politik: Sie sagen das Richtige, und Sie tun das
Gegenteil, das Falsche. Machen Sie endlich mit dem
Ernst, was Sie sagen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Natürlich — und das sage ich in Richtung auf den
Kollegen Hoppe — muß auch die Bundeswehr
sparen. Da gibt es überhaupt keinen Zweifel. Warum
sollte die Bundeswehr davon ausgenommen
werden? Im übrigen tut sie das längst. Und natürlich
können wir nicht jeden Wunsch der Militärs und der
Techniker erfüllen. Das weiß jeder. Das gilt für alle
Fraktionen.
Natürlich weiß auch jeder im Deutschen
Bundestag, daß wir nicht ohne Rücksicht auf andere
Staatsausgaben die Verteidigungsausgaben ins Uferlose
steigen lassen können. Aber darum geht es j a schon
längst nicht mehr. Es geht darum, daß wir noch nicht
einmal das Minimum dessen leisten können, was die
Bundeswehr zur Erfüllung ihres Auftrages braucht.
Und was die Bundeswehr braucht, das entscheiden
nicht wir, das hängt nicht von unserem Belieben ab,
sondern das hängt von der Bedrohung ab, und die ist
nach Ihren eigenen Aussagen gewachsen. Deswegen
müssen Sie etwas tun, um das Gleichgewicht der
Kräfte wieder herzustellen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Mich hat es erschreckt, als ich vom Inspekteur der
Luftwaffe hören mußte — wie alle anderen
Mitglieder des Untersuchungsausschusses —, daß der
Verteidigungsminister in der Rüstungsklausur
überhaupt nicht mehr daran gedacht hat, zu fragen,
welche Folgen die Streichungen für die
Einsatzbereitschaft der Streitkräfte haben könnten.
(Neumann [Stelle] [SPD]: Das hat er so
nicht gesagt!)
Wie weit ist es mit einem Verteidigungsminister
gekommen, den das nicht mehr interessiert. Ich weiß,
was ich sage.
Niemand kann behaupten, daß sich die
Bundesrepublik Deutschland das nicht leisten könne, was zur
Gewährleistung ihrer Sicherheit erforderlich ist,
was zur Sicherung unserer Freiheit erforderlich ist.
Das Problem ist, daß Sie, Ihre Regierung, der
Freiheitssicherung bei den Staatsausgaben einen immer
geringeren Rang zugewiesen haben. Die
entscheidende Frage, die Sie immer wieder umgehen, lautet,
wie viel uns die Sicherung des Friedens und der
Freiheit wert ist.
In den Jahren Ihrer Regierung, Herr
Bundeskanzler, ist der Anteil der Verteidigungsausgaben am
Bruttosozialprodukt und am Haushalt von Jahr zu
Jahr gefallen. Gemessen am Haushalt — unseren
Gesamtausgaben —, gemessen am
Bruttosozialprodukt haben wir in der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland noch nie so wenig für unsere
äußere Sicherheit aufgewandt wie 1981. 1969 betrug
der Anteil noch 23,9 %. Niemand kann sagen, daß
damals Lebensstandard und Sozialstaatlichkeit in
Gefahr waren. Heute ist der Anteil der Ausgaben für
die Verteidigung auf 16,5 % gesunken, und das bei
gewachsener Bedrohung. Dieser Anteil ist deshalb
gesunken — das sage ich Ihnen, wissend, was ich
damit sage —, weil Sie nicht mehr den Mut aufbringen,
unserem Volk zu sagen, daß die Freiheit und der
Friede eben ihren Preis haben und daß es nicht ohne
Opfer geht.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Hier liegt der Kern Ihres Dilemmas. Sie haben
einerseits die erforderlichen Waffensysteme
beschlossen, und andererseits haben Sie den Anteil der
Staatsausgaben für Verteidigung absinken lassen.
Das ist genauso, als wenn ein Manager eines
Industrieunternehmens eine komplett neue
Fabrikeinrichtung bestellt und dafür einen bestimmten Teil
seiner Einkünfte ansetzt. Während die Maschinen
zulaufen, setzt er den Anteil der Einkünfte, den er
dafür aufwenden will, fortlaufend herab und
wundert sich am Ende, daß er die Maschinen nicht mehr
bezahlen kann. Ich kann nur sagen: Jeder Manager
einer Industriefirma, der so wirtschaften würde,
würde gefeuert. Die Schlußfolgerungen können Sie
selber ziehen, Herr Bundeskanzler.
(Zuruf von der CDU/CSU: Tut er aber
nicht!)
Um Ihnen deutlich zu machen, welche
Veränderungen wir erlebt haben, erinnere ich an den
früheren Verteidigungsminister Leber, der wenigstens ab
und zu den Mut hatte, unserem Volk dies ins
Gedächtnis zu rufen. Ich zitiere ihn: „Es ist besser,
heute mit Geld zu zahlen als morgen mit Blut." Das
waren noch Zeiten, als ein Verteidigungsminister
dem Volk noch da und dort gesagt hat, um was es
geht.
Jetzt will ich mich der letzten Frage zuwenden, die
ganz sicher wieder kommen wird: Wie haltet ihr von
der CDU/CSU es denn? Zunächst einmal, Herr
Bundeskanzler und Herr Verteidigungsminister: Sie
haben die Planung auch im Bereich der Bundeswehr
zu verantworten. Ich war vier Jahre lang
Vorsitzender des Verteidigungsausschusses. Es kam keine
Vorlage auf den Tisch, bei der wir nicht gefragt
haben: Ist das finanzierbar? Es kam keine Vorlage auf
den Tisch, bei der Sie — Herr Möllemann und
andere hier sind Zeuge — nicht geantwortet haben:
Jawohl, es ist in der mittelfristigen Finanzplanung
abgesichert.
Nun kommen Sie nicht her, nachdem Sie falsche
Prioritäten gesetzt haben, und verlangen Sie
Streichungsvorschläge von der Opposition. So haben wir
nicht gewettet. Die Verteilung der Rollen zwischen
Regierung und Opposition kann nicht darin
bestehen, daß die einen die falschen Prioritäten setzen,
Begehrlichkeiten wecken, Versprechungen machen,
für die populären Wohltaten zuständig sind, und die
Opposition hat dann gefälligst
Streichungsvorschläge zu machen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich will gar nicht alles bringen, was an Zitaten vor
mir liegt. Herbert Wehner hat 1966, damals in der
Opposition, dem damaligen Regierungschef
entgegengeschleudert: „Was ist denn das? Für wen halten
Sie uns denn? Wir sind doch anständige Leute! Wir
waschen doch nicht anderer Leute Wäsche! Sie
müssen den politischen Konkurs, den Sie erlitten haben,
und seine Begleiterscheinungen selbst
verantworten!". So hat Herbert Wehner damals geantwortet.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf des Abg.
