Protokoll der 22. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 22. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 10/22
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
22. Sitzung
Bonn, Donnerstag, den 15. September 1983
Inhalt:
Begrüßung einer Delegation des isländi
-
schen Parlaments 1493 D
Abgabe einer Erklärung der
Bundesregierung zum Thema
„Unsere Verantwortung für die Umwelt"
in Verbindung mit
Erste Beratung des von dem
Abgeordneten Drabiniok und der Fraktion DIE
GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung des
Benzinbleigesetzes
— Drucksache 10/147 (neu) —
in Verbindung mit
Erste Beratung des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines Dritten
Gesetzes zur Änderung des
Mineralölsteuergesetzes (3. Mineralölsteuer-
Änderungsgesetz)
— Drucksache 10/339 —
in Verbindung mit
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE
GRÜNEN
Verbot des Herbizidwirkstoffs Paraquat
— Drucksache 10/202 —
in Verbindung mit
Beratung der Unterrichtung durch die
Bundesregierung
Waldschäden und Luftverunreinigungen
Sondergutachten März 1983 des Rates von
Sachverständigen für Umweltfragen
— Drucksache 10/113 —
Dr. Zimmermann, Bundesminister BMI . 1429 D
Dr. Hauff SPD 1437 C
Dr. Miltner CDU/CSU 1444 D
Baum FDP 1447 B
Sauermilch GRÜNE 1451 C
Dr. Späth, Ministerpräsident des Landes
Baden-Württemberg 1454 C
Schneider, Staatsminister des Landes
Hessen 1461 A
Kiechle, Bundesminister BML 1467 C
Schäfer (Offenburg) SPD 1502 C
Dr. Laufs CDU/CSU 1506A
Dr. Graf Lambsdorff, Bundesminister
BMWi 1508 C
Dr. Ehmke (Ettlingen) (GRÜNE) . . . 1511 B
Geil, Staatsminister des Landes
Rheinland-Pfalz 1514A
Daubertshäuser SPD 1516 A
Hoffie FDP 1519A
Dr. Riesenhuber, Bundesminister BMFT 1520A
Stahl (Kempen) SPD 1523 B
Seesing CDU/CSU 1526 A
Bredehorn FDP 1527 B
Drabiniok GRÜNE 1530 B
Freiherr von Schorlemer CDU/CSU . . . 1531 D
Müller (Schweinfurt) SPD 1533 C
II Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 22. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 15. September 1983
Beratung des Antrags der Fraktion der
SPD
Sofortprogramm zur Bekämpfung der
Jugendarbeitslosigkeit
— Drucksache 10/189 —
in Verbindung mit
Erste Beratung des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines Ersten Gesetzes
zur Änderung des
Jugendarbeitsschutzgesetzes
— Drucksache 10/340 —
Geil, Staatsminister des Landes
Rheinland-Pfalz 1535 C
Reimann SPD 1536 D
Keller CDU/CSU 1539 B
Frau Schoppe GRÜNE 1541A
Müller (Düsseldorf) SPD 1542 C
Graf von Waldburg-Zeil CDU/CSU . . 1545A
Eimer (Fürth) FDP 1546 C
Frau Dr. Wilms, Bundesminister BMBW 1549 A
Weisskirchen (Wiesloch) SPD 1552 D
Frau Männle CDU/CSU 1554 D
Erste Beratung des von der Fraktion der
SPD eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes über Zuschüsse zum tariflichen
Vorruhestandsgeld (Vorruhestandsgeldgesetz)
— Drucksache 10/122 —
Weinhofer SPD 1556 B
Dr. Blüm, Bundesminister BMA . . . 1558 D
Hoss GRÜNE 1560 D
Cronenberg (Arnsberg) FDP 1562 C
Zink CDU/CSU 1565 B
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Förderung der
Rückkehrbereitschaft von Ausländern
— Drucksache 10/351 — 1567 A
Erste Beratung des von den Abgeordneten
Dr. Apel, Gobrecht, Huonker, Lennartz,
Frau Matthäus-Maier, Dr. Mertens
(Bottrop), Offergeld, Poß, Purps, Rapp
(Göppingen), Schlatter, Dr. Schöfberger, Dr. Spöri,
Dr. Struck, Dr. Vogel und der Fraktion der
SPD eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung der Antragsfrist für den
Lohnsteuer-Jahresausgleich
— Drucksache 10/304 — 1567 A
Beratung des Antrags der Fraktion DIE
GRÜNEN
Änderung der Auslieferungspraxis der
Bundesregierung und Staatenbeschwerde
gegen die Türkei
— Drucksache 10/357 — 1567 B
Beratung des Antrags der Fraktion der
SPD
Lage in Chile
— Drucksache 10/360 — 1567 B
Zweite Beratung und Schlußabstimmung
des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem
Abkommen vom 3. Juni 1982 zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und dem
Großherzogtum Luxemburg über den
Verzicht auf die Beglaubigung und über den
Austausch von Personenstandsurkunden
sowie über die Beschaffung von
Ehefähigkeitszeugnissen
— Drucksache 10/59 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Innenausschusses
— Drucksache 10/206 — 1567 C
Erste Beratung des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines Dritten Gesetzes
zur Änderung des Zerlegungsgesetzes
— Drucksache 10/306 — 1567 D
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zu dem Abkommen vom 6. Dezember
1982 zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und der Französischen
Republik über den Bau einer Straßenbrücke
über den Rhein zwischen Sasbach und
Marckolsheim
— Drucksache 10/252 — 1567 D
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zum Internationalen Kakao-
Übereinkommen von 1980
— Drucksache 10/265 — 1567 D
Erste Beratung des von den Fraktionen der
CDU/CSU und FDP eingebrachten
Entwurfs eines Gesetzes zur Durchführung
der Verordnung (EWG) Nr. 3626/82 des
Rates zur Anwendung des Übereinkommens
über den internationalen Handel mit
