Rede von Monika Griefahn (SPD) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Monika Griefahn (SPD) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Bereits
Anfang der 90er-Jahre kam mein Landtagskollege Uwe
Harden von der Bürgerinitiative aus der Elbmarsch bei
Hamburg zu mir, um auf das Problem von
leukämiekranken Kindern in der Region aufmerksam zu machen. Ich
war damals Umweltministerin in Niedersachsen. Schon
zum damaligen Zeitpunkt war die Zahl der erkrankten
Kinder in der Nähe des Atomkraftwerks Krümmel und
des GKSS-Forschungszentrums wesentlich höher als in
anderen Gebieten. Wir, also die Landesregierung in
Niedersachsen, setzten damals eine Expertenkommission ein, die
über Jahre hinweg alle möglichen infrage kommenden
Ursachen für diese auffällige Häufung von Leukämie bei
Kindern suchte. Wir suchten im Staub, auf Dachböden,
bei defekten Röntgengeräten. Die Expertenkommission
untersuchte Bodenproben und einiges mehr, eben alles,
was man sich als potenzielle Ursachenfaktoren vorstellen
konnte. Aber so sehr alle suchten, später auch noch eine
Kommission des Landes Schleswig-Holstein, sie
konnten bis heute keine eindeutigen Ursachen finden.
Heute gibt es 16 krebskranke Kinder und Jugendliche
in der Region. Nach einem ZDF-Bericht ist das der
höchste Leukämiecluster weltweit. Zu erwarten gewesen
wären nach einem Berechnungsschlüssel ungefähr fünf
Fälle. Diese Feststellungen geben Anlass zur Sorge, vor
allem vor dem Hintergrund, dass wir dieses schon so
lange wissen und es eben nicht ausschalten können.
Dankenswerterweise hat Frau Klug, Parlamentarische
Staatssekretärin beim Bundesumweltminister, weitere
Hilfen zugesagt, um die Ursachen für diesen Cluster zu
finden. So soll bis Ende des Jahres vom Bundesamt für
Strahlenschutz gemeinsam mit dem Land Niedersachsen
ein Fragebogen erarbeitet werden, um weitere
Fachgespräche über die Ursachen vorbereiten zu können.
Das ist der aktuelle Stand der Dinge, was die
Untersuchung in der Elbmarsch betrifft.
In dieser Phase erscheint die KiKK-Studie insofern
sehr verdienstvoll, als sie für die 16 deutschen
Atomkraftwerke nachweist, dass die Zahl krebskranker Kinder
steigt, je näher ihr Wohnort am AKW-Standort liegt. Da
liegt doch eine gewisse Kausalität nahe, dass
Atomkraftwerke auch im Normalbetrieb Auswirkungen auf die
Gesundheit haben. Die Wissenschaft mag sich zu dieser
Aussage noch nicht hinreißen lassen. Daher möchte ich
auf eine Studie verweisen, die schon etwas älter ist, die
aber auch sehr überzeugende Hinweise gibt. Es ist die
langjährige Untersuchung von Alice Stewart und Rosalie
Bertell, die über 30 Jahre medizinische Fälle von
Menschen begleitet und ausgewertet haben, die
niedrigstrahliger Radioaktivität ausgesetzt waren. Sie wiesen
Zusammenhänge mit den Erkrankungen der Menschen
nach. Lange Zeit sind sie nicht ernst genommen worden.
Aber schließlich hat sich die Erkenntnis durchgesetzt,
dass jede Strahlung bei bestimmten Isotopen ein
Problem sein kann. So sagen uns Ärzte, dass auch das erste
Monika GriefahnIsotop einer inkorporierten Alphastrahlung den
Zellteilungsprozess verändern und somit Krebs fördern kann.
Was wird denn an den AKWs gemessen? Bei der
Umgebungsüberwachung am AKW Krümmel gibt es eine
Messung der Emission im Abluftkamin. Dabei handelt
es sich vorwiegend um Gammastrahlung. Es gibt dort
drei Messpunkte für Immissionen für Alpha- und
Betastrahlung. Drei Punkte sind zu wenig, um zu belastbaren
Erkenntnissen zu kommen. Darüber hinaus orientieren
sich die Grenzwerte in der Regel – darauf hat Herr
Staatssekretär Müller dankenswerterweise hingewiesen – an
MAK-Werten, also an der maximalen
Arbeitsplatzkonzentration bei acht Stunden für einen 70 Kilogramm
schweren Mann. Bei einem Kleinkind wird das mit dem
Faktor 1,2 multipliziert. Unter dem Aspekt der
Körpergröße und der völlig anders anzusetzenden Zeit – wenn
jemand in der Nähe eines Atomkraftwerkes wohnt – ist
das als Vergleichsmaßstab überhaupt nicht ausreichend,
um daraus Grenzwerte abzuleiten.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Außerdem sind nicht nur der Kamin, sondern auch die
Sicherheitsgefäße interessant. Dort aber gibt es keine
Emissionsuntersuchungen.
Es kann also sein, dass die Wissenschaft mit den
Messungen, die gemacht werden, und den
Berechnungsgrundlagen, die gelten, zu dem Schluss kommt, eine eindeutige
Ursachenzuordnung nicht leisten zu können. Deswegen
kann man aber die Ergebnisse der jetzigen KiKK-Studie
nicht beiseiteschieben. Wir als Politiker mit
Verantwortung für die Gesellschaft und die Gesundheit in dieser
Gesellschaft können doch nicht sagen: Solange eine
Kausalität von Atomkraftwerken und Leukämie nicht
bewiesen ist, machen wir weiter wie bisher. Wir müssen
doch sagen: Solange die Möglichkeit besteht, dass es da
einen Zusammenhang gibt, müssen wir Vorsorge treffen
und uns von dieser Technologie verabschieden.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wenn dann noch nicht einmal ausgeschlossen werden
kann, dass Risiken im ganz normalen Betrieb bestehen,
dann ist es doch umso wichtiger, der Atomkraft ein Ende
zu machen, und zwar nicht nur bei uns, sondern auch bei
anderen. Wir müssen über den Tellerrand hinausschauen.
Mir macht es Sorge und Angst – das muss ich deutlich
sagen –, wenn Herr Gaddafi mit einem Atomkraftwerk
aus Paris nach Hause geht
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
und wenn China AKWs als Heilmittel für den
Klimaschutz anpreist. Ich denke, das kann nicht die Zukunft
sein. Wir müssen dort gleich andere Lösungen realisieren.
Christopher Weeramantry vom Internationalen
Gerichtshof, der in diesem Jahr den Alternativen Nobelpreis
bekommen hat, hat bei seinem Besuch hier in Berlin
besorgt darauf hingewiesen, dass, wer ein AKW hat, auch
das Material besitzt, eine Bombe zu bauen.
Vagabundierendes Material aus Atomkraftwerken gibt es genug aufder Welt. Viele weitere Gründe gegen den Einsatz der
Atomkraft gibt es. Die Studie hat uns einen weiteren
wichtigen aufgezeigt: Wir dürfen die Gesundheit der
Bürger nicht leichtfertig gefährden. Lassen Sie uns also
diesen Spuk möglichst schnell beenden und weitere
Leukämiefälle verhindern!
Danke schön.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)