Dr. Marx [CDU/CSU])
Helmut Schmidt sagte 1965 als stellvertretender
Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion: „Es steht
nirgendwo geschrieben, daß die Opposition dabei
helfen soll, eine Regierung aus einer Zwickmühle
herauszuholen, in die sie sich selber
hineinmanövriert hat."
(Beifall bei der CDU/CSU)
So haben Sie damals gesagt.
Wir gehen gar nicht soweit. Wie oft habe ich hier
an diesem Platz dem Verteidigungsminister Apel
und seinem Vorgänger namens der CDU/CSU
Unterstützung und Zustimmung für das in Aussicht
gestellt, was sie an nötigen und auch unpopulären
Maßnahmen tun. Sie haben das hohnlachend
zurückgewiesen. Ich könnte wirklich seitenlang
zitieren, wie Sie sich über uns mokiert haben. Wir von
der CDU/CSU haben uns doch nicht gescheut,
unpopuläre Dinge draußen zu vertreten. Wir sind für die
Verteidigung hingestanden, und dafür haben Sie uns
im Wahlkampf als „kalte Krieger" beschimpft; da
haben Sie so getan, als ob wir für den Krieg und Sie für
den Frieden seien!
(Beifall bei der CDU/CSU)
Es ist nicht Schadenfreude, was uns hier bewegt;
dafür sind die Dinge viel zu ernst. Wir sagen Ihnen
auch diesmal wieder — im Unterschied zu Ihrer
Haltung damals —: Wir sind bereit, uns für die
Sicherung der Freiheit mit Ihnen in die Verantwortung zu
stellen. Aber eines können wir Ihnen nicht
abnehmen: die Verantwortung Ihrerseits, die Vorschläge
zu machen, auf die das deutsche Volk um des
Friedens willen Anspruch hat. Sie müssen dem Volk die
Wahrheit sagen. Sie müssen für die Folgen dessen
geradestehen, was Sie angerichtet haben.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Leber: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Dr. Ehmke.
Dr. Ehmke (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Wir haben eine Haushaltsdebatte in
einer finanz- und haushaltspolitisch ungewöhnlich
schwierigen Situation. Und das ist nur ein
Vorgeschmack auf die Schwierigkeiten, die wir für 1982
haben werden.
(Zustimmung von der SPD — Zurufe von
der CDU/CSU: So ist es!)
Ich bin gestern hier im Parlament sehr
nachdenklich geworden — zumal Sie mir zurufen, Sie teilten
meine Lageeinschätzung —, als der Kollege Löffler
in dieser Debatte gesagt hat, daß er j a eigentlich in
der ganzen Debatte gestern kein Argument gehört
habe, das er nicht schon vielmals gehört habe. Er hat
auch gleich selbstkritisch hinzugefügt, auch er sage
nur das, was schon vielmals von uns gesagt worden
sei, weil sich ja ein gewisses Ritual Ihrer Vorwürfe
und unserer Antworten eingespielt hat. Meisterhaft
hat das j a heute wieder Herr Wörner getan. Nicht
ein Klischee hat bei ihm gefehlt. Er hat das hier
soeben noch einmal meisterhaft vorgeführt.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Wieso nennen Sie
das „Klischee"?)
— Ich nenne das ein Klischee, weil alle Argumente,
die er bringt, gestanzt sind. Man kann sie fast
numerieren, wie der Kollege Löffler gesagt hat. Auf die
Probleme ist er kaum eingegangen. Sehen Sie, er be
-
klagt z. B. das Anspruchsdenken. Einer der größten
Förderer des Anspruchsdenkens im militärischen
Bereich ist aber Herr Wörner selbst. Ich komme
gleich noch darauf zurück.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Dr.
Marx [CDU/CSU]: Das ist nicht Anspruch,
sondern das, was notwendig ist! Sie dürfen
die Begriffe nicht verwechseln!)
Davon, daß es eine Ölkrise gegeben hat, Herr
Kollege Marx, davon daß wir eine Weltwirtschaftskrise
haben, davon daß alle Länder — selbst Amerika, das
sehr viel reicher ist als wir — in solchen
Schwierigkeiten sind, ist bei Ihnen nicht die Rede.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist auch
gestanzt!)
— Leider sind die Ölkrise und die
Weltwirtschaftskrise nicht gestanzt, sonst würden wir z. B. nicht so
viele Millionen Arbeitslose in Europa haben. Die
sind nicht gestanzt, die sind leider bitteres Ergebnis
dieser weltwirtschaftlichen Entwicklung.
(Dr. Friedmann [CDU/CSU]: Und Ihrer
Politik!)
Ich werde Ihnen sagen, woher das kommt. Es
kommt daher — das muß ich auch dem Kollegen
Kohl, der heute morgen fehlt, sagen —, daß die CDU
es vermeidet — aus taktischen Gründen, und
taktische Gründe sind legitim —, wirklich Alternativen
darzubieten. Herr Wörner hat das soeben noch
einmal ausdrücklich abgelehnt. Mir ist auch klar,
warum. Erstens haben Sie keine Alternativen. Zweitens:
Wenn Sie diskutieren würden über Alternativen,
etwa auch über alternative Streichungen, dann
würden Sie natürlich in Ihrer Partei in eine Lage
kommen, der gegenüber sich die SPD mit allen ihren
Diskussionen fast wie ein Mädchenpensionat
ausnehmen würde, Sie müßten sich nämlich dann einmal
für eine konkrete Politik entscheiden.
(Beifall bei der SPD — Dr. Marx [CDU/
CSU]: Das hätten Sie gern!)
Es ehrt allerdings die CDU, daß es immerhin einen
Streit zwischen Herrn Geißler und Herrn Kohl
darüber gibt, ob diese CDU-Politik des
Sichverschweigens richtig ist. Ich sage Ihnen: Herr Geißler hat
recht, aber ich hoffe, daß Herr Kohl sich durchsetzt.
Das macht uns das Leben dann nämlich weiter
einfacher.
(Zuruf des Abg. Kiep [CDU/CSU])
— Wie schwierig die Opposition, Herr Kiep, die Lage
einschätzt, habe ich schon an der ungewöhnlichen
Äußerung des bayerischen Ministerpräsidenten
festgestellt, daß Herr Kohl selbstverständlich und
unbestritten der Kanzlerkandidat der CDU sei. Man
muß sich vorstellen, wie Strauß die Lage einschätzt,
wenn dieses Wort aus seinem Munde kommt.
(Kiep [CDU/CSU]: Sind das Ihre Sorgen?)
Herr Kollege Wörner hat gesagt: Die
Verantwortung liegt bei uns. Das ist richtig. Sie bleibt auch bei
uns. Aber ich sage Ihnen, daß die Debatten
(Zuruf des Abg. Dr. Jenninger [CDU/
CSU])
— wir haben doch da keine Sorgen, Herr Jenninger
— so steril sind — im Grunde war das gestern auf
weite Strecken ein furchtbarer Tag, muß ich einmal
als Parlamentarier sagen —, dann liegt das daran,
daß Sie die Oppositionsaufgabe in der Sache nicht
erfüllen.