gefährdeten Arten freilebender Tiere und
Pflanzen in der Gemeinschaft
— Drucksache 10/381 — 1568 A
Beratung des Antrags der Fraktionen der
CDU/CSU, SPD, FDP und der Fraktion
DIE GRÜNEN
Erneute Überweisung von Vorlagen
(Unterrichtungen) aus früheren
Wahlperioden
— Drucksache 10/358 — 1568 A
Beratung des Antrags der Fraktionen der
CDU/CSU, SPD, FDP und der Fraktion
DIE GRÜNEN
Beirat für handelspolitische
Vereinbarungen
— Drucksache 10/373 — 1568 B
Beratung der Beschlußempfehlung des
Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität
und Geschäftsordnung
Aufhebung der Immunität von Mitgliedern
des Deutschen Bundestages
— Drucksache 10/365 — 1568 B
Beratung der Beschlußempfehlung des
Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität
und Geschäftsordnung
Aufhebung der Immunität von Mitgliedern
des Deutschen Bundestages
— Drucksache 10/366 — 1568 C
Beratung der Beschlußempfehlung des
Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität
und Geschäftsordnung
Aufhebung der Immunität von Mitgliedern
des Deutschen Bundestages
— Drucksache 10/367 — 1568 C
Beratung der Beschlußempfehlung des
Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität
und Geschäftsordnung
Aufhebung der Immunität von Mitgliedern
des Deutschen Bundestages
— Drucksache 10/368 — 1568 C
Beratung der Beschlußempfehlung des
Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität
und Geschäftsordnung
Aufhebung der Immunität von Mitgliedern
des Deutschen Bundestages
— Drucksache 10/369 — 1568 C
Beratung der Beschlußempfehlung des
Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität
und Geschäftsordnung
Aufhebung der Immunität von Mitgliedern
des Deutschen Bundestages
— Drucksache 10/370 — 1568 D
Beratung der Beschlußempfehlung des
Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität
und Geschäftsordnung
Aufhebung der Immunität von Mitgliedern
des Deutschen Bundestages
— Drucksache 10/371 — 1568 D
Beratung der Sammelübersicht 7 des
Petitionsausschusses über Anträge zu
Petitionen
— Drucksache 10/363 —
in Verbindung mit
Beratung der Sammelübersicht 8 des
Petitionsausschusses über Anträge zu
Petitionen
— Drucksache 10/364 — 1568 D
Beratung der Übersicht 1 des
Rechtsausschusses über die dem Deutschen
Bundestag zugeleiteten Streitsachen vor dem
Bundesverfassungsgericht
— Drucksache 10/173 — 1569 A
Beratung des Antrags des
Bundesministers der Finanzen
Veräußerung des bundeseigenen Geländes
der ehemaligen Klosterkaserne in
Konstanz
— Drucksache 10/226 — 1569 A
Beratung des Antrags des
Bundesministers der Finanzen
Bundeseigene Restfläche der ehemaligen
Marine- Kaserne Bremerhaven- Lehe;
hier: Veräußerung an die Stadt
Bremerhaven
— Drucksache 10/372 — 1569 B
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für das Post- und
Fernmeldewesen zu der Unterrichtung
durch die Bundesregierung
Vorschlag für eine Richtlinie des Rates zur
Anpassung der Richtlinie 76/889/EWG des
Rates zur Angleichung der
Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über
Funkstörungen durch Elektro-Haushaltsgeräte,
handgeführte Elektrowerkzeuge und
ähnliche Geräte, und der Richtlinie 76/890/
EWG des Rates zur Angleichung der
Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten
über Funk-Entstörung bei Leuchten mit
Starter für Leuchtstofflampen
— Drucksachen 10/134, 10/242 — . . . . 1569 C
Fragestunde
— Drucksachen 10/377 vom 9. September
1983 und 10/384 vom 14. September 1983 —
Bereitschaft der Bundesregierung zum
Gespräch mit dem Hohen UN-
Flüchtlingskommissar Poul Hartling
DringlAnfr 14.09.83 Drs 10/384
Dr. Schmude SPD
Antw StMin Möllemann AA . . . . 1474 A, C, D,
1475A,B,C,D, 1476A,B,C,D, 1477A,B,C
ZusFr Dr. Schmude SPD 1474 C
ZusFr Dr. Hirsch FDP 1475A
ZusFr Dr. de With SPD 1475A
ZusFr Schäfer (Offenburg) SPD . . . 1475 B
ZusFr Brück SPD 1475 C
ZusFr Duve SPD 1475 C
ZusFr Frau Dr. Hamm-Brücher FDP . 1475 D
ZusFr Bindig SPD 1476 A
ZusFr Frau Dr. Timm SPD 1476 B
ZusFr Lambinus SPD 1476 C
ZusFr Dr. Klejdzinski SPD 1476 D
ZusFr Wartenberg (Berlin) SPD . . . 1476 D
ZusFr Paterna SPD 1477 A
ZusFr Dr. Penner SPD 1477 B
ZusFr Becker (Nienberge) SPD 1477 C
Entwicklung der Anschlußdichte sowie
Höhe der Kostenunterdeckung beim
Kabelfernseh-Pilotprojekt Ludwigshafen;
Gründe für die Ermächtigung des
Postministers zur Abweichung von den im Juli
1983 beschlossenen
Kabelanschlußgebühren
MdlAnfr 63, 64 09.09.83 Drs 10/377
Paterna SPD
Antw PStSekr Rawe BMP . 1478 A, D, 1479A,C
ZusFr Paterna SPD 1478 C, D, 1479A,C
„Kommerzialisierung des Weltraums" im
Rahmen des deutschen
Weltraumprogramms
MdlAnfr 65 09.09.83 Drs 10/377
Dr. Steger SPD
Antw PStSekr Dr. Probst BMFT . 1479D, 1480A
ZusFr Dr. Steger SPD 1479D, 1480 A
Wissenschaftlich-wirtschaftliche Konse
-
quenzen aus der Zusammenarbeit mit den
USA beim Bau von Spacelab; Fortführung
der Kooperation
MdlAnfr 66 09.09.83 Drs 10/377
Dr. Steger SPD
Antw PStSekr Dr. Probst BMFT . . . 1480B, C
ZusFr Dr. Steger SPD 1480 C
Vorlage eines
Meeresforschungsprogramms, insbesondere zugunsten der
deutschen Schiffbauindustrie
MdlAnfr 67, 68 09.09.83 Drs 10/377
Grunenberg SPD
