Rede von Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Kolleginnen
und Kollegen! Ärzte, die in der Umgebung von
Kernreaktoren praktizieren, geben schon seit Jahrzehnten
Hinweise darauf, dass es einen Zusammenhang
zwischen Radioaktivität und Zunahmen von Erkrankungen
geben könnte. Es ist andererseits eindeutige Erkenntnis
der Wissenschaft, dass Radioaktivität bereits
vorgeburtlich Missbildungen und Krebs auslösen kann, Letzteres
auch im frühkindlichen Stadium.
Seit Jahrzehnten streiten sich Wissenschaftler
darüber, wie hoch die Gefahr für eine Erkrankung
besonders im Bereich der niedrigen radioaktiven Strahlung
ist. Tatsache ist, dass die radioaktive Belastung in der
Umgebung von Kernreaktoren geringfügig höher ist als
die natürliche radioaktive Strahlung. Zudem ist die Art
der radioaktiven Strahlung, die aus den Schornsteinen
der Kernreaktoren kommt, eine ganz andere als die der
natürlichen. Aus Atomkraftwerken entweichen
gasförmige Radionuklide. Darunter befinden sich auch die
besonders gefährlichen Spaltprodukte aus der
Kernspaltung und deren Zerfallsprodukte, die übrigens auch
über Abwasserrohre in die Gewässer gelangen.
Ich weiß genau, worüber ich hier spreche: Mir wurde
dieser Sachverhalt innerhalb meines Physikstudiums und
in meiner Ausbildung als Strahlenschutzexperte bei der
Gesellschaft für Strahlenforschung in München gelehrt.
Hans-Josef Fell(Heinz Schmitt [Landau] [SPD]: Ach so, der
Fell hat studiert!)
Mit jedem Regen werden diese aus den Schornsteinen
der Atomkraftwerke kommenden Radionuklide als
sogenannter Fallout ausgewaschen. Sie erhöhen damit die
Strahlung in der Umgebung. Ich persönlich messe dies
kontinuierlich mit meiner privaten
Radioaktivitätsmessstation in der Nähe des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld.
Über die Atmung und über die Nahrung werden die
radioaktiven Partikel in den Körper aufgenommen, wo
sie ihre gesundheitsgefährdende Wirkung entfalten
können. Über den exakten Wirkungsmechanismus dieser
inkorporierten, höchst unterschiedlichen radioaktiven
Spaltprodukte weiß die Wissenschaft zu wenig.
Kritische Wissenschaftler warnen seit Jahrzehnten, dass die
krankmachenden Wirkungen wesentlich höher sind, als
nach den radiologischen Lehrbüchern zu erwarten wäre.
Nun hat die vorliegende Leukämiestudie erstmals
zweifelsfrei nachgewiesen, dass für Kinder unter fünf Jahren,
die in der Nähe von Kernreaktoren aufwachsen, das
Risiko, an Leukämie zu erkranken, wesentlich höher ist als
bisher angenommen.
Die besondere und wissenschaftlich bisher
einzigartige Qualität dieser Studie ist, dass alle anderen
bekannten Leukämierisiken ausgeschlossen werden können.
Diese nachgewiesenen Risiken sind nicht unerheblich.
In einem Radius von bis zu 5 Kilometern um die
Kernreaktoren gibt es 19 Leukämiefälle mehr, als im
statistischen Mittel ohne Kernreaktoren zu erwarten gewesen
wären.
(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: In
24 Jahren!)
Die Datenlage der Studie weist im 50-Kilometer-Radius
sogar bis zu 275 zusätzliche Krebsneuerkrankungen aus –
Hunderte von Einzelschicksalen, die in jeder betroffenen
Familie eine Tragödie auslösen.
Falsch ist die Interpretation, es gebe keinen
Zusammenhang zwischen kindlicher Leukämie und der
Radioaktivität in der Umgebung von Kernreaktoren. Nur der
Wirkungszusammenhang ist nicht ausreichend bekannt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Genau dies muss aber nun Gegenstand weiterer
Untersuchungen sein.
Die Ergebnisse der Studie müssen zu Konsequenzen
führen:
Erstens. Der bisher in der Wissenschaft angenommene
Wirkungszusammenhang zwischen niedriger radioaktiver
Strahlung und Krebserkrankungen muss wissenschaftlich
neu bewertet und an die Erkenntnisse dieser Studie
angepasst werden.
Zweitens. Hinweise von Medizinern und
Wissenschaftlern zeigen, dass auch eine erhöhte
Missbildungsrate sowie erhöhte Krebsgefahren bei Erwachsenen, die
in der Umgebung von Kraftwerken leben, vorhanden
sein dürften. Dies muss in neuen Studien genauer
erforscht werden. Drittens. Ein vorsorgender Gesundheitsschutz
erfordert auch entsprechendes Handeln. Die nachgewiesenen
erhöhten Krebsraten in der Umgebung von
Kernreaktoren müssen vorsorglich dazu führen, dass die Emission
von Spaltprodukten und anderer Radioaktivität aus den
laufenden Kernreaktoren beendet wird.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
Wollen die Betreiber von Kernreaktoren diese
weiterbetreiben, dann müssen sie Wege finden, die radioaktiven
Emissionen aus den Schornsteinen ihrer Kernreaktoren
vollständig zu stoppen.
Viertens. Da die Atomenergie eine Fülle weiterer
Gefahren wie erhöhte Terroranfälligkeit,
Sicherheitsprobleme und anderes birgt, müssen zunächst die
störanfälligen älteren Reaktoren stillgelegt werden.
Fünftens. Im Sinne des Verursacherprinzips müssen
die Reaktorbetreiber nachweisen, dass die
nachgewiesene erhöhte Zahl von Krebsfällen nicht durch den
laufenden Betrieb der Kernreaktoren verursacht wird.
Sollten sie diesen Nachweis nicht erbringen, müssen sie
aufgefordert werden, die Kernreaktoren stillzulegen;
eine Stromversorgung aus erneuerbaren Energien – diese
sind radioaktivitätsfrei – wird als Ersatz leicht möglich
sein.
Die Gesundheit unserer Kinder sollte uns dies alles
wirklich wert sein.
Ich danke Ihnen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)