Rede von Wolfgang Spanier (SPD) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c: Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer.
Text
Rede von Wolfgang Spanier (SPD) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Meine erste Rede als Bundestagsabgeordneter vor etwa
13 Jahren war zum Thema Armut. Damals hat die SPD-
Bundestagsfraktion in der Opposition einen Armuts- und
Reichtumsbericht gefordert. Das wurde von der
damaligen Koalitionsmehrheit im Deutschen Bundestag mit
folgender Begründung abgelehnt: Wir haben die
Sozialhilfe, das sei bekämpfte Armut. Darüber hinaus gebe es
keine Armut. Also sei so ein Bericht überflüssig.
Ich kann erfreut feststellen, dass sich – auch in den
Köpfen – vieles geändert hat. Wir in diesem Haus sind
uns mittlerweile einig, dass es Armut gibt. Wir nehmen
die Wirklichkeit wahr; wir sind angekommen. Wir
nehmen ebenfalls wahr, dass es nicht nur um materielle
Armut geht, sondern auch um Ausgrenzung, um
Lebenslagen, Gesundheit, Wohnen und Bildung. Auch da sind
wir uns einig. Wir sind uns ebenso einig, dass
Kinderarmut im Grunde genommen Elternarmut ist. Das hört
sich banal an, ist aber, wenn man die Konsequenzen
betrachtet, durchaus wichtig festzuhalten.
Es ist, glaube ich, richtig, dass wir uns hier nicht in
Debatten über Zahlen und Statistiken verlieren; da gebe
ich Frau Gruß recht. Manchmal sollte man auf die eine
oder andere Pressekonferenz verzichten, um nicht –
vielleicht ungewollt – zusätzliche Verwirrung zu stiften.
Wir sind uns auch einig – vielleicht sollte ich
vorsichtig sagen: weitgehend einig – hinsichtlich der Ursachen
von Armut und speziell Kinderarmut. Diese sind nun
einmal die Arbeitslosigkeit, die besondere Situation der
Alleinerziehenden sowie die besondere Situation der
Migrantinnen und Migranten. Ursache ist auch – da sind
wir uns vor allen Dingen bezüglich der Konsequenzen
noch nicht einig – der stetig und immer schneller
wachsende Niedriglohnsektor. Das müssen wir zur Kenntnis
nehmen.
(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Ja!
Aber nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern
auch dagegen etwas tun!)
Wolfgang SpanierEs hat ein bisschen lange bedauert, bis die eine oder
andere Fraktion in diesem Hause erkannt hat, dass wir ein
Zuwanderungsland sind und dass die Integration eine der
großen gesellschaftlichen Aufgaben in Deutschland ist.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
In beiden vorliegenden Anträgen – es gibt
entsprechende Programme und Entwürfe aller Fraktionen in
diesem Haus – geht es um ein Gesamtkonzept. Sie
wissen, dass ich da immer ein bisschen misstrauisch bin.
Aber in diesem Fall ist es in der Tat richtig, dass wir
nicht nur versuchen, mit punktuellen Maßnahmen gegen
Kinderarmut vorzugehen, sondern dass wir dies auch in
einen größeren Zusammenhang stellen.
Es geht um die Bekämpfung materieller Armut und
vor allen Dingen um die Teilhabe an Bildung. Dies ist
nicht nur Aufgabe des Staates. Staat und Gesellschaft
müssen sich dieser zentralen gesellschaftspolitischen
Aufgabe widmen. Diese Aufgabe muss auf allen
staatlichen Ebenen – Bund, Länder und Kommunen –
angepackt werden. Das macht die Sache nicht einfacher. Hier
geht es nicht darum, sich Zuständigkeiten zuzuschieben,
sondern darum, dass man abgestimmt mit einem
gemeinsamen Maßnahmenpaket vorgeht.
Es gibt Beispiele. Ich greife einmal das Land
Schleswig-Holstein heraus. Dort hat man gerade ein
Handlungskonzept zur Bekämpfung der Kinderarmut
vorgelegt. Ein erster konkreter Schritt ist die Aktion „Kein
Kind ohne Mahlzeit“.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Guten Morgen!)
Ich denke, das ist ein richtiger Ansatz. Entscheidend ist
aber das Zusammenwirken aller staatlichen Ebenen.
Ein weiterer Punkt: Das ist eine
Querschnittsaufgabe. Das ist nicht die Aufgabe eines Ressorts; das ist
nicht nur eine familienpolitische Aufgabe. Hier muss
vielmehr vieles zusammenkommen. Frau Ministerin, wir
müssen zum Beispiel aufpassen, dass wir das Thema des
Niedriglohnsektors und der Mindestlöhne nicht
ausklammern. Dieses Thema hat mindestens den gleichen
Stellenwert wie familienpolitische Aufgaben. Da gebe
ich dem DGB mit seiner Kritik durchaus recht.