Antw PStSekr Dr. Probst BMFT . . . . 1480D,
1481 A, B, C, D, 1482A, B
ZusFr Grunenberg SPD 1480 D, 1481 A, D, 1482 A
ZusFr Dr. Klejdzinski SPD . . . . 1481B, 1482 B
ZusFr Dr. Steger SPD 1481B, 1482 A
Ausschöpfung der Haushaltsmittel für das
Programm „Humanisierung des
Arbeitslebens" im Jahre 1983
MdlAnfr 69, 70 09.09.83 Drs 10/377
Stockleben SPD
Antw PStSekr Dr. Probst BMFT 1482C, D, 1483A,B
ZusFr Stockleben SPD . . . 1482C, D, 1483A, B
ZusFr Fischer (Homburg) SPD 1482 D
Verbesserte Informierung der US-Bürger
über die Bundesrepublik Deutschland, ihre
Menschen und die Ziele deutscher Politik
MdlAnfr 7, 8 09.09.83 Drs 10/377
Lowack CDU/CSU
Antw StSekr Boenisch BPA . 1483 C, D, 1484 C, D,
1485 A, B, C, D, 1486A, B
ZusFr Lowack CDU/CSU 1484 B, D
ZusFr Frau Reetz GRÜNE 1485A, B
ZusFr Brück SPD 1485 C
Frau Dr. Hamm-Brücher FDP 1485 D
ZusFr Lambinus SPD 1486 A
Äußerungen des Leiters des Bundesamtes
für die Anerkennung ausländischer
Flüchtlinge über die deutsche Asylgesetzgebung
MdlAnfr 13, 14 09.09.83 Drs 10/377
Dr. Hirsch FDP
Antw PStSekr Spranger BMI 1486 C, D, 1487 A, B, C, D
ZusFr Dr. Hirsch FDP 1486 C, D, 1487 B
ZusFr Frau Dr. Hamm-Brücher FDP . . 1487 C
ZusFr Duve SPD 1487 C
Einfluß der Bundesrepublik Deutschland
auf die Konditionierung der vom
Währungsfonds gewährten Kredite;
Militärausgaben der Schuldnerländer
MdlAnfr 19, 20 09.09.83 Drs 10/377
Rapp (Göppingen) SPD
Antw PStSekr Dr. Häfele BMF . . . 1488A, B, D,
1489 A, B, C
ZusFr Rapp (Göppingen) SPD . . . 1488 B, C, D
ZusFr Schlatter SPD 1489 A
ZusFr Bindig SPD 1489 A
ZusFr Duve SPD 1489 B
ZusFr Brück SPD 1489 C
Fluglärmverringerung für die Stadt Fulda
durch den Ausbau des
Hubschrauberlandeplatzes Sickels
MdlAnfr 23 09.09.83 Drs 10/377
Klein (Dieburg) SPD
Antw PStSekr Dr. Häfele BMF . . 1489D, 1490A
ZusFr Klein (Dieburg) SPD . . . 1489 D, 1490A
ZusFr Dr. Klejdzinski SPD 1490A
Verbesserung der Information zwischen
Bundesbehörden und kommunalen
Körperschaften beim Bau militärischer
Anlagen
MdlAnfr 24 09.09.83 Drs 10/377
Klein (Dieburg) SPD
Antw PStSekr Dr. Häfele BMF . . . 1490 B, C, D
ZusFr Klein (Dieburg) SPD 1490 B,C
ZusFr Dr. Klejdzinski SPD 1490 D
Einberufung einer Lärmschutzkommission
für den amerikanischen
Truppenübungsplatz Wildflecken und deren
Zusammensetzung
MdlAnfr 27 09.09.83 Drs 10/377
Dr. Klejdzinski SPD
Antw PStSekr Dr. Häfele BMF . . . . 1491A, B
ZusFr Dr. Klejdzinski SPD 1491 A, B
Zur Geschäftsordnung
Becker (Nienberge) SPD 1491 B
Aktuelle Stunde betr. Bereitschaft der
Bundesregierung zum Gespräch mit dem
Hohen UN-Flüchtlingskommissar Poul
Harding
Dr. Schmude SPD 1491C
Dr. Miltner CDU/CSU 1492 C
Schily GRÜNE 1493 B
Frau Dr. Hamm-Brücher FDP 1494 A
Wartenberg (Berlin) SPD 1494 C
Genscher, Bundesminister AA 1495 B
Weirich CDU/CSU 1496 A
Frau Dr. Timm SPD 1496 D
Fischer (Frankfurt) GRÜNE 1497 B
Dr. Kohl, Bundeskanzler 1498 A
Dr. Vogel SPD 1499 B
Dr. Hirsch FDP 1500A
Klein (München) CDU/CSU 1500 D
Duve SPD 1501 B
Kalisch CDU/CSU 1501 D
Nächste Sitzung 1569 D
Anlage
Liste der entschuldigten Abgeordneten 1571*A
22. Sitzung
Bonn, den 15. September 1983
Beginn: 9.00 Uhr
Präsident Dr. Barzel: Die Sitzung ist eröffnet.
Ich rufe die Tagesordnungspunkte 2 bis 6 auf:
2. Abgabe einer Erklärung der
Bundesregierung zum Thema „Unsere Verantwortung für
die Umwelt"
3. Erste Beratung des von dem Abgeordneten
Drabiniok und der Fraktion DIE GRÜNEN
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Änderung des Benzinbleigesetzes
— Drucksache 10/147 (neu) —
Überweisungsvorschlag des Ältestenrates:
Finanzausschuß (federführend)
Innenausschuß
Ausschuß für Wirtschaft
Ausschuß für Verkehr
Haushaltsausschuß mitberatend und gemäß § 96 GO
4. Erste Beratung des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines Dritten Gesetzes
zur Änderung des Mineralölsteuergesetzes
(3. Mineralölsteuer-Änderungsgesetz)
— Drucksache 10/339 —
Überweisungsvorschlag des Ältestenrates:
Finanzausschuß (federführend)
Innenausschuß
Ausschuß für Wirtschaft
Ausschuß für Verkehr
Haushaltsausschuß mitberatend und gemäß § 96 GO
5. Beratung des Antrags der Abgeordneten
Frau Dr. Vollmer und der Fraktion DIE GRÜ-
NEN Verbot des Herbizidwirkstoffs
Paraquat
— Drucksache 10/202 —
Überweisungsvorschlag des Ältestenrates:
Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit
(federführend)
Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Innenausschuß
6. Beratung der Unterrichtung durch die
Bundesregierung Waldschäden und
Luftverunreinigungen
Sondergutachten März 1983 des Rates von
Sachverständigen für Umweltfragen
— Drucksache 10/113 —
Überweisungsvorschlag des Ältestenrates:
Innenausschuß (federführend)
Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Ausschuß für Jugend, Familie und Gesundheit
Ausschuß für Verkehr
Ausschuß für Forschung und Technologie
Meine Damen und Herren, im Ältestenrat ist
vereinbart worden, die Tagesordnungspunkte 2 bis 6 in
verbundener Beratung zu behandeln und für die
Beratung sechseinhalb Stunden vorzusehen. Sind
Sie damit einverstanden? — Ich höre keinen
Widerspruch. Dann ist es so beschlossen.