(Beifall bei der SPD — Lachen bei der
CDU/CSU)
Daß wir draußen eine zweite
außerparlamentarische Opposition in Form der Friedensbewegung
bekommen, hat damit auch etwas zu tun. Wir sind
gewissermaßen in einer Situation, in der SPD und FDP
auch noch die Opposition selber machen müssen.
(Beifall bei der SPD — Lachen bei der
CDU/CSU)
Wir übertreiben das manchmal, aber jedenfalls ist
das auch ein Ergebnis dieser Situation. Darum gehe
ich davon aus — auch nach der Rede des Kollegen
Wörner, Herr Hoppe —, daß wir tatsächlich auch für
die größere Aufgabe, die vor uns steht, nicht nur
nicht ein Allparteiengremium bilden werden,
sondern daß wir Koalitionspartner das unter uns
werden auszumachen haben, mit den verschiedenen
Akzenten, die Sie und Herr Grobecker gestern deutlich
gemacht haben, die uns aber nicht hindern werden,
gemeinsam zu einer Lösung zu kommen.
Herr Kollege Wörner, ich will in diesem
Zusammenhang auf Fragen der Bundeswehr eingehen. Ich
meine, das liegt auch im Interesse der Bundeswehr.
Man sieht an Ihrer Rede, daß Sie eigentlich gar nicht
in Rechnung stellen, daß Sie dort einmal
Verantwortung tragen könnten. Man muß doch sehen, daß es
einfach Schwierigkeiten gibt, die sich Ihnen wie uns
stellen. Es wäre segensreich, dem Kollegen
Verteidigungsminister Apel bei der Bewältigung dieser
Probleme zu helfen, statt in vordergründiger Polemik zu
verharren.
Im Rüstungsbereich gibt es z. B. ein Problem, das
noch gar nicht in der öffentlichen Diskussion ist. Ich
war noch in der Regierung, als der Tornado
beschlossen wurde. Es gab damals eine wesentliche
Diskussion — übrigens beim Airbus auch —: kann
eigentlich Europa die Kraft aufbringen, bei der
Struktur der Luftfahrtindustrie, die wir haben, eine
eigene militärische und zivile Luftfahrtindustrie, die
mit den Amerikanern konkurrenzfähig ist, auf die
Beine zu bringen? Denn was wir jetzt hier an diesem
Flugzeug sehen, das ist ja kein Wunder: das erstemal
ein italienisch-englisch-deutsches Management, das
erstemal eine Technologie, die wir noch nie gemacht
hatten — in Deutschland nach Jahren des
Nichtflugzeugbaues —; daß da die Preise davonlaufen, das ist
keine Ausnahme. Das ist fast bei jedem Projekt
so,
(Zurufe von der CDU/CSU)
selbst in Industrien, die mehr eingeübt und unter
nationaler Führung sind. — Ja, Sie winken jetzt ab.
Aber die Einwände, die damals gemacht worden
sind, ob man dann noch das Geld für
Nachfolgeflugzeuge haben wird oder doch wieder in Amerika
kaufen muß, die Frage ist ja bis heute noch nicht
beantwortet. Darüber sollten wir doch einmal
diskutieren.
Ich weiß, daß ich auf einem anderen Gebiet — dem
der Europaraketen — von Ihnen als
Forschungsminister sehr kritisiert worden bin, als ich das
abgebrochen habe, da man die in Amerika von der Stange
kaufen kann und in Japan inzwischen auch,
während das bei uns im wesentlichen ein Instrument der
Ozeanforschung geworden war, weil die jahrelang
immer wieder in die See fielen. Da muß man sich
sehr genau überlegen, was Europa dann auf dem
Rüstungssektor wirklich alleine machen kann. Diese
Frage sollten Sie diskutieren, statt nur gegen Apel
zu polemisieren.
Die zweite Frage ist — da hat der Kollege Wörner
recht —: wir haben natürlich auch mit einigem
Erstaunen gesehen, das wird ja noch zu prüfen sein,
daß angeblich ein Staatssekretär einen Vertrag über
die „Roland" geschlossen hat. Auch dort müssen wir
fragen: reicht das Haushaltsrecht, das wir haben,
aus? Müssen im Haushaltsrecht Änderungen
gemacht werden? Herr Kiep, ich stimme Ihnen zu: das
Parlament — da werden Sie ja sicherlich auf
unserer Seite sein — kann natürlich nicht hinnehmen,
daß das Haushaltsrecht verletzt wird, ohne daß das
Folgen hat. Da sind wir uns einig. Das wird jetzt zu
klären sein.
Wir haben dann eine dritte Frage, die bisher mehr
von den Soldaten als von den Politikern diskutiert
wird, nämlich ob wir nicht bereits eine technisch
überzüchtete Waffengeneration haben und ob wir
nicht für die Einsatzbereitschaft von Material und
Soldaten, für die Einsatzbereitschaft der
Bundeswehr von der hochtechnisierten Rüstung weggehen
müssen, nicht nur aus finanziellen Gründen,
sondern auch wegen der Einsatzfragen. Ich nenne nur
diese drei Fragen im Bereich der Rüstung. Nicht ein
Wort von Herrn Wörner zu diesen Fragen, die die
Bundeswehr noch auf Dekaden beschäftigen wird
und die anderen europäischen Armeen auch.
(Beifall bei der SPD)
Das finde ich schade für unsere Diskussion. An den
eigentlichen Problemen, vor denen dieses Haus
steht, Herr Kollege Wörner, gehen Sie vorbei.
Nun hat Herr Kollege Wörner mit Recht gesagt —
das hat aber auch die Bundesregierung gesagt, und
das hat die SPD in ihrer Erklärung gesagt —: auch
bei knapper Haushaltslage muß die
Funktionsfähigkeit der Bundeswehr erhalten werden. Herr Wörner,
da bin ich Ihrer Meinung. Ich teile auch Ihre Sorgen
in bezug auf Ausbildung. Wenn Zeiten der
Ausbildung, z. B. des Fliegens und des Fahrens ausfallen,
führt das zu Problemen. Das sehe ich genauso wie
Sie.
Nur — da muß ich wieder Herrn Hoppe recht
geben —: es geht natürlich nicht so, daß wir im
Bundeswehrbereich so tun, als ob die Haushalts- und
Finanzlage ohne Auswirkung auf diesen Bereich
bleiben kann. Auch dort muß man sich ans Abspecken
gewöhnen. Ein Haushalt von 42 Milliarden DM muß
auch Luft darin haben, um zu improvisieren. Da
werden eben auch die Soldaten, die Beamten des
Verteidigungsministeriums sich auf manche größere
Schwierigkeit einstellen müssen, wie in anderen
Bereichen auch.
