Rede von Marion Seib (CDU/CSU) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Aktuelle Stunde: GRÜNEN.
Text
Rede von Marion Seib (CDU/CSU) – Aktuelle Stunde: GRÜNEN
Herr Kollege, wir machen hier Bundespolitik.
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen
und Kollegen! Nach dem Durchlesen des Antrags der
Grünen „Bildungsstrategie für mehr
Chancengerechtigkeit starten“ habe ich richtig aufgeatmet, und zwar aus
zwei Gründen. Erstens haben Sie sich nicht an die
Grundorientierung Ihrer Politik in der
Wissensgesellschaft gehalten. In Ihrem Grundsatzprogramm in dem
Kapitel „Aufbruch in die Wissensgesellschaft“ haben
Sie unter der Überschrift „Grundorientierung unserer
Marion SeibPolitik in der Wissensgesellschaft“ Folgendes
festgehalten – das ist interessant –:
In der Wissensgesellschaft wird experimentelles,
risikoreiches, fehlerfreundliches Denken und
Handeln zentrale Schlüsselqualifikation für die
Bürgerinnen und Bürger. Ihre Chancen liegen darin, dass
sie Verfahren entwickeln, aus Erfahrungen zu
lernen.
Sie gehen also offenbar davon aus, dass jeder
bildungswillige Bürger jeden Tag das Rad neu erfinden muss.
Aber gerade das Aufbauen auf vorhandenem Wissen ist
der Schlüssel für Erfolg, und zwar für
generationenübergreifenden Erfolg. Dies ist Ihnen offensichtlich suspekt.
Das zweite Mal habe ich aufgeatmet, als ich Ihren
Hilferuf nach Vorgaben durch die Bundesregierung für
eine durchdachte Bildungspolitik gelesen habe.
Offensichtlich sind Sie beratungsfähig; das beruhigt. Ihre
Einschätzung der Lage erbringt allerdings den Beweis, dass
Sie in Ihrer Fraktion und Partei Vorurteile gegenüber der
föderalistischen Struktur unseres Landes regelrecht
pflegen, immer nach dem Motto: Draußen hängt die Welt in
Fetzen, lasst uns drinnen Speck ansetzen. – Nur ist es in
diesem Fall ideologischer, zentralistischer Speck, der im
Übrigen so veraltet ist, dass Sie sich garantiert den
Magen daran verderben.
Dabei haben Sie offensichtlich die Entwicklungen in
den Ländern verschlafen. Die Internationale
Grundschul-Lese-Untersuchung, IGLU, ist Ihnen durch die
Lappen gegangen. Sie beweist, dass unsere
Grundschüler bei der Lesekompetenz heute im europäischen
Spitzenfeld liegen.
(Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Gemeinschaftsschule!)
Bei der internationalen Vergleichsstudie PISA 2006
wurde bei den Naturwissenschaften eine signifikante
Leistungssteigerung erreicht. Bei der Lesekompetenz
und in der Mathematik gibt es kontinuierliche
Verbesserungen. So weit zu den Fakten.
Wenn es aber ein unbezweifelbares Ergebnis aller
internationalen Vergleichsstudien gibt, dann dieses: Aus
ihnen ist keine allein selig machende Schulstruktur
abzulesen. Die Fortschritte bei IGLU und PISA zeigen, dass
sich der Bildungsföderalismus und die Bildungsvielfalt
in Deutschland bewährt haben.
Deshalb können wir auch die Ergebnisse der
Länderauswertung mit Spannung und vor allem mit Zuversicht
erwarten. Aber ich sage Ihnen auch: Es muss ein
Föderalismus im Rahmen bundesweiter Verbindlichkeiten und
Vereinbarungen sein.
Trotz allem gibt sich niemand mit dem zufrieden, was
erreicht wurde. Deshalb setzen insbesondere die
unionsregierten Länder auf folgende sechs Punkte.
Erstens: Verstärkung der vorschulischen Förderung.
Wir unterstützen die frühkindliche Bildung, indem wir
80 000 Erzieherinnen Weiterqualifizierungsmaßnahmen
ermöglichen. (Swen Schulz [Spandau] [SPD]: Das muss
noch mehr werden! – Priska Hinz [Herborn]
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja,
Internetportal! Das habe ich doch vorhin gesagt!)
Zweitens investieren wir auch in den Ausbau von
Ganztagsschulen. Die Zahl der Ganztagsschulen in
Deutschland steigt, und zwar kontinuierlich. Sie
schaffen Zeit und Raum für Bildung und Erziehung.