Das Wort zur Abgabe einer Erklärung der
Bundesregierung hat der Bundesminister des Innern.
Dr. Zimmermann, Bundesminister des Innern:
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Der Schutz der Umwelt ist nach der
Sicherung des Friedens die wichtigste Aufgabe unserer
Zeit. Der Bundeskanzler hat den Stellenwert der
Umweltpolitik in seinen Regierungserklärungen
vom 13. Oktober letzten Jahres und 4. Mai dieses
Jahres sichtbar gemacht. Die Bundesregierung
beweist ihr Engagement im Umweltschutz durch
zukunftsorientierte Maßnahmen. Ich erinnere an die
Novellierung der Immissionswerte der TA Luft und
der Großfeuerungsanlagen-Verordnung. Ich
verweise auf den Beschluß zur Einführung bleifreien
Benzins und das in der letzten Woche im Kabinett
verabschiedete Aktionsprogramm „Rettet den
Wald".
Diese Politik für eine gesunde Umwelt wird von
der Bevölkerung mit breiter Zustimmung
aufgenommen. Insbesondere schöpfen junge Menschen
wieder Hoffnung, weil sie merken, daß diese
Bundesregierung nicht nur redet, sondern handelt und
mit der Sicherung unserer Lebensgrundlagen Ernst
macht.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir werden diese Politik mit allem Nachdruck
fortsetzen. Die Bundesregierung begrüßt es deshalb,
daß sich der Deutsche Bundestag heute mit der
Umweltpolitik befaßt.
An erster Stelle unserer Bemühungen steht die
Sorge um unseren Wald. Das Waldsterben weite t
sich besorgniserregend aus. Eine erste Erhebung
Ende 1982 hat ergeben, daß eine Fläche von knapp
8 % in der Bundesrepublik geschädigt ist. Zur Zeit
werden mit verbesserten Methoden neue
Erhebungen durchgeführt. Die Bestandsaufnahme wird erst
im Herbst vorliegen, aber schon jetzt kann man
sagen, daß eine erhebliche Zunahme der
Waldschäden zu befürchten ist. Die Schäden, wie sie heute
auftreten, hat es auch in den Phasen der letzten
hundert Jahre, in denen es immer wieder
Waldschäden gab, weder nach Art noch nach Umfang je
gegeben.
(Sehr richtig! bei den GRÜNEN)
Die Waldschäden treten erstmals auch fernab von
industriellen Ballungszentren auf. Wir haben
Waldschäden an den verschiedensten Baumarten im
gesamten Bundesgebiet und über unsere Grenzen
hinaus.
Die genauen Schadensursachen sind immer noch
unklar. Nach Meinung der Fachleute spricht aber
vieles dafür, daß Luftverunreinigungen allein oder
in Kombination mit anderen Ursachen in
maßgeblicher Weise an der Entstehung und dem Ausmaß der
Schäden beteiligt sind. Diese Schädigung der
Wälder stellt eine Herausforderung ersten Ranges dar.
Ihr muß mit allen Mitteln einer vorsorgenden
Umweltpolitik begegnet werden. Der Patient Wald ist
krank. Wir müssen mit der Behandlung beginnen,
ohne die Ursache der Krankheit genau zu kennen.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Sensatio
-
nell!)
Eine weitere intensive Forschung nach den
Ursachen des Waldsterbens ist notwendig. Forschen
kann aber das Handeln nicht ersetzen.
Diese Erkenntnis hat die Bundesregierung zu
sofortigen Maßnahmen veranlaßt. In dem in der
vorigen Woche beschlossenen Aktionsprogramm
„Rettet den Wald" hat sie diese Maßnahmen
zusammengefaßt und präzisiert. Das Programm wird
fortlaufend aktualisiert und den neuesten Erkenntnissen
und Erfordernissen angepaßt werden. Ich möchte
es näher erläutern.
Erstens. Die Bundesregierung wird die
Forschung zur Aufklärung der Ursachen der
Waldschäden noch weiter verstärken. Die Einrichtung
regionaler Forschungsschwerpunkte ist hierbei
eine wichtige Hilfe. Insgesamt belaufen sich die von
Bund, Ländern und Forschungseinrichtungen
bereitgestellten Mittel inzwischen auf rund 56
Millionen DM. Ein im Juni 1983 berufener
Forschungsbeirat mit namhaften Wissenschaftlern wird die
einzelnen Forschungsansätze zu einem zielgerechten,
systematischen Konzept zur Aufklärung der
Waldschäden zusammenfügen und den weiteren
Forschungsbedarf bestimmen.
Zweitens. In einem umfassenden Abbau der
Luftverunreinigungen sieht die Bundesregierung ein
entscheidendes Mittel zur Bekämpfung des
Waldsterbens. Wir haben von Anfang an den Standpunkt
vertreten, daß mit Maßnahmen gegen dieses
Phänomen nicht gewartet werden darf, bis abschließende,
wissenschaftlich unumstößliche, gesicherte
Erkenntnisse vorliegen.
Wir betreiben eine umfassende Vorsorgepolitik,
um die Luftverunreinigungen an der Quelle zu
erfassen und sie Schritt für Schritt abzubauen. Wir
schützen damit nicht nur die menschliche
Gesundheit, sondern auch Böden und Gewässer, Gebäude
und wertvolle Kunstdenkmäler, auch alle sonst in
Frage kommenden Sachgüter.
Die Bundesregierung hat Anfang des Jahres die
Novellierung der Immissionswerte der TA Luft
abgeschlossen.
(Schily [GRÜNE]: Hat die TA Luft etwas
mit SO 2 zu tun!)
