Rede von Lamya Kaddor (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Einwanderungspolitik als Ursache der Krise im deutschen Bildungssystem benennen und konsequent angehen
Teil von Protokoll der 96. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 15: Einwanderungspolitik als Ursache der Krise im deutschen Bildungssystem benennen und konsequent angehen.
Das Protokoll 21/96 liegt bei DIP nur als Vorabfassung vor: Der Text endet vor dem Schluss der Sitzung, zu Protokoll gegebene Reden fehlen in polradar (der endgültige Bericht war für den 29.09.2026 angekündigt). Vollständig im Plenarprotokoll (PDF) ↗.
Text
Rede von Lamya Kaddor (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Einwanderungspolitik als Ursache der Krise im deutschen Bildungssystem benennen und konsequent angehen
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher auf den Tribünen! Bildung hat viel mit Integration zu tun. Das hat die AfD messerscharf erkannt. Nun legt sie einen Antrag vor, der so tut, als würde es nur um Bildung und Kinder gehen, spricht am Ende aber doch wieder von Abschiebungen.
Bei der Ursachenbenennung laufen Sie aber meilenweit an der Realität vorbei. Der AfD-Landtagsabgeordnete Christian Blex sagte letzte Woche in NRW, Deutschland habe eine – ich zitiere – „seit Jahren völlig unkontrollierte Massenzuwanderung aus Niedrig-IQ-Regionen“. Zitat Ende.
„Niedrig-IQ-Regionen“! Das ist Thilo Sarrazin in neuen Schläuchen.
Sie wollen in Ihrem Antrag einen Kausalzusammenhang zwischen schlechten Ergebnissen im Bereich Bildung und der Einwanderungspolitik herstellen. Dies sei – Zitat – „offenkundig“. Und ich zitiere weiter aus Ihrem Antrag: „Der bestimmende Faktor der PISA-Ergebnisse ist somit klar zu benennen.“ Zitat Ende. Richtig ist, dass Zugewanderte durchschnittlich schlechter in ihrer Vergleichsgruppe abschneiden. Es gibt zwar eine Korrelation, aber keinen Kausalzusammenhang.
Das ist nicht nur ein rassistisches Narrativ, das ist auch völliger Unfug, was Sie übrigens in jeder wissenschaftlichen Untersuchung bestätigt finden. Die Leistungen gehen insgesamt zurück, unabhängig davon, ob Kinder eine Einwanderungsgeschichte haben oder nicht.
Entscheidend für den Bildungserfolg ist der soziale, nicht der nationale Hintergrund. Das weiß inzwischen eigentlich jeder, übrigens auch die AfD. Sie ignoriert es jedoch, um aus Machtkalkül – und das ist es eben – die völkischen Bedürfnisse eines Teils ihrer Wählerschaft zu bedienen.
Ich halte dieses Einlullen und Täuschen der eigenen Wählerinnen und Wähler für infam. Das macht man in einer Demokratie nicht. Aber Sie machen es einfach.
Benennen wir es doch mal klar: Sie wollen mit Ihrem Antrag suggerieren, Ausländer oder Zugewanderte seien qua Herkunft dümmer als Deutsche,
tragen sogar zur Verdummung der einheimischen Bevölkerung bei. Und diese treiben unser extrem reformbedürftiges Bildungssystem deshalb in den Abgrund.
Aber die Realität unserer Einwanderungsgesellschaft erzählt durchaus eine andere Geschichte.
Aus der Generation der sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter ist längst die Generation ihrer Kinder, Enkel und Urenkel geworden. Und diese Generationen prägen dieses Land in allen Bereichen mit.
Von den 25- bis 35-Jährigen – und das ist jetzt wirklich wichtig – hat fast die Hälfte Abitur oder die Fachhochschulreife.
Viele gehören zu den Besten bundesweit. Sie studieren an Universitäten, gründen Unternehmen, arbeiten in Praxen, forschen
und sitzen sogar in diesem Parlament.
Deshalb: Nein, ob jemand hier geboren oder eingewandert ist, sagt nichts über seine Intelligenz aus, meine Damen und Herren.
Unglaublich, dass man im Jahr 2026 ernsthaft gezwungen ist, solche Selbstverständlichkeiten in diesem Hohen Hause überhaupt noch betonen zu müssen.
Schauen wir uns jenseits dieser Narrative mal Ihren Antrag an. Es wird deutlich, wie Sie den Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schulen eigentlich verstehen. Sie schreiben – ich zitiere –: „Sie“ – die Schulen – „können nicht der Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Probleme sein.“ Zitat Ende.
– Immerhin habe ich Sie richtig zitiert.
Meine Damen und Herren, Schule war schon immer ein Abbild der Gesellschaft. Sie war niemals und sie kann auch niemals ein reiner Lernort sein.
Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft und werden es auch bleiben. Gut ein Viertel der Bevölkerung hat eine Einwanderungsgeschichte. Und deshalb müssen wir unser Bildungssystem natürlich endlich dieser Realität anpassen – mit mehr Personal, Sprachförderung und einer besseren Verankerung von Deutsch als Zweitsprache in der Lehrer/-innenausbildung.
Liebe Kolleginnen und Kollegen der Regierungskoalition, wir müssen mehr Geld in Integration stecken, nicht weniger. Ferner muss die inklusive Pädagogik der Vielfalt – wahrscheinlich gehen Ihnen hier rechts schon die Nackenhaare hoch – von Anfang an Platz haben – in der Kita und in der Schule. Allen Kindern, die Defizite aufweisen, müssen wir Angebote machen, ganz egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund.
Und es muss auch in unserem Interesse liegen, das Bildungsniveau wieder anzuheben, statt von unseren miserablen PISA-Ergebnissen abzulenken, indem wir mal wieder von einem Sündenbock sprechen.
Ich komme zum Ende. Zwei Faktoren sind es, die laut OECD den tatsächlichen Bildungsweg signifikant beeinflussen: sozioökonomische Benachteiligung und Sprache.
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