Rede von Dr. Rolf Mützenich (SPD) – Drucksachen 16/7468, 16/9006
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 15: Drucksachen 16/7468, 16/9006 –.
Text
Rede von Dr. Rolf Mützenich (SPD) – Drucksachen 16/7468, 16/9006
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Ohne die folgenschwere Entscheidung der
US-Regierung, im Irak zu intervenieren, müssten wir
heute nicht über die Situation der Flüchtlinge reden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Noch vor wenigen Tagen hat der frühere
Pressesprecher des amerikanischen Präsidenten, McClellan,
eingeräumt, dass der Krieg gegen den Irak ein ernsthafter
strategischer Missgriff war. Mehr als 4 Millionen Menschen
sind noch heute, fünf Jahre nach Beginn des Irak-Kriegs,
auf der Flucht. Nach 1948 ist dies die zweite große
Flüchtlingswelle in der Region. Allein 2 Millionen
Iraker leben in Syrien, Jordanien und dem Libanon. Nur
etwa ein Drittel der ehemals 1,2 Millionen Christen im
Irak sind heute noch im Land. Fünf von zehn Irakern
müssen täglich mit weniger als einem Euro überleben.Das ehemals vorbildliche Gesundheits- und
Bildungssystem ist zusammengebrochen. 60 000 Iraker sind
inhaftiert, die Mehrzahl von ihnen ohne Prozess oder
Anklage. Die schreckliche Bilanz lautet: 1,2 Millionen
Menschen sind getötet worden. Genauso viele Menschen
wurden verwundet. Die Folgen des Irak-Kriegs sind
desaströs. Schlimmer noch: Die angeführten Gründe für
den Einmarsch waren eine niederträchtige Manipulation.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
McClellan zieht ein verheerendes Fazit: Der
Zusammenbruch der Kriegsgründe hätte keine Überraschung zu
sein brauchen. Damit bezichtigt der ehemalige
Pressesprecher im Weißen Haus nicht allein seinen ehemaligen
Vorgesetzten der Selbsttäuschung. Auch denjenigen, die
vor fünf Jahren den US-Streitkräften in den Irak gefolgt
waren oder folgen wollten, schreibt er ins Zeugnis, sie
hätten es bereits damals besser wissen können.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
LINKEN)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, deshalb bin ich
stolz darauf, dass die von Gerhard Schröder geführte
Bundesregierung den Irak-Krieg von Anfang an
abgelehnt hat.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Obwohl einzelne Medien sowie politische und
gesellschaftliche Meinungsführer eine Beteiligung
Deutschlands forderten, haben wir uns nicht beirren lassen.
Damals hat die SPD in einem geschichtlichen Moment
wieder richtig gehandelt.
Auch wenn wir nicht alle furchtbaren Entwicklungen
vorhersehen konnten, wussten wir, dass dieser Krieg
falsch war. Wir befürchteten auch, dass die Invasion im
Irak die Region destabilisieren und die europäische
Sicherheit bedrohen würde.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, obwohl wir gegen
den Krieg waren, hat Deutschland sogleich geholfen.
Wir haben bisher rund 300 Millionen Euro für den
Wiederaufbau und die Stabilisierung des Iraks bereitgestellt.
In den letzten beiden Jahren haben wir allein für die
Flüchtlingshilfe 8 Millionen Euro verausgabt. Im Jahre
2008 sind bereits 4 Millionen Euro in Projekte der
humanitären Hilfe geflossen. Ein Großteil der Leistungen
kam den Aufnahmeländern direkt zugute.
Vor allem Syrien hat irakische Flüchtlinge
aufgenommen. Viele der 1,3 Millionen Iraker leben im Großraum
Damaskus. Nahezu jeder dritte Bewohner der Hauptstadt
ist ein Flüchtling. Man kann sich die daraus
erwachsenden Herausforderungen für das Schul- und
Gesundheitswesen, für den Wohnungsmarkt und für die Strom- und
Wasserversorgung nur ansatzweise vorstellen. Deshalb
war es richtig, dass wir in den vergangenen Monaten vor
Dr. Rolf Mützenichallem Syrien bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme
geholfen haben.
Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, die Besuche
des Außenministers und der
Entwicklungshilfeministerin in Damaskus dienten vor allem diesem Ziel.
Deswegen ist es verwunderlich, dass diejenigen, die heute
weitere Anstrengungen verlangen, diese Besuche damals
kritisiert haben.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Ich denke, Frank-Walter Steinmeier und Heidemarie
Wieczorek-Zeul haben mit ihren Gesprächen und ihren
konkreten Hilfszusagen einiges für die Stabilisierung der
Situation und der Region getan.
Neben den staatlichen Instanzen in den arabischen
Nachbarstaaten des Iraks haben insbesondere
Hilfsorganisationen versucht, die Probleme der Flüchtlinge zu
lindern. So haben das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten
Nationen, das Internationale Rote Kreuz und der Rote
Halbmond eine Menge bewegen können. Gleichzeitig
haben Menschen und private Organisationen in Syrien,
Jordanien und Libanon geholfen. Ihnen allen sei hiermit
ganz herzlich gedankt!
