Die Bahn zum Rückgrat klima- und familienfreundlicher Mobilität machen
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Die Bahn zum Rückgrat klima- und familienfreundlicher Mobilität machen
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/581
21. Wahlperiode 24.06.2025
Antrag
der Abgeordneten Matthias Gastel, Swantje Henrike Michaelsen, Tarek
Al-Wazir, Victoria Broßart, Dr. Julia Verlinden, Misbah Khan, Stefan Schmidt
und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Die Bahn zum Rückgrat klima- und familienfreundlicher Mobilität machen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Deutschlands Zukunft hängt in starkem Maße davon ab, ob es ein familienfreundliches
Land ist, in dem Kinder geboren werden und gut leben. Ein Land, das nicht
familienfreundlich ist, wird die demografische Herausforderung der nächsten Jahrzehnte nicht
meistern.
Dazu gehört, den öffentlichen Verkehr zu stabilisieren und weiter zu verbessern. Kaum
ein Verkehrsmittel ist klimafreundlicher und energieeffizienter als die Bahn, kein
Verkehrsangebot stärker am Gemeinwohl orientiert als der öffentliche Nah-, Regional-
und Fernverkehr. Er entlastet unsere Straßen, bietet höchste Verkehrssicherheit und
garantiert allen Menschen, insbesondere auch Familien mit geringerem Einkommen,
Mobilität und soziale Teilhabe.
Das größte deutsche Mobilitätsunternehmen, die Deutsche Bahn AG, bietet
familienfreundliche Angebote: Kinder bis einschließlich 14 Jahre fahren kostenlos, wenn sie
von einer älteren Person begleitet werden und auf der Fahrkarte eingetragen sind.
Allerdings hat die Deutsche Bahn AG zum Fahrplanwechsel am 15. Juni eine erhebliche
Verschlechterung der Beförderungsbedingungen für Familien vollzogen und die bisher
preisgünstige Sitzplatzreservierung für Familien deutlich verteuert.
Die Zuverlässigkeit des Schienenfernverkehrs ist in Deutschland aktuell miserabel.
Was für alle Kundinnen und Kunden ärgerlich ist, ist für Familien mit Kindern eine
besondere Belastung. Stress und Unsicherheit der Erwachsenen, ob etwa
Anschlusszug und Ziel erreicht werden, wirken sich unterwegs besonders stark auf die Jüngsten
aus. Deutschland darf sich nicht daran gewöhnen, dass sein Eisenbahnsystem nicht
mehr richtig funktioniert. Die Bahn muss wieder Garant für sicheres und entspanntes
Reisen, „pünktlich wie die Eisenbahn“ wieder zum glaubwürdigen An- und Ausspruch
werden.
Die Koalition aus CDU, CSU und SPD hat im Verkehrsbereich hohe Ansprüche
formuliert: Um die Verkehrsinfrastruktur leistungsfähig zu machen und die Klimaziele
zu erreichen, sollen Investitionen in das Schienennetz gesteigert und ein
Eisenbahninfrastrukturfonds eingerichtet werden. Sie gibt ein – nicht näher definiertes –
Bekenntnis zu Neubaustrecken für die etappenweise Umsetzung eines integrierten Takts
zwischen Nah- und Fernverkehr unter Einbeziehung des Schienengüterverkehrs
(Deutschlandtakt) ab. Und um die Qualität des Schienenverkehrs deutlich zu verbessern, will
die Bundesregierung eine grundlegende Bahnreform umsetzen.
Angesichts der Missstände und gleichzeitigen Herausforderungen des
Schienenverkehrs in Deutschland bleibt die Koalition bahnpolitisch damit viel zu vage. Vor allem
fehlen konkrete Ziele, wie viele Menschen und Güter künftig von der Bahn
transportiert werden sollen, an denen sich die Politik der Koaltion messen ließe.
Es passt daher ins Bild, dass die Bundesregierung auf die operativen Entscheidungen
der DB Fernverkehr mit hilflosen Appellen und Mahnungen reagiert, aber weiterhin
keine Eigentümerstrategie in Aussicht stellt, damit Deutschland das
Staatsunternehmen Deutsche Bahn AG und das Schienennetz im Interesse seiner Bürgerinnen und
Bürger wieder in den Griff bekommt. Deutschland braucht ein starkes
familienfreundliches und bezahlbares Schienenverkehrsangebot.
