Rede von Dr. Diether Dehm (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/193
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Diether Dehm (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/193
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! „Die
Verpflichtung auf den ,unverfälschten Wettbewerb‘ im
Lissabon-Vertrag stellt insgesamt die Öffentliche
Daseinsvorsorge, den ,demokratischen und sozialen
Rechtsstaat‘ infrage.“
Das war ein Zitat vom Bundeskongress der
Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD, AfA,
dort so mit großer Mehrheit beschlossen.
Ich zitiere weiter: „Die AfA lehnt den Lissabon-
Vertrag ab und fordert die Bundestagsabgeordneten der SPD
auf, diesem Vertrag im Bundestag nicht zuzustimmen.“
Das ist Eure Stimme aus den Betrieben, lieber Axel
Schäfer. Dieser Stimme zu folgen, ist besser, als Irlandund andere indirekt mit der Rauswurfdrohung aus der
EU zu erpressen.
(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Sehr
richtig!)
Der miserable Lissabon-Vertrag ermutigt den
Europäischen Gerichtshof zu solchen Skandalurteilen wie dem
Rüffert-Urteil,
(Dr. Angelica Schwall-Düren [SPD]: So ein
Quatsch!)
das der niedersächsischen Landesregierung verbietet,
Bauunternehmen Vorzug zu gewähren, die wenigstens
ordentliche Tariflöhne zahlen. Ich verweise auch auf die
unverschämten EuGH-Angriffe auf unser VW-Gesetz,
also auf die Mitbestimmung bei VW, oder – so im
Viking-Urteil geschehen – auf das Streikrecht in Europa.
Darum fürchten Sie jede Volksabstimmung wie der
Teufel das Weihwasser. Aber die Europawahl am 7. Juni
wird quasi zur Volksabstimmung gegen den Lissabon-
Vertrag. Die Linke wird die einzige Wahl sein, auch für
die Mitglieder der AfA in der SPD.
Barack Obama klotzt mit 2 Prozent des US-
Bruttosozialprodukts für Arbeitsplätze und gegen die
Finanzkrise. So etwas dürften Sie beim EU-Stabilitätspakt gar
nicht.
(Dirk Niebel [FDP]: Dann wandern Sie doch
nach Amerika aus!)
Und so kleckern Sie mit „neu und netto“ 0,25 Prozent
hinterher.
Der oft von der NPD beklatschte Roland Koch sagte
gestern, wir bräuchten keine weiteren
Konjunkturanstrengungen. Koch, der Fachmann für schwarze Koffer,
kennt nur Milliarden für Milliardäre, aber nicht für
Millionen Arbeitnehmer.
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Norbert
Röttgen [CDU/CSU]: Wir sind hier nicht auf
einem Parteitag!)
Mit dem geltenden EU-Recht könnten Sie nicht
einmal verhindern, dass Steuermilliarden für Opel in die
USA abfließen.
(Dirk Niebel [FDP]: Oder SED-Vermögen
nach Kuba!)
Das verbietet Ihnen Art. 56 des EG-Vertrages.
Wir aber wollen ein EU-Recht, mit dem die Folgen
der Krise nicht auf die Leiharbeiter, die Rentner, die
Arbeiter bei Opel, die Studierenden und unsere
Handwerksbetriebe abgewälzt werden. Diejenigen sollen
Macht abgeben, die diesen Finanz-Tsunami
aufgequollen haben: die Spekulationsfondsbesitzer und die
Großbanken.
Wir wollen ein neues EU-Recht, das dem Frieden
Vorrang gibt vor Battle Groups und dem
Aufrüstungszwang des Lissabon-Vertrags. Die Linke will ein neues
EU-Recht, das dem Klimaschutz Vorrang gibt vor den
Luxusklassen von BMW und Daimler,
wo die Konzernchefs den Umweltmarkt verschlafen
haben.
Sie, Frau Merkel, haben sich vor dem EU-Rat und vor
dem Klimagipfel in Poznań für die Luxuskarossen
durchgesetzt,
ein Pyrrhussieg über das Polareis und die
Alpengletscher, ein trauriger Sieg über die Nachgeborenen.
Als Umweltministerin wollten Sie die 120 Gramm
pro Kilometer bis 2005, die Sie jetzt als Kanzlerin ins
Nirwana nach 2015 vertagen. Jetzt, wo es in den USA
ein kleines grünes Licht fürs Klima gibt, schalten Sie die
Ampel auf Schwarz-Rot. Sie sind keine große
Europäerin, Frau Merkel. Sie sind eine Kanzlerin der
Luxusklassen.
Sie flehen die Deutsche Bank an, die Steuermilliarden
doch gnädigerweise in Anspruch zu nehmen. Aber die
Deutsche Bank gehört seit 1945 eher verstaatlicht, als
mit den Milliarden der Steuerzahler gesalbt und
gepudert.
Der gesamte Kreditsektor gehört unter
Gemeinnützigkeit gestellt. Die Sparkassen und
Genossenschaftsbanken müssen Vorrang haben vor den Universalbanken.
Kredite sollen kreativen unternehmerischen Ideen und
dem Allgemeinwohl dienen. Aber dazu muss das
Finanzkasino radikal geschlossen werden.
Wir wollen ein europäisches Recht, das offen ist für
Vergesellschaftung – so wie unser Grundgesetz in
Art. 15 –, das den Wählerinnen und Wählern die
Überführung der deutschen Banken in Gemeineigentum
erlaubt und nicht, mit dem Lissabon-Vertrag, verbietet.
Nur ein solches Europa, das rechtlich den „Terror der
Ökonomie“ stoppen darf, wie ihn Viviane Forrester
genannt hat, das den Terror der Deutschen Bank und der
Allianz gegen Arbeitsplätze, Sozialstaat und Frieden
stoppen darf, ein Europa, das sozial, friedlich,
ökologisch und demokratisch „mit dem Herzen gedacht ist“
– um Konstantin Wecker zu zitieren –,
hat – statt Milliardäre zu vergötzen – eine Zukunft in den
Herzen und Köpfen der Millionen in diesem Europa.
(Beifall bei der LINKEN – Thomas Silberhorn
[CDU/CSU]: Ihre Lyrik reimt sich nicht, Herr
Kollege!)Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:
Nächster Redner ist der Kollege Frank Schwabe für
die SPD-Fraktion.