Versuchstiere bei der Bundeswehr
Text
Versuchstiere bei der Bundeswehr
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6118
21. Wahlperiode 22.05.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Ina Latendorf, Luigi Pantisano, Marcel Bauer, Desirée Becker,
Lorenz Gösta Beutin, Violetta Bock, Jorrit Bosch, Dr. Fabian Fahl, Katrin Fey,
Katalin Gennburg, Ates Gürpinar, Mareike Hermeier, Jan Köstering, Caren Lay,
Sahra Mirow, David Schliesing, Sascha Wagner und der Fraktion Die Linke
Versuchstiere bei der Bundeswehr
Die Bundesregierung forciert derzeit die größte militärische Aufrüstung
Deutsch-lands seit dem Zweiten Weltkrieg. Zunehmend werden
zivilgesellschaftliche Bereiche wie etwa die Gesundheitsversorgung militarisiert. Die
Verteidigungsausgaben für das Haushaltsjahr 2026 belaufen sich bereits ohne
Sondervermögen auf historische 82,7 Mrd. Euro (vgl. dazu Haushaltsgesetz 2026,
Bundestagsdrucksache 21/600, S. 50). Nach Ansicht der Fragestellenden wird
der Druck auf Jugendliche zunehmend erhöht, sich zu einem freiwilligen
Militärdienst zu verpflichten.
Weitgehend unbemerkt von der breiteren Öffentlichkeit sind bereits seit
Jahrzehnten Tiere unfreiwillige Mitarbeiter bzw. Opfer der Bundeswehr. Die
Bundeswehr führt Tierversuche entweder selbst durch oder beauftragt externe
Einrichtungen wie Universitäten und andere öffentliche oder private
Forschungsinstitute damit (vgl. Bundestagsdrucksache 19/27012). Dafür muss eine große
Zahl von Tieren unterschiedlichster Arten leiden und sterben. Derartige
Tierversuche sollen z. B. der militärischen Ausbildung von Soldatinnen und
Soldaten (Ausbildung an Waffensystemen oder im Kampf), der wehrtechnischen und
militärischen Forschung (z. B. der Entwicklung und Effektivitätssteigerung von
Waffensystemen), der wehrmedizinischen Forschung (z. B. für die Entwicklung
von Schutz-, Heil- und Abwehrmöglichkeiten gegen Waffensysteme oder
Kampfstoffe) sowie der Ausbildung des militärischen medizinischen Personals
dienen.
Die Bundesregierung hat, anders als die Regierungen anderer europäischer
Länder (z. B. die Niederlande), kein perspektivisches Ende von Tierversuchen
in Deutschland signalisiert (vgl. verbandsbuero.de/affenversuche-niederlande-b
eenden-staatliche-finanzierung-und-setzen-auf-tierversuchsfreie-forschung/,
zuletzt aufgerufen: 12. Februar 2026). Nicht einmal ein Ende von schwer
belastenden Tierversuchen, in denen Tiere beispielsweise bis zur Erschöpfung
schwimmen müssen, ist im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD
festgehalten.
Tierversuche bei der Bundeswehr stehen nach Ansicht der Fragestellenden im
eklatanten Widerspruch zu dem in § 1 des Tierschutzgesetzes (TierSchG)
formulierten Grundsatz der Verantwortung gegenüber Tieren als Mitgeschöpfe.
Ebenso ist nach Ansicht der Fragestellenden der vernünftige Grund für das
Hinzufügen von Schmerzen, Leiden und Schäden für Zwecke der Bundeswehr
nicht gegeben, auch weil die wissenschaftliche Sinnhaftigkeit von
Tierversuchen kontinuierlich abnimmt (vgl. https://news.rub.de/presseinformationen/wis
senschaft/2019-04-30-biochemie-alzheimer-im-mini-gehirn, zuletzt aufgerufen:
24. April 2026). Im Rahmen der aktuellen Aufrüstung stellt sich daher die
Frage, wie sich Tierversuche in den letzten Jahren entwickelt haben sowie
inwiefern die Bundeswehr den Zwang von Tieren zur Erreichung militärischer
respektive verteidigungspolitischer Ziele weiter zu gestalten plant.