Ein Teil des strukturellen Problems ist, dass Deutschland weiterhin als eines von
wenigen Ländern am Vollkostenprinzip bei den Trassenpreisen festhält, was Bahnfahrten
für Verbraucherinnen und Verbraucher teuer und die Verlagerung von
Gütertransporten auf die umweltfreundliche Schiene für die verladende Wirtschaft immer
unrentabler macht.
Es irritiert besonders, dass die Bundesregierung die letzte Reform der Lkw-Maut
zurückdrehen und die Mauteinnahmen allein dem Straßenbau widmen will, während die
Finanzierung des über Jahrzehnte vernachlässigten und rückgebauten Schienennetzes
weiter unsicher bleibt. Deutschland braucht endlich wie andere erfolgreiche
Bahnländer in Europa eine stabile überjährige Finanzierung seiner Schieneninfrastruktur.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. eine die Interessen des Bundes an der Entwicklung des Eisenbahnverkehrs
wahrende Eigentümerstrategie für die Deutsche Bahn AG vorzulegen, die Aspekte
eines familienfreundlichen Mobilitätssystems berücksichtigt und mehr
Wettbewerb um die besten Angebote im Fernverkehr auf der Schiene unterstützt;
2. die von der Vorgängerregierung erfolgreich eingeleitete Steigerung der
Bundesmittel für das deutsche Schienennetz fortzusetzen, einen überjährigen
Eisenbahninfrastrukturfonds einzurichten, der eine auskömmliche und mindestens
sechs Jahre vorausschauende Finanzierung schafft, und ausreichend Mittel aus
dem Sondervermögen Infrastruktur für Investitionen in bestehende Anlagen und
den Ausbau (inklusive Elektrifizierung, Digitalisierung und Neubaustrecken) für
die Ausweitung der Angebote des öffentlichen Verkehrs und die Stärkung des
Schienengüterverkehrs vorzusehen;
3. an den Reformen der Lkw-Maut festzuhalten und insbesondere die infolge der
stärkeren Einbeziehung von Luftverschmutzung und Lärmbelastung sowie der
Kohlendioxid-Differenzierung erhöhten Einnahmen aus der Lkw-Maut weiterhin
zur Hälfte für die Verkehrsinfrastruktur für die Bundesfernstraßen und zur
anderen Hälfte überwiegend für die Bundesschienenwege zu verwenden;
4. zügig einen Gesetzentwurf für eine grundlegende Reform des
Trassenpreissystems vorzulegen mit dem Ziel, die Preisspirale bei den Trassenpreisen zu
durchbrechen und sicherzustellen, dass das flächendeckende Intercity-Netz erhalten
bleibt und die Ticketpreise und versteckte Kosten wie Reservierungsentgelte
nicht wegen immer weiter höherer Trassenentgelte steigen müssen. Dies soll für
Eisenbahnverkehrsunternehmen wirtschaftliche Spielräume schaffen, das
Fernverkehrsangebot auf der Schiene zu stabilisieren und durch zusätzliche Fahrzeuge
und Verbindungen auszuweiten. Die Bundesregierung soll sich gegenüber der
Deutschen Bahn AG für eine weiterhin preisgünstige Platzreservierung für
Familienfahrten im Fernverkehr einsetzen;
5. gemeinsam mit den Ländern die Mittel für den öffentlichen Verkehr so zu
erhöhen, dass ein attraktives flächendeckendes und erweitertes Angebot in
Kombination mit einem Deutschlanticket zu einem stabilen Preis möglich wird. Das Ziel
muss sein, gemeinsam mit den Ländern einen Ticketpreis von 49 Euro
sicherzustellen. Der Bund stellt eine auskömmliche Finanzierung für die Umsetzung des
Deutschlandtakts sicher;
6. die Nutzung des Deutschlandtickets familienfreundlicher auszugestalten,
durchgehende Fahrgastrechte bei internationalen Fahrten zu ermöglichen sowie die
Entwicklung und Einführung einer europaweit einheitlichen Buchungsplattform
für grenzüberschreitende Bahnverbindungen voranzutreiben. Die Bahn soll das
Reisemittel der Wahl für den Tourismus in Europa werden;
7. dafür zu sorgen, dass der barrierefreie Umbau von Bahnhöfen durch eine bessere
und vereinfachte Finanzierung weiter beschleunigt wird. Im
Personenbeförderungsgesetz ist eine neue und diesmal verbindliche Frist für barrierefreie
Umbauten an Bus-, Straßenbahn- und U-Bahnstationen zu setzen. Die Kommunen sind
dabei zu unterstützen.
Berlin, den 24. Juni 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
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ISSN 0722-8333]
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