Rede von Cornelia Hirsch (DIE LINKE) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c: Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer.
Text
Rede von Cornelia Hirsch (DIE LINKE) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wer ausbildet, soll unterstützt werden; wer nicht
ausbildet, soll zahlen. Das ist das ebenso einfache wie gerechte
Prinzip einer gesetzlichen Ausbildungsplatzumlage.
(Beifall bei der LINKEN – Stefan Müller [
Erlangen] [CDU/CSU]: Kommen Sie auch noch
mit diesem alten Ladenhüter!)Gerecht ist dieses Prinzip gleich doppelt:
Erstens, weil es einen Ausgleich schafft zwischen den
Unternehmen, die ausbilden, und den Unternehmen, die
nicht ausbilden. Ein Unternehmen, das nicht ausbildet,
kann dann nämlich nicht mehr, ohne irgendwelche
Konsequenzen befürchten zu müssen, dem Unternehmen,
das ausbildet, die fertig ausgebildeten Fachkräfte
wegschnappen.
(Jörg Rohde [FDP]: Was hat das mit dem
Gesetzentwurf zu tun?)
Gerecht ist es zweitens, weil es Zukunft für die
Jugendlichen sichert. Es kann nämlich gesetzlich dafür
gesorgt werden, dass es ein auswahlfähiges, also ein
ausreichendes Angebot an Ausbildungsplätzen für alle
Jugendlichen gibt. Deshalb sagt die Linke weiterhin: Die
Forderung nach einer gesetzlichen
Ausbildungsplatzumlage ist nicht vom Tisch. Daran halten wir weiter fest.
(Beifall bei der LINKEN – Paul Lehrieder
[CDU/CSU]: Keine Drohungen!)
Sie legen uns heute den Ausbildungsbonus vor.
Dieser Bonus folgt leider geradewegs dem
entgegengesetzten Prinzip; er ist gleich doppelt ungerecht. Erstens ist er
ungerecht, weil er die Unternehmen für ihre jahrelange
Ausbildungsverweigerung auch noch belohnt.
(Christel Humme [SPD]: Da oben sitzen junge
Menschen! Was sagen Sie denn denen? –
Andrea Nahles [SPD]: Das ist doch populistischer
Quatsch, den Sie da erzählen!)
Man kann sich ein konkretes Beispiel anschauen: Ein
Unternehmen hatte letztes Jahr die Bewerbung eines
Hauptschülers vorliegen. Aber da es einen
Ausbildungsplatz wegrationalisiert hatte, konnte er in dem Jahr nicht
ausgebildet werden. In diesem Jahr bekommt das
Unternehmen eine erneute Bewerbung des Jugendlichen und
stellt ihn ein. Dafür bekommt es von Ihnen auch noch
eine Prämie zwischen 4 000 und 6 000 Euro überwiesen.
(Andrea Nahles [SPD]: Sie haben das Gesetz
nicht gelesen! Da gibt es die Kriterien der
Zusätzlichkeit!)
Da fragen wir uns: Ist es in irgendeiner Form gerecht,
ein Unternehmen dafür zu belohnen, dass es einen
Jugendlichen ein Jahr einfach so im Regen hat stehen
lassen? Das finden wir nicht richtig. Ausbildung ist keine
Wohltätigkeit von Unternehmen; Ausbildung ist Pflicht.
(Beifall bei der LINKEN – Christel Humme
[SPD]: Und darum sollten wir nichts tun und
die Jugendlichen im Stich lassen, oder wie?)
Zweitens ist der Ausbildungsbonus ungerecht, weil er
keine nachhaltige Zukunftsperspektive für die
Jugendlichen bietet. Denn mit diesem Gesetz tun Sie mal wieder
nichts weiter, als an den Symptomen herumzudoktern,
anstatt endlich einmal die Ursachen für die
Ausbildungsmisere anzugehen.
Im aktuellen Berufsbildungsbericht steht die
erschreckend hohe Zahl von 385 000 Jugendlichen, die mindes-
Cornelia Hirschtens – zum Teil deutlich länger – ein Jahr auf der Suche
nach einem Ausbildungsplatz sind. Diese erschreckend
hohe Zahl von 385 000 Jugendlichen ist kein Zufall oder
hat ihre Ursache in der Dummheit der Betroffenen,
sondern sie ist das konkrete Ergebnis der
Ausbildungspolitik der letzten Jahre.
Deswegen kann es nicht heißen: Wir machen einfach
weiter mit dem Pakt. – Denn dieser Pakt ist gescheitert;
er ist für diese hohe Zahl von Jugendlichen ohne
Ausbildungsplatz verantwortlich. Man kann auch nicht nach
dem Motto „Weiter so!“ fortfahren, nichts gegen die
Warteschleifen zu unternehmen. Denn Jugendliche
brauchen Ausbildungsplätze.
