Rede von Hans-Kurt Hill (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Hans-Kurt Hill (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken leben,
erkranken doppelt so häufig an Krebs wie Kinder im
übrigen Bundesgebiet. Das ist das erschreckende Ergebnis
einer Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz. Die
Zahlen dieser Untersuchung sind außergewöhnlich gut
belegt. Frau Brunkhorst und Herr Nüßlein, an dieser
Erkenntnis ist nicht zu rütteln. Die Untersuchung zeigt
zwar nicht direkt auf, warum das Leukämierisiko so
hoch ist. Der Zusammenhang zwischen erhöhter
Krebsgefahr für Kinder und der Nähe des Wohnortes zu einem
Atomkraftwerk ist aber methodisch nachgewiesen.
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Habe ich
auch nicht bestritten, wenn Sie mir zugehört
haben!)
Daraus ergeben sich zwei Schlussfolgerungen, Herr
Nüßlein: Erstens. Dies ist ein Zufall – was wohl kaum
anzunehmen ist. Zweitens. Das Wohnen in der Nähe von
Atommeilern verursacht ein erhöhtes Krebsrisiko.
(Dr. Maria Flachsbarth [CDU/CSU]: Aber
warum?)
Deshalb ist es jetzt unsere Aufgabe, die Aufgabe
verantwortlicher Politiker, umgehend Konsequenzen zu
ziehen. Wir müssen folgende Fragen neu bewerten: Sinddie bisherigen gesetzlichen Grenzwerte noch haltbar?
Welche Fakten in der Nähe von Atomkraftwerken
müssen beachtet und bewertet werden? Welche Rolle spielen
niedrige Strahlenwerte über einen längeren Zeitraum?
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Sie haben
mir überhaupt nicht zugehört! Überhaupt
nicht!)
Wurden Faktoren beim Normalbetrieb von
Atomkraftwerken übersehen? Welche Auswirkung haben die
Erkenntnisse auf die Zwischenlagerung und die geplante
Endlagerung hochradioaktiver Stoffe?
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist reine
Ideologie!)
Ist unter diesen Umständen der Weiterbetrieb solcher
Atomanlagen überhaupt noch zu verantworten?
Ich warne an dieser Stelle allerdings vor zwei Dingen:
Erstens. Die Leukämiekranken sind keine
statistischen Opfer. Der Zusammenhang zwischen Atomkraft
und Krebs ist bedrückend und real. Wer die Ergebnisse
der Studie relativiert, nimmt die Leukämieopfer
billigend in Kauf.
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Niemand
tut das!)
Zweitens. Das Unterschreiten gesetzlicher
Grenzwerte kann die Gefahr nicht herabsetzen; denn die
Erkenntnis der Studie ist: Wir wissen immer noch viel zu
wenig über die Gefährlichkeit radioaktiver Strahlung
insbesondere aus spaltbaren Materialien.
Geradezu unverantwortlich ist es, wenn jetzt
behauptet wird, da die Grenzwerte nicht überschritten würden,
gebe es keinen Zusammenhang zu den benachbarten
Atomkraftwerken. Jetzt zu behaupten, die Studie liefere
keine neuen Erkenntnisse, wie es Frau Kollegin Reiche
von der CDU/CSU gleichlautend mit der Atomlobby
behauptet, ist geradezu zynisch.
(Angelika Brunkhorst [FDP]: Frau Reiche,
stimmt das überhaupt?)
Unsere Aufgabe ist es, den Sachverhalt ernst zu
nehmen, um jegliche Gefährdung von der Bevölkerung
abzuwenden.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Dazu stellt die Linke drei Forderungen auf:
Erstens. Der zuständige Umweltminister Gabriel wird
gebeten, in der ersten Januarsitzung des
Umweltausschusses eine umfassende Erklärung darüber abzugeben,
welche Konsequenzen die Bundesregierung aus den
Erkenntnissen ziehen wird und was die nächsten Schritte
sind.
Zweitens. Besorgte Anwohnerinnen und Anwohner
von Atomanlagen müssen detailliert über die Situation
informiert werden.
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Aber bitte
nicht von Ihnen!)
Hans-Kurt HillSie müssen die Möglichkeit erhalten, Daten über ihren
individuellen Strahlenwert zu bekommen. Es ist heute
ohne Probleme möglich, Privatpersonen mit einem
persönlichen Strahlenmessgerät auszustatten.
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Herr Fell
hat das!)
Für jede Person, die das möchte, könnte ein
elektronisches Strahlenregister geführt werden. Herr Fell hat das
eben schon ausgeführt.
Drittens und letztens: Die Atomanlagen müssen ihren
Betrieb in Deutschland schnellstmöglich einstellen. Das
verlangen das Vorsorgeprinzip und das Prinzip der
Gefahrenabwehr.
Vielen Dank.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])