Herr Kollege Wörner, sehen Sie einmal die
britische Regierung, die gestern in eine noch schwierige
Lage gekommen ist, weil die Voraussagen aller vier
Institute für sie schlicht verheerend sind. Es gibt
dort jetzt über 2,5 Millionen Arbeitslose, und man
sagt einen weiteren und schnelleren Anstieg voraus.
Frau Thatcher hat eine Art Aufstand im eigenen
Kabinett. Was macht sie? Sie nimmt, als konservative
Regierung drastische Streichungen im
Verteidigungsbereich vor gegen den Widerstand des
Marineministers, gegen den der Marine.
Herr Wörner, ich hoffe nicht, Sie dahin verstehen
zu müssen, daß Ihre Empfehlung für unseren
Haushalt 1982 lautet, daß man das Anspruchsdenken auf
der Hardthöhe noch fördern soll, und daß Sie
meinen, wir machen es etwa wie der amerikanische
Präsident: Tiefe Einschnitte im Sozialbereich, und beim
Verteidigungshaushalt draufsatteln. Wenn Sie das
meinen, dann kommen Sie bitte her und sagen Sie
das. Wir meinen das nicht.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Theo Sommer, den Sie als Sachverständigen
sicher nicht weniger schätzen als ich, hat auf der
letzten Sitzung der Trilateralen Kommission in
Washington — ich nehme an, Sie waren dabei, Kollege
Kiep — etwas sehr Interessantes dazu gesagt. Er hat
gesagt: Man muß gerade in der europäischen Lage,
in der Grenzlage zu Osteuropa und zum
Sowjetbereich sehr genau abschätzen, was für die Stabilität
dieses Landes und was für die Stabilität in Europa
das richtige Gleichgewicht zwischen sozialen
Ausgaben und Verteidigungsausgaben ist. Verlust
gesellschaftlicher Stabilität und gesellschaftlichen
Konsenses könne durch noch so hohe
Verteidigungsausgaben nicht ausgeglichen werden.
(Beifall bei der SPD)
Herr Kollege Wörner, Sie sagen immer: Da muß
man Mut haben; da muß man Mut haben. Sicher,
man muß in der Politik auch Mut haben. Aber bei
Ihnen hätte uns zunächst einmal, bevor Sie Mut haben,
interessiert, was Ihre Analyse ist und was Ihre
Stellungnahme in der Sache ist. Sie haben sich heute
wie immer in Anklagen erschöpft. Wir haben nicht
einen einzigen konkreten Vorschlag von Ihnen
gehört.
Und jetzt, Herr Kollege Wörner — wenn Sie einen
Augenblick zuhören könnten —, komme ich zu
einem Punkt, der mir besonders am Herzen liegt. Daß
Offiziere und Beamte des
Verteidigungsministeriums, daß die Chefs der Teilstreitkräfte in einer
solche Haushaltssituation versuchen, einen möglichst
großen Teil des Kuchens für ihren Bereich zu
bekommen, ist das Normale in allen Steitkräften der
Welt. Das ist sogar keine Spezialität der westlichen
Demokratien. Das ist im Ost-Block nicht anders.
Aber, Herr Kollege Wörner: Die Soldaten müssen
sich gegenüber ihrer politischen Führung äußern.
Einreißen zu lassen, daß Soldaten sich — inzwischen
teilweise schon auf unterer Ebene — über die
Einsatzfähigkeit der Bundeswehr und über die
politischen Folgen öffentlich äußern, heißt, die Armee der
politischen Führung entgleiten zu lassen und die
Disziplin der Armee aufzugeben.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Vizepräsident Leber: Herr Kollege Ehmke,
erlauben Sie eine Zwischenfrage des Herrn
Abgeordneten Wörner?
Dr. Ehmke (SPD): Ich will, da es noch etwas dicker
kommt, erst zu Ende sprechen und ihm dann gerne
die Möglichkeit zu einer Frage geben.
Sehen Sie, Herr Kollege Wörner: Ich halte das
nicht für in Ordnung, was die CDU auf der
Hardthöhe macht: Diese Mischung von Indiskretionen an
die Presse, dann aufgegriffen im
Untersuchungsausschuß, darauf dann eine Erklärung der Opposition —
das ist weder ein Ruhmesblatt für Beamte und
Soldaten des Verteidigungsministeriums, die sich
gegenüber der politischen Führung illoyal verhalten,
noch ein Ruhmesblatt für die Opposition, die sich
dies in ihrer Auseinandersetzung mit Apel zunutze
macht.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Mit einem Teil der Militärs diesen Angriff zu
machen, ist keine geistige Führung. Das ist eine
geistige Verführung. Und ich sage noch einmal: Das
stellt die politische Führung der Bundeswehr, ganz
egal, wer regiert, in Frage. Sie sollten sich daher in
einer stillen Stunde fragen, ob Sie für diese
Kampagne gegen meinen Freund Hans Apel nicht einen
viel zu hohen institutionellen Preis zahlen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Vizepräsident Leber: Herr Kollege Ehmke,
erlauben Sie jetzt eine Zwischenfrage des Herrn
Abgeordneten Wörner?
Dr. Ehmke (SPD): Gern.
Vizepräsident Leber: Bitte sehr.
Dr. Wörner (CDU/CSU): Es gibt sicher manches,
worüber wir in dieser Beziehung einig sind. Aber ich
habe zwei Fragen an Sie. Zum einen: Sind Sie sich
dessen bewußt, daß der Inspekteur der Luftwaffe
vor dem Untersuchungsausschuß des Deutschen
Bundestages unter der verfassungsmäßigen Pflicht
steht, die Wahrheit zu sagen, daß er sogar unter der
Drohung der Vereidigung steht, daß er von dem
Vorsitzenden auf die Strafbarkeit von Falschaussagen
ausdrücklich hingewiesen wird? Und glauben Sie
nicht, Herr Ehmke — das ist meine zweite Frage —,
daß das, was Sie an Loyalitätspflichten von den
Offizieren fordern — wie ich finde: zu Recht —, nicht
auch die Loyalitätspflicht des Vorgesetzten, in
diesem Fall des Ministers, einschließt, die Wahrheit zu
sagen und seine Leute nicht in Gewissenskonflikte
zu treiben?
(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU)
Dr. Ehmke (SPD): Herr Kollege Wörner, die zweite
Frage — —
Vizepräsident Leber: Augenblick, Herr Kollege
Ehmke! Augenblick!
Dr. Ehmke (SPD): — — hätten Sie gar nicht zu
stellen brauchen, weil Sie wissen, daß ich sie ebenso wie
Verteidigungsminister Apel mit Ja beantworte. Aber
zum ersten: — —
Vizepräsident Leber: Augenblick, Herr Kollege
Ehmke. — Herr Kollege Wörner, es ist im Bundestag
nicht unüblich, daß man die Antwort in stehender
Haltung entgegennimmt.
