Rede von Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Weil der Ausgangspunkt für die begrüßenswerte Vorlage
der Grünen die PISA-Studien sind, möchte ich für die
Sozialdemokratie noch einmal ausdrücklich sagen: Alle
Kritik, die ja von verschiedenen Kultusministern am
Institut PISA und an dem, was die OECD beispielhaft für
viele Länder geäußert hat, geübt worden ist, weisen wir
zurück.
(Beifall bei der SPD)Wir finden, PISA ist ein gutes Instrument, und es ist
auch in Ordnung, wie mit diesem Instrument
umgegangen worden ist.
Es freut uns, dass das, was Frau Wolff oder Herr Rau
oder Herr Busemann einmal gegen PISA sagen wollten,
am Ende einer nüchternen und anerkennenden
Betrachtung, bis ins konservative Lager hinein, gewichen ist.
Frau Sommer und auch andere sagen, dass es gut ist,
dass wir diesen Blick über die Grenzen unseres Landes
hinaus haben. Wenn wir ihn nicht hätten, könnten wir
jetzt keine objektive Bewertung vornehmen. Bei dieser
Bewertung muss man einen Mittelweg gehen. Die Panik,
die dabei war, als Sie, Frau Hirsch, die Ergebnisse von
IGLU bis PISA angesprochen haben, ist nicht
angebracht; aber es ist auch noch nicht an der Zeit, sich auf
die Schulter zu klopfen.
Wir haben bei IGLU tatsächlich gute Ergebnisse
erreicht. Die kleine Bemerkung sei gestattet: Die
Grundschule ist eine Gemeinschaftsschule.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Die Grundschule ist eine Einrichtung, in der alle Kinder,
unabhängig von den sogenannten Begabungen und
Voraussetzungen, die sie mitbringen, gemeinsam, im
binnendifferenzierten Unterricht, in einer Klasse, unterrichtet
werden. Grundschulpädagogen sind große Künstler,
großartige Pädagogen, dass sie es schaffen, ein solches
Leistungsvermögen, in der Breite, bei allen Kindern,
aufzubauen. Die IGLU-Ergebnisse sind toll.
Die PISA-Ergebnisse sind zwar besser geworden,
aber noch nicht gut genug. Wenn die grüne Fraktion
unseren Blick darauf lenkt, dass die Grundkritik, das
Grunderschrecken, das wir bei PISA hatten und nach
wie vor haben, zur Folge haben muss, dass wir PISA als
Herausforderung begreifen, dann ist das richtig. Anders als
andere Länder haben wir es noch nicht erreicht, dass bei
uns alle – und nicht 20 Prozent nicht! – eine ausreichende
Grundfertigkeit, Grundfähigkeit in Lesekompetenz, in
mathematischem Verständnis, in naturwissenschaftlichem
Verständnis haben. Anders als in anderen Ländern gibt
es bei uns nach wie vor einen engen Zusammenhang
zwischen sozialer Herkunft und
Bildungsverwirklichung. Andere Länder machen uns auch vor, wie man
zugewanderte Kinder und Jugendliche besser fördern
kann.
Wenn wir darin übereinstimmen, dann müssen wir
auch darin übereinstimmen, dass die gemeinsame
Herausforderung so auf den Punkt gebracht werden kann:
Wir müssen uns in Deutschland nachhaltig mit dem
Problem der Bildungsarmut auseinandersetzen.
Dazu möchte ich drei Anmerkungen machen, mit denen
ich vertiefen will, was Kollege Schulz schon angesprochen
hat: eine Anmerkung zur Bewusstseinsfrage, eine
Anmerkung zur Strukturfrage und eine zur Strategiefrage.
Was die Bewusstseinsfrage angeht: Wir können
immer alles von der Politik aus betrachten. Ich möchte aber
einen anderen Blickwinkel wählen: den von Lehrern,
Dr. Ernst Dieter Rossmannvon Eltern und von Schülern. Bei der Lektüre der IGLU-
Studie, bei der wir ja gute Ergebnisse erreicht haben, ist
mir aufgefallen, dass ein Ergebnis höchst bedenklich ist:
das Ergebnis, dass Lehrer, obwohl sie so gute
Grundschullehrer sind, Kinder offensichtlich umso eher für
eine weiterführende Bildungseinrichtung vorschlagen, je
höher der Sozialstatus ist, den diese von den Eltern
mitbringen. Es ist ein Problem, dass jemand 100 Punkte
weniger haben muss, falls er aus einem Haushalt mit
Höchstqualifizierten kommt, während jemand 100 Punkte
mehr haben muss, wenn er aus einer Landarbeiterfamilie
kommt.