Sie ist am 1. März in Kraft getreten. Die neuen
Vorschriften verbessern den Schutz der menschlichen
Gesundheit und schützen erstmals auch besonders
empfindliche Pflanzen und Tiere. Das wird
hoffentlich nicht ohne positive Auswirkungen auf den
Zustand der Wälder bleiben. In einer weiteren
Novellierung wird die Bundesregierung die
Emissionswerte der TA Luft gründlich überarbeiten. Sie sind
nicht mehr letzter Stand der Erkenntnisse. Ziel
dieser Novellierung ist es, die Abgasreinigung von
mehr als 40 industriellen Abgasarten an den
aktuellen Stand der Technik anzupassen und vor allem
den Ausschuß von Stäuben, Schwermetallen und
Kohlenwasserstoffen erheblich zu verringern. Die
Arbeiten sind angelaufen; noch in diesem Jahr wird
der erste Entwurf vorgelegt werden.
Zentrale Bedeutung hat die Großfeuerungsanla
gen-Verordnung, die am 1. Juli dieses Jahres in
Kraft getreten ist. Diese Anlagen, insbesondere
Kraft- und Fernheizwerke, leiten allein rund 3
Millionen Tonnen Schwefeldioxid im Jahr in die Luft
ab. Das sind mehr als 80 % des gesamten
Schwefeldioxidausstoßes. Ziel der Verordnung ist es, den
jährlichen Ausstoß um zunächst rund 1,2 Millionen
Tonnen zu drosseln.
Es kommt darauf an, die Verordnung konsequent
umzusetzen.
(Schily [GRÜNE]: In welchem Zeitraum?)
Hier ist neben den Bundesländern, die für den
Vollzug verantwortlich sind, vor allem die Industrie
gefordert. Die Industrie muß jetzt unverzüglich einen
Umrüstungsplan für ihre Altanlagen aufstellen und
mit der Umsetzung zügig beginnen. Die in
öffentlicher Hand befindlichen Unternehmen — das ist vor
allem bei vielen Elektrizitätsunternehmen der Fall
— haben hier eine besondere Verantwortung.
Ein weiterer wichtiger Schritt zur Verbesserung
der Luftqualität ist die Verringerung der
Autoabgase. Sie tragen erheblich zur Luftverunreinigung bei.
Deswegen ist nicht nur die Wirtschaft, die Industrie,
die Energieversorgung, Schadstofflieferant,
sondern auch jeder Bürger selber. Und er muß es
wissen: 37 % der Kohlenwasserstoffe und ca. 45% der
Stickoxide, die in der Bundesrepublik Deutschland
in die Luft abgegeben werden, stammen aus dem
Auto.
Die Europäische Gemeinschaft hat im Juni dieses
Jahres unter deutscher Präsidentschaft eine Ver-
Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 22. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 15. September 1983 1431
Bundesminister Dr. Zimmermann
schärfung der Grenzwerte für Autoabgase um 20 %
beschlossen. Das ist ein Schritt in die richtige
Richtung, reicht aber zu einer nachhaltigen
Verminderung der Autoabgase nicht aus.
So hat die Bundesregierung am 21. Juli dieses
Jahres beschlossen, die gesetzlichen Grundlagen
zur Einführung bleifreien Benzins ab 1. Januar
1986 zu schaffen. Ziel ist es, die Schadstoffe von
Kfz-Abgasen um bis zu 90 % zu verringern. Um dies
zu erreichen, ist im wesentlichen folgendes
erforderlich: Festlegung der Benzinqualität für bleifreies
Benzin, Prüfung, ob steuerliche Regelungen zur
Einführung bleifreien Benzins erforderlich und
geeignet sind, Einführung von Abgasgrenzwerten, die
nach der heutigen Technik im wesentlichen nur mit
der Katalysatortechnologie eingehalten werden
können.
Ich will ganz klar sagen, daß mit dem
Kabinettsbeschluß Abgasgrenzwerte angestrebt werden, die
bis an die Grenze dessen gehen, was bereits jetzt
mit der Katalysatortechnologie erreichbar ist. Wir
können es uns angesichts unserer
Umweltbelastung und der Waldschäden, meine Damen und
Herren, nicht leisten, hinter vergleichbaren
Begrenzungen der Vereinigten Staaten und Japan
zurückzubleiben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Bundesregierung rechnet bei der Umsetzung
dieses Beschlusses mit der aufgeschlossenen
Mitwirkung von Mineralölwirtschaft und
Automobilindustrie, die aufgefordert bleibt, auch andere, der
Katalysatortechnologie mindestens gleichwertige
Technologien zu entwickeln. Der Bürger hat kein
Verständnis dafür, daß die Automobilindustrie —
die deutsche gilt als die beste der Welt —
umweltfreundliche Automobile in andere Staaten
exportiert, für den Inlandsabsatz diese fortschrittlichen
Kraftfahrzeuge aber angeblich nicht anbieten
kann.
Die Bundesregierung hat mit dem Beschluß
„bleifrei in die Zukunft" eine Pilotfunktion in der
Europäischen Gemeinschaft übernommen. Die
Bundesregierung wird an der Spitze des
Umweltschutzes in Europa stehen. Sie will gemeinsam mit
ihren EG-Partnern diese neue Politik im Interesse
der Bevölkerung aller europäischen Staaten
voranbringen. Hierbei haben wir schon eine Reihe von
Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft
und anderer Nachbarländer auf unserer Seite. Der
österreichische Bundesminister für Gesundheit und
Umweltschutz hat mir gerade bestätigt, daß
Österreich die deutsche Entscheidung außerordentlich
begrüßt und zum gleichen Zeitpunkt in die gleiche
Richtung vorgehen wird.
Im übrigen erwartet die Bundesregierung, daß
die Kommission der Europäischen Gemeinschaft
dieser Linie folgt. Wir werden mit allem Nachdruck
dafür eintreten, daß sich die Europäische
Gemeinschaft nicht mit geringfügigen Verbesserungen
begnügt. Die Bundesregierung fordert, daß sich die für
April 1984 zugesagten Vorschläge der EG-
Kommission ebenfalls an den jetzt von uns vorgegebenen
Abgasgrenzwerten und ihrer Technologie
orientieren.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das Kraftfahrzeug ist aus unserem Leben nicht
wegzudenken. Niemand wird behaupten, daß die
Bundesregierung ein Gegner der Motorisierung
sei.
(Drabiniok [GRÜNE]: Das stimmt!)
