Rede von Dr. Edmund Peter Geisen (FDP) – Drucksache 16/8540
Teil von Protokoll der 167. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 35 b: Drucksache 16/8540 –.
Text
Rede von Dr. Edmund Peter Geisen (FDP) – Drucksache 16/8540
Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Diese Woche haben sich
Bilder in unseren Köpfen festgesetzt, die
widersprüchlicher kaum sein könnten und die wir so schnell nicht
vergessen werden: auf der einen Seite hungernde Menschen
bei gewalttätigen Demonstrationen und auf der anderen
Seite wütende Milchbauern, die literweise Milch
wegschütten und Molkereien blockieren.
Eines wird dabei ganz deutlich: Die Landwirtschaft,
die jahrelang sowohl bei uns als auch weltweit als
vernachlässigbar galt und auch belächelt wurde, steht jetzt
plötzlich wieder im Zentrum der medialen und
politischen Aufmerksamkeit. Warum? Weil wir verblüfft
feststellen müssen, dass Lebensmittel kein Gut wie jedes
andere sind, sondern unsere blanke Existenz sichern.
Dr. Edmund Peter GeisenWährend wir hier jammern, dass wir möglicherweise
bald 14 Prozent statt gegenwärtig 11 Prozent unseres
verfügbaren Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben
müssen, beträgt dieser Anteil in den
Entwicklungsländern schon jetzt 70 Prozent. Es ist also kein Wunder,
dass die hungernden Menschen auf die Straße gehen.
Auf der gestern zu Ende gegangenen FAO-Konferenz
warnte der FAO-Chef bereits vor Bürgerkriegen und vor
einer Gefahr für den Weltfrieden.
Selbst wenn die aktuellen Probleme mit
Sofortmaßnahmen kurzfristig gelöst werden könnten, muss
angesichts der drastisch wachsenden Weltbevölkerung in den
nächsten Jahrzehnten, so UN-Generalsekretär Ban
Kimoon, die Lebensmittelproduktion bis 2030 um sage
und schreibe 50 Prozent gesteigert werden. Dabei steht
uns die eigentliche Herausforderung noch bevor: der
Klimawandel.
Fazit: Wir müssen umdenken in der Agrarpolitik. Es
ist fünf vor zwölf. Wir brauchen eine grüne Revolution
auf dem Acker, oder wie es der UN-Generalsekretär
etwas weniger plakativ formulierte: Wir müssen die
historische Gelegenheit für eine Wiederbelebung der
Landwirtschaft nutzen, und zwar nicht nur in Afrika, sondern
auch bei uns. – Wir brauchen den Ausstieg aus der
Philosophie des Ausstiegs.
Das ist die Kernbotschaft des FDP-Antrags
„Klimaschutz durch effiziente Landwirtschaft“ sowie unseres
jüngst verabschiedeten Fünf-Punkte-Programms zur
Sicherung der Welternährung. Unsere Forderungen im
Einzelnen:
Erstens. Nur eine effiziente, innovative und
unternehmerische Landwirtschaft, mit der standortangepasst und
nachhaltig die Erträge zu steigern sind, kann die
Ernährungs- und Versorgungssicherheit auf Dauer
gewährleisten. Das gilt für den heimischen Standort ebenso wie für
die Entwicklungsländer.
Zur Steigerung der Produktivität in der Land- und
Ernährungswirtschaft müssen wir Innovationen und
technischen Fortschritt nutzen und dürfen ihn nicht verteufeln.
Das gilt für moderne Landtechnik genauso wie für
modernste Betriebsmittel, für Pflanzenzüchtung und
Bewässerungssysteme. Dabei gilt es auch, die
verantwortbaren Möglichkeiten der Biotechnologie zu nutzen.
Entsprechende Aus- und Fortbildungen sind notwendig.
Zweitens. Deutlich gesteigert werden müssen die
Investitionen in die Agrarforschung, national wie
international. Hier ist in den vergangenen Jahren viel zu wenig
passiert. Forschung und Entwicklung sind der Schlüssel
für künftigen Wohlstand und angesichts der
Herausforderungen des Klimawandels von entscheidender
Bedeutung.
Drittens. Wir brauchen die Bioenergie, auch die aus
Biomasse. Verbesserte Lebensverhältnisse in Ländern
wie China oder Indien ziehen nicht nur eine gesteigerte
Nachfrage nach Lebensmitteln nach sich, der
Energiebedarf steigt ebenfalls rasant an. Gleichzeitig sind unsere
Vorkommen an fossilen Rohstoffen begrenzt.Ich wundere mich immer wieder, wie einige es
schaffen, mit gleicher Vehemenz und Dogmatik erst für die
vermeintlich umweltfreundliche Alternative zu
kämpfen, nur um sie später genauso vehement zu bekämpfen.
Deshalb gibt es nicht die Alternative: Teller oder Tank.
Nein, für die Liberalen gilt: Teller und Tank, wobei dem
Teller immer Vorrang einzuräumen ist.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
Manfred Grund [CDU/CSU]: Dem Teller sei
Dank!)
Viertens. Unsere Landwirte brauchen
Planungssicherheit und verlässliche Rahmenbedingungen, um auf dem
zunehmend globalisierten Markt wettbewerbsfähig zu
bleiben. Deshalb gibt es für die FDP auch keine
Diskussion über die Direktzahlungen der ersten Säule bis 2013.
Pacta sunt servanda!
Fünftens. Wir müssen die Liberalisierung des
Welthandels fortsetzen; denn freier Handel ist fairer Handel.
Sowohl die Nahrungsmittelkrise als auch der
Klimawandel machen deutlich: Wir leben hier doch nicht auf einer
einsamen Insel mitten im Nirgendwo. Wir können und
wollen uns doch gar nicht von den globalen
Entwicklungen abkoppeln.
Wer aber wie Minister Seehofer wider besseres Wissen
öffentlich über Autarkie in der Landwirtschaft sinniert,
handelt verantwortungslos;
(Zuruf von der CDU/CSU: Jetzt können wir
nicht klatschen!)
denn er bedient populistische Forderungen, die den
heimischen Landwirten ebendiese Insel vorgaukeln.
Minister Seehofer, reden Sie doch einmal über die
Chancen unserer hochwertigen Qualitätsprodukte auf dem
Weltmarkt, statt immer nur über protektionistische
Maßnahmen nachzudenken!
(Detlef Dzembritzki [SPD]: Wo ist er
eigentlich?)
Wir Liberale haben unsere Hausaufgaben gemacht.
Nun ist die Bundesregierung an der Reihe. Hier erwarten
wir statt ewig schöner Worte und runder Tische endlich
gute Taten. Da Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer
bei einem dieser runden Tische erklärt hat, die Politik
müsse wesentlich wirksamer werden, um ihre Ziele zu
erreichen, sage ich: Richtig, Herr Minister. Fangen Sie
doch endlich an!
Herzlichen Dank für Ihr Zuhören.