Rede von Anton Schaaf (SPD) – Plenarprotokoll 16/73
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Anton Schaaf (SPD) – Plenarprotokoll 16/73
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich
glaube, die Diskussion über die Zukunft der Rente ist
immer eine verkürzte Diskussion; denn in der Regel
steht dabei die Finanzierbarkeit der Rente im
Vordergrund. Ich glaube, die Diskussion ist verkürzt, weil die
Alterung der Gesellschaft, der demografische Wandel
auch eine gesellschaftliche und nicht nur eine finanzielle
Herausforderung ist.
Die finanziellen Fragen kann man sicherlich schlicht
beantworten, indem man die Beiträge erhöht. Das kann
man machen. Oder man erhöht einfach den
Steuerzuschuss.
Übrigens, Herr Gysi, hat es nicht nur
Fehlentwicklungen im Zusammenhang mit der Finanzierung der
deutschen Einheit gegeben. Wir lassen der
Rentenversicherung jedes Jahr einen Zuschuss von 78 Milliarden Euro
für die Aufgaben zukommen, die über die reinen
Rentenzahlungen hinaus zu leisten sind. In dieser Hinsicht
wird ja immer von versicherungsfremden Leistungen
gesprochen. Ich finde, dass beispielsweise die
Anerkennung von Erziehungszeiten keine versicherungsfremde
Leistung ist.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Das ist eine sozialpolitische Leistung, die genau da
angesiedelt gehört, wo sie es jetzt ist: bei der gesetzlichen
Rentenversicherung. Also: Wir führen eine verkürzte
Diskussion.
Dass wir in unserem Lande mehr ältere Menschen
haben, ist kein Problem; da hat Gysi völlig Recht. Die
Frage ist aber, ob die Bevölkerungsentwicklung
insgesamt mit der Alterung der Gesellschaft Schritt hält, ob
also genügend Junge nachwachsen. Da müssen wir
schlichtweg konstatieren: Die Gesellschaft wird im
Schnitt immer älter, und zwar deshalb, weil immer
weniger Junge nachkommen. Das ist die gesellschaftliche
Herausforderung, auf die wir eine Antwort geben
müssen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Eines ist völlig klar: Jemand, der 50 oder 55 Jahre alt
ist, darf in diesem Land nicht als alt gelten und vor
diesem Hintergrund aus den Erwerbsprozessen gedrängt
werden. Das ist der entscheidende Punkt.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Frau Pothmer hat gesagt, dafür reicht unser Programm
„50 plus“ nicht aus. In der Tat, Frau Pothmer: Es reicht
nicht aus, definitiv nicht. Die Erkenntnis, dass man mit50 nicht alt ist, muss bei den Verantwortlichen in den
Betrieben wachsen.
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Aber auch in der Regierung!)
Das ist eine Grundvoraussetzung, um die
Beschäftigungsfähigkeit Älterer zu erhöhen. Übrigens haben wir
dafür in den letzten beiden Legislaturperioden im
Rahmen der Betriebsverfassung enorme Möglichkeiten
geschaffen, was den Gesundheitsschutz am Arbeitplatz
oder was Weiterbildung und Qualifizierung angeht. Die
Tarifpartner sind aufgefordert, diese Möglichkeiten auch
zu nutzen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Es hieß, wir hätten in der Frage der
Erwerbsminderung populäre Ausnahmen gemacht.
– „Populistische Ausnahmen“, haben Sie gesagt, Herr
Kolb, genau. – Als Antwort darauf sage ich sehr
deutlich: Ich werde mich auf gar keinen Fall damit abfinden,
dass Arbeit dazu führt, dass Menschen wirklich krank
werden.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Wenn man sich aber die gesellschaftlichen Realitäten
anschaut, dann muss man feststellen, dass das oftmals
leider noch so ist. Deswegen ist es völlig richtig: Solange
Arbeit Menschen tatsächlich krank und kaputtmacht,
müssen die bisherigen Regelungen zur
Erwerbsminderung beibehalten werden.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Ich bin froh, dass unser Koalitionspartner in diesem
Punkt mitgemacht hat und wir die Regelungen zur
Erwerbsminderung so belassen konnten, wie sie im Gesetz
sind, und nicht verändern mussten: Zugang mit 60
Jahren, abschlagsfrei mit 63 Jahren.
Das war unsere Leistung. Wir sprechen über die
Menschen, die sich kaputt gearbeitet haben und die über die
Erwerbsminderung die Möglichkeit haben, zukünftig
mit 63 Jahren abschlagsfrei in Rente zu gehen.