(Zuruf von der SPD: Der hat kein Beneh
-
men, der Mann! — Weitere Zurufe von der
SPD)
Dr. Ehmke (SPD): Er darf aber rühren. —
(Dr. Wörner [CDU/CSU]: Er rührt schon!)
Herr Kollege Wörner, die zweite Frage beantworte
ich — ich wiederhole es — genauso mit Ja, wie mein
Kollege Hans Apel sie mit Ja beantwortet; es war
eine rhetorische Frage. Von Herrn Obleser, der j a in
Ibiza auf Urlaub ist, habe ich gar nicht gesprochen,
und zwar nicht nur deshalb nicht, weil er in Urlaub
ist, sondern weil ich der Meinung bin, daß das dort
oben geklärt werden soll. Ich rede über die
wochenlange Kampagne, die im Gange ist
(Zuruf des Abg. Dr. Wörner [CDU/CSU])
— den Fall Obleser bringen Sie herein — und die
aufhören muß. Sie machen dort oben weit mehr
kaputt,
(Wehner [SPD]: Das wollen sie auch!)
als die taktischen, parteipolitischen Vorteile aus der
Kampagne für Sie wert sind.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Leber: Herr Kollege Ehmke,
erlauben Sie eine weitere Zwischenfrage des Herrn
Abgeordneten Würtz?
Dr. Ehmke (SPD): Ja, bitte.
Würtz (SPD): Herr Kollege Professor Ehmke,
(Oh-Rufe bei der CDU/CSU)
habe ich Sie richtig verstanden, daß Sie diese
Kampagne auch deshalb mißbilligen, weil Ihnen aus dem
Tornado-Untersuchungsausschuß bekannt ist, daß
Inspekteure der Teilstreitkräfte bei Wehrübungen
von Abgeordneten mit denen lange Gespräche
führen?
(Lachen und Zurufe von der CDU/CSU)
Dr. Ehmke (SPD): Also, ich halte es eher für etwas
Normales, daß die Gespräche führen.
(Abg. Würzbach [CDU/CSU] meldet sich zu
einer Zwischenfrage)
— Herr Kollege Würzbach, ich will jetzt hier in
meiner Rede weitermachen und mich hier nicht in den
Untersuchungsausschuß „einhängen". Der
Untersuchungsausschuß ist ein legitimes parlamentarisches
Instrument; darum geht's hier nicht.
Jetzt komme ich zum zweiten Punkt, Herr Kollege
Wörner. Sie haben hier davon gesprochen, daß Hans
Apel in der Frage des Gelöbnisses Krawallmachern
nachgegeben hätte. Der ha t's ja wirklich schwer, ich
habe ihm nämlich das Gegenteil vorgeworfen. Ich
habe ihm gesagt, daß er unter dem Druck von
Bremen das zentrale öffentliche Gelöbnis mit einer
Sturheit forciert habe, die die Sache nicht besser
gemacht hat. Also, eins von beiden kann ja nur
stimmen. Da im Zweifelsfall — ich spreche hier j a für
mich — ich recht habe — das muß nicht sein —, bin
ich also der Meinung, daß Sie mit ihm insofern ganz
zufrieden sein müßten.
(Dr. Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU]:
Ehmke hat unrecht!)
— Also, Herr Mertes sagt, ich habe unrecht; ich
werde mich dem Urteil beugen. Jedenfalls, den
Vorwurf können Sie Apel nicht machen.
Die Debatte zur Tradition auf der Hardthöhe, an
der auch der Kollege Dallmeyer aus den Reihen der
Union teilgenommen hat — Sie selbst waren nicht
anwesend —, fand für meine Begriffe zu spät statt,
gleichwohl war es eine sehr interessante Debatte.
Herr Marx und Herr Wörner, nun lassen Sie auch
in dieser Frage doch einmal die Klischees beiseite.
Es geht doch um folgendes: Sie reden immer über
Tradition „an sich", über Soldat „an sich", über Staat
„an sich"; das ist eines der Hauptprobleme der
Traditionspflege der Bundeswehr. Die Bundeswehr ist
nicht schuld daran, daß es für sie sehr schwierig ist,
an die Tradition beispielsweise der Wehrmacht
anzuknüpfen, die von den Nazis, wie wir durch neue
historische Forschungen wissen, in noch viel
furchtbarerer Weise mißbraucht worden ist, als wir bis vor
ein paar Jahren gewußt haben. Ich erinnere nur an
das Buch von Krausnigk; das ist heute doch ganz
unbestritten. Das Militärgeschichtliche
Forschungsamt in Freiburg selbst arbeitet ja auf dem Gebiet.
Ich nenne als ein Beispiel den Kommissarerlaß und
die Rolle der Wehrmacht. Es ist für die Bundeswehr
auch schwierig, an die Reichswehr mit ihrer
problematischen Lage in der Weimarer Demokratie oder
an monarchische Heere anzuknüpfen. Sie ist daher
ausgewichen — ich sage jetzt nicht: die da oben —,
wir alle sind ein bißchen mit ausgewichen, nach
zunächst guten Ansätzen sind wir ausgewichen auf
eine „soldatische Tradition an sich". Wenn Sie sich
z. B. einmal — der Bundeswehrverband möge es mir
verzeihen, weil er sich inzwischen davon distanziert
hat — die Todesanzeige für Dönitz in der Zeitung
des Bundeswehrverbandes angucken, dann stellen
Sie fest, daß sie geradezu klassisch für die
Auffassung „Der Soldat an und für sich" ist.
Nun ist das nicht nur falsch für die
Traditionspflege, Herr Wörner. Meine große Sorge ist vielmehr —
ich bitte Sie, die ernstzunehmen —, daß wir damit
die Legitimation der Bundeswehr und ihres
Auftrags in Frage stellen. Das ist der eigentliche
Kernpunkt der Traditionsdiskussion.
(Beifall bei der SPD)
— Herr Mertes, schütteln Sie nicht voreilig den
Kopf; am Ende werden Sie mir zustimmen.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Die Legitimation der
Bundeswehr besteht in ihrem Auftrag, in
ihrer friedenssichernden Rolle!)
Diese Bundeswehr, Herr Kollege Marx, bezieht ihre
Legitimation daraus, daß sie nicht einen „Staat an
sich", sondern daß sie nach Hitler eine deutsche
Demokratie verteidigt; das ist die Legitimation der
Bundeswehr.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wenn Sie mit jungen Leuten diskutieren und sie
fragen: Wofür steht ihr ein?, dann sagen sie ja doch
auch: für die Freiheit. Sie meinen auch, wir müßten
gegenüber pazifistischen Strömungen noch stärker
betonen, daß man für die Freiheit eintreten muß.