Die Antwort der Bundesregierung auf die Schriftliche Frage 58 der
Abgeordneten Ina Latendorf auf Bundestagsdrucksache 21/3928 ist aus Sicht der
Fragesteller unzureichend. Daher wird im Folgenden noch einmal systematisch
nachgefragt.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie viele Tiere welcher Arten wurden in den Jahren von 2020 bis 2025
von der Bundeswehr zu Forschungs- und Versuchszwecken verwendet,
und wie viele davon wurden dabei getötet (bitte nach Kalenderjahren und
Tierarten aufschlüsseln)?
2. Wie viele Tiere welcher Arten wurden in den Jahren von 2020 bis 2025 im
Rahmen von Forschungs- und Versuchsprojekten verwendet, die die
Bundeswehr an Universitäten oder andere Einrichtungen vergeben hatte, und
wie viele wurden dabei getötet (bitte nach Kalenderjahren, Einrichtungen
und Tierarten aufschlüsseln)?
3. Um welche Tierversuche bzw. Forschungsaufträge handelte es sich
jeweils, und welchem Zweck dienten diese (bitte unter Angabe der Anzahl
verwendeter sowie der getöteten Tiere nach Kalenderjahren und Tierarten
aufschlüsseln sowie ausweisen, ob es sich um Versuche der Bundeswehr
bzw. Bundeswehreinrichtungen oder um von der Bundeswehr an Externe
vergebene Aufträge handelte)?
4. Welchen Schweregraden wurden diese Tierversuche jeweils zugeordnet
(bitte nach Kalenderjahren und Tierarten aufschlüsseln)?
5. Welche Beträge wurden in den Jahren von 2020 bis 2025 für Tierversuche
der Bundeswehr in Einrichtungen der Bundeswehr sowie für an Externe
vergebene Aufträge aufgewendet (bitte nach Kalenderjahren aufschlüsseln
und angeben, ob die Mittel für Versuche der Bundeswehr bzw.
Bundeswehreinrichtungen oder für von der Bundeswehr an Externe vergebene
Aufträge eingesetzt wurden)?
6. Wie viele Genehmigungsanträge für Tierversuche wurden in den Jahren
von 2020 bis 2025 im Rahmen von Forschungsprojekten der Bundeswehr
an die zuständigen Behörden gestellt, und wie viele davon wurden mit
welchen Begründungen abgelehnt (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
7. a) Finden sämtliche durch die Bundeswehr, durch Einrichtungen der
Bundeswehr sowie im Rahmen von Aufträgen, die die Bundeswehr an
Universitäten oder andere Einrichtungen vergeben hat, verwendeten
bzw. getöteten Tiere im Tierschutzbericht der Bundesregierung in der
Aufstellung der „Anzahl der Versuchstiere in Einrichtungen der
Bundeswehr“ Berücksichtigung?
b) Wenn nein, wonach wird differenziert, und wie und wo werden die
nicht in den Tierschutzbericht aufgenommenen Fälle dokumentiert?
8. Wurden in den Jahren von 2020 bis 2025 im Rahmen von
Forschungsvorhaben der Bundeswehr, auch in Einrichtungen der Bundeswehr sowie im
Auftrag der Bundeswehr an Universitäten oder anderen Einrichtungen,
lebende Tiere für sog. Live Tissue Trainings (LTT) verwendet, bei denen
beispielsweise Schweine bei lebendigem Leib verstümmelt werden, um
Kriegsverletzungen nachzuahmen?
9. Wie viele dieser Tiere wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im
Rahmen des sog. LTT nach dem Üben der operativen Eingriffe getötet
(www.peta.de/presse/peta-fordert-op-uebungen-der-bundeswehr-an-leben
den-schweinen-einzustellen-1/; bitte nach Kalenderjahren und Tierarten
aufschlüsseln)?
10. Welche konkreten beruflichen Fähigkeiten sollen durch den Einsatz von
Hunden (vgl. Antwort auf die Schriftliche Frage 58 der Abgeordneten Ina
Latendorf auf Bundestagsdrucksache 21/3928) erworben, erhalten oder
verbessert werden, und welche Maßnahmen, Behandlungen oder Eingriffe
werden dabei genau vorgenommen?
