Rede von Katja Mast (SPD) – Plenarprotokoll 16/73
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Katja Mast (SPD) – Plenarprotokoll 16/73
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Kolleginnen
und Kollegen! „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“,
und mit 50 ist noch lange nicht Schluss. Was hat uns der
frühe Prophet des demografischen Wandels und der
steigenden Lebenserwartung, Udo Jürgens, zu sagen?
Wir leben länger, sind länger aktiv und bekommen auch
länger Rente. Das stimmt.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Mir fällt dazu ein Fall aus meiner Bürgersprechstunde
ein. Einem über 50-Jährigen, der einen Job suchte, habe
ich gesagt, welche Firmen in meiner Heimat bevorzugt
Ältere einstellen. Nach wenigen Wochen habe ich ihn
wieder getroffen. Er hatte einen Job.
Wieso?
(Zuruf von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Weil er sich rasiert hatte!)Der Arbeitgeber suchte eine qualifizierte Kraft mit
Erfahrung.
Ich weiß, dass jetzt viele mit Gegenbeispielen
kommen. Natürlich haben sie Recht: Gerade Ältere ohne
Ausbildung haben am Arbeitsmarkt geringe Chancen.
Das wissen wir alle. Aber der Unterschied zu uns
Sozialdemokraten ist: Wir sind der festen Überzeugung, dass
wir handeln können.
Denn mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Mit 50 ist
noch lange nicht Schluss. Mit 50 Jahren gehört niemand
zum alten Eisen.
(Beifall bei der SPD – Jörg Tauss [SPD]: Sehr
gut! – Zurufe von der CDU/CSU: Wie alt sind
Sie, Herr Tauss? – Die Betroffenen melden
sich!)
Deshalb bringen wir heute die Initiative „50 plus“
auf den Weg. Mit ihr werden wir den Arbeitsmarkt für
Ältere verändern. Sie wird nächstes Jahr starten. Mit der
Initiative „50 plus“ fördern wir lebenslanges Lernen,
schaffen finanzielle Anreize zur Beschäftigung Älterer
und entwickeln neue Methoden zur Verbesserung der
Arbeitsplätze, humanisieren also die Arbeitswelt. Denn
nur wer gesund ist, kann bis 65 oder 67 arbeiten.
Wir verbinden die Initiative „50 plus“ mit der Rente
ab 67. Die Rente ab 67 ist notwendig, um die Rente
zukunftsfest zu machen und den Generationenvertrag
fortzuführen. Mit der Initiative „50 plus“ liegen die
Instrumente auf dem Tisch, mit denen für Ältere der
Arbeitsmarkt verbessert werden kann. Hier und heute
will ich mit einigen Vorurteilen aufräumen.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Na! Jetzt bin ich
gespannt!)
Erstens. Rentnerinnen und Rentner – ich kann nur
hoffen, dass mir viele zu Hause vor den Bildschirmen
zuhören –
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Bis zu
19 Millionen!)
sind von der Rente ab 67 nicht betroffen. Für sie ändert
sich nichts.
Zweitens. Erst ein heute 42-Jähriger ist voll von der
Rente ab 67 betroffen. Aber er lebt auch in der festen
Sicherheit, dass er durchschnittlich drei Jahre länger Rente
bezieht als ein heutiger Rentner, und wahrscheinlich hat
er mit seinem Berufsleben später angefangen.
Drittens. Die Rente ab 67 hat mit den heutigen
Arbeitslosenzahlen – sie sind zum Glück auf unter
4 Millionen gesunken – nichts zu tun.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Alles wird gut,
Frau Mast!)
Katja MastDenn erst 2012 starten wir mit der schrittweisen
Umsetzung der Rente ab 67, die nach 17 Jahren abgeschlossen
ist, also nachdem die Initiative „50 plus“ ihre Wirkung
entfaltet hat und wir in Deutschland händeringend
Fachkräfte suchen werden.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Den
Redenschreiber würde ich rauswerfen!)
Viertens. Es gibt schon heute Betriebe, die Ältere
gerne einstellen, zum Beispiel die Firma Härter aus
Königsbach-Stein in meiner Heimat.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
LINKEN – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Keine
Werbung!)
Denn gerade Ältere sind leistungsbereit und motiviert.
Mehr noch: Ältere bewahren in schwierigen Situationen
einen kühlen Kopf.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Die Firma Härter wurde deshalb letzte Woche von
unserem Vizekanzler und Bundesarbeitsminister, Franz
Müntefering, als Unternehmen mit Weitblick
ausgezeichnet.
Ich bin der festen Überzeugung: Politik kann den
Mentalitätswandel in den Köpfen beeinflussen. Nur wer gute
Beispiele kennt, kann diese nachahmen. Deshalb fordere
ich alle hier im Haus auf, gute Beispiele vor Ort immer
wieder bekannt zu machen.
Fünftens. Gerade ältere Arbeitnehmer haben Angst,
dass sie nach vielen Berufsjahren nicht mehr arbeiten
können, die Rente erst ab 67 bekommen und davor
schauen müssen, wo sie bleiben. In diesem Fall gibt es
schon heute die Erwerbsminderungsrente. Sie müssen
wir noch einmal unter die Lupe nehmen, um denen, die
nicht mehr können, eine echte Perspektive zu bieten.
Aber wir dürfen nicht vergessen: Das ist der
nachsorgende Sozialstaat. Wir müssen den vorsorgenden
Sozialstaat konsequent stärken. Es kann nicht sein, dass Arbeit
die Menschen krank macht. Deshalb muss die
Arbeitsplatzqualität in den Betrieben verbessert werden.
Teilhabe bis 67 ist dabei das Ziel aller. Alle, das sind:
Betriebsräte, Arbeitgeber, jeder Einzelne und die Politik.
Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen
arbeiten wollen. Sie wollen Teilhabe und das geht in der
Arbeitsgesellschaft nur über Arbeit. Deshalb ist unsere
Strategie richtig: zuerst die Initiative „50 plus“, die mehr
Jobs für Ältere fördert, und dann im zweiten Schritt die
langsame Anpassung der Rente an die
Bevölkerungsentwicklung. Bei steigender Lebenserwartung führen wir
damit den Generationenvertrag fort und verbessern die
Generationengerechtigkeit.
Älter werden wollen wir, Mitmachen fördern wir und
dass wir das können, dafür kämpfen wir. (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Relationen
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