polradar

Rede von Tijen Ataoğlu (CDU/CSU) – Brücken bauen, Menschenrechte stärken – Für eine starke Partnerschaft zwischen Deutschland und der Türkei

dip / rede 15.10.2026 · WP 21 · Original ↗

Teil von Protokoll der 102. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 10: Brücken bauen, Menschenrechte stärken – Für eine starke Partnerschaft zwischen Deutschland und der Türkei.

Das Protokoll 21/102 liegt bei DIP nur als Vorabfassung vor: Der Text endet vor dem Schluss der Sitzung, zu Protokoll gegebene Reden fehlen in polradar (der endgültige Bericht war für den 20.10.2026 angekündigt). Vollständig im Plenarprotokoll (PDF) ↗.

Im Graph öffnen

Text

Rede von Tijen Ataoğlu (CDU/CSU) – Brücken bauen, Menschenrechte stärken – Für eine starke Partnerschaft zwischen Deutschland und der Türkei Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Der heute zu debattierende Antrag trägt den Titel „Brücken bauen, Menschenrechte stärken – Für eine starke Partnerschaft zwischen Deutschland und der Türkei“. Wenn ich diesen Antrag lese, erkenne ich von „Brücken bauen“ rein gar nichts. Der Antrag zeigt uns, wie wir Brücken einreißen, aber nicht, wie wir Brücken bauen. Aber noch viel schlimmer als dieser Antrag ist, dass in diesem Hohen Haus Menschen fordern können, dass der Chef einer international anerkannten Terrororganisation freigelassen werden soll. Ich kann Ihnen sagen: Meine Hand wird niemals dafür hochgehen, und wenn das für meine Partei der Fall sein sollte, dann wäre das eine Riesenfehlentscheidung. Abdullah Öcalan gehört ins Gefängnis, und das ist auch genau richtig so. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wenn wir im Oktober 2026 über die deutsch-türkische Partnerschaft sprechen, also genau 65 Jahre, nachdem das deutsch-türkische Anwerbeabkommen in Bad Godesberg unterzeichnet worden ist, dann möchte ich gerne den Blick auf diese Menschen richten. „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ Die Geschichte eines dieser Menschen, der stellvertretend für die erste türkische Gastarbeitergeneration steht, möchte ich Ihnen heute erzählen. Der gerade einmal 25-jährige Talip Bingöl machte sich im Jahre 1962 aus Istanbul, nachdem er schon aus seiner Heimatstadt Bayburt in der Schwarzmeerregion nach Istanbul gekommen war, vom Istanbuler Bahnhof Sirkeci mit einem einzigen Koffer auf den Weg nach Köln. Nach einer drei Tage langen Reise nach Deutschland im Zug – erst nach München, von dort nach Köln – führte ihn sein Weg in die Ford-Werke in Köln. Dort arbeitete er wie viele andere Gastarbeiter hart unter den widrigsten und schwierigsten Bedingungen. Er blieb jedoch nicht lange in Köln. Denn in Wipperfürth im Oberbergischen Kreis wurden ebenfalls Arbeitskräfte benötigt. Dort lernte er Deutsch. Und wie lernte er Deutsch? Es gab seinerzeit keine Sprachkurse. Er lernte Deutsch mit seinen deutschen Nachbarn, in der Fabrik oder mit der „Bild“-Zeitung; denn dort waren tatsächlich viele Fotos, mit denen man erkennen konnte, wie man dann vielleicht die Sätze zusammenbringen kann. Er traf in Wipperfürth seine zukünftige Frau: Margret Görg, eine echte Wipperfürtherin. Die gemeinsame Tochter der Familie war eines der ersten deutsch-türkischen Kinder, die es überhaupt in Deutschland gegeben hat. Talip Bingöl war ein sehr aktiver Mann. Er gründete einen deutsch-türkischen Kulturverein, wo er Ehrenvorsitzender wurde. Er gründete eine Fußballmannschaft, wo er Präsident wurde. Und er liebte den Wipperfürther Karneval. Aber all das war ihm nicht genug. Er wollte kein einfacher Arbeiter bleiben, sondern ein Meister im Bau werden. So drückte er mit über 40 Jahren noch einmal die Schulbank und wurde im Jahr 1979 Werkpolier im Tiefbau, gerade einmal 17 Jahre nachdem er als ungelernter Arbeiter nach Deutschland gekommen war. Nur zehn Jahre später verstarb er an einer schweren Lungenerkrankung. Nach Deutschland gekommen war er mit einem Koffer – in die Türkei zurückgekehrt ist er in einem Sarg. Das ist das Schicksal vieler Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, Talib Bingöl war mein Großvater. Hinterlassen hat er uns ein Erbe, das nicht größer sein könnte. Denn er hat uns Folgendes gelehrt: In Deutschland kann man mit harter Arbeit den Aufstieg durch Bildung schaffen. Auch unter den widrigsten Bedingungen ist Integration möglich, wenn man bereit ist, selbst Verantwortung zu übernehmen. Und es kommt nicht darauf an, woher man kommt, sondern wohin man gehen möchte. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, die Lebensleistung der ersten Gastarbeitergeneration verdient unseren höchsten Respekt. Wie man Brücken zwischen Deutschland und der Türkei baut, haben sie und ihre Familien uns eindrücklich gezeigt. Ich hätte mir gewünscht, dass heute das im Vordergrund steht – im Oktober, 65 Jahre nachdem das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet worden ist. Ich bin froh, dass die Bundesregierung – unser Bundeskanzler, der bereits im vergangenen Jahr in der Türkei war; unser Außenminister, der schon zweimal in der Türkei war – und dass mein Ministerpräsident Hendrik Wüst, der erst vor zwei Wochen in der Türkei war, weiter daran arbeiten, dass wir Brücken bauen. In diesem Sinne: Es lebe die deutsch-türkische Freundschaft und Partnerschaft!

Relationen