Rede von Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
– Nein, lieber Herr Nüßlein.
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Schade! Das
hätte ich mir nämlich gewünscht!)
Liebe Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und
Kollegen! Das Ergebnis der Studie, über die wir heute
reden, kann kurz zusammengefasst werden: Es gibt einen
Zusammenhang zwischen der Nähe einer Wohnung zu
einem AKW und dem Risiko von Kindern im Alter von
bis zu fünf Jahren, an Krebs bzw. Leukämie zu
erkranken. Warum das so ist, können die Autoren nicht sagen.
Was heißt das für die Politik, die mit den Ergebnissen
dieser Studie anders umgehen muss als die Wissenschaft,
weil sie sich dazu verhalten muss? Es heißt ganz sicher
nicht – das höre ich allerdings aus dieser Debatte und aus
der Berichterstattung in der Presse zum Teil heraus –: In
der Studie konnte zur Kausalität der Erkrankungen keine
Aussage getroffen werden; also ist sie nicht
aussagekräftig. Wir legen sie zur Seite und bedauern, dass wir für so
viel Geld nur so wenige Ergebnisse bekommen haben.Diese Studie ist aussagekräftig. Ihre Aussage ist, dass
es einen Zusammenhang zwischen der Nähe einer
Wohnung zu einem AKW und dem Risiko eines Kindes, an
Krebs zu erkranken, gibt
und dass dieses Risiko steigt, je größer die Nähe des
Lebensraums des Kindes zum AKW ist. Meine Damen und
Herren, das ist die dramatische Erkenntnis dieser Studie,
auch wenn wir nicht wissen, warum dieser
Zusammenhang besteht.
Der Auftrag dieser Studie war im Übrigen nichts
anderes, als diesen Zusammenhang, der im Rahmen der
früheren Michaelis-Studie einmal signifikant und einmal
nicht signifikant festgestellt wurde, endgültig zu belegen
oder zu entkräften. Ihr Auftrag war nicht, die Ursachen
zu erforschen. Das Ergebnis ist aber ganz offensichtlich
beunruhigend genug, um zur Nebelkerzenwerferei zu
verführen.
Um vom Ergebnis und von der Frage nach möglichen
Konsequenzen abzulenken, wird der Präsident des BfS
diffamiert – dieses Spielchen hatten wir schon einmal –, und
die Mitglieder des Expertengremiums, die diese Studie
bewertet haben, werden kurzerhand zu Atomkraftgegnern
erklärt, mit der Implikation, sie würden die Ergebnisse in
eine gewünschte Richtung interpretieren. Der traurige
Witz ist, dass es genau umgekehrt ist: Frau Blettner und
andere interpretieren in diese Studie etwas hinein, was
sie nicht besagt.
Wie kann man erklären, die radioaktive Strahlung
scheide als Ursache der höheren Krebsrate aus, weil die
Kausalität nicht nachzuweisen sei?
(Monika Griefahn [SPD]: Das kann man eben
nicht sagen; das ist genau der Punkt!)
Wenn Sie nicht wissen, warum die Bremsen Ihres Autos
versagen, fahren Sie dann ruhig weiter? Wenn Sie nicht
wissen, warum Ihr Haus brennt, bleiben Sie dann ruhig
darin sitzen? Sie machen das Blinde-Kuh-Spiel zum
Erkennungsprinzip! Wir wissen so gut wie nichts über die
Wirkung der Niedrigstrahlung auf Kleinkinder. Wir wissen
nicht, ob die Alphastrahlung im Hinblick auf das Ergebnis
der Studie eine Rolle spielen könnte. Unser derzeitiger
Wissensstand ist hier am Ende.
Was ist das für eine Arroganz, unseren derzeitigen
Wissensstand, mit dem wir ganz offensichtlich in
Erklärungsnot geraten, als letzte Instanz zu setzen?
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Damit sagen Sie: Das, was sich nach unserem
Wissensstand nicht erklären lässt, kann nicht wahr sein.
