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Rede von Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN

dip / rede 13.12.2007 · WP 16 · Original ↗

Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.

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Text

Rede von Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Weil der Ausgangspunkt für die begrüßenswerte Vorlage der Grünen die PISA-Studien sind, möchte ich für die Sozialdemokratie noch einmal ausdrücklich sagen: Alle Kritik, die ja von verschiedenen Kultusministern am Institut PISA und an dem, was die OECD beispielhaft für viele Länder geäußert hat, geübt worden ist, weisen wir zurück. (Beifall bei der SPD)Wir finden, PISA ist ein gutes Instrument, und es ist auch in Ordnung, wie mit diesem Instrument umgegangen worden ist. Es freut uns, dass das, was Frau Wolff oder Herr Rau oder Herr Busemann einmal gegen PISA sagen wollten, am Ende einer nüchternen und anerkennenden Betrachtung, bis ins konservative Lager hinein, gewichen ist. Frau Sommer und auch andere sagen, dass es gut ist, dass wir diesen Blick über die Grenzen unseres Landes hinaus haben. Wenn wir ihn nicht hätten, könnten wir jetzt keine objektive Bewertung vornehmen. Bei dieser Bewertung muss man einen Mittelweg gehen. Die Panik, die dabei war, als Sie, Frau Hirsch, die Ergebnisse von IGLU bis PISA angesprochen haben, ist nicht angebracht; aber es ist auch noch nicht an der Zeit, sich auf die Schulter zu klopfen. Wir haben bei IGLU tatsächlich gute Ergebnisse erreicht. Die kleine Bemerkung sei gestattet: Die Grundschule ist eine Gemeinschaftsschule. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Die Grundschule ist eine Einrichtung, in der alle Kinder, unabhängig von den sogenannten Begabungen und Voraussetzungen, die sie mitbringen, gemeinsam, im binnendifferenzierten Unterricht, in einer Klasse, unterrichtet werden. Grundschulpädagogen sind große Künstler, großartige Pädagogen, dass sie es schaffen, ein solches Leistungsvermögen, in der Breite, bei allen Kindern, aufzubauen. Die IGLU-Ergebnisse sind toll. Die PISA-Ergebnisse sind zwar besser geworden, aber noch nicht gut genug. Wenn die grüne Fraktion unseren Blick darauf lenkt, dass die Grundkritik, das Grunderschrecken, das wir bei PISA hatten und nach wie vor haben, zur Folge haben muss, dass wir PISA als Herausforderung begreifen, dann ist das richtig. Anders als andere Länder haben wir es noch nicht erreicht, dass bei uns alle – und nicht 20 Prozent nicht! – eine ausreichende Grundfertigkeit, Grundfähigkeit in Lesekompetenz, in mathematischem Verständnis, in naturwissenschaftlichem Verständnis haben. Anders als in anderen Ländern gibt es bei uns nach wie vor einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsverwirklichung. Andere Länder machen uns auch vor, wie man zugewanderte Kinder und Jugendliche besser fördern kann. Wenn wir darin übereinstimmen, dann müssen wir auch darin übereinstimmen, dass die gemeinsame Herausforderung so auf den Punkt gebracht werden kann: Wir müssen uns in Deutschland nachhaltig mit dem Problem der Bildungsarmut auseinandersetzen. Dazu möchte ich drei Anmerkungen machen, mit denen ich vertiefen will, was Kollege Schulz schon angesprochen hat: eine Anmerkung zur Bewusstseinsfrage, eine Anmerkung zur Strukturfrage und eine zur Strategiefrage. Was die Bewusstseinsfrage angeht: Wir können immer alles von der Politik aus betrachten. Ich möchte aber einen anderen Blickwinkel wählen: den von Lehrern, Dr. Ernst Dieter Rossmannvon Eltern und von Schülern. Bei der Lektüre der IGLU- Studie, bei der wir ja gute Ergebnisse erreicht haben, ist mir aufgefallen, dass ein Ergebnis höchst bedenklich ist: das Ergebnis, dass Lehrer, obwohl sie so gute Grundschullehrer sind, Kinder offensichtlich umso eher für eine weiterführende Bildungseinrichtung vorschlagen, je höher der Sozialstatus ist, den diese von den Eltern mitbringen. Es ist ein Problem, dass jemand 100 Punkte weniger haben muss, falls er aus einem Haushalt mit Höchstqualifizierten