Aber wir haben in der Vergangenheit nicht genug
die Grenzen beachtet, die wir im Umgang mit der
Technik einhalten müssen. Autos dürfen heute die
Luft nicht mehr als technisch unvermeidbar
belasten. Die Bundesregierung ist zuversichtlich, daß
die Bürger, ob Autofahrer oder nicht, diesen Schritt
gutheißen und auch zu persönlichen Opfern bereit
sind.
Drittens. Zum Aktionsprogramm „Rettet den
Wald" gehören auch marktwirtschaftliche
Instrumente. Die Bundesregierung verläßt sich nicht nur
auf Gebote und Verbote. In Fortentwicklung der
sozialen Marktwirtschaft muß das Eigeninteresse von
Unternehmen und Verbrauchern für den
Umweltschutz genutzt werden. Wir brauchen gerade jetzt
angesichts der weltwirtschaftlichen
Rahmenbedingungen und der Haushaltsprobleme mehr
unternehmerischen Wagemut und mehr
marktwirtschaftliche Dynamik im Umweltschutz.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP -
Zurufe von den GRÜNEN)
Dabei kann und darf es nicht um weniger, sondern
es muß um mehr und konsequenteren
Umweltschutz gehen.
Stärker marktwirtschaftlich orientierter
Umweltschutz bedeutet, innerhalb des Rahmens staatlicher
Anforderungen die Entscheidungsspielräume des
einzelnen zu vergrößern. Er soll in die Lage versetzt
werden, im Einzelfall die ökologisch und
ökonomisch beste Lösung zu praktizieren.
(Zuruf von der SPD: Etwas anderes hat
Herr Gruhl auch nicht gewollt!)
Der Bundeskanzler hat in seiner
Regierungserklärung vom 4. Mai 1983 gesagt: Zie ist, daß sich
umweltfeindliches Verhalten nicht lohnen darf.
„Umweltfreundliches Verhalten muß sich auch
wirtschaftlich auszahlen."
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und bei
Abgeordneten der SPD)
Viertens. Im Kampf gegen das Waldsterben
brauchen wir den technischen Fortschritt. Deshalb wird
die Bundesregierung die Erforschung und
Entwicklung fortschrittlicher Verfahren, die die Abgabe von
Schadstoffen an die Luft vermindern oder ganz
ausschließen, verstärkt fördern. Nach der
Rauchgasentschwefelung brauchen wir insbesondere neue
Technologien gegen die Stickoxide. Dies ist vor
allem für die Weiterentwicklung umweltfreundlicher
Kraftwerkstechnologien notwendig, damit die
heimische Kohle umweltpolitisch vertretbar bleibt und
auch in Zukunft ihre wichtige Rolle in der
Energieversorgung beibehalten kann. Auch die
Reduzierung von Schwermetallen sowie von organischen
Schadstoffen hält sie für notwendig.
Fünftens. Nationale Maßnahmen allein reichen
nicht aus. Luftverschmutzungen machen an keiner
Grenze halt. Die Hälfte unserer
Schwefeldioxidbelastung stammt aus dem Ausland. Aber ebenso
exportieren wir die Hälfte des aus deutschen Quellen
kommenden Schwefeldioxids.
Erforderlich sind deshalb Maßnahmen der
Luftreinhaltung nicht nur bei uns, sondern auch in
anderen Ländern. Diesem Ziel dienen vielfache
Aktivitäten der Bundesregierung in Ost und West.
Besonders wichtig ist für uns die Europäische
Gemeinschaft. Die Bundesregierung hat daher die
Organe der Gemeinschaft und die übrigen-
Mitgliedstaaten der EG zu weiteren Anstrengungen
gedrängt und die dazu erforderlichen Vorschläge
erarbeitet.
Großes Gewicht legen wir auf den Entwurf der
Grundsatzrichtlinie Luftreinhaltung, der auf einer
deutschen Konzeption beruht. Für diese Richtlinie,
die den Mitgliedstaaten die Bekämpfung der
Luftverschmutzung an der Quelle nach dem jeweils
bestverfügbaren Stand der Technik zur Pflicht
machen soll, hat die Bundesregierung beim Treffen
des Europäischen Rates in Stuttgart die
grundsätzliche Zustimmung und Unterstützung der
Regierungschefs gewonnen. Wir erwarten, daß diese
Richtlinie wie auch die Richtlinie zur Einführung
der Umweltverträglichkeitsprüfung noch in diesem
Jahr verabschiedet und damit für alle
Mitgliedstaaten verbindlich wird.
Die Bundesregierung begrüßt die Absicht der EG-
Kommission, noch in diesem Jahr einen
Richtlinienvorschlag zur Emissionsbegrenzung bei
Großfeuerungsanlagen vorzulegen. Die
Bundesregierung sieht darin einen dringend notwendigen
zweiten Schritt zur Harmonisierung möglichst strenger
Grenzwerte für die schädlichen Stoffe auf der
Gemeinschaftsebene.
Im Rahmen der Wirtschaftskommission der
Vereinten Nationen für Europa, ECE, kommt es darauf
an, die am 16. März 1983 in Kraft getretene
Internationale Luftreinhaltekonvention mit Leben zu
erfüllen. Diese Konvention stellt für die
Bundesregierung ein unverzichtbares Instrument dar, weil sie
unsere Nachbarn in West und Ost zu einer
gemeinsamen Luftreinhaltepolitik verpflichtet. Auf der
ersten Sitzung des Exekutivorgans in Genf ist es uns
in einem ersten Schritt gelungen, eine allgemeine
Verpflichtung zu einer deutlichen Verminderung
des Ausstoßes von Schwefeldioxid durchzusetzen.
Bereits im nächsten Jahr müssen die
Vertragsstaaten über ihre Maßnahmen zur Verwirklichung
dieses Ziels berichten. Zu den Schwerpunkten des
Arbeitsprogramms der Vertragsstaaten gehören
Erhebungen über die Auswirkungen der Niederschläge
auf die Wälder. Damit werden wir demnächst auch
ein genaueres Bild über die Waldschäden bei
unseren westlichen und östlichen Nachbarn
bekommen.
Grenzüberschreitende Luftverschmutzung ist
auch ein innerdeutsches Problem. Inzwischen
konnten mit Regierungsexperten der DDR erste
Fachgespräche in Leipzig und Bonn über Fragen
der Rauchgasentschwefelung geführt werden.
