Rede von Wolfgang Spanier (SPD) – Großen Anfrage der Abgeordneten
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 19 a und 19 b: Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten.
Text
Rede von Wolfgang Spanier (SPD) – Großen Anfrage der Abgeordneten
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Meine Damen und Herren! Und wenn es denn
gewünscht wird: liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im
Ausschuss!
(Heiterkeit – Beifall der Abg. Kerstin Griese
[SPD])
Wolfgang SpanierWir debattieren heute über die Große Anfrage und einige
Anträge. Wir sprechen nicht über konkrete
Entscheidungen oder eine konkrete Maßnahme.
(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Aber die Anträge sind sehr konkret!)
Deswegen bietet diese Debatte noch einmal eine
Gelegenheit, grundsätzlich etwas zu dem Thema zu sagen.
Frau Golze, bei Ihrer Rede musste ich mein ansonsten
überbordendes ostwestfälisches Temperament zügeln.
Diese Rede beinhaltete eine Reihe manchmal bösartiger
Unterstellungen und polemischer Zuspitzungen.
– Ich sage es in aller Ruhe. Ich schätze Sie als
Mitarbeiterin im Ausschuss, bei allen Unterschieden und
Differenzen.
Aber wenn Sie Ihre Rede später noch einmal nachlesen,
werden Sie das, was ich gerade gesagt habe, bestätigen
können.
Ich bin froh, dass wir heute nicht über Statistiken
streiten – das machen wir sonst ganz gerne, wenn es um
dieses Thema geht –, sondern dass es heute um die
Sache geht. Es ist schon angesprochen worden, wer in
erster Linie vom Armutsrisiko betroffen ist: Frauen,
Alleinerziehende und Kinder. Deswegen ist die Feststellung,
dass Armut weiblich und jung ist, voll zutreffend.
Wir sind uns auch einig über die Ursachen:
Arbeitslosigkeit, vor allen Dingen wenn sie langanhaltend ist, die
Situation als Alleinerziehende und auch Ereignisse im
Leben wie schwere Krankheiten, die einen aus der Bahn
werfen können.
Wenn wir über die Vermeidung und Bekämpfung von
Armut und – diese Ergänzung ist wichtig – sozialer
Ausgrenzung sprechen, dann müssen wir natürlich bei den
Ursachen ansetzen.
Wir müssen sehen, welche Möglichkeiten und Grenzen
dieses Parlament hat. Nicht nur die Arbeitslosigkeit,
sondern auch die rasante Entwicklung im Niedriglohnsektor
hat sicherlich dazu beigetragen, dass mehr Menschen
vom Armutsrisiko betroffen sind. Deswegen ist die
Frage des Mindestlohns an dieser Stelle eine ganz
entscheidende.
(Beifall bei der SPD – Zuruf der Abg. Diana
Golze [DIE LINKE])
– Ich will nicht nur loben, sondern an der einen oder
anderen Stelle durchaus auch selbstkritische Bemerkungen
machen. – Auch das rasante Anwachsen der Zahl
prekärer Beschäftigungsverhältnisse ist eine Ursache. Hier
müssen ebenfalls Korrekturen vorgenommen werden.
Wenn es um die finanziellen Leistungen geht, dann
sind die vorgelagerten sozialen Leistungen von ganz
besonderer Bedeutung. Wir haben das Kindergeld erhöht.Natürlich kann man darüber diskutieren, ob es nicht
noch mehr sein sollte. Wir haben den Kinderzuschlag
verbessert. Das ist ein Fortschritt.
(Ina Lenke [FDP]: Aber Sie haben keine
Analyse gemacht!)
Aber wir haben den Kinderzuschlag nicht – deswegen
stehen in unseren Wahlprogrammen auch entsprechende
Formulierungen – so verbessern können, wie wir
Fachpolitikerinnen und Fachpolitiker uns das gewünscht
haben; das sei eingeräumt. Außerdem haben wir das
Wohngeld deutlich angehoben. Das heißt, wir haben bei den
vorgelagerten sozialen Leistungen eine ganze Menge
getan.
Nicht erreicht worden ist allerdings etwas, was die
Bundesfamilienministerin, die nicht anwesend sein
kann, eigentlich zugesagt hatte, nämlich eine Prüfung
der Effektivität aller Familienleistungen durchzuführen
und eine Bilanz zu erstellen. Ich hoffe, dass der nächste
Bundestag doch noch einmal an das Thema
Ehegattensplitting herangeht.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie der Abg. Diana Golze
[DIE LINKE])
Wir sollten das Splitting nicht abschaffen, weil wir damit
auch Familien treffen würden. Aber die Lösung, die wir
jetzt haben, ist auf Dauer einfach nicht haltbar. Sie birgt
so viele Widersprüche, dass wir uns dieses Themas noch
einmal annehmen müssen. Dann hätten wir auch mehr
finanzielle Möglichkeiten, Leistungen, die Kindern und
Familien direkt zukommen, zu verbessern.
Zu den Regelsätzen. Wir unterscheiden bei den
Kindern drei Gruppen. Für die 6- bis 13-Jährigen haben wir
die Regelsätze kräftig angehoben. Auch das
Schulbedarfspaket sollte man in diesem Zusammenhang nicht
kleinreden.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Es stellt einen ganz entscheidenden Fortschritt dar, weil
bei der Ermittlung der Regelsätze Bildung nicht die
Rolle gespielt hat, die ihr eigentlich zukommt. Die
Regelsätze sollten vom nächsten Bundestag noch einmal
überprüft und überdacht werden. Den Grundgedanken,
dabei bedarfsorientiert vorzugehen, halte ich persönlich
grundsätzlich für richtig. Man kann die
Verbrauchsstichprobe auch so gestalten, dass eben nicht der
alleinstehende Erwachsene der Maßstab ist, sondern Familien
mit Kindern. Das ist jetzt geschehen.