11. Inwiefern ist für die Bundeswehr die Erhaltung von Wölfen (Canis lupus)
(vgl. ebd.) von Nutzen, und welche Versuche werden in diesem
Zusammenhang mit Wölfen durchgeführt?
12. Welche konkreten Forschungsziele werden im Rahmen der translationalen
bzw. angewandten Forschung sowie der nichtregulatorischen Toxikologie
und Ökotoxikologie, bei denen Tiere verwendet werden, verfolgt?
13. Plant oder prüft die Bundesregierung bzw. das Bundesministerium der
Verteidigung vor dem Hintergrund gestiegener Verteidigungsausgaben,
zusätzlicher Sondervermögen oder erhöhter Forschungsbudgets der
Bundeswehr eine Ausweitung von Tierversuchen, insbesondere im Bereich
der militärischen Forschung, der wehrmedizinischen Forschung oder der
Sicherheits- und Verteidigungstechnologie?
a) In welchen Forschungsbereichen werden derzeit Projekte
durchgeführt, bei denen Tiere verwendet oder getötet werden, und ist ein
Anstieg solcher Projekte bis 2029 geplant?
b) Wie viele zusätzliche Genehmigungsanträge für Tierversuche wurden
bereits gestellt oder sind in den kommenden Jahren geplant?
c) Wie werden sich nach Einschätzung des Bundesministeriums der
Verteidigung voraussichtlich die Tierzahlen, die Anzahl verwendeter
Tierarten sowie der Anteil an Tierversuchen mit höheren Schweregraden
entwickeln?
d) Wenn ja, betreffen diese Planungen Tierversuche in Einrichtungen der
Bundeswehr, gemeinsame Projekte mit anderen Bundesressorts oder
an externe Forschungseinrichtungen vergebene Aufträge (bitte nach
geplanten Jahren, Forschungsbereichen und – soweit möglich –
Tierarten aufschlüsseln)?
14. Plant oder prüft die Bundeswehr, Tiere im Kriegs- oder Einsatzfall als
Waffe, Drohne oder in vergleichbarer Weise einzusetzen, und wenn ja, für
welche konkreten Aufgaben in welchen Forschungsprojekten
(beispielsweise im Vergleich zu Forschungen wie denen des russischen
Unternehmens Neiry zum Einsatz von Tauben als „lebende Drohnen“)?
15. Hat die Bundesregierung bereits öffentlich Stellung dazu bezogen, dass
Streitkräfte anderer Staaten Tiere als Kriegswaffe benutzen oder die
Einsatzmöglichkeiten von Tieren als Kriegswaffe erforschen?
a) Wenn ja, wann?
b) Wenn nein, warum nicht?
16. Wie viele Tiere werden von der Bundeswehr nicht für Tierversuche,
sondern für andere Aktivitäten der Bundeswehr verwendet, und inwiefern
plant die Bundeswehr, diese Verwendung in Zukunft zu gestalten (bitte
nach Tierart und Verwendungszweck aufschlüsseln)?
Berlin, den 18. Mai 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- asked ← Ates Gürpinar (Kleine Anfrage)
- asked ← Caren Lay (Kleine Anfrage)
- asked ← David Schliesing (Kleine Anfrage)
- asked ← Desiree Becker (Kleine Anfrage)
- asked ← Fabian Fahl (Kleine Anfrage)
- asked ← Ina Latendorf (Kleine Anfrage)
- asked ← Jan Krampe (Kleine Anfrage)
- asked ← Jorrit Bosch (Kleine Anfrage)
- asked ← Katalin Gennburg (Kleine Anfrage)
- asked ← Katrin Fey (Kleine Anfrage)
- asked ← Lorenz Gösta Beutin (Kleine Anfrage)
- asked ← Luigi Pantisano (Kleine Anfrage)
- asked ← Marcel Bauer (Kleine Anfrage)
- asked ← Mareike Hermeier (Kleine Anfrage)
- asked ← Sahra Mirow (Kleine Anfrage)
- asked ← Sascha Wagner (Kleine Anfrage)
- asked ← Violetta Bock (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Ina Latendorf
- authored ← Luigi Pantisano
- part_of_vorgang → Versuchstiere bei der Bundeswehr (Kleine Anfrage)