kommt, während jemand 100 Punkte mehr haben muss, wenn er aus einer Landarbeiterfamilie kommt. (Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN) Woher kommt dieses Problem? Kommt es daher, dass es dort noch eine gedankliche Assoziation gibt und dass man die Diagnostik und das Umgehen damit nicht gelernt hat? Kommt es vielleicht auch durch die stille und nicht ausgesprochene Erwartung hinsichtlich dessen, wie es einem solchen Kind in der weiterführenden Bildungseinrichtung im gegliederten Schulsystem ergehen würde, sodass man von daher schon glaubt, dass ein Kind aus diesem oder jenem Milieu mehr in diese oder jene Bildungseinrichtung passt? Neben der Lehrerseite gibt es auch noch die Seite der Eltern, wo es ähnlich ist. Auch hier wird uns durch die Ergebnisse gezeigt, dass Familien, die wir eher als bildungsfern beschreiben würden, ihre Kinder nur dann für weiterführende Schulen empfehlen, wenn die Kinder deutlich besser sind und ganz gewaltig gute Leistungen erbringen, sodass den Kindern die Normalchancen, die sie haben müssten, in diesen Familien nicht zugestanden werden. Das Bittere ist: Das, was Lehrer und Eltern hier realisieren, ist bei den Kindern schon so früh angekommen, dass es sich nur ein ganz geringer Prozentsatz der Arbeiterkinder vorstellen kann, jemals ein Abitur machen oder studieren zu können. Ein Akademikerkind kann sich dagegen natürlich fast in jedem Fall vorstellen, zu studieren und eine gute Bildungslaufbahn zu absolvieren. Angesichts dieses Ausgangspunkts der Analyse möchte ich jetzt noch einmal dafür werben, dass wir uns die Gemeinschaftsschule und das gegliederte Schulwesen nicht immer wieder strukturell um die Ohren hauen, sondern uns fragen, was die Chance eines längeren gemeinsamen Lernens sein könnte. Eine Chance könnte sein, dass die Lehrer von schwierigen und falschen Entscheidungen entlastet würden, weil sich das richtige Bild im Bildungsvollzug zeigt. Für die Familie könnte die Chance bestehen, dass sie sich in einer durchgängigen Bildungseinrichtung befindet und dort einen längeren gesicherten Bildungsweg beschreiten kann. Für die Kinder besteht die Chance, dass sie nicht mehr das Gefühl haben, dass sie ab einem bestimmten Punkt nicht mehr als Kind betrachtet werden, das Entwicklungsmöglichkeiten hat, sondern als Kind, das eine Sortierung durchlaufen muss.Dies müssen wir gemeinsam aufnehmen und auch verstehen. Dann wird man auch für ein gemeinsames längeres Lernen eintreten können. (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) Die einen haben hierbei die Vorstellung einer gemeinsamen Schule. Diese ist im Rahmen des Deutschen Schulpreises 2007 mit den besagten Gesamtschulen angesprochen worden. Bei diesem Wettbewerb ist aber auch ein Gymnasium ausgezeichnet worden, nämlich das Friedrich-Schiller-Gymnasium aus Marbach. Der Schulleiter hat in der Rückerinnerung gesagt: Wir machen in unserem Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach das, was gute Gesamtschulen schon immer getan haben. Wir fördern alle Kinder individuell. Wir fördern sie in einer gemeinschaftlichen Aktion, indem wir uns team- und lehrerübergreifend für sie einsetzen. Sie stellen immer die Rückfrage, was wir denn mit den Gymnasien machen. Die Schulstruktur kann doch nur das Vehikel sein, aus dem man die kulturelle Frage, also die Frage, wie die Schulkultur aussieht, entwickelt. Auch Gymnasien können sich in Verantwortung für alle Schüler kulturell ganz anders entwickeln, als sie sich vielfach leider entwickelt haben. Ich wollte versuchen, Ihnen dies nahezubringen, Herrn Weinberg und anderen, weil die KMK zu Recht sechs, sieben Punkte angegangen ist, die gut sind: von der frühkindlichen Bildung bis zur Ganztagsschule. Sie werden uns erlauben, dass wir hinsichtlich der Ganztagsschule immer noch richtig stolz sind, (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) wenn wir uns daran erinnern, wie andere hier zu anderer Gelegenheit darüber gesprochen haben. Wenn es um die Strukturfrage geht, dann geht es nicht nur um die