Rede von Dr. Georg Nüßlein (CDU/CSU) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Dr. Georg Nüßlein (CDU/CSU) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen! Meine
Herren! Jedes Kind, das an Krebs erkrankt, ist ein Kind
zu viel. Niemand kann und darf darum ein Interesse
haben, die Studie, über die wir hier diskutieren, zu
relativieren; im Gegenteil: Offene Fragen sind zu klären.
In der Tat liefert die Studie ein Ergebnis, aber, Herr
Kollege Fell, keine Erklärung dazu. Das Ergebnis lautet
– ich sage es jetzt präziser, als Sie als Physiklehrer das
getan haben –: In einer 5-Kilometer-Zone um
Kernkraftwerke erkranken pro Jahr bundesweit durchschnittlich
1,2 Kinder unter fünf Jahren mehr an Krebs als in einer
zufällig ausgewählten Kontrollgruppe. Das ist das
präzise statistische Ergebnis dieser Studie.
(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Das reicht doch!)
Die Einzelschicksale, die dahinterstehen – circa ein
erkranktes Kind pro Jahr im Bundesgebiet –, halten mich
davon ab, von statistischem Grundrauschen zu sprechen.
Dr. Georg NüßleinAußerdem will ich, wie gesagt, nicht das Ergebnis
relativieren. Die Studie ist hinsichtlich der Modellannahmen
in keiner Weise statistisch in Zweifel zu ziehen. Das
Ergebnis ist statistisch signifikant; das heißt, der
Zusammenhang ist mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von
weniger als 5 Prozent richtig.
Die Art und Weise, wie Herr Fell gerade die Debatte
eröffnet hat, ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich viele
mühen, politische Schlussfolgerungen aus dieser Studie
zu ziehen. Das in seriöser Weise zu tun, ist zumindest
zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Die Studie belegt
nämlich – auch wenn Sie, Herr Fell, etwas anderes
behaupten – überhaupt keine Ursachen.
(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Aber Tatsachen belegt sie schon!)
Dazu die KiKK-Studie wörtlich:
Obwohl frühere Ergebnisse mit der aktuellen Studie
reproduziert werden konnten, kann aufgrund des
aktuellen strahlenbiologischen und -
epidemiologischen Wissens die von deutschen Kernkraftwerken
im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung
grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert
werden.
(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Und das ist strittig!)
Soweit die zusammenfassende Schlussfolgerung. Im
nächsten Satz wird sogar darauf hingewiesen, dass
Zufall bei dem beobachteten Abstandstrend eine Rolle
spielen könnte.
Das Deutsche Kinderkrebsregister verlautbart in einer
Presseerklärung vom 12. Dezember 2007 entsprechend:
So kommt nach dem heutigen Wissensstand
Strahlung, die von Kernkraftwerken im Normalbetrieb
ausgeht, als Ursache für die beobachtete
Risikoerhöhung nicht in Betracht. Denkbar wäre, dass bis
jetzt noch unbekannte Faktoren beteiligt sind oder
dass es sich doch um Zufall handelt.
So sieht das übrigens auch der zuständige
Abteilungsleiter beim Bundesamt für Strahlenschutz, Thomas Jung,
während sich sein Chef Wolfram König – er ist hier im
Hause bekannt –
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Was soll das denn jetzt wieder heißen?)
alle Mühe gibt, einen anderen Eindruck zu erwecken. Er
wird folgendermaßen zitiert: „Es gibt Hinweise, aber
keine Beweise.“
Ich sage: Es gibt Forschungsbedarf, sonst gar nichts.
Wie ich in meinen Gesprächen mit Experten erfahren
habe, sollte man im Zusammenhang mit Leukämie
Folgendes beachten:
Erstens. Es gibt andere Leukämie-Cluster, das heißt
regional-zeitliche Häufungen von Leukämien an Orten
ohne Kernkraftwerke.
Zweitens. In der Wissenschaft wird über
demografische Einflussfaktoren geforscht. Drittens. Es soll immunologische Faktoren geben, die
eine Rolle spielen.
Viertens. Es könnte auch andere Zusammenhänge
geben, die gerade an Kernkraftstandorten eine Rolle
spielen und die man vielleicht anhand eines Vergleichs mit
anderen Clustern identifizieren kann.
Jedenfalls herrscht hier Klärungsbedarf. Darüber hinaus
taugt der Zwischenbericht – Herr Fell, ich sage Ihnen das
ausdrücklich – nicht für Politik. Ich sage das an die Adresse
der Grünen und gehe dabei nicht einmal so weit wie Herr
Jung vom Bundesamt für Strahlenschutz – ich habe ihn
gerade zitiert –, der meint, im Straßenverkehr oder durch das
Passivrauchen seien Kinder ungleich größeren Risiken
ausgesetzt.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Ja, deswegen haben wir den
Nichtraucherschutz!)
Die Union macht jedenfalls keine Politik mit den
Ängsten von Eltern.
(Beifall bei der CDU/CSU – Renate Künast
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie machen
nur mit den Ängsten von
Vorstandsvorsitzenden vor Gehaltskürzungen Politik!)
Deshalb kann ich mir eine Anmerkung an dieser Stelle
– bei aller Sachlichkeit – beim besten Willen nicht
verkneifen. Meine Damen und Herren von den Grünen, Sie
waren sieben Jahre in der Regierung. Wenn Sie schon
immer mehr als die Wissenschaft gewusst haben – Herr
Fell hat gerade wieder gezeigt, dass er mehr als die
Wissenschaft weiß –, wenn die Risiken aus Ihrer Sicht
wirklich so enorm und so unverantwortbar sind, warum
haben Sie dann in sieben Jahren Regierungszeit den immer
propagierten sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie
nicht durchgesetzt?
(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Ah!)
Warum haben Sie den Atomausstieg aufgegeben? Das
sollte der nächste Redner aus Ihren Reihen einmal
begründen.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Mehr fällt Ihnen dazu nicht ein?)
Das ist nämlich für uns eine politisch hochspannende
Frage.
(Fritz Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Wir saßen doch in den Startlöchern!)
Vielen herzlichen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU – Renate Künast
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war jetzt
sehr niveauvoll!)