Es gibt natürlich noch eine zweite Lesart für diesen
Ausbildungsbonus. Man kann ihn auch als ein
Förderinstrument verstehen. Zumindest versuchen Sie, dies
deutlich zu machen; denn schließlich trägt der Gesetzentwurf
den Titel „Verbesserung der Ausbildungschancen
förderungsbedürftiger junger Menschen“. Das Problem daran
ist nur, dass diese Förderung zwar im Titel enthalten ist,
aber der Inhalt des Gesetzes dies nicht widerspiegelt.
Wiederum ganz konkret: Wenn Ihre Zielgruppe
wirklich die Jugendlichen sind, die förderungsbedürftig sind
und die demnach einer Unterstützung bedürfen, dann
frage ich Sie: Was ist das für eine Unterstützung dieser
Jugendlichen, wenn Sie ein paar Tausender an ihre
Arbeitgeber überweisen? Das ist keine Unterstützung.
Darum halten wir diesen Ansatz als Förderungsinstrument
für nicht schlüssig.
(Beifall bei der LINKEN – Andrea Nahles
[SPD]: Das ist hanebüchen!)
Wenn Sie den Ausbildungsbonus tatsächlich zu einem
Förderinstrument hätten ausbauen wollen, dann hätten
Sie besser auf die Meinung der Sachverständigen in der
Anhörung hören müssen. Das hätte bedeutet:
Erstens. Die Zielgruppe wäre deutlicher eingegrenzt,
als Sie es tun. Der einzige Punkt, an dem Sie
nachgebessert haben, war, die Realschüler aus der Pflicht- in die
Ermessensleistung zu nehmen, was aus unserer Sicht in
keinem Fall ausreichend ist.
(Andrea Nahles [SPD]: Dann hätten noch
weniger Jugendliche von der Förderung
profitiert! Das ist eine Position, die sich mir nicht
erschließt!)
Zweitens. Sie hätten ausbildungsbegleitende Hilfen
ganz klar als verbindlichen Anspruch im Gesetz
verankern müssen. Ansonsten klappt es eben nicht, dass der
Jugendliche, der in dieses Programm gesteckt wird, auch
wirklich die Hilfe erhält, die er braucht.
(Andrea Nahles [SPD]: Was ist denn Ihr
Konzept? Sie haben noch nicht gesagt, was Sie
wollen!)
Drittens. Sie hätten auch klarstellen müssen, dass für
eine zweijährige Ausbildung nicht die gleiche Prämiegezahlt wird wie für eine dreijährige Ausbildung, wie es
bisher geregelt ist. Damit wird eine
Schmalspurausbildung gefördert. Auch an dieser Stelle macht die Linke
nicht mit.
(Beifall bei der LINKEN – Andrea Nahles
[SPD]: Sie wollen überhaupt keine
Ausbildung!)
Aus all diesen Gründen halten wir den
Ausbildungsbonus für kein taugliches Förderinstrument. Wir sagen
Nein zu diesem ungerechten Ansatz und stehen weiter
für das Recht auf Ausbildung, wie es auch in der Petition
von über 70 000 Jugendlichen gefordert wurde.
(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Dann
bilden Sie doch mal aus!)
Diese Woche war sehr ermutigend; denn sie hat
gezeigt, dass solche Forderungen durchaus Erfolg haben
können. Schauen wir uns die Situation in Hessen an. Die
Studierenden haben dort nicht hingenommen, dass
Studiengebühren eingeführt wurden.
(Beifall bei der LINKEN – Andrea Nahles
[SPD]: Das ist doch blanker Zynismus, den Sie
verbreiten!)
Sie haben dagegen protestiert, Autobahnen blockiert und
Rektorate besetzt. Das Ergebnis ist, dass der Landtag in
Hessen vorgestern mit Mehrheit beschlossen hat, die
Studiengebühren wieder abzuschaffen.
(Christel Humme [SPD]: Die Zusammenhänge
sind aber nicht schlüssig!)
Dazu sagen wir Linke: Was an den Hochschulen
klappen kann, das ist im Bereich der Ausbildung ebenfalls
möglich. Auch hier muss man für das Recht auf
Ausbildung weiterkämpfen. Das heißt in einem ersten Schritt:
Nein zu diesem ungerechten Bonus, weg mit dem
gescheiterten Pakt und her mit einer gesetzlichen
Ausbildungsplatzumlage!
Besten Dank.