Schule, sondern auch um die frühkindliche Bildung, die Eltern-Kind-Zentren, die Ganztagsschulen bis hin zu einer Schulheimat, in die auch das Umfeld und der Stadtteil mit einbezogen werden, das längere gemeinsame Lernen – durchaus auch in Verschiedenheit –, die Ausbildung für alle und schließlich auch um das lebenslange und lebensbegleitende Lernen. Wenn es nicht möglich ist, dass alle im dualen System eine Ausbildung erhalten, dann muss man das duale System durch ein anderes System ergänzen, nämlich das der überbetrieblichen oder schulischen Ausbildung, damit alle eine Ausbildung erhalten. Wir sind dort nicht dogmatisch festgelegt. Wir sollten uns aber darauf festlegen, dass alle eine Ausbildung erhalten. Eine Ergänzung möchte ich schon noch machen: Bei Förderungen von Kindern und Jugendlichen wird in Kategorien von Stipendien, Stiftungen und anderem gedacht. Wir glauben, dass das Bildungsrecht ein Recht ist, das man – auch bezüglich der Förderung – einklagen können muss. Deshalb waren wir im Unterschied zu an- Dr. Ernst Dieter Rossmannderen beim BAföG so sehr dafür. Wir sind auch sehr für ein Bildungssparen und dafür, dass es beim Aufstiegsausbildungsförderungsgesetz Rechtsansprüche geben wird, die man erweitern kann, auch mit der Perspektive auf ein Erwachsenenbildungsförderungsgesetz. Es ist vielleicht die Zeit, zu sagen: Wir müssen über das Schüler-BAföG neu nachdenken. Die SPD will das jedenfalls tun, weil wir glauben, dass das Schüler-BAföG ein kritischer Punkt ist. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN) Denn manche verabschieden sich davon, alle Bildungschancen ihrer Kinder mitzurealisieren, weil sie eine materielle Ungleichheit und Unsicherheit für sich sehen. Nach den Strukturfragen jetzt zur Strategiefrage. Es ist gut, dass es jetzt einen Bildungsgipfel geben soll. Es ist gut, wenn wir dort viel Gemeinsamkeit haben. Aber es wirkt auch klärend, wenn wir uns den Streit nicht ersparen. Streit sollten wir uns nicht ersparen, weil aus der Differenz neue Ideen entstehen können. Wir Sozialdemokraten sehen in Bezug auf diesen Bildungsgipfel, dass die Bundesregierung die Stärkung der Alphabetisierung und Grundbildung aufgenommen hat. Das kann man ausbauen. Da ist sehr viel passiert. 80 000 Kindertagesstättenkräfte und ein Internetportal können noch nicht alles sein. Wir haben a) wesentlich mehr Erzieherinnen und Erzieher, und b) ist das Internetportal allein noch nicht die ganze Lösung. Da müssen Bund und Länder zusammenkommen. In Bezug auf Schulen müssen wir uns überlegen, wie wir die ureigenste Länderaufgabe, die Lehrerausbildung, endlich als den zentralen Punkt festlegen können. Das ist fast der Restant aus den sieben Punkten, die die Kultusministerkonferenz 2001 mitbeschlossen hat. Vielleicht kann der Bund mithelfen – von Bildungsforschung über strukturelle Unterstützung –, damit die Lehrerausbildung eine Einheitlichkeit, aber auch eine andere Qualität bekommt. Wir sehen sicherlich, dass wir auch in Bezug auf Fachkräfte eine wirkliche Bildungsoffensive starten müssen. Dabei gibt es für uns ein Anliegen: Es darf nicht nur ein Fachkräftegipfel, sondern muss ein Bildungsgipfel werden. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU) Das sind wir den Analysen von IGLU und PISA schuldig; denn das ist eine lebensbegleitende, sich aufbauende Struktur. Man kann es nicht reduzieren; denn dort müssen der humanistische und der bildungsökonomische Impuls zusammenkommen. Ich möchte gern noch einmal auf den Blickwinkel der Kinder zurückkommen. Wir in Deutschland sollten es schaffen, dass mehr Kinder in dem Bewusstsein leben: Ich habe alle Chancen, die will ich nutzen, und ich bekomme immer wieder Chancen, für die ich mich anstrengen will. Dieses Gefühl und seine Auswirkungenwerden wir hoffentlich in späteren Studien im internationalen Vergleich wiederfinden. Damit es dazu kommt, gilt auch für Politiker, dass wir uns anstrengen müssen. Danke. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

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