Rede von Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c: Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer.
Text
Rede von Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
100 000 Stellen durch die Jobperspektive, 100 000 Stellen
durch den Kommunalkombi, sogar mehr als 100 000
Stellen für junge Menschen mit und ohne Ausbildung – so
weit die vollmundigen Ankündigungen. Die
Wirklichkeit: Diese drei Programme sind Megaflops.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Stefan Müller [Erlangen] [CDU/CSU]: Das
können Sie doch gar nicht wissen! Haben Sie
eine Kristallkugel? Können Sie in die Zukunft
schauen?)
Das war zuletzt im Spiegel dieser Woche zu lesen.
Brigitte PothmerDie Große Koalition liebt offensichtlich das Gesetz
der großen Zahl und kommt jetzt mit dem Versprechen
daher, 100 000 zusätzliche Ausbildungsplätze – ich
betone: zusätzliche – durch die Gewährung eines
Ausbildungsbonus zu schaffen. Ich sage Ihnen: Das wird der
nächste Flop.
Herr Romer, Sie haben hier deutlich gesagt, es gehe
um Zusätzlichkeit. Jetzt will ich Ihnen einmal sagen, was
das Bundesinstitut für Berufsbildung errechnet hat:
(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Lesen Sie doch
erst mal die Arbeitsmarktstatistiken!)
Nach den Kriterien, die jetzt in Ihrem Gesetzentwurf
stehen, würden bis auf den öffentlichen Dienst alle
Wirtschaftsbereiche bei der gleichen Zahl von Neuverträgen
wie 2007 eine Förderung bekommen. Wo bleibt da die
Zusätzlichkeit?
Es ist sogar noch schlimmer, Herr Romer: Es ist sogar
möglich, dass mit Ihrem Bonus Unternehmen gefördert
werden, die weniger Ausbildungsplätze zur Verfügung
stellen als 2007. Sie müssten einmal denjenigen
Betrieben, die in der Vergangenheit ihre
Ausbildungsverpflichtung trotz wirtschaftlich schwieriger Lage und ohne jede
finanzielle Förderung ernst genommen und bis
Oberkante Unterlippe ausgebildet haben und jetzt nicht mehr
nachlegen können, erklären, warum sie bei Ihrem
Ausbildungsbonus leer ausgehen. Sie arbeiten nach dem
Prinzip: Die Ehrlichen sind die Dummen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU], zu Abg.
Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN] gewandt: Frau Dückert, das wissen Sie
doch besser! Da können Sie doch nicht
klatschen!)
Das können Sie niemandem erklären.
Dieses Konzept ist eine krasse Fehlsubventionierung.
Dieses Konzept ist im Übrigen Schmu, weil Sie
Ausbildungsplätze als zusätzlich zählen werden, die
keineswegs zusätzlich sind.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der FDP und der LINKEN)
Was mich am meisten quält, ist: Das ist das falsche
Konzept, zumindest für diejenigen, für die Sie vorgeben
etwas tun zu wollen und die auch tatsächlich die meiste
Unterstützung brauchen.
(Stefan Müller [Erlangen] [CDU/CSU]: Was
ist Ihr Konzept? – Andrea Nahles [SPD]:
Legen Sie mal ein besseres vor!)
Das sind ja nicht einfach Jugendliche, die aufgrund der
Tatsache, dass es wenige Ausbildungsplätze gab, keinen
Ausbildungsplatz bekommen haben. Das ist doch eine
Gruppe, die nicht nur eine mangelnde schulische
Bildung mitbringt, sondern die auch sonst eine ganze Reihe
von Problemen mit sich herumschleppt. Ich spreche von
mangelndem Durchhaltevermögen, von einer geringen
Frustrationsschwelle und von mangelnden sozialen
Kompetenzen. (Widerspruch bei der SPD – Andrea Nahles
[SPD]: Deswegen die ausbildungsbegleitende
Hilfe!)
An diesen geht der Ausbildungsplatzbonus doch
komplett vorbei. Oder glauben Sie wirklich, dass Sie die
Arbeitgeber mit ein paar Tausend Euro Schmerzensgeld
davon überzeugen können, solchen Jugendlichen einen
Ausbildungsplatz zu geben?