Im Antrag der Grünen heißt es, wir hätten untätig
zugeschaut. Nein, das ist nicht richtig. Wir sind
vorangekommen. Ob ich das als Turbo bezeichnen würde, weiß
ich nicht. Bei einem Turbo gibt es auch immer ein
Turboloch. Das ist aber nicht so wichtig. Wir sind
entscheidend vorangekommen, zumindest ein großes Stück. Die
Arbeitsmarktpolitik wurde genannt. Gleiches gilt für die
Förderung von sozial Benachteiligten.
Gleich, im Anschluss an diese Debatte, werden wir in
diesem Haus ein solches Förderprogramm beschließen.
Dabei geht es um die Ausbildung der jungen Leute, die
sich schon seit zwei, drei Jahren in Warteschleifen
befinden, die keinen Hauptschulabschluss haben usw. Das ist
vernünftig. (Elke Reinke [DIE LINKE]: Die sind auch
nicht vom Himmel gefallen!)
– Frau Reinke, das ist nun einmal so.
Wir diskutieren heftig über die Einführung der
Mindestlöhne. Ich hoffe und erwarte, dass wir das, was wir
vereinbart haben, auch möglichst bald umsetzen. Wir
wissen, dass der Schlüssel zur Prävention von Armut in
erster Linie Bildung ist. Ich glaube, wir sind uns einig,
dass wir mit dem Rechtsanspruch auf die Betreuung der
unter Dreijährigen ein ehrgeiziges Programm
beschlossen haben. Es ist in der Tat wichtig, dass wir das auch
umsetzen. Entscheidend ist: Wir als Sozialdemokraten
bekennen uns zur öffentlichen Verantwortung für
Bildung und frühkindliche Förderung.
Hier gibt es immer noch konservative Positionen – ich
drücke mich vorsichtig aus –, die das ein Stück weit
anders sehen.
Im Herbst dieses Jahres werden wir den
Existenzminimumbericht erhalten. Für die materiellen Leistungen
ist in erster Linie der Bund zuständig. Ich räume gern
ein, dass wir den Mix aus Steuerfreibeträgen, Elterngeld
und Leistungen nach SGB II noch einmal im
Zusammenhang betrachten müssen. Es ist richtig: Hier gibt es
Verwerfungen. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir
uns noch einmal mit den Regelsätzen auseinandersetzen
müssen. Das Ganze ist so, wie es jetzt ist, nicht
befriedigend; das räume ich hier gern ein. Wir haben aber auch
Verwerfungen bei der Vielzahl der familienpolitischen
Leistungen. Frau Ministerin, bei aller Anerkennung der
guten Zusammenarbeit und dem, was wir gemeinsam in
dieser Großen Koalition geleistet haben, möchte ich
doch anmerken, dass wir darüber enttäuscht sind, dass
das, was Sie angekündigt haben, nämlich eine
Bestandsaufnahme aller familienpolitischen Leistungen sowie
eine Bewertung und Gewichtung, bisher nicht vorliegt.
Das brauchen wir dringend.
(Beifall bei der SPD – Elke Reinke [DIE
LINKE]: Sie ist eine
Ankündigungsministerin!)
Wir brauchen dies dringend, wenn wir zielgerichtet
an die materiellen und finanziellen Leistungen
herangehen wollen. Hier muss ich der FDP schlicht und einfach
zustimmen.
Meine Damen und Herren, beide Anträge – sowohl
der von den Grünen als auch der von der FDP – bringen
sicherlich eine ganze Menge an Anregungen für die
wichtige Diskussion im Herbst; ich habe heute meinen
versöhnlichen Tag.
Eine kritische Anmerkung muss ich aber in die
Richtung der Fraktion Die Linke machen: Das ist ein Mix aus
Betroffenheitsrhetorik, moralisierenden Anklagen und
völlig nebulösen und fantastischen finanziellen
Versprechungen, der langsam die Grenze des für mich
persönlich Erträglichen überschreitet.
Wolfgang Spanier(Caren Marks [SPD]: Die haben noch nicht
einmal ein Programm! – Gegenruf der Abg.
Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Wo
sind denn Ihre Vorschläge!)
Ich unterstelle Ihnen nicht, keine ehrenwerten Absichten
zu haben; das sage ich ausdrücklich. So aber, wie Sie die
Themen angehen, ist das, glaube ich, verantwortungslos.
(Beifall bei der SPD – Caren Marks [SPD]:
Seriös ist etwas anderes!)
Wenn Sie in der Verantwortung wären, dann würden
Sie so etwas nicht zu Papier bringen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Das muss ich Ihnen sagen, obwohl ich wiederhole, dass
ich das Anliegen, das Sie vertreten, durchaus ernst
nehme und im Grundsatz in dieser Frage mit Ihnen
übereinstimme. So geht es nicht.
Wir Sozialdemokraten werden dieses Problem ganz
nüchtern lösen. Wir werden in den nächsten Wochen
einen Kindergipfel starten, um deutlich zu machen, dass
die sozialdemokratisch regierten Bundesländer und
Kommunen –