Rede von Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Plenarprotokoll 16/73
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Plenarprotokoll 16/73
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Frau
Schewe-Gerigk hat es bereits gesagt: Die Grünen tragen
das Projekt „Rente mit 67“ mit. Wir müssen – davor
können auch Sie die Augen nicht verschließen, Herr
Gysi – die Belastung der jüngeren Erwerbsgenerationen
begrenzen.
(Zuruf des Abg. Dr. Gregor Gysi [DIE
LINKE])Aber gerade weil wir zu diesem Projekt stehen, müssen
wir die Verantwortung auch dafür übernehmen, dass
nicht versucht wird, die Gerechtigkeitslücke, die sich
dann, wenn wir nichts tun, bei den Jüngeren zweifellos
ergeben wird, dadurch zu schließen, dass eine neue
Gerechtigkeitslücke bei den Älteren aufgerissen wird.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie der Abg. Anton Schaaf [SPD] und Klaus
Brandner [SPD])
Der Sachverständigenrat hat darauf hingewiesen:
Wenn es nicht gelingt, die Erwerbsbeteiligung der
Älteren in großem Umfang zu erhöhen, wird das zu einer
Altersarmut erheblichen Ausmaßes führen. Wenn die
Menschen keine Arbeit mehr haben, beginnt die
Altersarmut schon in den Jahren, bevor sie in Rente gehen. Sie
setzt sich natürlich fort, wenn die Menschen Rente
beziehen, weil weniger eingezahlt worden ist. Das
Programm 50 plus reicht bei weitem nicht aus, um dieses
Problem zu lösen, und zwar weder quantitativ noch
qualitativ.
Ich will etwas zu den Zahlen sagen. 1,3 Millionen
arbeitslose Menschen sind älter als 50. Mit den jetzt hier
vorgestellten Programmen erreichen Sie, wenn alles
supergut läuft,
100 000 von ihnen. Ich habe aber erhebliche Zweifel, ob
Sie mit Ihren Programmen 100 000 Menschen erreichen
können;
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Nie! Haben Sie
ja schon erfolglos versucht!)
denn mit den Instrumenten Eingliederungszuschuss
und Entgeltsicherung haben Sie 2006 nur 19 000
Menschen erreicht. Sie müssten die Zahl also signifikant
steigern. Wir sind gerne bereit, Sie dabei zu unterstützen.
Ich will deutlich sagen: Die Prognose ist zwar sehr
positiv, aber gemessen an den Problemen, erreichen Sie nach
wie vor viel zu wenig Menschen.
Die Frage ist, ob diese Instrumente die richtigen sind.
Sie versuchen nämlich, mit ihnen angebliche
Produktivitätsnachteile auszugleichen. Die Instrumente haben
damit immer einen stigmatisierenden Charakter. Diese
Stigmatisierung unterstützen Sie – auch das muss gesagt
werden – mit Fehlanreizen, zum Beispiel mit der so
genannten 58er-Regelung.
(Beifall der Abg. Anja Hajduk [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN] sowie der Abg. Ina Lenke
[FDP])
Diese Stigmatisierung gegenüber Ältern unterstützen
Sie, wenn Sie Altersteilzeitregelungen treffen. In
besonderem Maße gilt das, wenn bei Post und Telekom jetzt
15 000 ältere Beschäftigte mit aktiver Unterstützung
dieser Bundesregierung in den Vorruhestand gehen.
(Beifall bei der FDP – Dr. Heinrich L. Kolb
[FDP]: Unglaublich!)
Brigitte PothmerSie fordern die Unternehmen auf, Vorurteile gegenüber
Älteren abzulegen, produzieren diese Vorurteile aber
durch Ihr eigenes Handeln immer wieder neu.
Gleichzeitig fehlt Ihnen leider völlig der Ehrgeiz, die
Beschäftigungsfähigkeit der älteren Menschen zu
erhalten, sie zum Beispiel durch mehr und bessere
Weiterbildungsmöglichkeiten arbeitsfähig zu halten; denn mit
den 5 Millionen Euro, die Sie mit Ihrem Gesetzentwurf
für die Weiterbildung von Beschäftigten einsetzen
wollen,
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Kann man nicht
wirklich etwas machen!)
erreichen Sie rechnerisch – jetzt hören Sie genau zu –
790 Beschäftigte. So viel zur Dimension des Problems
und zur Lösung, die Sie hier vorschlagen.
Das Programm 50 plus ist nicht mehr als ein Tropfen
auf den heißen Stein. Es ist sogar weniger. Herr
Grotthaus, Sie haben die Chance, die Ausweitung des Prinzips
des lebenslangen Lernens auf die Mitarbeiter kleiner und
mittlerer Betriebe grundlegend anzustoßen, vertan,
obwohl Sie selbst genau das fordern. Angesichts von
790 geförderten Leuten kann man doch nicht allen
Ernstes davon sprechen.
Ich komme zum Schluss. In Zeiten der großen
Koalition gilt einmal mehr: Älterwerden ist nicht schwer, alt
zu sein dagegen sehr!
Danke schön.