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Erklären Sie
uns doch einmal den Verzicht auf den
sofortigen Ausstieg! Sie sind doch in Erklärungsnot!
Das hat man bei den Grünen schon damals
gesehen, als sie noch in der Regierung waren!)
Wer das ernst meint, der steckt in Zeiten, als der
Widerstand noch sagen musste: „Und sie bewegt sich doch!“
Sylvia Kotting-UhlAufgabe der Politik und einer Gesellschaft, die es mit
dem Schutz ihrer Mitglieder, vor allem ihrer
schwächsten Mitglieder, ernst meint, ist sicherlich nicht, die
Überbringer unangenehmer Wahrheiten mit Arrest oder
Schlimmerem zu bestrafen oder sie wie heute zu
diffamieren. Die Aufgabe ist, die Ursache für den eklatanten
Zusammenhang von AKW-Nähe und Kinderkrebsrisiko
zu erforschen. Diese Absicht unterstelle ich einmal
hoffnungsvoll dem Schreiben des Bundesumweltministers.
Aber was geschieht, wenn keine Antwort gefunden
wird, wenn, wie so oft bei Umwelterkrankungen,
weiterhin keine Kausalität nachgewiesen werden kann, weil
die Faktoren, die als Auslöser infrage kommen, zu
komplex sind und wir ihre Wirkungs- und
Wechselmechanismen untereinander nicht entschlüsseln können? Auch
dann muss gehandelt werden. Man kann es bei einer
solchen Situation nicht einfach mit der Begründung
bewenden lassen, man könne sie sich nun einmal nicht
erklären. Der Komplex „Umwelt und Gesundheit“ leidet
traditionell daran, dass sich Zusammenhänge zwischen
Umweltrisiken und Erkrankungen nur selten – und
wenn, dann nur in langwierigen Prozessen – beweisen
lassen. Erinnern Sie sich an Asbest! Die Schädlichkeit
war klar, aber die Kausalität war lange nicht zu
beweisen, wobei die Worte „Umweltschädigung“ oder
„Umwelterkrankung“ viel zu wenig klarmachen, dass es hier
im Allgemeinen um nicht von der Natur, sondern von
uns Menschen hervorgerufene Schädigungen geht. Ob
Chemikalien oder Radioaktivität, es sind unsere
Eingriffe, keine Naturgewalten, und wir haben die Macht,
diese Eingriffe bei entsprechenden Hinweisen auf
Gefährlichkeit zu überdenken und zu reduzieren.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Der Staat hat die Aufgabe, seine Bürger zu schützen,
vor allem die Schutzbedürftigsten, die Kinder. Es scheint
mir an der Zeit, der Erfüllung des Vorsorgeprinzips
etwas näher zu kommen. Sich verdichtende Hinweise, ein
starker Verdacht, das Fehlen einer anderen, mindestens
genauso wahrscheinlichen Erklärung müssen als
Handlungsauftrag an den Staat ausreichen. Hier kann es nicht
länger nach dem Prinzip gehen: Im Zweifel für die
Angeklagten. – Es muss heißen: Im Zweifel für die Opfer. –
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
LINKEN und des Abg. Gert Winkelmeier
[fraktionslos])
Wenn es nach weiteren Untersuchungen dabei bleibt,
dass es keine nachweisbaren Gründe oder keine
Erklärung für die Steigerung der Kinderkrebsraten gibt, dann
müssen die deutlichen Hinweise auf den Zusammenhang
mit der Nähe zu AKWs ausreichen. Dann ist es in der
Tat an der Zeit, den Atomausstieg, so, wie er
beschlossen ist, infrage zu stellen; aber umgekehrt, wie es heute
hier so häufig passiert, nämlich mit der Forderung nach
einer deutlichen Beschleunigung.
Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD – Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Sieben Jahre Zeit gehabt! – Gegenruf
der Abg. Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]: Und jetzt das Ergebnis der
Studie!)
Relationen
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