(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN und der LINKEN)
Woher kommt dieses Problem? Kommt es daher, dass
es dort noch eine gedankliche Assoziation gibt und dass
man die Diagnostik und das Umgehen damit nicht
gelernt hat? Kommt es vielleicht auch durch die stille und
nicht ausgesprochene Erwartung hinsichtlich dessen,
wie es einem solchen Kind in der weiterführenden
Bildungseinrichtung im gegliederten Schulsystem ergehen
würde, sodass man von daher schon glaubt, dass ein
Kind aus diesem oder jenem Milieu mehr in diese oder
jene Bildungseinrichtung passt?
Neben der Lehrerseite gibt es auch noch die Seite der
Eltern, wo es ähnlich ist. Auch hier wird uns durch die
Ergebnisse gezeigt, dass Familien, die wir eher als
bildungsfern beschreiben würden, ihre Kinder nur dann für
weiterführende Schulen empfehlen, wenn die Kinder
deutlich besser sind und ganz gewaltig gute Leistungen
erbringen, sodass den Kindern die Normalchancen, die
sie haben müssten, in diesen Familien nicht zugestanden
werden.
Das Bittere ist: Das, was Lehrer und Eltern hier
realisieren, ist bei den Kindern schon so früh angekommen, dass
es sich nur ein ganz geringer Prozentsatz der
Arbeiterkinder vorstellen kann, jemals ein Abitur machen oder
studieren zu können. Ein Akademikerkind kann sich
dagegen natürlich fast in jedem Fall vorstellen, zu
studieren und eine gute Bildungslaufbahn zu absolvieren.
Angesichts dieses Ausgangspunkts der Analyse
möchte ich jetzt noch einmal dafür werben, dass wir uns
die Gemeinschaftsschule und das gegliederte Schulwesen
nicht immer wieder strukturell um die Ohren hauen,
sondern uns fragen, was die Chance eines längeren
gemeinsamen Lernens sein könnte. Eine Chance könnte sein,
dass die Lehrer von schwierigen und falschen
Entscheidungen entlastet würden, weil sich das richtige Bild im
Bildungsvollzug zeigt. Für die Familie könnte die
Chance bestehen, dass sie sich in einer durchgängigen
Bildungseinrichtung befindet und dort einen längeren
gesicherten Bildungsweg beschreiten kann. Für die
Kinder besteht die Chance, dass sie nicht mehr das Gefühl
haben, dass sie ab einem bestimmten Punkt nicht mehr
als Kind betrachtet werden, das
Entwicklungsmöglichkeiten hat, sondern als Kind, das eine Sortierung
durchlaufen muss.Dies müssen wir gemeinsam aufnehmen und auch
verstehen. Dann wird man auch für ein gemeinsames
längeres Lernen eintreten können.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Die einen haben hierbei die Vorstellung einer
gemeinsamen Schule. Diese ist im Rahmen des Deutschen
Schulpreises 2007 mit den besagten Gesamtschulen
angesprochen worden. Bei diesem Wettbewerb ist aber
auch ein Gymnasium ausgezeichnet worden, nämlich
das Friedrich-Schiller-Gymnasium aus Marbach. Der
Schulleiter hat in der Rückerinnerung gesagt: Wir
machen in unserem Friedrich-Schiller-Gymnasium in
Marbach das, was gute Gesamtschulen schon immer getan
haben. Wir fördern alle Kinder individuell. Wir fördern
sie in einer gemeinschaftlichen Aktion, indem wir uns
team- und lehrerübergreifend für sie einsetzen.
Sie stellen immer die Rückfrage, was wir denn mit
den Gymnasien machen. Die Schulstruktur kann doch
nur das Vehikel sein, aus dem man die kulturelle Frage,
also die Frage, wie die Schulkultur aussieht, entwickelt.
Auch Gymnasien können sich in Verantwortung für alle
Schüler kulturell ganz anders entwickeln, als sie sich
vielfach leider entwickelt haben.
Ich wollte versuchen, Ihnen dies nahezubringen,
Herrn Weinberg und anderen, weil die KMK zu Recht
sechs, sieben Punkte angegangen ist, die gut sind: von
der frühkindlichen Bildung bis zur Ganztagsschule. Sie
werden uns erlauben, dass wir hinsichtlich der
Ganztagsschule immer noch richtig stolz sind,
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
wenn wir uns daran erinnern, wie andere hier zu anderer
Gelegenheit darüber gesprochen haben.