Diese Gespräche werden in Kürze fortgesetzt. Die
Bundesregierung hofft, daß diese Gespräche bald zu
praktischen Problemlösungen führen.
Die Bundesregierung wird auch ihre
Bemühungen, mit der CSSR zu Vereinbarungen zu kommen,
kontinuierlich fortsetzen. In Gesprächen der
Außenminister am 1. und 2. Februar 1983 in Prag hat
die CSSR ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit
erkennen lassen. Expertengespräche auf der Ebene
der Grenzbevollmächtigten haben stattgefunden
und werden fortgesetzt. Morgen kommt der
tschechoslowakische Botschafter zum Bundesminister
des Innern, um das Besuchsprogramm für die Reise
in die CSSR vorzubereiten.
Die Zusammenarbeit im Umweltschutz mit
Österreich und der Schweiz ist außerordentlich
erfolgreich. Nach dem Meinungsaustausch mit dem
zuständigen österreichischen Bundesminister Dr.
Steyrer über alle Problemfälle des Umweltschutzes
werde ich in Kürze ähnlich umfassende Gespräche
mit dem schweizerischen Bundesrat Egli führen.
Sechstens. Ein weiteres Element des
Aktionsprogramms „Rettet den Wald" sind schließlich
forstwirtschaftliche Maßnahmen. Die
Bundesregierung weiß, daß auch solche Maßnahmen zum
Überleben unserer Wälder beitragen können. Sie sollen
vor allem die Widerstandskraft der Wälder stärken,
um damit ihren Bestand zu sichern und die
Schäden in Grenzen zu halten, z. B. durch Maßnahmen
der Schädlingsbekämpfung, der Düngung,
(Schily [GRÜNE]: Ach du meine Güte, der
Kalkung?)
der Bodenverbesserung sowie der Aufforstung. Ich
möchte diese Maßnahmen hier nicht näher
erläutern; meine Kollege Ignaz Kiechle wird zu diesem
Bereich noch das Wort ergreifen.
Siebtens. Die Bundesregierung mißt privaten
Initiativen zum Schutz der Wälder eine hohe
Bedeutung bei. Daher habe ich mit meinem Kollegen
Kiechle und dem rheinland-pfälzischen
Ministerpräsidenten Bernhard Vogel in seiner Eigenschaft
als Präsident der Schutzgemeinschaft Deutscher
Wald vereinbart, auf der Gründungsversammlung
am 4. Oktober in Bonn eine Stiftung „Wald in Not
— Gemeinschaftswerk zur Rettung des Waldes" ins
Leben zu rufen. Aufgabe dieser Stiftung soll es sein
— ergänzend zu den Anstrengungen des Staates
und der Wirtschaft —, die Sachkunde und das
Engagement von umweltbewußten Bürgern, Verbänden
und sonstigen privaten Initiativen
zusammenzuführen und zur Rettung des bedrohten Waldes zu
nutzen und zu fördern. Die Stiftung ermöglicht es
jedem, an diesem Gemeinschaftswerk mitzuwirken.
Ich rufe alle Menschen in diesem Lande auf, sich zu
beteiligen und die Stiftung nach besten Kräften zu
unterstützen. Es ist vorgesehen, dem Herrn
Bundespräsidenten die Schirmherrschaft der Stiftung
anzutragen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 22. Sitzung. Bonn. Donnerstag, den 15. September 1983 1433
Bundesminister Dr. Zimmermann
Achtens. Das Aktionsprogramm „Rettet den
Wald" konzentriert sich auf realistische
Maßnahmen
(Schily [GRÜNE]: Auf Kalk im Wald und
Kalk im Gehirn!)
der Luftreinhaltung und der Forstwirtschaft. Die
Aufgaben, die vor uns liegen, sind schwer. Die
Bundesregierung hat in ihrer erst kurzen Amtszeit
rasch und zielstrebig gehandelt. Wir bleiben aber
dabei nicht stehen. Wir werden alle denkbaren
Möglichkeiten zur Reinhaltung der Luft und zur
Bekämpfung des Waldsterbens in unsere
Überlegungen vorurteilsfrei mit einbeziehen.
Die Bundesregierung hat die Bundesministerien
deswegen am 6. September 1983 ausdrücklich
beauftragt, alle Vorschläge zu prüfen, die darauf
abzielen, die Luftreinhaltung weiter zu verbessern.
Für die Reinhaltung der Luft, für die Rettung der
Wälder gibt es kein Tabu. Wir werden auch die
bereits bestehenden Regelungen systematisch
daraufhin prüfen, ob sie sich bewährt haben. Lücken
werden wir schließen, Fehlentwicklungen
abstellen.
Die Bundesregierung wird ihre Politik auch in
allen übrigen Bereichen des Umweltschutzes
fortentwickeln.
Mit Sorge verfolgt die Bundesregierung die
Vernichtung tropischer und subtropischer Wälder. Das
kann unübersehbare Nachteile für die
Lebensbedingungen auf der ganzen Erde haben.
(Schily [GRÜNE]: Aha!)
Die Ursachen dieser bedrohlichen Entwicklung
sind — anders als bei uns — großflächige
Rodungen, Raubbau an Nutzholz, insbesondere an
tropischen Edelhölzern, sowie die
Bevölkerungsexplosion und die Massenarmut in jenen Regionen der
Dritten Welt. Millionen von Menschen, die dort am
Rande des Existenzminimums leben, sind
gezwungen, wertvolle Waldvorräte zu opfern, um Brennholz
und Anbau- und Weideflächen zu gewinnen.
Die Bundesregierung sieht ihre Aufgabe deshalb
darin, dieser Gefährdung mit ihrer
Entwicklungspolitik entgegenzuwirken. Sie setzt sich — in
Übereinstimmung mit der von der Generalversammlung
der Vereinten Nationen verabschiedeten
„Weltcharta über die Erhaltung der Natur" —
nachdrücklich für ein Konzept der Erhaltung und
Entwicklung der Tropenwälder ein. Die Bundesrepublik
Deutschland leistet hierzu seit vielen Jahren einen
substantiellen Beitrag. Sie ist bereit, ihr
Engagement, insbesondere ihr entwicklungspolitisches
Forstprogramm, zu intensivieren und zur
Erhaltung der tropischen und subtropischen Wälder
international Impulse zu geben.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Was, wo,
wieviel?)