Wenn das aber so ist, wenn die
Existenzberechtigung und der Auftrag der Bundeswehr von der
Demokratie, von der demokratischen Aufgabe dieses
Staates Bundesrepublik Deutschland nicht zu
trennen sind, dann muß auch die Traditionspflege in den
Dienst dieser Legitimation gestellt werden, d. h. sie
darf nur demokratische Traditionen fördern.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Es ist auch nicht wahr, daß Hans Apel gesagt hat,
er lasse die öffentlichen Gelöbnisse sein. Im
Gegenteil. Wir sind der Meinung — es sind nicht alle einer
Meinung, aber die Mehrheit bei uns ist dieser
Meinung —, wir brauchen öffentliche Gelöbnisse. Sie
müssen öffentlich sein; sie können auch in Kasernen
öffentlich sein.
(Zuruf von der CDU/CSU: Ach so!)
— Aber natürlich! Viele haben schon bisher in
Kasernen stattgefunden. Oder wollen Sie die Bürger
von den Kasernen fernhalten? Gelöbnisfeiern
können auf dem Marktplatz, aber auch in den Kasernen
stattfinden. Beides ist richtig. So wurde es auch
formuliert.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Aber nicht einseitig,
nicht verkriechen!)
Wir sagen aber: Dies ist nicht ein Tag, an dem wir
den Zapfenstreich aufführen — Herr de Maizière,
der im Gegensatz zu mir ein alter Soldat ist, hat doch
völlig recht, wenn er sagt, daß der Zapfenstreich
beim Gelöbnis überhaupt nichts zu suchen hat.
(Sehr richtig! bei der SPD)
Es handelt sich beim Gelöbnis um eine
Verpflichtung des Wehrpflichtigen. Der Wehrpflichtige ist ein
Mann, dem gesagt wird: Du gehst jetzt für eine
gewisse Zeit aus deinem Zivilleben heraus in die
Bundeswehr und nimmst dabei auch manche Nachteile
hin. Aber du gehst dabei nicht in irgendeinen
Apparat, der mit der Demokratie nichts zu tun hat,
sondern du tust als demokratischer Staatsbürger deine
Pflicht für diesen demokratischen Staat. Wir wollen
als demokratische Bürger, als Vertreter der Städte
und von Parteien und Verbänden auch dabeisein.
Und es wäre sehr viel besser, bei solchen
Gelegenheiten Diskussionen mit Jugendverbänden — auch
mit pazifistischen Jugendverbänden — zu führen,
als in großen Galauniformen mit Fangschnüren zu
kommen und Zapfenstreich zu spielen. Darum geht
es.
(Beifall bei der SPD)
Herr Wörner, bauen Sie sich bitte nicht mit
Worten wie „Mut" und „Festhalten an Traditionen" den
Zugang zur jungen Generation zu. Es ist richtig, ein
großer Teil der jungen Generation — Herr Wörner
hat insoweit recht — sagt: Jawohl, ich erfülle meinen
Auftrag als Verteidiger. Es gibt aber auch eine ganze
Menge junger Leute, die nicht uninteressant für uns
sind — es ist eine Minderheit, aber keine
uninteressante —, die anders denken. Wir dürfen die
Bundeswehr nicht durch falsche Traditionspflege in einen
Ruf und in eine Situation bringen, in der die
Diskussion mit diesen kritischen jungen Leuten, die die
Bundeswehr auch braucht, noch schwerer wird, als
sie ohnehin schon ist.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Deshalb nützt uns die Polemik, die Sie bringen, gar
nichts. Was uns nützt, ist die Öffnung, die Hans Apel
auf der Hardthöhe eingeleitet hat.
Die Bundeswehr bedarf unser aller
Aufmerksamkeit und unserer Hilfe. Sie bedarf auch unserer
Kritik. Das gilt auch für das finanzielle Verhalten. Es
kann nicht so sein, daß von seiten der Bundeswehr
— Herr Hoppe hat in dieser Hinsicht völlig recht —
nur gesagt wird, was man zu brauchen meint, und
daß dann geliefert wird. Das kommt natürlich gar
nicht in Frage.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Sie müßten im
Verteidigungsausschuß sein, um zu wissen, wie
falsch diese Behauptung ist!)
All das hat sorgfältig durchgeguckt und besprochen
zu werden. Die Entscheidung darüber liegt bei der
politischen Führung. Sie hat auch die
Verantwortung zu tragen. Zu diesen Regeln sollten wir
gemeinsam zurückkehren.
(Beifall bei der SPD)
Ich möchte jetzt noch einen Moment auf die
Ausführungen des Herrn Kollegen Zimmermann
eingehen, der im Augenblick nicht im Saale ist.
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
— Entschuldigung! Herr Zimmermann, wie konnte
ich Sie übersehen? Ich komme auf die Frage der
Waffenexporte zu sprechen. Die SPD hat erklärt, die
FDP hat auf ihrem Kölner Parteitag erklärt, der
Bundeskanzler hat ebenfalls erklärt: Wir bleiben bei
einer restriktiven Waffenexportpolitik.
(Dr. Mertes [Gerolstein] [CDU/CSU]: Wir
auch!)
Wir bleiben auch dabei, Beschäftigungspolitik kann
kein Motiv für eine Ausdehnung des Waffenexportes
sein. Herr Mertes sagt: Die CDU vertritt dies auch.
Herr Kollege Zimmermann, dann würde ich doch
etwas vorsichtiger über das reden, was derzeit im
Verhältnis zu den Saudis geschieht. Gestern ist hier
eingehend dargelegt worden, daß jene Meldung,
angeblich würden wir von den Saudis keine Kredite
mehr erhalten, es sei denn, wir würden Waffen
liefern, eine Falschmeldung ist. Der Finanzminister
hat hier sehr erregt gefragt, wer hier eigentlich
daran arbeitet, mit Falschmeldungen einerseits die
deutsche Kreditwürdigkeit und andererseits die
Vertrauenswürdigkeit der Saudis in Frage zu
stellen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Dies ist doch eine Beleidigung gegenüber den
Saudis. Praktisch wird ihnen unterstellt, daß sie uns
erpressen wollen. Gestern ist diese Falschmeldung
ausgeräumt worden. Sie wiederholen sie heute so,
als ob das gestern gar nicht klargestellt worden
wäre. Der Herr Bundeskanzler hat vor seiner Reise
nach Riad und nach seiner Reise nach Riad gesagt:
Es sind keine Versprechungen gemacht worden; es
sind keine Erwartungen geweckt worden. Es ist
gesagt worden: Nach unseren Grundsätzen geht es
jetzt nicht. — Sie stellen sich hier aber hin und tun
so, als ob dies nie gesagt worden wäre. Was soll das
denn? Ich werde Ihnen etwas sagen: Ich bin sehr
kritisch in der Hinsicht, wie diese Debatte begonnen
hat. Ich bin der Meinung, sie muß bald
abgeschlossen werden, denn sie schadet uns, sie schadet den
Israelis, und sie schadet den Saudis.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Herr Zimmermann, Sie stellen sich nun aber hin
und greifen den Kanzler wegen Israel an. Sie haben
ihn doch heute angegriffen und gesagt, daß er Fehler
gemacht hätte.