Wenn es um die Strukturfrage geht, dann geht es nicht
nur um die Schule, sondern auch um die frühkindliche
Bildung, die Eltern-Kind-Zentren, die Ganztagsschulen
bis hin zu einer Schulheimat, in die auch das Umfeld und
der Stadtteil mit einbezogen werden, das längere
gemeinsame Lernen – durchaus auch in Verschiedenheit –,
die Ausbildung für alle und schließlich auch um das
lebenslange und lebensbegleitende Lernen. Wenn es
nicht möglich ist, dass alle im dualen System eine
Ausbildung erhalten, dann muss man das duale System
durch ein anderes System ergänzen, nämlich das der
überbetrieblichen oder schulischen Ausbildung, damit
alle eine Ausbildung erhalten. Wir sind dort nicht
dogmatisch festgelegt. Wir sollten uns aber darauf festlegen,
dass alle eine Ausbildung erhalten.
Eine Ergänzung möchte ich schon noch machen: Bei
Förderungen von Kindern und Jugendlichen wird in
Kategorien von Stipendien, Stiftungen und anderem
gedacht. Wir glauben, dass das Bildungsrecht ein Recht
ist, das man – auch bezüglich der Förderung – einklagen
können muss. Deshalb waren wir im Unterschied zu an-
Dr. Ernst Dieter Rossmannderen beim BAföG so sehr dafür. Wir sind auch sehr für
ein Bildungssparen und dafür, dass es beim
Aufstiegsausbildungsförderungsgesetz Rechtsansprüche geben wird,
die man erweitern kann, auch mit der Perspektive auf ein
Erwachsenenbildungsförderungsgesetz. Es ist vielleicht
die Zeit, zu sagen: Wir müssen über das Schüler-BAföG
neu nachdenken. Die SPD will das jedenfalls tun, weil
wir glauben, dass das Schüler-BAföG ein kritischer
Punkt ist.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der LINKEN)
Denn manche verabschieden sich davon, alle
Bildungschancen ihrer Kinder mitzurealisieren, weil sie
eine materielle Ungleichheit und Unsicherheit für sich
sehen.
Nach den Strukturfragen jetzt zur Strategiefrage. Es
ist gut, dass es jetzt einen Bildungsgipfel geben soll. Es
ist gut, wenn wir dort viel Gemeinsamkeit haben. Aber
es wirkt auch klärend, wenn wir uns den Streit nicht
ersparen. Streit sollten wir uns nicht ersparen, weil aus
der Differenz neue Ideen entstehen können. Wir
Sozialdemokraten sehen in Bezug auf diesen Bildungsgipfel,
dass die Bundesregierung die Stärkung der
Alphabetisierung und Grundbildung aufgenommen hat. Das kann
man ausbauen. Da ist sehr viel passiert.
80 000 Kindertagesstättenkräfte und ein Internetportal
können noch nicht alles sein. Wir haben a) wesentlich
mehr Erzieherinnen und Erzieher, und b) ist das
Internetportal allein noch nicht die ganze Lösung. Da müssen
Bund und Länder zusammenkommen.
In Bezug auf Schulen müssen wir uns überlegen, wie
wir die ureigenste Länderaufgabe, die Lehrerausbildung,
endlich als den zentralen Punkt festlegen können. Das ist
fast der Restant aus den sieben Punkten, die die
Kultusministerkonferenz 2001 mitbeschlossen hat. Vielleicht
kann der Bund mithelfen – von Bildungsforschung über
strukturelle Unterstützung –, damit die Lehrerausbildung
eine Einheitlichkeit, aber auch eine andere Qualität
bekommt.
Wir sehen sicherlich, dass wir auch in Bezug auf
Fachkräfte eine wirkliche Bildungsoffensive starten
müssen. Dabei gibt es für uns ein Anliegen: Es darf nicht
nur ein Fachkräftegipfel, sondern muss ein Bildungsgipfel
werden.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Das sind wir den Analysen von IGLU und PISA schuldig;
denn das ist eine lebensbegleitende, sich aufbauende
Struktur. Man kann es nicht reduzieren; denn dort
müssen der humanistische und der bildungsökonomische
Impuls zusammenkommen.
Ich möchte gern noch einmal auf den Blickwinkel der
Kinder zurückkommen. Wir in Deutschland sollten es
schaffen, dass mehr Kinder in dem Bewusstsein leben:
Ich habe alle Chancen, die will ich nutzen, und ich
bekomme immer wieder Chancen, für die ich mich
anstrengen will. Dieses Gefühl und seine Auswirkungenwerden wir hoffentlich in späteren Studien im
internationalen Vergleich wiederfinden. Damit es dazu kommt,
gilt auch für Politiker, dass wir uns anstrengen müssen.
Danke.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Relationen
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