(Stefan Müller [Erlangen] [CDU/CSU]:
Warten Sie es doch mal ab! – Wolfgang Grotthaus
[SPD]: Glauben Sie wirklich, was Sie da
sagen? – Zuruf der Abg. Andrea Nahles [SPD])
Die Arbeitgeber wissen doch ganz genau, dass diese
Jugendlichen ganz andere Hilfen brauchen; auch das ist in
der Anhörung deutlich geworden.
Liebe Frau Nahles, Sie haben in Ihrer Presseerklärung
zur Entscheidung gestern im Ausschuss gesagt – ich lese
Ihre Presseerklärungen sehr aufmerksam –, die
Umsetzung dieses Ausbildungsplatzbonus sei die Einlösung
eines Kernversprechens sozialdemokratischer Politik:
(Andrea Nahles [SPD]: Richtig! Sie haben
richtig zitiert!)
Aufstieg durch Bildung. – Mein Gott, wie bescheiden
Sie geworden sind!
Ich kann mich an Zeiten erinnern, da waren die
Sozialdemokraten in der Tat ambitionierter in dem, was sie in
dieser Gesellschaft verändern wollen.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN –
Jörg Tauss [SPD]: Studiengebühren in
Hamburg!)
Frau Nahles, Sie haben gesagt, dass der von Olaf
Scholz angekündigte Rechtsanspruch auf einen
Hauptschulabschluss Teil eines Gesamtkonzeptes sei, der
einen „Aufstieg durch Bildung“ garantieren würde. Ich
will Ihnen einmal sagen, was es mit diesem
Rechtsanspruch auf sich hat. Die jungen Menschen können diesen
Rechtsanspruch nur im Rahmen einer Maßnahme geltend
machen. Sie müssen vorher Warteschleifen durchlaufen
haben, also Berufsvorbereitungsjahr oder
Berufsgrundbildungsjahr. Außerdem können sie den
Hauptschulabschluss nur dann machen, wenn vorher klar ist, dass sie
ihn auch schaffen.
(Christian Lange [Backnang] [SPD]: Was
machen Sie eigentlich für die Jugendlichen, Frau
Pothmer?)
Es wird leichter sein, einen Sechser im Lotto zu
bekommen, als dieses Versprechen zu realisieren.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Widerspruch bei der SPD)
Bis jetzt war es im Rahmen von § 16 Abs. 2 SGB II ganz
leicht möglich, einen Hauptschulabschluss
nachzumachen. Dieses gute Instrument haben Sie gestrichen. Sie
Brigitte Pothmersollten es wieder in Kraft setzen. Damit würden Sie
wirklich etwas für die Jugendlichen tun.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Wolfgang Grotthaus [SPD]: Das war der erste
Vorschlag! Ganz toll!)
Ganz grundsätzlich gilt: Wenn Sie für die
Jugendlichen etwas tun wollen, dann sollten Sie nicht die
Betriebe, sondern die Jugendlichen unterstützen. Das geht
am besten mit den ausbildungsbegleitenden Hilfen.
Zunächst einmal müssten Sie die 3,5 Milliarden Euro, die
jährlich in dieses Übergangssystem fließen, mit dem den
Jugendlichen in keiner Weise geholfen wird, zum
Umbau nutzen. Ich spreche von Modulen, die Teil einer
insgesamt modularisierten Ausbildung sein sollten. Sie
werden die Situation für die Altbewerber nur dann
ernsthaft verbessern, wenn Sie strukturelle Veränderungen
vornehmen.
(Christel Humme [SPD]: Das dauert zu lange!
Was sagen wir denen, die heute Hilfe
brauchen? – Jörg Tauss [SPD]: Immer diskutieren,
und dann tun wir irgendwann was!)
All das finden wir aber nicht in Ihrem Programm. Es
geht wirklich nicht, dass das Recht auf eine Ausbildung
für Jugendliche davon abhängt, ob das
Konjunkturbarometer gerade steigt oder fällt.
Der Ausbildungsbonus hilft denen nicht, die ihn am
dringendsten brauchen. Der Ausbildungsbonus bewirkt
erhebliche Mitnahmeeffekte. Bezahlt – da hat die FDP
recht – wird er ausschließlich durch die Beitragszahler.
Ich finde, das sind drei von sehr vielen Gründen, die
hinreichend dafür sind, dass dieser Ausbildungsbonus
jedenfalls von uns abgelehnt wird.
Ich danke Ihnen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Jörg Tauss [SPD]: Die BDA-Position! Nur
ablehnen! – Katja Mast [SPD]: BDA pur!)