Rede von Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) – Plenarprotokoll 16/73
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) – Plenarprotokoll 16/73
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Die heutige Debatte verbindet mit den Entwürfen von
Gesetzen zur Verbesserung der Beschäftigungschancen
älterer Menschen und zur Anpassung der
Regelaltersgrenze zwei, wie ich finde, wichtige soziale Kernfragen
unserer Gesellschaft; denn, Herr Minister Müntefering,
die Anhebung, die Sie vorhaben, macht doch nur Sinn,
wenn die Menschen am Schluss wirklich die
Gelegenheit haben, länger zu arbeiten. Zu Beginn meiner
Ausführungen will ich gleich sagen: Die Antworten, die die
große Koalition auf diese Fragen gibt, sind alles andere
als der Situation angemessen. Um es in Schulnoten
auszudrücken: Sie sind ungenügend.
(Beifall bei der FDP – Dirk Niebel [FDP]: Das
heißt soviel wie: Sechs! Setzen!)
– Ja, genau.
Herr Minister, die Anhebung des
Regelrentenzugangsalters auf 67 Jahre, auf die sich die Koalition auf
Ihr Betreiben hin in einer Nacht-und-Nebel-Aktion
verständigt hat, ist ein unerwarteter Tabubruch, für den vor
allem die SPD vonseiten der Gewerkschaften
erheblichen Gegenwind erfährt. Ich hatte in der vergangenen
Woche auf einer DGB-Podiumsdiskussion in Hanau
zuletzt Gelegenheit, das zu beobachten. Die Menschen
ahnen – Herr Minister, ich sage: zu Recht –, dass die
Reform der Rente aufgrund mangelnder begleitender
Arbeitsmarktreformen für die allermeisten Versicherten
auf eine verkappte Rentenkürzung hinauslaufen wird.
Ich fand es bemerkenswert, wie der SPD-Kollege in
Hanau von den anwesenden Betriebsräten attackiert und
regelrecht demontiert wurde.(Beifall bei der FDP – Irmingard Schewe-
Gerigk [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Seit
wann hört denn die FDP auf Betriebsräte?)
Die Bereitschaft zum Tabubruch als solches ist der
eigentliche Grund, warum die Rente mit 67 in der Bilanz
der bisherigen Regierungsarbeit eher auf der Habenseite
angerechnet wird. Eine echte Entlastungswirkung für
die Rentenkasse kann sie eigentlich nicht entfalten; denn
die Entlastung um 0,5 Beitragspunkte – und das erst ab
2030 – ist sehr gering. Herr Müntefering, meines
Erachtens wird das nicht ausreichen, um den
Rentenversicherungssatz bis 2020 unter den im Rentenversicherungs-
Nachhaltigkeitsgesetz vorgesehenen und versprochenen
20 Prozent zu halten. Dass die Entlastungswirkung so
gering ist, hängt mit den zahlreichen Ausnahmen
zusammen, die Sie im Gesetzentwurf vorgesehen haben,
namentlich die abschlagsfreie Rente für langjährige und
besonders langjährige Versicherte.
Kerstin Schwenn hat es in der „FAZ“ vom gestrigen
Tage mit den folgenden Worten, wie ich finde, treffend
kommentiert:
Der politische Versuch, das Unpopuläre
populistisch zu verpacken und die Rentenreform damit
sozialverträglich zu machen, wird einen erheblichen
Teil des Geldes verschlingen, das die Rentenkassen
einsparen sollen. So gesehen, erscheint die
rentenpolitische Großtat doch wieder recht klein.
Recht hat sie.
Die allermeisten Sachverständigen, Tarifpartner und
Parteien – außer der Koalition natürlich – sind sich in
ihrer Ablehnung der abschlagsfreien Rente nach 45
Beitragsjahren einig, weil sie systemwidrig und ungerecht
ist und schwächere Personengruppen benachteiligt;
meine Kollegin Laurischk wird als zweite Rednerin
meiner Fraktion darauf näher eingehen. Die Anhebung auf
67 ist für die Angehörigen einzelner Geburtsjahrgänge
besonders ungerecht. Der Sachverständigenrat hat in
seinem aktuellen Gutachten darauf hingewiesen, dass die
Jahrgänge 1959 bis 1974 durch die Art und Weise der
Anhebung des Rentenzugangsalters besonders belastet
werden.
Anstatt ein starres Renteneintrittsalter durch ein
höheres zu ersetzen, müssen wir, so denke ich, dafür sorgen,
dass der Übergang aus dem Erwerbsleben in den
Ruhestand von den Menschen flexibler als bisher gestaltet
werden kann.
Wir brauchen mehr Beschäftigung im Alter. Unsere
Gesellschaft kann es sich nicht länger leisten, dass gerade
einmal 45 Prozent der über 55-Jährigen noch in
Beschäftigung sind.
Viele Menschen in der Altersgruppe ab 60 Jahren
wollen aber nicht mehr Vollzeit arbeiten. Sie wollen über
den Umfang, in dem sie voll oder teilweise mit
entsprechender Teilrente tätig sind, selbst bestimmen können.
Sie wünschen sich eine flexible Gestaltung des
Dr. Heinrich L. KolbRenteneintritts und die Sicherstellung eines
ausreichenden Auskommens durch eine Kombination aus
gesetzlicher Rente, privater und betrieblicher Altersvorsorge.