(Dr. Riedl [München] [CDU/CSU]: Das hat
er doch!)
— Aber Herr Kollege, ich habe noch sehr gut und
positiv im Ohr, was Ihr Fraktionsvorsitzender, der
Kollege Kohl, zu den Äußerungen von Herrn Begin
gesagt hat.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Seiters
[CDU/CSU]: Das sind doch ganz verschie
-
dene Paar Schuhe!)
— Dann darf ich hier festhalten, daß Sie mit den
Äußerungen von Herrn Zimmermann davon nicht
abrücken wollten. Wenn das klargestellt ist, bin ich
zufrieden. Dann werden Sie mir auch zustimmen,
wenn ich in aller gebotenen Zurückhaltung sage: Ich
kann es im Interesse des deutsch-israelischen
Verhältnisses nur bedauern, wenn der israelische
Ministerpräsident die deutsch-jüdische Geschichte als
Instrument gegen die Nahostpolitik der EG und im
Grunde als Wahlkampfmittel einsetzt. Ich kann das
nur bedauern. Mehr, glaube ich, an Kritik steht mir
nicht zu. Ich freue mich darüber, daß das Haus in
dieser Frage offenbar einer Meinung ist.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Das Stichwort Nahost, Herr Kollege
Zimmermann, bringt uns auch zum 01. Da haben Sie nun
zum soundsovielten Male etwas über die
Kernenergie erzählt, was gar nicht stimmt. Ich darf Ihnen
zunächst einmal sagen: Es gibt — bis auf Wyhl, jetzt in
der zweiten Instanz — keinen Stopp bei einem
Kernkraftwerk.
(Gerstein [CDU/CSU]: Nordrhein-Westfa
len!)
— Ich werde Ihnen etwas sagen: Die Kollegen, die in
Nordrhein-Westfalen auf dem Gebiet tätig sind —
und das bin auch ich —, haben ein ganz anderes
Problem, nämlich daß die Elektrizitätsversorgungsun
ternehmen so viele Standorte für Kernkraftwerke
reserviert haben, daß die Gemeinden inzwischen
wissen möchten, für welche Standorte denn auch
Bauanträge gestellt werden sollen. Dort, wo ein
Antrag gestellt worden ist, z. B. von den VEW in Lingen,
läuft die Sache doch. Was soll hier also die
Hysterie?
(Seiters [CDU/CSU]: Lingen ist in
Niedersachsen!)
— Es ist ein VEW-Antrag für Niedersachsen.
(Seiters [CDU/CSU]: Bei einer CDU-
Landesregierung!)
— Es läuft auch in Nordrhein-Westfalen alles. Herr
Jochimsen hat das neulich hier dargestellt. Es wird
doch nicht davon richtiger, daß Sie zehnmal das
Falsche sagen.
Wir sollten helfen — und die Bayern mit —, daß
wir mit dem gemeinsamen Beschluß der
Ministerpräsidenten und des Kanzlers in der Entsorgung
weiterkommen, daß wir in der Frage der
Aufschließung von Gorleben weiterkommen — da ist die erste
Stufe abgeschlossen —, daß wir weiterkommen in
der Frage Entsorgung mit Wiederaufarbeitung oder
aber Endablagerung ohne Wiederaufbereitung. Das
muß jetzt vorangetrieben werden. Die Politik liegt
fest. Sie ist von der Enquete-Kommission dieses
Hauses mit den Stimmen der Koalition und den
Stimmen aller Sachverständigen, leider gegen die
Stimmen der Kollegen von der Opposition, bestätigt
worden.
Es ist doch auch Demagogie, zu sagen, daß uns
Kernenergie allein vom 01 freimachen könne.
(Dr. Zimmermann [CDU/CSU]: Nicht allein,
aber mit!)
— Aber, Herr Kollege, wir haben doch gerade den
Bau von Ölkraftwerken verboten. Wir wollen Ol
nicht mehr in der Stromerzeugung haben. Wir sind
dort, wo wir noch 01 verwenden — in Bayern ist das
besonders viel, wie Sie vermutlich wissen werden —,
dabei, das auszuschließen. Der entscheidende
Bereich für den Ölersatz ist der Wärmemarkt. Dafür
kann auch Elektrizität — über Speicherheizung —
eine Rolle spielen, aber das Entscheidende ist das
Energiesparen. Wichtig ist auch, daß Herr
Stoltenberg, Ihr CDU-Kollege, endlich seinen Widerstand
gegen das gemeinsame Bund-Länder-Programm
zum Ausbau der Fernwärme aufgibt. Damit kämen
wir weiter. Das hätte einen viel größeren Effekt in
bezug auf das Öldefizit als die Kernenergie.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Im übrigen, Herr Kollege Zimmermann, müssen
Sie, wenn Sie über das Zahlungsbilanzdefizit reden,
natürlich wissen, daß wir unser Uran, das
Natururan wie das angereicherte Uran, genauso im
Ausland kaufen müssen wie das Öl. Ich gebe allerdings
zu, Herr von Bennigsen, der Chef der VEBA, hat
neulich in einem sehr interessanten Vortrag darauf
hingewiesen, daß Uran einen großen Vorteil hat:
Man kann es mit relativ wenig Raum- und
Kostenaufwand lagern. Das ist sicher etwas, was man
stärker in Berücksichtigung ziehen muß. Aber bitte tun
Sie nicht so, als ob hier der Grund für unsere
Zahlungsbilanzdefizite läge. Lassen Sie uns das
Programm, das wir energiepolitisch beschlossen haben,
weitermachen, dann wird das auch in Ordnung
gehen.
