Rede von Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/10616, 16/11240
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Drucksachen 16/10616, 16/11240 –.
Text
Rede von Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/10616, 16/11240
Nein, wir haben dies alles eben in der
familienpolitischen Debatte weitgehend erörtert. An dieser Stelle hat
die Linke ohnehin eine hohe Redundanz.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg.
Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU])
Entscheidend ist die Frage, welche politischen
Prioritäten man setzt. Die Erhöhung des Regelsatzes ist unsere
Priorität; an dieser Stelle sind wir uns sogar mit relativ
großen Schnittmengen einig. Aber das, was von Ihnen
kommt, ist wirklich nur Populismus kurz vor
Weihnachten. Ich möchte mich daher gar nicht mehr weiter mit
Ihrem Antrag auseinandersetzen, sondern auf die
wichtigere politische Frage zu sprechen kommen, wie der
Stand der Debatte um die Erhöhung der Regelsätze
eigentlich ist.
Häufig denke ich, ich bin im falschen Film. Wenn Sie,
Frau Hiller-Ohm, eben sagten, der Regelsatz für Kinder
sei nicht von dem für Erwachsene abzuleiten und man
müsse andere Überlegungen anstellen, und Frau
Fischbach Sie sogar darin bestätigte, dass das alles so
nicht gehe,
(Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Das wird doch
im Moment geprüft!)
dann frage ich Sie, warum Sie eben bei der namentlichen
Abstimmung dem Bundesratsantrag nicht zugestimmt
haben. In diesem Entschließungsantrag, der mit dem
Text wortgleich ist, den sämtliche Bundesländer
beschlossen haben, heißt es:
Der Bundesrat fordert die Bundesregierung auf, die
Regelleistung für Kinder nach dem SGB II sowie
die Regelsätze nach dem SGB XII unverzüglich
neu zu bemessen und als Grundlage dafür eine
spezielle Erfassung des Kinderbedarfes vorzusehen.(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Wir sind
doch dabei!)
Diesem Satz hätten Sie doch zustimmen können.
(Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Kann man ja
auch!)
– Sie haben aus den Reihen der Koalition 394
Neinstimmen zusammengebracht; das ist doch eine Tatsache.
Dies werden wir vor und nach Weihnachten in den
Wahlkreisen auch publik machen. Selbst die Fraktion
Die Linke hat sich an dieser Stelle ganz offensichtlich
nur enthalten, obwohl das Land Berlin dem zugestimmt
hatte. Ich glaube wirklich, dass ich hier im falschen Film
bin.
In den Ländern laufen Ihre Kollegen – dies gilt auch
für die CSU in Bayern – fleißig durch die Gegend und
sagen, die Regelleistungen für Kinder seien zu niedrig.
Am 24. November erklärte Frau Haderthauer, die neue
bayerische Sozialministerin:
Es kann nicht sein, dass gerade Familien, die auf
eine Erhöhung ihrer Leistungen in ganz
besonderem Maße angewiesen sind, leer ausgehen.
Frau Fischbach, Herr Laumann fordert in Nordrhein-
Westfalen landauf, landab andere Regelsätze speziell für
Kinder. Er sagte im Landtag, es könne gar nicht sein,
dass ein 14-Jähriger nur 60 Prozent dessen esse, was ein
Erwachsener isst. – Sie nicken hier und pflichten mir bei.
Aber politisches Handeln ist bei Ihnen überhaupt nicht
zu entdecken. Diese Heuchelei – so muss man es nennen –
gilt es aufzudecken; es lohnt sich, hierüber eine
politische Debatte zu führen. Es reicht nicht aus, nur Killefitz
zu machen, wie Sie von der Linken es tun.
Es bedarf an dieser Stelle auch keiner weiteren
Prüfung. Jetzt ist Handeln angesagt. Es liegt eine
hinreichende Zahl von Studien vor:
ernährungswissenschaftliche Studien, Studien zum Bildungsbedarf, zu den
Mobilitätskosten usw. Angesichts dessen halte ich es
wirklich für eigentümlich, welche Pirouetten
insbesondere die SPD dreht. Zum Schluss kann ich Ihnen einen
Beschluss vom Juni 2008 nicht vorenthalten, dessen
Wortlaut man sich auf der Zunge zergehen lassen muss.
Die SPD schreibt hier:
Die Ableitung der Regelleistung für Kinder als
reiner Anteil des Erwachsenenregelsatzes ist …
problematisch, da durch diese Vorgehensweise der
kinderspezifische Bedarf zu wenig abgedeckt sein
kann.
So weit, so gut. Aber jetzt kommt es:
Wir unterstützen daher die Bemühungen des
Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, die
Ermittlung eines eigenständigen Kinderregelsatzes zu
prüfen.
Sie unterstützen Bemühungen, zu prüfen!
(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Sehr dynamisch ist das!)
Hier haben Sie sich wirklich das schwächste interne
Kompromissargument einfallen lassen. Wer so dünn
aufgestellt ist, hat seine sozialpolitische Kompetenz
verspielt.
Dazu passt es, dass Sie jetzt auch noch eine Debatte
über irgendwelche Konsumgutscheine führen.
Konzentrieren Sie sich doch auf das, was konjunktur- und
sozialpolitisch unmittelbar hilft. Eine Regelsatzerhöhung
speziell für Kinder wäre begründbar. Weil sie direkt in
den Konsum flösse, wäre sie eine zielgerichtete und
wesentlich sinnvollere Maßnahme. Ich fordere Sie auf, auf
diesem Wege voranzugehen. Sollten Sie es nicht tun,
werden wir Ihnen das im nächsten Jahr bei den
verschiedenen Wahlkämpfen noch mehrmals deutlich mitteilen.
Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Brauchen Sie
nicht!)
Relationen
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