Es ist eine sozialpolitische Frage: Wenn sich die
gesellschaftlichen Verhältnisse, die Arbeitsbedingungen so
ändern, dass Menschen nicht durch Arbeit krank werden
– Herr Kolb, Sie könnten einiges bei Ihrer Klientel, den
Unternehmern, dafür tun –, dann bräuchten wir auch
keine Erwerbsminderungsrente mehr.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Ich habe doch
gar nicht gesagt, dass wir keine
Erwerbsminderungsrente mehr wollen!)
Das ist ganz klar. Dann kommen wir ohne weiteres voll
und ganz zusammen.
Anton SchaafIch möchte noch etwas zum Änderungsantrag der
FDP sagen. Die FDP schreibt, wir sollten hinsichtlich
der Annahmen – es sind keine Prognosen, sondern
Annahmen –, die der Rentenversicherungsbericht zur
Entwicklung gibt, zurückhaltender sein. Der Sozialbeirat
hat uns durchaus ein gutes Zeugnis ausgestellt.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Er hat nur
gesagt: Es ist besser geworden!)
Sie sagen, unsere Annahme eines durchschnittlichen
Lohnzuwachses von 2,5 Prozent, den wir erwarten, sei
deutlich zu positiv.
Ich kann Ihnen auch sagen, wieso Sie das sagen: Ihr
Kollege Niebel hat in einer TV-Show auf die Frage, ob
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an der guten
wirtschaftlichen Entwicklung nicht partizipieren sollten,
geantwortet: Ja, aber nicht über prozentuale
Lohnerhöhungen. Wenn man keine prozentualen Lohnerhöhungen
haben möchte, dann ist auch die Annahme, die Prognose
falsch; das ist doch völlig klar.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Dr. Heinrich
L. Kolb [FDP]: Gewinnbeteiligung!)
Heute sind wir in einer Situation, in der die
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an dem wirtschaftlichen Erfolg,
den wir aufgrund der Arbeit, die die alte Regierung, aber
auch die neue Regierung gemacht hat, zu konstatieren
haben, partizipieren müssen, und zwar vernünftig. Das
entlastet die Sozialkassen, und zwar wirklich nachhaltig.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
LINKEN)
Zu der Frage, ob die Rente mit 67 nicht eine
verkappte Rentenkürzung ist. Populistisch kann man so
sicherlich argumentieren.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Die Menschen
sehen das so!)
Allerdings müsste man dann gleichermaßen auch
Folgendes sagen: In den 60er-Jahren hatten wir eine
durchschnittliche Rentenbezugszeit von zehn Jahren, heute
sind es 17 Jahre. Das bedeutet im Prinzip eine
gigantische Rentenerhöhung. Wir haben den Menschen viel
mehr gegeben, da sie viel länger Rente beziehen. Anders
kann man aus meiner Sicht nicht sauber argumentieren.
Das ist nicht redlich.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das können Sie
niemandem erklären, was Sie hier sagen!)
Damit macht man den Menschen schlichtweg Angst.
Zum Schluss möchte ich auf die Rede von Herrn Gysi
eingehen. Herr Gysi, in der Tat haben Sie Recht, wenn
Sie sagen, dass viele Menschen die Rente mit 67
ablehnen. Aus ihrer persönlichen Situation heraus ist das auch
völlig nachvollziehbar, schließlich ist es eine Belastung.
Das gilt übrigens nicht für die Rentner von morgen, auch
nicht von übermorgen. Wir sollten in unseren Statements
auch nicht so tun, als wäre das so, sondern sagen, was
tatsächlich absehbar ist, damit es planbar und für die
Menschen handhabbar ist. Dass es eine Belastung ist,
werde ich nicht negieren, an keiner Stelle. Dass vieleMenschen das nicht wollen, ist völlig klar. Aber das
heißt doch nicht, dass wir nicht im Interesse der
nachfolgenden Generationen handeln.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Dass das von Teilen der Bevölkerung abgelehnt wird,
heißt doch nicht, dass wir nicht im Interesse der
Menschen handeln. Das ist völlig widersinnig. Das
sozialdemokratische Interesse gilt primär den sozialen
Sicherungssystemen. Ich sage als Bekenntnis eindeutig: Uns
geht es bei den Maßnahmen, die wir nicht nur vor dem
Hintergrund des Koalitionsvertrages, sondern auch vor
dem Hintergrund der Erkenntnisse, die man selber
gesammelt hat, ergreifen müssen, darum, die sozialen
Sicherungssysteme auf Dauer als paritätische und
solidarische Sicherungssysteme zu erhalten.
Das bedingt, dass man bereit ist, sich selbst zu
verändern. Vor dem Hintergrund der weltweiten,
europaweiten, aber auch nationalen Entwicklung, vor dem
Hintergrund der Globalisierung haben wir Handlungsbedarf.
Dieser Handlungsbedarf, dem wir jetzt Rechnung tragen,
ist allemal im Interesse der Menschen. So agieren wir.
Danke.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)