Noch eine Bitte: Es ist schwer genug, den
amerikanischen Freunden zu erklären — wie es der
Wirtschaftsminister getan hat, wie es der Bundeskanzler
getan hat —, was es mit dem Erdgasgeschäft mit der
Sowjetunion, an dem nicht wir allein beteiligt sind,
auf sich hat. Sie kennen die Zahlen wie ich. Für die
Bundesrepublik bedeutet es, wenn es zustande
kommt, daß der Anteil der Sowjetunion an unserem
Erdgasverbrauch auf etwa 30 % steigt. Von der
gesamten Primärenergie sind das 5 %. Es ist Ihnen in
diesem Hause schon vorgetragen worden, welche
Vorrichtungen man schaffen kann, damit man auch
hinsichtlich dieses geringen Quantums nicht in eine
Abhängigkeit kommt, die wir nicht wollen. Daher ist
es falsch, polemisch, ja demagogisch, hier das Wort
„Russengas" zu benutzen, als ob da irgend etwas
Schmutziges gemacht würde, wozu ein anständiger
Mensch eigentlich nein sagen müßte. Wenn Sie
dagegen sind, dann gehen Sie einmal zur deutschen
Wirtschaft und sagen ihr, daß Sie dagegen seien. Wir
werden dieses Projekt weiter vertreten.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Herr Kollege Wörner, ich darf zum Schluß auf Ihr
Bekenntnis zu einer gemeinsamen Politik der
Friedenssicherung eingehen. Es wäre gut, wenn wir das
konkreter diskutieren könnten. Ich hoffe, daß die
Bemühungen von Herrn Kollegen Mertes und mir,
im Auswärtigen Ausschuß zu etwas konkreteren
Debatten zu kommen, irgendwann einmal von Erfolg
gekrönt sein werden. Ich bin z. B. der Meinung, daß
das Papier, das unser Kollege Dohnanyi zur
Sicherheitspolitik geschrieben hat, sicher auch für CDU-
Kollegen eine interessante Ausgangsbasis für eine
gründlichere Diskussion wäre.
Wir haben eine Bitte. Das Problem für uns ist doch
im Augenblick, den Bundeskanzler, der zusammen
mit dem Außenminister die amerikanische
Administration dazu gebracht hat zu sagen: „Jawohl, es
wird verhandelt!", darin zu unterstützen, zu
Vorschlägen von westlicher Seite zu kommen, die als
seriöses Verhandlungsangebot angesehen werden.
Wir dürfen da nicht nachlassen. Denn wie Herr
Kollege Wörner richtig sagt, ist in der
amerikanischen Administration noch vieles umstritten. Was
mit SALT geschieht, wissen die noch nicht. Sie
wissen, sie wollen es irgendwie weitermachen, sie
wissen aber noch nicht, was ihre Verhandlungsposition
dabei ist. Da muß Europa weiter drücken. Den
heutigen Morgennachrichten entnahm ich, daß ein
Angehöriger des State Department in Washington gesagt
habe, er wolle erklären, daß es bei der Frage der
Verhandlungen nicht allein auf die Wünsche der
Europäer ankommen könne. Das ist in Ordnung. Aber
umgekehrt gilt natürlich auch, daß Europa bei der
gemeinsamen Politik des Bündnisses nicht allein
auf die Schwierigkeiten der amerikanischen
Administration Rücksicht nehmen kann, eine Politik
auszuformulieren.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Der Kanzler und der Außenminister haben j a
wohl keinen Zweifel darüber gelassen, was für uns
die „Verhandlungsseite" bedeutet. Diejenigen, die
die Situation in Europa kennen, wissen es auch aus
eigener Auschauung. Ich bin der Meinung, wir
müssen jetzt ohne viel Heckmeck, ohne viel Hin und Her
zu Verhandlungen und zu vernünftigen
Verhandlungsangeboten kommen.
Ich würde mich freuen, wenn die Opposition in der
Unterstützung einer solchen Politik zeigen könnte,
daß auch sie beide Elemente der NATO-Politik trägt:
die der Sicherheit und der Verteidigung ebenso wie
die der Entspannung und des Dialogs.
(Kiep [CDU/CSU]: Was soll diese
Bemerkung, Herr Ehmke?)
Wenn man heute Herrn Wörner und Herrn
Zimmermann gehört hat, dann waren dort die Akzente —
um es höflich zu formulieren, Herr Kollege Kiep —
sehr einseitig gesetzt. Daß das bei Ihnen anders ist,
weiß ich nicht nur, Herr Kollege Kiep, ich schätze es.
Wenn ich das aber sage, stört es Sie, wie ich sehe.
(Heiterkeit bei der SPD)
Vizepräsident Leber: Herr Kollege Ehmke,
erlauben Sie eine Zwischenfrage des Herrn
Abgeordneten Mertes?
Dr. Ehmke (SPD): Gerne.
Dr. Mertes (Gerolstein) (CDU/CSU): Herr Kollege
Ehmke, können Sie dem Hohen Hause bestätigen,
daß es seit Jahren keine einzige
abrüstungspolitische Position der Bundesrepublik Deutschland in
den zuständigen Gremien gibt, die die Opposition
nicht mit vertritt? Wollen Sie bitte dem Hohen
Hause diejenigen Positionen der Bundesregierung
einmal erläutern, gegen die die SPD mit namhaften
Namen aufgetreten ist?
Dr. Ehmke (SPD): Also, Herr Kollege, ich will jetzt
nicht alle Punkte der Entspannungspolitik
aufzählen, gegen die Sie gestimmt oder bei denen Sie sich
enthalten haben. Ich will jetzt nicht darauf
eingehen; das hat doch keinen Zweck. Ich will Ihnen ein
Beispiel aus den letzten Tagen bringen, um
klarzumachen, was ich meine. Der Kollege Brandt fährt
nach Moskau.
(Zuruf von der CDU/CSU: Warum denn? —
Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
— Sehen Sie, da fängt es schon an! Das ist doch sehr
interessant. Sie sind zwar für den Dialog,
(Zuruf von der CDU/CSU: Nicht hinter dem
Rücken des Kanzlers!)
Sie sind auch dafür, daß Entspannungspolitik
gemacht wird; aber wenn nun der Kanzler
(Dr. Jenninger [CDU/CSU]: Beschimpft
wird!)
dem Vorsitzenden der SPD den Rücken für seine
Reise stärkt und der Außenminister sagt: Es ist in
dieser schwierigen Situation sehr gut, auf
Verhandlungsbereitschaft drüben hinzuwirken, bevor noch
Herr Breschnew der Einladung nach Bonn folgt,
dann geht von Ihrem Lager und von der rechten
Presse ein Geheule los, als ob man die Krätze kriegt,
wenn man nach Moskau fährt. Herr Mertes, Sie
waren länger da und haben auch keine bekommen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Das, Herr Kollege Mertes, meine ich. Heute war in
beiden Reden, von Herrn Wörner und Herrn
Zimmermann — Herr Kollege Kohl kann das j a noch
korrigieren —, wieder eine ganz starke
Akzentuierung des einen Teils: Sicherheit und Verteidigung.
Wenn Sie den zweiten Teil — Dialog und
Entspannung — genauso meinen, dann seien Sie doch so gut
und drücken Sie das auch der Öffentlichkeit
gegenüber aus. Dann können wir uns manche sterilen
Debatten und Streitigkeiten ersparen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Vizepräsident Leber: Herr Kollege Ehmke,
erlauben Sie
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Gesetz über die Feststellung des Bundeshaushaltsplans für das Haushaltsjahr 1981 (Haushaltsgesetz 1981) (G-SIG: 09020033)
- spoke_in ← Peter Würtz (Rede)
- spoke_in ← Walter Picard (Rede)