Rede von Dr. Marlies Volkmer (SPD) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Dr. Marlies Volkmer (SPD) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Ich möchte zunächst einmal feststellen, worüber wir uns
bei der Bewertung der Studie einig sind: Wir sind uns
einig, dass ausgesagt wird, dass Kinder bis zu fünf Jahren,
die in der Nähe von Kernkraftwerken leben, deutlich
häufiger als ihre Altersgenossen an Krebs erkranken und
dass es im Umkreis von fünf Kilometern um ein
Kernkraftwerk mehr als doppelt so viele Fälle von Leukämie
gibt, als nach dem statistischen Durchschnitt zu erwarten
gewesen wäre.
Entscheidend ist, dass das Atomkraftwerk in der
Studie geradezu als Punktquelle ausgemacht wird und dass
das Risiko, an Leukämie zu erkranken, mit
zunehmendem Abstand abnimmt. Das ist in einer solchen Studie
zum ersten Mal festgestellt worden. Das ist statistisch
signifikant und kein Zufall.
Weniger eindeutig ist tatsächlich die Erklärung der
Ursache. Was ist die Ursache dafür? Was steckt
dahinter? Das konnte durch die Studie nicht geklärt werden,
weil sie auch gar nicht darauf angelegt war.
(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Ja, das sollte sie auch gar nicht!)
Dr. Marlies Volkmer– Eben. Das sollte sie nicht. Es war eine
epidemiologische Studie.
Wir haben heute ja bereits mehrfach die Aussage der
Autorin der Studie vernommen, wonach die
Strahlenbelastung in der Umgebung der Reaktoren nicht
ausreichend sei, um die erhöhte Zahl der Krebserkrankungen
zu erklären.
Dabei wird aber verschwiegen, dass die Autoren nur
vor dem Hintergrund des aktuellen strahlenbiologischen
und strahlenepidemiologischen Wissens argumentieren.
Wie ist es um dieses Wissen bestellt? Wie wirkt
Strahlung, vor allem niedrig dosierte Strahlung, insbesondere
auf den Organismus von kleinen Kindern? Welche
Besonderheiten gibt es bei Heranwachsenden? Tatsächlich
sind diese Punkte nicht abschließend geklärt. Vor diesem
Hintergrund ist es mir unverständlich und ich finde es
unverantwortlich, wie viele schon wieder die
Interpretation parat haben, dass die Strahlenbelastung in der
Umgebung der Kernkraftwerke keine Ursache für
Krebserkrankungen sein kann.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Das erinnert mich an die ganz fatale Diskussion, die
wir bezüglich der Klimaerwärmung hatten. Da war es
auch so. Auch da gab es Wissenschaftler, die immer
gesagt haben, das alles sei nicht bewiesen, das habe es alles
schon gegeben, es habe schon Zeiten gegeben, in denen
es so warm war. Bis zum letzten Beweis kann man
manchmal nicht warten. Dann ist es nämlich zu spät.
Jetzt redet jeder über die Klimakatastrophe.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Die Mitglieder der Expertenkommission, die die
Studie von Anfang an wissenschaftlich begleitet haben,
kommen zu dem Schluss: Aufgrund des besonders
hohen Strahlenrisikos für Kleinkinder und des
unzureichenden Wissens über die Wirkung der in den Körper
aufgenommenen Strahlung könne die Strahlung
keineswegs als Ursache ausgeschlossen werden. – Das schreibt
der zwölfköpfige Expertenrat, der übrigens einstimmig
zu dieser Aussage gekommen ist.
Frau Brunkhorst und Frau Reiche, als Ärztin bin ich
entsetzt über den Zynismus, mit dem Sie hier
argumentieren.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es kann einfach nicht sein, dass Sie die unbestrittenen
Erfolge in der Krebstherapie und insbesondere in der
Therapie der Leukämie hier quasi als Alibi benutzen, um
nichts tun zu müssen.
(Angelika Brunkhorst [FDP]: Das hat
überhaupt niemand gesagt!)
– Ja, so kommt es aber an.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg.
Gert Winkelmeier [fraktionslos] – Zuruf desAbg. Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Was wollen
Sie nur?)
Wissen Sie, Leukämie ist keine Erkrankung wie
Ringelröteln oder Husten und Schnupfen. Es ist immer eine
langwierige Chemotherapie erforderlich, die
entscheidend in das Leben der Familien eingreift.
(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Genau das hat
Frau Brunkhorst erläutert!)
Aus diesem Grund ist der Staat verpflichtet, diese
Ergebnisse im Interesse des Schutzes der Bevölkerung und
insbesondere der Vorsorge der Bevölkerung ernst zu
nehmen. Aus diesem Grund ist es auch notwendig, dass
die Emissionen aus den Kraftwerken verhindert werden.
Das ist Aufgabe der Betreiber.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
LINKEN – Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Wer
führt die Aufsicht, wenn das so gefährlich ist?)
Ich schließe mich meinen Vorrednern nun hinsichtlich
der Forderung an, dass die Studie zügig und umfassend
geprüft werden muss. Der Vorsitzende der
Strahlenschutzkommission hat unter anderem darauf
hingewiesen, dass einige Faktoren in der Untersuchung nicht
berücksichtigt wurden, zum Beispiel die Dosis der
Strahlung. Mindestens genauso wichtig ist es, Studien zu
fördern, die das strahlenbiologische Wissen erweitern.
Ich denke hier zum Beispiel an die Beteiligung des
Landes Schleswig-Holstein an einem Projekt der
Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, das Leukämieentstehung
im Kindesalter untersucht.
Durch die Studie ist aber auch klargeworden, dass es
keine Entwarnung vor den Risiken der Kernkraft geben
kann und dass der schnelle Ausstieg aus dieser
Hochtechnologie unbestritten richtig und wichtig ist.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg.
Gert Winkelmeier [fraktionslos])