Rede von Dr. Diether Dehm (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/73
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Diether Dehm (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/73
Lieber Kollege Ramsauer, am Anfang zwei Tipps:
Schauen Sie sich einmal die Protokollstelle an, an der
Sie davon sprechen, dass Sie es mit dem Unterbinden
von Demokratie ernst nehmen wollen. Korrigieren Sie
das, damit es nicht so stehen bleibt. Anstatt anderen
Demokratiedefizite vorzuhalten und sie für ungebildet zu
erklären, sollten Sie die Mehrheit der Menschen, die in
Frankreich den EU-Verfassungstext abgelehnt haben,
endlich ernst nehmen.
Wer, wie wir, einen besseren EU-Verfassungsvertrag
will, darf über die deutsche Verfassung, das Verhältnis
der EU-Verfassung zu unserem Grundgesetz nicht
schweigen. Auch durch eine europäische
Verfassungsordnung dürfen Art. 1 und 20 des Grundgesetzes in
ihrem Wesen nicht beeinträchtigt werden. Das lässt Art. 79
Abs. 3 nicht zu.
Mit diesen unabänderlichen Bindungen ist eine
Ordnung unvereinbar, die, dem neoliberalen Zeitgeist
folgend, die Menschen als Humankapital der Herrschaft
des Profits unterwirft, ihnen also den Eigenwert als
Menschen nimmt.
Hierzu ein Zitat, Kollege Schäfer:
Dr. Diether DehmIn der vom Gewinn- und Machtstreben bestimmten
Wirtschaft und Gesellschaft sind Demokratie,
soziale Sicherheit und freie Persönlichkeit gefährdet.
(Dr. Andreas Schockenhoff [CDU/CSU]: Das
hat Lafontaine schon gesagt!)
Der demokratische Sozialismus erstrebt darum eine
neue Wirtschafts- und Sozialordnung.
Kollege Schäfer, das steht so nicht im Manifest von
Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, das steht auch nicht
in Ihrem gültigen SPD-Parteiprogramm, das immer noch
die Unterschrift von Oskar Lafontaine trägt, sondern das
ist ein Zitat aus dem Godesberger Programm.
Wer aber die Würde der Menschen, wer ihre
Bedürfnisse als Ausgangspunkt allen staatlichen und auch allen
abgeleiteten supranationalen Handelns ernst nimmt, der
kann eine Verengung auf die geltende ungerechte
Wirtschaftsordnung nicht wollen. Jede Wirtschaftsordnung
muss sich in ihren konkreten Auswirkungen auf die
Würde der Menschen immer wieder von neuem an den
genannten Grundprinzipien messen lassen.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei
Abgeordneten der SPD – Klaus Uwe Benneter [SPD]:
Richtig!)
Und sie muss erforderlichenfalls auch abgewählt werden
dürfen. Das meint das Grundgesetz auch mit der Freiheit
der Wähler, und zwar in seinen Vorschriften über die
Eigentumsordnung in den Art. 14 und 15. Hier gibt es die
Gewährleistung des Eigentums, aber auch seine
verbindliche Verpflichtung auf das Gemeinwohl. Es gibt die
Möglichkeit der Enteignung der Deutschen Bank und
anderer Konzerne im Interesse der Allgemeinheit und
auch die Möglichkeit der Vergesellschaftung von
Produktionsmitteln durch ihre Überführung in
Gemeineigentum.
(Klaus Uwe Benneter [SPD]: So steht es aber
nicht im Godesberger Programm!)
Damit zielt das Grundgesetz zwar nicht auf eine andere
Wirtschaftsordnung, aber es gibt den Wählerinnen und
Wählern die Freiheit, den Kapitalismus abzuwählen. Das
hat das Bundesverfassungsgericht 1954 in seiner
Entscheidung zum Investitionshilfegesetz ausdrücklich
dargelegt und das ist bis heute gültig.
(Klaus Uwe Benneter [SPD]: Denken Sie an
das Ahlener Programm der CDU!)
Wenn die FDP beispielsweise in einem Antrag
fordert, ausgerechnet Art. 15 aus dem Grundgesetz zu
streichen, so zeigt dies, dass sie den Wählern die Freiheit
nehmen will, den Kapitalismus abzuwählen. Freiheit ist
aber gerade hier auch die Freiheit der Andersdenkenden.
Auch dass die EU-Verfassung diese Freiheit
einschränken will, sodass die Abwahl des Kapitalismus
nicht mehr möglich sein soll, ist mit der Würde der
Menschen und ihrer Unantastbarkeit ebenso wenig vereinbar
wie mit den Prinzipien der Demokratie und der
Sozialstaatlichkeit. In diesem Sinne wiederhole ich –Präsident Dr. Norbert Lammert:
Herr Kollege!