An dieser Stelle will ich noch anmerken: Das
Bundessozialgericht – demnächst möglicherweise auch das
Bundesverfassungsgericht – hat sich gegen die
Ableitung gewandt und ausdrücklich keine Aussage zur Höhe
gemacht.
(Diana Golze [DIE LINKE]: Eigenständige
Berechnung!)
Das ist eine Aufgabe für den nächsten Bundestag.
Wolfgang Spanier(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Wer regiert denn? Sie sagen immer
„der nächste Bundestag“!)
– Wissen Sie, Herr Kollege, ich habe vier Jahre
Erfahrung in der Opposition, sieben Jahre Erfahrung in der
herzlichen Koalition mit Ihnen und jetzt vier Jahre
Erfahrung in der ganz besonders herzlichen Koalition mit
der Union. Sie als Fachpolitiker wissen selbst, dass in
einer Koalition manches nicht durchsetzbar ist. Dieses
Spielchen sollten wir uns ersparen, Herr Kurth.
Es geht aber nicht nur um die materielle Bekämpfung
von Armut. Es geht auch – da gebe ich Frau Lenke
absolut recht – um Bildung. Bildung ist tatsächlich der
Schlüssel, um Armut zu vermeiden und die Chance zu
bekommen, sich langfristig aus dieser Lage zu befreien.
Wir stellen bildlich gesehen Leitern auf, die es den
Betroffenen ermöglichen, herauszuklettern. Wenn jemand
herunterrutschen sollte, dann bekommt er eine weitere
Chance; denn wir helfen ihm noch einmal auf die Leiter.
Das halte ich für ganz entscheidend. Auch an dieser
Stelle haben wir Fortschritte gemacht.
Frühkindliche Förderung ist ein ganz entscheidendes
Moment. Wir haben es geschafft, das Angebot an
Betreuungsplätzen für die unter 3-Jährigen mit finanzieller
Beteiligung des Bundes deutlich auszubauen. Das ist
angesichts der Zuständigkeiten nicht selbstverständlich.
Dass wir den Rechtsanspruch auf Betreuung
durchgesetzt haben, ist ein ganz entscheidender Fortschritt. Das
wird zwar nicht von heute auf morgen, aber auf mittlere
Sicht eine spürbare Verbesserung bringen.
Wir haben auch die Chance, auf dem Gebiet der
Integration voranzukommen. Darüber haben wir in der
gesellschaftspolitischen Debatte erst sehr spät eine
Verständigung erzielt. Auch da müssen wir entscheidende
Schritte vorankommen.
(Ina Lenke [FDP]: Aber nicht beim
Betreuungsgeld!)
– Dieses kleine Zugeständnis mussten wir machen, um
das große Ziel zu erreichen. Wie meine Kolleginnen und
Kollegen bin auch ich absolut sicher, dass dieser Unsinn
nicht Realität wird. Das sage ich ganz offen.
(Beifall bei der SPD – Caren Marks [SPD]:
Singhammer ist beim nächsten Mal nicht mehr
im Bundestag!)
Ich will zum Schluss – ich glaube, das ist wichtig –
noch einige grundsätzliche Anmerkungen machen.
Einkommen, Bildung und Gesundheit – über die Gesundheit
habe ich noch kein Wort verloren; man kann in neun
Minuten nicht alles ansprechen – sind die zentralen
Dimensionen, die Armut beeinflussen. Es ist ganz
entscheidend, dass wir nicht eine dieser Dimensionen
herausgreifen und glauben, mit Fortschritten in diesem
Bereich das schwierige Problem der Armut lösen zu
können. Wir dürfen diese drei Dimensionen auch nicht
gegeneinander ausspielen. Manchmal gab es solche
Ansätze: hier die materiellen Leistungen oder dort mehrGeld in Infrastruktur. Das sollten wir auf jeden Fall
vermeiden.
Wir brauchen in der Tat ein umfassendes Konzept, in
dem alle Dimensionen berücksichtigt werden. Ich
gehöre zu denen, die immer misstrauisch werden, wenn
von großen und umfassenden Konzepten die Rede ist.
Von der Sache her ist das hier aber nötig. Wir
Sozialdemokraten nennen das „Nationaler Aktionsplan“. Ich
denke – das konnte ich in allen Anträgen und auch im
Entschließungsantrag erkennen –, dass der Bundestag
über alle Unterschiede und Fraktionsgrenzen hinweg in
diese Richtung geht. Deswegen hoffe ich, dass nach der
Bundestagswahl das neu zusammengesetzte Parlament
im Jahr 2010, also im Europäischen Jahr zur
Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung, diese
umfassende Strategie entwickelt. Das halte ich für sehr
wichtig, damit alle Dimensionen – Einkommen, Bildung und
Gesundheit – berücksichtigt werden.
Nur dann haben wir die Chance, möglichst allen
Kindern gleiche Lebenschancen zu geben; darum geht es.
Selbst ökonomisch ist das richtig; denn wir brauchen
jedes Kind.
Ich füge hinzu – jeder hat ja seine eigene Biografie –:
Ganz besonders brauchen wir die benachteiligten
Kinder.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP
sowie bei Abgeordneten der LINKEN)