Rede von Christoph Pries (SPD) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Christoph Pries (SPD) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und
Kollegen! Bevor ich zum Anlass der Aktuellen Stunde
komme, möchte ich eine persönliche Anmerkung
machen. Wir sprechen heute über Krebs – vor allem über
Leukämie – bei Kleinkindern. Trotz deutlich
verbesserter Heilungschancen ist diese Diagnose eine
Horrorvorstellung für jeden, der selbst Kinder hat. Wir alle sollten
dies in der Hitze der politischen Diskussion nicht
vergessen. Das gebietet der Respekt vor den Betroffenen.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der
Abg. Antje Tillmann [CDU/CSU] und Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Als am vergangenen Samstag die ersten
Informationen über die Studie „Kinderkrebs in der Umgebung von
Kernkraftwerken“ bekannt wurden, waren die
Reaktionen leicht vorhersehbar: Aufschrei bei den Grünen,
Abwiegeln bei Union und FDP. Liebe Kollegin Brunkhorst,
die Diskussion über die Ergebnisse einer soliden
wissenschaftlichen Studie als irrational und schäbig zu
bezeichnen, nur weil einem diese Ergebnisse nicht passen, halte
ich für unangemessen.
(Angelika Brunkhorst [FDP]: Diese Studie
besagt nichts Neues!)
„Schäbig“ wäre wahrscheinlich Ihre Wortwahl.
Auch der Eindruck von Kollegin Reiche, die
Untersuchung solle Antipathien gegen die Kernenergie schüren,
halte ich für ziemlich deplatziert.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg.
Gert Winkelmeier [fraktionslos])
Ich habe bei der Durchsicht der Studie nicht einen Beleg
für Ihre absurde Verschwörungstheorie gefunden.Kommen wir zu den Grünen. Der Kollege Fell titelte
bereits vor der offiziellen Veröffentlichung der Studie:
„Atomenergie gefährdet Kindergesundheit“. Weiter
heißt es, Atomkraftwerke seien verantwortlich für das
Leid vieler Kinder. Lieber Kollege Fell, hätten Sie
diesen Satz im Zusammenhang mit der Reaktorkatastrophe
von Tschernobyl geschrieben, würde ich Ihnen
zustimmen. Aber im Zusammenhang mit der vorliegenden
Studie zu diesem Vokabular zu greifen, finde ich einfach
abenteuerlich. Hysterie, Herr Fell, bringt uns keinen
Millimeter weiter.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU – Renate Künast [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]: Euch muss man immer
treiben!)
Was uns vorliegt, ist eine wissenschaftliche
Untersuchung mit einem Ergebnis, aber ohne eine Erklärung. Wir
haben ein statistisches Ergebnis. Es besagt, dass die
Wahrscheinlichkeit von Krebserkrankungen bei Kleinkindern,
die im Umkreis von 5 Kilometern von Atomkraftwerken
leben, signifikant erhöht ist. Das ist besorgniserregend.
Gleichzeitig wurde ein direkter Zusammenhang zwischen
den Erkrankungen und der Strahlenbelastung von den
Autoren weder untersucht noch hergestellt. Einige Experten
unterstützen die Meinung, es gebe keine Anzeichen für
einen Zusammenhang, andere sind der Auffassung, dieser
Zusammenhang könne nicht ausgeschlossen werden.
Um dieses Dilemma aufzulösen, müssen wir auf der
Grundlage der vorliegenden Studie weitere
Untersuchungen durchführen. Wir sind deshalb der Auffassung,
dass die Entscheidung von Bundesumweltminister
Gabriel richtig ist, die Studie von der
Strahlenschutzkommission umfassend bewerten zu lassen. Im
Gegensatz dazu ist es wenig hilfreich, die Untersuchung als
Steinbruch zu benutzen.
Ein schönes Beispiel dafür war am Dienstag in der
atomkraftfreundlichen Frankfurter Allgemeinen Zeitung
zu lesen. Dort wurde in einem Artikel aus der
Zusammenfassung der Studie zitiert: Die Häufung von
Leukämiefällen in der Region um das Atomkraftwerk Krümmel, vom
Autor als Zufall dargestellt, habe die Untersuchung am
stärksten beeinflusst. Weggelassen hat der Redakteur
allerdings, dass im zitierten Absatz von den
Wissenschaftlern eindeutig klargestellt wird:
Die Auslassung jeweils einer einzelnen
Kernkraftwerksregion ergab keinen Hinweis darauf, dass das
Ergebnis nur von einer einzelnen Region abhängig
ist.
Dieser kleine, aber entscheidende Unterschied muss dem
Redakteur wohl entgangen sein. Ein Schelm, wer Böses
vermutet.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN –
Ulrich Kelber [SPD]:
Gesinnungsjournalismus!)
Ich möchte abschließend zusammenfassen. Das
Ergebnis der Studie gibt Anlass zur Sorge. Was wir jetzt
brauchen, ist eine sachliche Bewertung – insbesondere
Christoph Priesmit Blick auf den möglichen Ursachenzusammenhang
zwischen Wohnortnähe zum Atomkraftwerk und
Krebsrisiko. Erst nach Abschluss dieser Prüfungen kann über
das weitere Vorgehen entschieden werden.
Die SPD-Bundestagsfraktion plädiert weiterhin für
eine Übertragung von Reststrommengen von älteren auf
neuere Atomkraftwerke. Die Gründe dafür sind bekannt:
Ältere Atomkraftwerke sind störanfälliger. Ältere
Atomkraftwerke bieten weniger Schutz bei Unfällen und
Terroranschlägen. Ältere Atomkraftwerke sind nach unserer
Auffassung trotz Nachrüstungen weniger sicher als neuere
Anlagen. Die Versorgungssicherheit würde durch eine
Abschaltung der Uraltmeiler nicht gefährdet.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, für die SPD-
Bundestagsfraktion ist die Atomenergie eine Risikotechnologie,
die wir für nicht mehr zeitgemäß halten.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Die vorliegende Studie bestärkt uns in dieser Position.
Der Atomausstieg ist und bleibt die richtige
Entscheidung.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)