Sie wünschen sich – das ist ganz wichtig –, dass ihre
Beschäftigungschancen durch Reformen auf dem
Arbeitsmarkt, zum Beispiel durch Vorteile bei den
Sozialversicherungsbeiträgen, endlich wieder verbessert werden.
Warum nicht? Der eigentliche Skandal ist doch, dass
ältere Arbeitnehmer in unserer Volkswirtschaft aus dem
Arbeitsleben regelrecht herausgedrängt werden. Ein 60-
Jähriger muss sich heute fast rechtfertigen, wenn er
morgens noch zur Arbeit geht. Damit muss Schluss sein.
Für uns ist wichtig, dass die individuelle Gestaltung
des Übergangs in den Ruhestand nicht länger zulasten
der Versichertengemeinschaft gehen darf. In dieser
Hinsicht unterscheiden wir uns dezidiert von der großen
Koalition. Sie hat in der letzten Woche ein teueres
Schlupfloch für die Altersteilzeit offen gehalten, obwohl wir
heute besser denn je wissen, dass der Weg über die
Altersteilzeit falsch war. Es ist besser, ihn heute als morgen
zu schließen.
Ich darf Ihnen ankündigen, dass die FDP-Fraktion in
wenigen Wochen ein entsprechendes neues Rentenmodell
präsentieren wird, in dem die von mir genannten
Kritikpunkte und Vorschläge berücksichtigt werden.
Zur Arbeitsmarktsituation Älterer und Ihrer Initiative
„50 plus“, Herr Minister, muss ich sagen: Sie ist nicht
ausreichend und nicht geeignet, eine wirkliche
Verbesserung der derzeitigen Situation herbeizuführen. Das
belegt schon die Wirkungsprognose, die Ihr Haus für
dieses Gesetz selbst gegeben hat. Auf der Homepage des
BMAS heißt es, es sollen 65 000 Arbeitsplätze
geschaffen werden. Sie, Herr Müntefering, waren im November
ehrgeiziger und haben in diesem Haus von 100 000
Arbeitsplätzen gesprochen. Anscheinend sind Sie ein
bisschen vorsichtiger geworden. Es ist auf jeden Fall zu
wenig, wenn man bedenkt, dass die Beschäftigungsquote
der 55- bis 64-Jährigen heute – ich sagte es bereits –
gerade einmal bei 45 Prozent liegt. Das sind 2,8 Millionen
Menschen in dieser Altersklasse, die noch arbeiten. Das
bedeutet auch, dass 65 000 Beschäftigungsverhältnisse
mehr eine Steigerung von 45 auf 46 Prozent sind. Damit
liegen wir deutlich hinter Schweden mit 69 Prozent oder
Dänemark mit 60 Prozent. Ich finde, Herr Minister, Sie
sollten hier durchaus ein bisschen mehr Ehrgeiz an den
Tag legen und nicht einfach nur alten Wein in neuen
Schläuchen verkaufen. Genau darauf läuft Ihre Initiative
„50 plus“ am Ende hinaus.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der LINKEN – Dirk Niebel [FDP]: Das ist
alter Wein in alten Schläuchen!)
– Ja, vielleicht ist es sogar alter Wein in alten
Schläuchen. Auch das kann ich nicht ausschließen.
Wir brauchen einen grundsätzlichen Wechsel in der
Herangehensweise an das Problem der mangelnden
Beschäftigung älterer Menschen. Es geht darum, dass wirFehlanreize beseitigen, die zu einem
Beschäftigungsabbau – er ist heute fast systematisch – bei Älteren führen.
Es hilft nicht, Programme, die bisher schon wirkungslos
waren, einfach zu verlängern. Ich glaube nicht, dass das,
was bisher wirkungslos war, plötzlich Wirkung zeigen
wird. Sie sagen ja, Herr Minister Müntefering, das liege
daran, dass die Instrumente zu wenig bekannt waren. Ja,
wer hat denn die Verantwortung dafür, dass die
Menschen diese Programme bisher nicht kennen? Kann das
wirklich der Grund sein? Ich glaube eher, dass die
Programme nicht nur unbekannt, sondern auch einfach
unsinnig sind.
Der Kombilohn, den Sie jetzt vorschlagen, wird
absehbar keine Wirkung zeigen, solange es lukrativere
Ausstiegsmodelle wie etwa die Altersteilzeit gibt, die
Sie gerade verlängert haben. Eingliederungszuschüsse
mögen für die Unternehmen interessant sein,
insbesondere wenn es keine Nachbeschäftigungspflicht gibt.
Aber es gibt hier hohe Mitnahmeeffekte. Bei dem
geringen vorgesehenen finanziellen Volumen ist es absehbar,
dass die Wirkung niedrig sein wird. Ich frage Sie: Wenn
die erweiterten Möglichkeiten der Befristung von
Arbeitsverträgen für Personen ab 52 Jahren ein richtiger
Schritt sind, warum wird dieses Instrument dann nicht
für alle Menschen angeboten, die aus der
Arbeitslosigkeit heraus wollen?
Zusammenfassend noch einmal: Die genannten
Maßnahmen werden verpuffen, wenn sich das Denken nicht
ändert und wenn Fehlanreize nicht beseitigt werden.
Wenn, wie schon angesprochen, die Koalition reizvolle
Möglichkeiten des Ausstiegs aus dem Arbeitsleben
weiter anbietet und mit großzügigen Vertrauensschutzregeln
ausstattet, wird sich das neue Denken nicht durchsetzen
können. Das ist falsch.
Relationen
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