Rede von Angelika Brunkhorst (FDP) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Angelika Brunkhorst (FDP) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wenn ein Kind an Krebs erkrankt, dann ist das immer eine
Katastrophe, für das Kind selbst, für die Familie, das
Umfeld und die Freunde. Umso mehr freue ich mich, dass die
Krebsforschung in Deutschland und weltweit sehr große
wissenschaftliche Fortschritte gemacht hat und dass es
insbesondere bei Leukämie bei Kindern mittlerweile sehr
gute Heilungschancen gibt.
Den Heilungschancen stehen natürlich die vielen
offenen Fragen bei der Ursachenforschung gegenüber. Die
britische Forscherin Claire Gilham veröffentlichte 2005
zu diesem Thema eine Studie, aus der hervorging, dass
Kinder, die bereits in den ersten Lebensmonaten
Kindertagesstätten besuchten oder häufig andere Kontakte
sozialer Art hatten, seltener an Leukämie erkrankten.
Andere Theorien gehen davon aus, dass genetische
Ursachen für das Vorkommen von Leukämie mit eine
Rolle spielen könnten, oder sie führen diese
Erkrankungen auf virale Infektionen zurück. Immerhin ist es heute
bei 85 Prozent der Fälle nicht möglich, die wirklichen
Ursachen einer Leukämie festzustellen. So viel erst
einmal vorab.
Hingegen kommt – das haben die Verfasser der
KiKK-Studie ganz deutlich gesagt – nach heutigem
Wissensstand nicht allein die Strahlung von
Kernkraftwerken im Normalbetrieb als Ursache für die beobachtete
erhöhte Erkrankungszahl im 5-Kilometer-Umkreis
infrage.
(Monika Griefahn [SPD]: Das sagt die Studie
nicht! Sie sagt nicht, dass es so ist; sie sagt
aber auch nicht, dass es nicht so ist!)
An Standorten, an denen man zum Beispiel
Kernkraftwerke geplant, sie aber letztendlich doch nicht gebaut
hat, gibt es genauso viele Erkrankungen wie an
Standorten, an denen heute Kernkraftwerke in Betrieb sind.
Die Wissenschaftler, die am Deutschen Krebsregister
tätig sind, rufen meinen großen Respekt hervor. Wir
müssen ihnen ihre Arbeit hoch anrechnen, insbesondere
vor dem Hintergrund, dass sie bei der Erstellung dieser
Studie mit gravierenden Schwierigkeiten zu kämpfen
hatten. Zunächst einmal war die Bereitschaft von
Familien, die innerhalb des 5-Kilometer-Umkreises von
Kernkraftwerken wohnen, nicht besonders hoch,
überhaupt die Fragebögen auszufüllen und Interviews zu
führen. Also war die Fallzahl sehr gering. Dann mussten
sich die Forscher bei der Erarbeitung der
Studienkonzeption mit einem sogenannten Expertengremium des BfS
auseinandersetzen, welches vorrangig mit Vertretern
atomkritischer NGOs besetzt war. Für eine
wissenschaftliche Studie ist das eine ungewöhnlich einseitige
Konstellation. Das möchte ich hier auf jeden Fall einmal
feststellen.
(Beifall bei der FDP – Hans-Josef Fell
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Ausgewogen!)Schließlich möchte ich an dieser Stelle noch auf ein
weiteres aktuelles Ereignis hinweisen. In der Berliner
Morgenpost von heute steht, dass die Leiterin der
Untersuchungskommission vom BfS noch nicht einmal
eingeladen wurde, als die Studie veröffentlicht wurde.
(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Das ist ja
interessant! – Zuruf von der CDU/CSU:
Ungeheuerlich!)
Da gibt es scheinbar irgendwelche Dissonanzen. Ich
kann es mir nicht anders erklären. Oder sind die
Ergebnisse nicht so, wie man sie sich vorgestellt hat?
Die Studie an sich weist also mehrere
Schwierigkeiten auf:
Die geringe Fallzahl hatte ich eben schon genannt.
Die Autoren der KiKK-Studie sagen in Bezug darauf,
dass die daraus überhaupt abzuleitenden
Risikobewertungen mit sehr großen Unsicherheiten behaftet sind,
und das nicht nur an einer Stelle; an vielen Stellen
werden hierfür unterschiedlich hergeleitete Begründungen
geliefert. Allein dann, wenn man die Zusammenfassung
liest, fällt einem das auf.
Jeder, der sich schon einmal mit empirischer
Sozialforschung befasst hat, weiß, dass Studien mit einer
relativ kleinen mathematischen Zahlenbasis immer sehr
große Ungewissheiten hervorrufen. Es stellt sich zum
einen die Frage, ob die Ergebnisse überhaupt auf kausale
Zusammenhänge zurückzuführen sind, zum anderen, ob
die wissenschaftlichen mathematischen Methoden nicht
an ihre Grenzen stoßen, wenn man es mit ganz kleinen
Fallzahlen zu tun hat.
Ich glaube, bei allem, was die Studie ergeben hat oder
auch nicht, ist es jetzt entscheidend, den Blick nach
vorne zu werfen. Der Vorsitzende der
Strahlenschutzkommission, Professor Dr. Wolfgang-Ulrich Müller, hat
darauf hingewiesen, dass die dokumentierten
Leukämiefälle sicherlich weitere Ursachen haben als nur die
Strahlung. Man darf also nicht allein bei der Strahlung
monokausal eine Erklärung für die Leukämiefälle suchen. Ich
denke, wir müssen – das hat auch der Vorredner schon
gesagt – anstreben, dass weitergehende Untersuchungen
vorgenommen werden, die auch andere mögliche
Umgebungsursachen in den Blick nehmen.
Zum Schluss möchte ich an meine Kolleginnen und
Kollegen von den Grünen appellieren: Sind Sie
eigentlich im Bilde, dass diese Debatte – ich denke nur an Ihre
Bestürzungsreaktionen, Herr Fell – so kurz vor
Weihnachten bei vielen Familien ein starkes Unwohlsein
hervorrufen wird?
(Beifall bei Abgeordneten der FDP –
Widerspruch beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD – Renate
Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Erst
Atomkraft wollen und sich dann vor der
Debatte drücken!)
– Frau Künast, seien Sie bitte einmal ganz ruhig! – Ich
unterstelle Ihnen in der Tat, dass es Ihnen darum ging,
die Atomdebatte möglichst lange am Kochen zu halten.
Angelika BrunkhorstIn der Studie werden keine sofortigen Handlungen
gefordert.
(Widerspruch beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN)
Darüber hätten wir mit der nötigen Sorgfalt gut und
gerne auch im nächsten Jahr debattieren können.
(Zuruf von der SPD: Aber nicht vor Ostern! –
Gegenruf der Abg. Renate Künast [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Chanukka ist auch
noch! Und dann noch Ramadan!)
Es wäre auf jeden Fall sozialverträglicher gewesen.
Schönen Dank.