Rede von Cornelia Pieper (FDP) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Cornelia Pieper (FDP) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich habe
die große Bitte an alle Abgeordneten im Deutschen
Bundestag, aber auch in den Landtagen, endlich die ideologi-
Cornelia Pieperschen Scheuklappen abzulegen, wenn wir über
Bildungspolitik in Deutschland diskutieren.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der SPD)
Für die Liberalen ist die größte sozialpolitische
Herausforderung des 21. Jahrhunderts, unseren Kindern
und Jugendlichen eine gute Bildung zu ermöglichen. Der
ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hat vor rund
zehn Jahren in seiner berühmten „Ruck-Rede“ erklärt,
Bildung müsse in unserem Land zu einem Megathema
werden, wenn wir uns in der Wissensgesellschaft des
nächsten Jahrhunderts behaupten wollen. Recht hat er
gehabt. Zehn Jahre sind inzwischen ins Land gegangen,
und wir sind ein Stück vorangekommen. Ich behaupte
aber, das reicht noch nicht. Bildung muss das zentrale
Zukunftsthema für Deutschland werden.
Unter diesem Gesichtspunkt stimme ich zumindest
dem Titel des Antrages von Bündnis 90/Die Grünen
„Bildungsstrategie für mehr Chancengerechtigkeit
starten“ zu. Die Frage ist nur, wie wir das in Deutschland
umsetzen.
(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Sicher nicht mit Studiengebühren!)
Aus der teilweise richtigen, aber nicht ganz
vollständigen Analyse im Antrag zieht die Fraktion Bündnis 90/
Die Grünen aus meiner Sicht falsche, nämlich rein
ideologische Schlussfolgerungen.
Ich will noch einmal die Fakten nennen. Nach den
letzten internationalen Studien ist es so, dass
Deutschland zu den elf IGLU-Teilnehmerstaaten gehört, in
denen 2006 signifikant bessere Leseleistungen erzielt
wurden als 2001. Deutschland liegt erstmals über dem
OECD-Durchschnitt. Beim Schwerpunkt
Naturwissenschaften erreicht Deutschland Platz 13 von 57 Nationen.
Schauen Sie sich in diesem Zusammenhang einmal die
Rangfolge der Bundesländer an: Auf Platz 1 liegt
Bayern, auf Platz 2 Baden-Württemberg, auf Platz 3 Sachsen
und auf Platz 4 Thüringen. Danach folgen Hessen und
Sachsen-Anhalt. Soweit ich mich erinnere, regiert in
keinem dieser Bundesländer Rot-Grün.
Man muss den Schwarz-Weiß-Diskussionen mit
Vorsicht begegnen. Deswegen will ich sie nicht fortsetzen.
Wir sehen keinen kausalen Zusammenhang zwischen
sozialer Selektion, also den schlechteren Chancen von
Kindern aus bildungsfernen Schichten, und einem
gegliederten Schulsystem. Nicht nur wir, sondern auch der
Bildungsexperte Professor Dr. Prenzel meint:
Wer nur die Schulstruktur ändert, wird auf die Nase
fallen.
Recht hat er.
(Beifall bei der FDP)Es geht aber um mehr. Wir haben noch weitere große
Sorgen in diesem Land, was das Bildungssystem
anbelangt.
Wir ignorieren nicht die rund 24 Prozent junger
Menschen, die ihre Berufsausbildung abbrechen. Wir
ignorieren nicht die 8 bis 9 Prozent Schülerinnen und Schüler
pro Jahrgang, die noch nicht einmal ihren
Hauptschulabschluss schaffen.
Jedes Schicksal, jedes Kind ist uns wichtig. Alle Kinder,
gerade die aus einkommensschwachen Elternhäusern,
müssen eine Chance auf bessere Bildung bekommen.
Deswegen meinen wir: Der Schlüssel zum Erfolg, was
die chancengerechte Bildung angeht, ist mehr
frühkindliche Bildung.
Diese frühkindliche Bildung muss eine intensive
Sprachförderung beinhalten, gerade für Kinder mit
Migrationshintergrund. Auch die Mütter dieser Kinder müssen bei
der Förderung einbezogen werden.
Wir brauchen bessere Bildungseinrichtungen und
bessere Kindergärten, die auch Bildung vermitteln.
Deswegen sind bundesweite Bildungsstandards, mit denen die
Qualität von Kindergärten beschrieben werden kann,
vonnöten.
(René Röspel [SPD]: Warum haben Sie das
damals nicht gemacht?)
Wir brauchen eine bessere Qualifizierung von
Erzieherinnen und Erziehern; da gebe ich den Grünen recht. Wir
wollen, dass zumindest die Kindergartenleiterinnen
einen Fachhochschulabschluss haben.
Wir wollen mehr Qualität in der Bildung und eine
individuellere Förderung von Kindern. Das ist der Schlüssel
zu mehr Chancengerechtigkeit und zu mehr Qualität in
unserem Bildungssystem. So werden wir im
internationalen Wettbewerb besser bestehen können.
Vielen Dank.