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sollten in
diesem Zusammenhang auch daran erinnern, dass bereits
heute 73 000 irakische Staatsangehörige in Deutschland
leben, darunter viele Jesiden und Christen. Ich würde
mir wünschen, dass weitere Iraker bei uns Schutz finden.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/
CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN)
Wir begrüßen den Vorstoß des Innenministers, sich
dafür einzusetzen, dass in Deutschland und in den
anderen EU-Mitgliedstaaten weitere irakische Flüchtlinge
aufgenommen werden. Jetzt geht es darum, diesen
Vorschlag rasch umzusetzen. Im Sinne der notleidenden
Menschen wäre es daher wünschenswert, wenn die EU-
Innenminister bereits auf der morgigen Ratstagung einen
Beschluss über die Zahl der aufzunehmenden
Flüchtlinge und über die EU-interne Lastenverteilung fassen
würden.
(Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister: Die
Sitzung war heute Mittag!)
– Das werden Sie uns gleich berichten. Ich freue mich
auf Ihre Rede, Herr Innenminister. Die SPD-Fraktion
unterstützt Ihre Initiativen. Darüber hinaus tritt die SPD-
Fraktion dafür ein, das Programm zur Wiederansiedlung
des UNHCR in Deutschland zu etablieren.
(Beifall bei der SPD)Nunmehr findet eine Debatte darüber statt, ob wir
irakische Christen nach Deutschland holen sollten. Ich
bezweifle, dass die Konzentration allein auf irakische
Christen den Herausforderungen angemessen ist.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie des
Abg. Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE] und des
Abg. Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN])
Verschärft nicht bereits die Aufteilung entlang
ethnischer und religiöser Trennlinien die Konfliktsituation im
Irak und in der Region? Ist eine Frauenrechtlerin
muslimischen Glaubens in Deutschland weniger willkommen
als eine engagierte Politikerin christlichen Glaubens? Ist
nicht ein Arzt muslimischen Glaubens genauso mit
tödlicher Verfolgung konfrontiert wie sein Kollege
christlichen Glaubens?
Dürfen wir die Beweggründe für Flucht anhand des
Glaubens relativieren?
Selbst wenn christlichen Flüchtlingen die Aufnahme
in Deutschland erleichtert werden sollte, könnten wir
nicht mit der Unterstützung des UNHCR rechnen. Denn
ich glaube, dass die Einzelschicksale im Vordergrund
stehen und nicht die Zugehörigkeit zu einer Religion.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
FDP – Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]: Zu Recht!)
Was wir brauchen, ist eine Flüchtlingspolitik, die auf die
individuellen Schicksale und nicht auf bestimmte
Merkmale Bezug nimmt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das
Flüchtlingsproblem ist leider nur ein Problem von vielen. Deshalb hat
sich Deutschland auf die Ausbildungshilfe im Berufs-
und Sicherheitssektor konzentriert. Deutsche
Institutionen haben irakische Sicherheitskräfte aus- und
fortgebildet. Wir haben bei der Minenräumung geholfen.
Schließlich haben wir den politischen und
administrativen Wiederaufbau unterstützt, bei der Wahlbeobachtung
geholfen und die föderale Entwicklung begleitet. Der
Schuldenerlass beläuft sich gegenwärtig auf 5 Milliarden
Euro. Angesichts der schwierigen Situation sind dies nur
geringe Beiträge. Wir sollten uns darauf einstellen, dass
die Hoffnungen und Anforderungen gegenüber
Deutschland wachsen werden.
Es ist gut, dass wir in der vergangenen Woche zwei
hochrangige Besucher aus dem Irak empfangen durften.
Diese Konsultationen sollten fortgesetzt werden, auch
im Irak. Angesichts der Sicherheitslage, aber auch
angesichts der engen Beziehungen ist es derzeit durchaus
angemessen und sinnvoll, sich auf den kurdischen Teil des
Iraks zu konzentrieren. Zweifellos wäre die rasche
Eröffnung eines Konsulats in Erbil ein wichtiges Zeichen. Ich
würde dies begrüßen. Zugleich wäre es falsch, die
anderen Regionen des Landes außer Acht zu lassen.
Dr. Rolf MützenichLiebe Kolleginnen und Kollegen, Deutschland hat in
den vergangenen Jahren dem Irak geholfen. Wir werden
dies auch in Zukunft tun müssen. Wir sollten dabei eine
Politik unterstützen, die den ganzen Irak und alle
Menschen in den Blick nimmt. Vor allem gegenüber den
arabischen Nachbarstaaten und dem Iran sollten wir
deutlich machen, dass nur verlässliche, regionale Lösungen
einen Sicherheitsgewinn für alle bringen können. Der
Irak wird nur in einem so gesicherten Umfeld eine
Zukunft haben können.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Relationen
- part_of → Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages
- spoke_in ← Rolf Mützenich (Rede)