Rede von Dr. Rolf Mützenich (SPD) – Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3.
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 9 a bis 9 c: Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3..
Text
Rede von Dr. Rolf Mützenich (SPD) – Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Gestern war kein guter Tag für die Rüstungskontrolle.
Wir bedauern dies und hoffen, dass das Jahr 2008
größere Fortschritte bringt. Die Suspendierung des KSE-
Vertrages durch Russland hat die Krise der
Rüstungskontrolle nur noch verstärkt. Ich erinnere in diesem
Zusammenhang an die Kündigung des ABM-Vertragesvonseiten der USA und an die Erosion des
Atomwaffensperrvertrages. Dadurch haben sich Fehlentwicklungen
in diesem Bereich leider verstetigt.
Die Rüstungskontrolle als Instrument für Stabilität
und Kooperation gerät in Gefahr: in Europa und
insbesondere in den Regionen, die Abrüstung und
Rüstungskontrolle brauchen. Weil die betreffenden Länder
eigentlich von Europa lernen könnten, ist dies gestern kein
gutes Signal gewesen.
Hier ist schon daran erinnert worden, dass es mit dem
KSE-Vertrag möglich wurde, 60 000 konventionelle
Großwaffensysteme zu beseitigen. In diesem Vertrag
wurde eigentlich eine Utopie der 70er-Jahre,
insbesondere verbreitet von Egon Bahr, aufgenommen, nämlich
die Herstellung der Angriffsunfähigkeit in Europa,
sodass man zu einer Offensive nicht mehr in der Lage ist.
Deswegen war und ist dieser Vertrag so wichtig.
Man muss sagen, dass die Suspendierung des
Vertrages durch Russland falsch war; es war ein falsches
Signal zur falschen Zeit.
(Beifall bei der SPD und der FDP sowie bei
Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN)
Man muss dies an dieser Stelle so deutlich sagen, weil
dadurch die Bemühungen der Bundesregierung
erschwert werden. Es war nämlich die Bundesregierung,
die in Bad Saarow die ersten Gespräche innerhalb des
NATO-Rahmens mit anderen Partnern geführt hat.
Leider muss ich sagen, dass auch mein Besuch vor 14 Tagen
in Moskau, bei dem ich ein Gespräch mit dem
Vorsitzenden des Außenpolitischen Ausschusses, Kossatschow,
geführt habe, nicht das Ergebnis gebracht hat, das ich
mir gewünscht habe, nämlich dass die Suspendierung
noch einmal überdacht wird.
Das Problem hat – ich glaube, es ist von den
Vorrednerinnen und Vorrednern richtig beschrieben worden –
zwei Seiten einer Medaille. Es steht für mich außer
Frage, dass russische Interessen missachtet oder
zumindest gering geschätzt worden sind. Wir müssen uns
dieser Einschätzung vorurteilsfrei stellen. Der
entscheidende Punkt an dieser Stelle ist, dass Russland mit der
Suspendierung den KSE-Vertrag instrumentalisiert hat,
was sich irgendwann gegen das Land selbst richten wird.
Dieses Problem müssen wir den russischen Akteuren
deutlich machen.
Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass der russische
Präsident – möglicherweise der neue russische Präsident –
ohne die Duma die Möglichkeit hat, diesen Vertrag
wieder in Kraft zu setzen. Dies wäre ein wichtiges Signal.
Wir müssen die dann möglicherweise neue politische
Führung in Moskau davon überzeugen, von diesem
Instrument Gebrauch zu machen.
Wir Sozialdemokraten sind bereit zu einer
Ratifizierung des AKSE; dies haben wir immer deutlich gesagt.
Ich möchte daran erinnern, dass wir bereits 2005 das da-
Dr. Rolf Mützenichmals unter einer anderen Führung stehende Auswärtige
Amt gebeten haben, den Prozess einer vorläufigen
Ratifizierung einzuleiten. Mit Verweis auf Probleme bei den
notwendigen Verfahrensschritten ist dieses Anliegen
zurückgewiesen worden. Dennoch bitten wir die
Bundesregierung, erneut zu prüfen, ob mit den entsprechenden
Kommunikationsmöglichkeiten, die der Staatsminister
angedeutet hat, dieses Verfahren durchzuführen ist. Im
britischen Unterhaus ist dieses Verfahren gewählt
worden, ebenso in anderen Parlamenten. Ich glaube, wir
täten gut daran, wenn wir entsprechende Schritte
zumindest prüfen würden.
(Beifall bei der SPD und der FDP sowie bei
Abgeordneten der LINKEN)
Außerdem ist es notwendig, dass wir eine Debatte
darüber beginnen, ob ein weiterer Vertrag über die
konventionelle Abrüstung in Europa möglich ist. Dieses Ziel
wird man wahrscheinlich nicht vor der endgültigen
Ratifizierung des AKSE umsetzen können. Auf jeden Fall
sollten Vorgespräche laufen. Ich glaube schon, dass das,
was in Bad Saarow und in Paris diskutiert wurde und
zukünftig an anderer Stelle diskutiert wird, Anhaltspunkte
dafür liefern wird, wie wir möglicherweise zu einem
KSE-3-Vertrag kommen können.
Der gestrige Tag war ein schlechter Tag für die
Rüstungskontrolle. Ich möchte aber auch daran erinnern,
dass heute der 40. Jahrestag der Vorlage des Harmel-
Berichts ist. Der Harmel-Bericht bedeutete einen wichtigen
Fortschritt sowohl für die NATO als auch für Europa. In
diesem Bericht wurde auf der einen Seite für Stabilität
plädiert, auf der anderen Seite aber auch für
Rüstungskontrolle.
Ich bin der Bundesregierung sehr dankbar dafür, dass
Frank-Walter Steinmeier zusammen mit dem
norwegischen Außenminister eine Initiative gestartet hat, die auf
Abrüstung innerhalb der NATO abzielt. Das ist unser
Auftrag für 2008.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der FDP)
Relationen
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