Drittens: individuelle Förderung. In meinem
Heimatland Bayern wurde Anfang November eine zweite
Ausbildungsstätte für Förderlehrer eröffnet. Förderlehrer
gibt es bisher nur in Bayern.
(Ute Kumpf [SPD]: Ja, weil wir es nötig
haben! Das ist das Traurige!)
Viertens: Integration von Kindern mit
Migrationshintergrund. Das Bundesbildungsministerium fördert
Forschung zur Verbesserung von Sprachtests und unterstützt
gemeinsam mit den Ländern die gezielte
Sprachförderung von Migranten.
Fünftens: Erhöhung der Durchlässigkeit des
Schulwesens. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Nach unserem
Verständnis soll es künftig keinen Abschluss ohne
Anschluss geben. Dies ist ein enorm wichtiger Schritt in die
Zukunft.
Sechstens müssen wir die Schulen bei ihrer
Erziehungsarbeit unterstützen. Dabei haben wir von der
Union natürlich alle im Blick, nicht nur die
Akademikerkinder, sondern auch die Arbeiterkinder,
(Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Und das in Bayern! Da haben die
Arbeiterkinder die geringsten Chancen, auf
das Gymnasium zu kommen!)
die Kinder aus bürgerlichen Familien, Kinder von
Handwerkern, Landwirten, Beamten, Geschäftsleuten,
Händlern, Angestellten und Freiberuflern. Es muss einmal in
aller Deutlichkeit gesagt werden: Wir spielen weder die
Kinder und Jugendlichen noch die Eltern gegeneinander
aus.
Wir wollen nicht – wie vorhin geschehen, Herr
Kollege –, dass alle Eltern als erziehungsunfähig hingestellt
werden.
(Swen Schulz [Spandau] [SPD]: Das habe ich
nicht gesagt! Hören Sie mal richtig zu! Das ist
doch Quatsch!)
Dagegen verwahren wir von der Union uns ganz
energisch. Wir pflegen nicht die Unterschiede. Wir wollen
alle Talente fördern.
(Swen Schulz [Spandau] [SPD]: Dann machen
Sie es doch!)
Alle sollen ihr Potenzial ausschöpfen können. Deshalb
gibt es bei uns keinen Einheitsbrei, sondern Vielfalt.
Die 15 Einzelforderungen in Ihrem Antrag, Frau
Kollegin, sind in weiten Teilen überholt oder von anderen
abgekupfert. In den Ziffern eins bis sechs verteilen Sie
weiße Salbe für Strukturveränderer. In Ziffer sieben be-
Marion Seibstätigen Sie Ihre eigene Schlafmützigkeit; denn die
Nationale Qualifizierungsinitiative liegt seit August 2007
vor.
(Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Sie muss im Kabinett aber erst
noch beschlossen werden!)
Unter Ziffer 8 bis 10 verbreiten Sie ziemlich lauwarme
Luft und schwülstige Wort- und Satzgebilde mit den
Hauptinhalten: sollten, könnten, müssten. Schön, dass
Sie sich wenigstens unter Ziffer 11 der Forderung nach
der Durchsetzung des Bildungssparens anschließen; dies
wird von den christlichen Arbeitnehmerverbänden CDA
und CSA seit vielen Jahren gefordert.
(Priska Hinz [Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Es passiert doch seit zwei Jahren
nichts!)
Unter Ziffer 12 geben Sie immerhin zu, dass Ihnen die
zahlreichen öffentlich finanzierten Projekte bekannt sind – um
dann unter Ziffer 14 und Ziffer 15 anzudrohen, dass Sie
sich gerne hinter irgendwelchen Gutachten verstecken
würden, um Ihrer Verantwortung für die individuellen
Bildungsbedürfnisse der Menschen zu entkommen.
In einem Punkt, der Ziffer 13 Ihres
Forderungskatalogs, haben Sie in der Tat recht: Es ist unabdingbar, die
Länder und Kommunen finanziell und organisatorisch in
die Lage zu versetzen, den neuen und vielfältigen
Bildungsaufgaben in Gegenwart und Zukunft
nachzukommen. Lassen Sie uns alles tun, damit wir unser aller Ziel
erreichen: die bestmögliche Förderung aller kindlichen,
jugendlichen und auch erwachsenen Talente.
(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Was schlagen Sie dazu vor?)
Ihr Antrag, verehrte Kollegen von den Grünen, ist dazu
nicht die richtige Wahl.
Besten Dank.