polradar

Rede von Katrin Zschau (SPD) – Einwanderungspolitik als Ursache der Krise im deutschen Bildungssystem benennen und konsequent angehen

dip / rede 24.09.2026 · WP 21 · Original ↗

Teil von Protokoll der 96. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 15: Einwanderungspolitik als Ursache der Krise im deutschen Bildungssystem benennen und konsequent angehen.

Das Protokoll 21/96 liegt bei DIP nur als Vorabfassung vor: Der Text endet vor dem Schluss der Sitzung, zu Protokoll gegebene Reden fehlen in polradar (der endgültige Bericht war für den 29.09.2026 angekündigt). Vollständig im Plenarprotokoll (PDF) ↗.

Im Graph öffnen

Text

Rede von Katrin Zschau (SPD) – Einwanderungspolitik als Ursache der Krise im deutschen Bildungssystem benennen und konsequent angehen Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich kann mich meinen beiden Vorrednern anschließen: Die Behauptung, der Leistungsrückgang bei PISA sei eine Folge der Zuwanderung, ist falsch. Die Aussage, nur die Ergebnisse der zugewanderten Kinder und Jugendlichen – also der Kinder mit Migrationshintergrund – würden den PISA-Schnitt der einheimischen 15-Jährigen verschlechtern, ist falsch. Und es ist nicht nur genauso falsch, sondern auch noch trügerisch, zu behaupten, unsere Kinder würden nur deshalb schlechter lernen, weil sie – Zitat aus dem AfD-Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt – „mit Kindern aus völlig fremden Kulturen“ zur Schule gehen müssen. Die AfD reduziert PISA auf eine Ursache, einen Schuldigen, eine Antwort. Das löst kein einziges Bildungsproblem und hilft keinem einzigen Kind in unserem Land. Dagegen lautet der zentrale PISA-Befund für Deutschland: Unser Bildungssystem schafft es noch immer viel zu schlecht, unterschiedliche Startbedingungen auszugleichen. Wer ärmer ist, hat schlechtere Zukunftschancen. In den Naturwissenschaften liegen 125 PISA-Punkte zwischen sozioökonomisch besonders begünstigten und sozioökonomisch besonders benachteiligten Jugendlichen. Im OECD-Durchschnitt sind es nur 85 Punkte. Während sich diese Lücke im OECD-Schnitt in den vergangenen zehn Jahren verkleinert hat, ist sie in Deutschland größer geworden. Rund ein Drittel der heute 15-Jährigen erreicht beim Lesen und in Mathematik nicht einmal das grundlegende Kompetenzniveau. In der Bildungswissenschaft heißt das „funktionaler Analphabetismus“. In der Welt der Jugendlichen heißt das: Es gibt ein riesiges Problem; denn Lesen, Schreiben und Rechnen sind die Grundlage für weiteres Lernen, für Ausbildung, Arbeit und einen selbstständigen Alltag. Es ist auch für unser Land ein Problem; denn wir sind auf gut ausgebildete junge Menschen angewiesen. Und viele Unternehmen melden längst zurück, dass sie zusätzlich zur eigentlichen Berufsausbildung mit eigener Förderung das nachholen, was die jungen Leute in der Schule nicht erlernt haben. Die PISA-Ergebnisse zeigen auch: Besonders Jugendliche, die erst spät in das deutsche Bildungssystem kommen, erzielen im Durchschnitt schwächere Ergebnisse. Daraus kann man aber gerade keine maßgebliche Erklärung für den beobachteten Leistungsrückgang herleiten. Die OECD hat genau das untersucht. Beim Lesen erklärt die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft nur einen minimalen Teil des Rückgangs – wenige PISA-Punkte. Sie sind nicht der Treiber des großen Leistungsabfalls. PISA zeigt, wie vielfältig die Baustellen sind: soziale Lage, Sprachkenntnisse, Bildungsbiografien, digitale Ablenkung – der Kollege ist darauf eingegangen –, Personalmangel und konkrete Lernbedingungen. Erschwerend kommen Faktoren hinzu, die PISA gar nicht misst, wie weltweite Krisen ohne vermeintliche Lösungsperspektive, denen gerade 15-Jährige gegenüberstehen. Die AfD will den Eltern die alleinige Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder zuschieben, indem sie die Abschaffung der Schulpflicht fordert. Wir sagen: Unser Bildungssystem und Hilfesystem muss mehr für alle Eltern leisten. Das Bildungssystem muss ausgleichen, wenn Kinder aus bildungsfernen Haushalten nicht ausreichend häusliche Unterstützung erhalten. Und es muss sicherstellen, dass beide Elternteile berufstätig sein und für den Lebensunterhalt der Familien sorgen können, ohne täglich den Druck zu haben, Schulstoff mit ihren Kids nachzuholen. Ernsthafte Bildungspolitik verlangt gezielte Antworten. Sie muss Kinder erreichen und fördern, bevor sich Schwierigkeiten verfestigen und die Kinder den Anschluss verlieren. Mit dem Startchancen- und -Qualitätsentwicklungsgesetz für die Kindertagesbetreuung – es wurde schon gesagt – planen wir, den Entwicklungsstand von Kindern spätestens im Alter von vier Jahren zu erfassen und bei Bedarf gezielt zu fördern. Damit die Förderung wirkt, brauchen Schulen auch die richtigen Rahmenbedingungen. Mit dem Startchancen-Programm unterstützen Bund und Länder 4 000 Schulen in herausfordernden Lagen. Der Schwerpunkt liegt auf den Grundkompetenzen und der datengestützten Schul- und Unterrichtsentwicklung. Zugleich können zusätzliche Fachkräfte und multiprofessionelle Teams gestärkt werden. Bund und Länder investieren über einen Zeitraum von zehn Jahren rund 20 Milliarden Euro. Sie tragen dabei Verantwortung in unterschiedlichen Bereichen, verfolgen aber dasselbe Ziel: gute Bildung für jedes Kind. Aber auch die 15-Jährigen von heute begleiten wir weiter: beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf mit der Initiative Bildungsketten und mit der Ausbildungsgarantie. Die AfD macht, wie immer, aus der Nachricht über schlechte schulische Leistungen vor allem eine Debatte über Zuwanderung. Wir dagegen arbeiten jeden Tag daran, dass Kinder besser lernen können und Chancen haben. – Und doch, das klappt sehr wohl an vielen Orten in dieser Republik. Und ich möchte ausdrücklich den Menschen danken, die in den Schulen in herausfordernden Lagen in den sozialen Brennpunkten maßgeblich dazu beitragen, dass jedes Kind in diesem Land eine Chance hat und am Ende auch einen guten Abschluss machen kann. Für uns ist PISA kein Werkzeug für Schuldzuweisung, anders als für Ihre Partei. Für uns sind die PISA-Ergebnisse der Auftrag, für bessere Bildung zu sorgen. Und ja, da können wir eine große Schippe drauflegen. Wer seit Jahren ernsthaft für Bildungspolitik kämpft, weiß, dass da noch viel Luft nach oben ist. Wir lehnen Ihren Antrag natürlich ab. Vielen Dank.

Relationen