Rede von Dr. Maria Flachsbarth (CDU/CSU) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Dr. Maria Flachsbarth (CDU/CSU) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! In
den vergangenen Jahren wurde immer wieder der Verdacht
geäußert, dass Kinder, die in der Nähe von
Kernkraftwerken leben, häufiger an Krebs erkranken. Deshalb hat das
Bundesumweltministerium über das Bundesamt für
Strahlenschutz die sogenannte KiKK-Studie, die
Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung
von Kernkraftwerken, beim Deutschen
Kinderkrebsregister an der Universität Mainz in Auftrag gegeben.
Die Wissenschaftler verglichen Daten von an Krebs
erkrankten Kindern unter fünf Jahren aus dem Zeitraum
1980 bis 2003, die zum Zeitpunkt ihrer Erkrankung in
einem Umkreis von maximal 5 Kilometern zu einem von
16 Kernkraftwerken lebten, mit den Daten ihrer
gesunden Altersgenossen aus derselben Region.
Die KiKK-Studie hat gezeigt, dass es zwischen der
Nähe der Wohnung zu einem Kernkraftwerk und der
Häufigkeit, mit der Kinder vor ihrem fünften Geburtstag
an Krebs, insbesondere an Leukämie, erkranken, einen
Zusammenhang gibt. Für den Untersuchungszeitraum
wurde ermittelt, dass 37 Kinder neu an Leukämie erkrankt
sind, obwohl statistisch nur 17 Neuerkrankungen zu
erwarten gewesen wären. Die Forscher betonen allerdings,
dass Strahlung von Kernkraftwerken im Normalbetrieb
nach heutigem Wissen als Ursache für die beobachtete
Risikoerhöhung nicht in Betracht kommt. Es handelt sich
vielmehr um eine rein mathematisch-statistische
Erhebung, die im Ergebnis leider keine Erkenntnisse über die
Ursache der Krebserkrankung bei Kindern liefert. Diese
Fragestellung ist im Forschungsauftrag des BMU, das
damals unter der Leitung von Jürgen Trittin stand, nicht
enthalten.
(Zuruf von der CDU/CSU: Hört! Hört!)Die Direktorin des Instituts für Medizinische Biometrie,
Epidemiologie und Informatik an der Universität Mainz,
Professor Maria Blettner, stellt als Mitautorin der KiKK-
Studie fest – ich zitiere –:
Leider erlaubt die KiKK-Studie keine Aussage
darüber, wodurch sich die beobachtete Erhöhung der
Anzahl von Kinderkrebsfällen in der Umgebung
deutscher Kernkraftwerke erklären lässt. Denkbar
wäre, dass bis jetzt noch unbekannte Faktoren
beteiligt sind oder dass es sich doch um einen Zufall
handelt.
Auch Bundesumweltminister Gabriel betont, dass die
Strahlenbelastung der Bevölkerung in der Umgebung
von Kernkraftwerken durch den Betrieb um mindestens
das Tausendfache erhöht sein müsste, um
strahlenbiologisch den Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können.
Die Unionsfraktion im Deutschen Bundestag
unterstützt das Vorgehen des Bundesumweltministers, der die
Strahlenschutzkommission, SSK, mit der Bewertung der
Ergebnisse und der Behandlung der Frage eines
möglichen Ursachenzusammenhangs beauftragt hat; denn
Politik muss die Ängste der Bevölkerung, insbesondere der
Eltern, ernst nehmen. Deshalb müssen wir die Ergebnisse
dieser Studie fundiert beleuchten.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Ina
Lenke [FDP])
Der Hinweis von Professor Wolfgang-Ulrich Müller
vom Institut für Medizinische Strahlenbiologie des Essener
Universitätsklinikums, der zugleich Vorsitzender der SSK
ist, dass auch noch andere Ursachen als die Strahlung
vor dem Hintergrund der KiKK-Studie zu untersuchen
sind, ist sicher richtig. Denn noch immer ist die
Entstehung von Leukämie, die inzwischen Gott sei Dank in
vielen Fällen heilbar ist, überhaupt noch nicht klar.
Möglicherweise spielen neben einer genetischen Disposition
auch noch andere Umweltbelastungen eine Rolle.
Forschungen in dieser Richtung sind wichtig, um das
Krebsrisiko von Kindern generell zu senken.
Die Unionsfraktion begrüßt ferner, dass auch die
Bundesländer, in denen Kernkraftwerke betrieben
werden, wie mein Heimatland Niedersachsen, unmittelbar
nach Bekanntgabe der Studie die sorgfältige Prüfung der
Ergebnisse zugesagt haben. Das Niedersächsische
Landesgesundheitsamt wird dabei vom Radiologischen
Lagezentrum des Niedersächsischen Landesbetriebes für
Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz unterstützt,
das das Expertenwissen für Strahlenschutz mit einer
gerade erst verbreiterten Personalbasis zusammenfasst.
Herr Fell, dabei wird man auch auf Messergebnisse des
Reaktorfernüberwachungssystems zurückgreifen können.
Das ist ein wichtiges Instrument zur kontinuierlichen
Kontrolle der Radioaktivität in der Umwelt.
Unverantwortlich ist es aber, die Ängste der
Menschen für eigene politische Zwecke zu missbrauchen.
Wenn sich der Spitzenkandidat der niedersächsischen
SPD im Landtagswahlkampf die populistische Forderung
der Linken, alle Kernkraftwerke in Deutschland sofort
Dr. Maria Flachsbarthabzuschalten, zu eigen macht, dann ist das höchst
verantwortungslos und zudem billigste Polemik.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Die wollen die Kernkraftwerke doch
gar nicht abschalten! Die wollen bloß
sozialistische Kernkraftwerke!)
Wer die Ergebnisse einer solchen Studie für
Wahlkampfzwecke instrumentalisiert, der geht zynisch mit der
Angst von Eltern um und disqualifiziert sich selbst für
jegliche höheren Ämter.
Als ehemaliger Landesumweltminister weiß Herr
Jüttner natürlich, was seine Forderung nach sofortiger
Abschaltung aller Kernkraftwerke zur Folge hätte: Sein
Parteifreund Sigmar Gabriel, der Bundesumweltminister,
müsste umgehend die Betriebsgenehmigung aller
Kernkraftwerke in Deutschland widerrufen. Aus Gründen der
Rechtsstaatlichkeit tut Minister Gabriel das natürlich
nicht, sondern er mahnt stattdessen zu Besonnenheit. Er
hat zugesagt, das BMU werde nach Vorliegen der
Ergebnisse der Prüfung der SSK über das weitere Vorgehen
entscheiden.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich fordere Sie
eindringlich auf, diese Haltung des Bundesumweltministers
zu unterstützen und in dieser schwierigen Frage mit der
notwendigen Ernsthaftigkeit zu agieren.
Vielen Dank.
Relationen
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