Ihre entwicklungspolitischen Maßnahmen wird sie
in Zukunft durch Umweltverträglichkeitsprüfungen
absichern.
(Hört! Hört! bei der SPD)
Ein Bereich, der bei uns lange vernachlässigt
worden ist, ist der umfassende Schutz des Bodens.
(Schily [GRÜNE]: Sehr richtig!)
Der Boden ist vor allem durch Schwermetalle und
bestimmte Chemikalien gefährdet, die nicht oder
nur schwer abbaubar sind und sich im Boden
anreichern. Von dort können sie zum Teil über Futter-
und Nahrungsmittel auch die menschliche
Gesundheit gefährden. Die Bundesregierung ist
entschlossen, den Boden als Speicher und Filter für den
Wasserhaushalt, als Lebensraum für Pflanzen und
Tiere und in allen seinen anderen vielfältigen
Funktionen zu erhalten. Die Probleme des
Bodenschutzes müssen übergreifend und notfalls mit
neuen Instrumenten gelöst werden. Hierzu wird die
Bundesregierung eine umfassende
Bodenschutzkonzeption vorlegen.
Im engen sachlichen Zusammenhang zum
Bodenschutz stehen Naturschutz und
Landschaftspflege. Die heimische pflanzliche und tierische
Artenvielfalt ist in den vergangenen Jahren erheblich
zuruckgegangen.
(Schily [GRÜNE]: Auch durch den Rhein
-
Main-Donau-Kanal!)
Die Lebensräume wildwachsender Pflanzen und
wildlebender Tiere werden aus vielfältigen
Ursachen beeinträchtigt oder zerstört.
(Zuruf von den GRÜNEN: Auch beim
Rhein-Main-Donau-Kanal!)
— Beim Rhein-Main-Donau-Kanal hat die Arten-
und Pflanzenvielfalt durch die Erhaltung der
Altwässer ausdrücklich zugenommen, verehrter
unwissender Herr Kollege.
(Beifall bei der CDU/CSU — Lachen und
Zurufe von den GRÜNEN — Schily [GRÜ
NE]: Die Kellerasseln oder was?)
Die Bundesregierung hält die bisherigen
Bemühungen beim Biotopschutz für nicht ausreichend.
Der Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft
und Forsten hat deshalb die Arbeiten zu einem
Biotopschutzprogramm aufgenommen, damit die
einheimischen Pflanzen- und Tierarten und ihre
Lebensgemeinschaften besser geschützt werden.
(Schily [GRÜNE]: Das ist doch eine Frech
heit, das zu behaupten!)
Die Bundesregierung unterstützt die
Bemühungen der Küstenländer, mehr für den Schutz des
Wattenmeeres zu tun, weil dem Wattenmeer eine
überragende Bedeutung für die Fischbestände der
gesamten Nordsee, für die nord- und
mitteleuropäische Vogelwelt und nicht zuletzt für die Erholung
der Menschen zukommt.
(Zuruf des Abg. Schily [GRÜNE])
Im Hinblick auf die in der letzten Zeit in der
Öffentlichkeit diskutierten großflächigen Eindeichungen
im Wattenmeer setzt sich die Bundesregierung
ferner dafür ein, daß Eingriffe dieser Art aus
Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der
Agrarstruktur und des Küstenschutzes" nicht mehr
gefördert werden.
(Frau Blunck [SPD]: Das sind Sprüche!)
Ausnahmen sollen nur noch in Betracht kommen,
wenn die notwendige Sicherheit der Bevölkerung
nicht durch andere vertretbare Maßnahmen
gewährleistet werden kann.
Neben der Sorge für unser Wattenmeer ist der
Schutz der Meere überhaupt ein dringendes
Anliegen der Bundesregierung. Wir verfolgen mit Sorge
die Belastung der Nordsee mit Schadstoffen aus
den Flüssen, der Luft, der Schiffahrt, der
Abfallbeseitigung und der Erdölgewinnung.
(Schily [GRÜNE]: Haben Sie mal Bayer
-
Leverkusen angerufen wegen der Dünn
säureverklappung?)
Die Bundesregierung setzt umfassende
Vorsorgemaßnahmen fort, um weiteren Gefährdungen
entgegenzutreten und ökologischen
Fehlentwicklungen vorzubeugen.
(Schily [GRÜNE]: Hat das Greenpeace
oder die Bundesregierung verhindert, Herr
Minister?)
Ich darf in diesem Zusammenhang insbesondere
auf unsere Aktivitäten zum Schutz der
Binnengewässer verweisen, die auch der Meeresumwelt
zugute kommen.
(Schily [GRÜNE]: Greenpeace ist erfolgrei
cher!)
Zum Schutz vor Schiffsunfällen haben wir die
Verkehrssicherheit, vor allem in der Deutschen
Bucht, verbessert. Mit einem 100-Millionen-
Programm von Bund und Küstenländern sind Schiffe
und Geräte für die Ölbekämpfung angeschafft
worden. Ich erwarte, daß laufende Forschungs- und
Entwicklungsvorhaben in Kürze Möglichkeiten
bieten, Ölverschmutzungen auch bei rauher See
wirksam zu bekämpfen. Die Kontrolle jedenfalls haben
wir wesentlich verstärkt. Fahrzeuge der Wasser-
und Schiffahrtsverwaltungen des Bundes, des
Bundesgrenzschutzes und des Zolls stehen zur
Verfügung. Flugzeuge mit spezieller Ausrüstung können
auch bei schlechten Sichtverhältnissen und nachts
Ölverschmutzungen erkennen.
(Zuruf des Abg. Duve [SPD])
Durchschlagende Erfolge können wir aber nur
erzielen, wenn alle Anliegerstaaten der Nordsee sich
vom Prinzip der Vorsorge leiten lassen und nicht
abwarten, bis irreparable Schäden entstanden sind.
Daher wird die Bundesregierung für 1984 die
Umweltminister der Anliegerstaaten der Nordsee zu
einer Internationalen Nordseeschutzkonferenz
einladen. Die fachlichen und organisatorischen
Vorbereitungen sind bereits in vollem Gange. Ziel und
Zweck dieser Konferenz ist es, einen
internationalen Konsens über konkrete Maßnahmen
herbeizuführen. Ich denke dabei insbesondere an die
Verringerung von Schadstofftransporten über Binnen-
und Küstengewässer, die Einstellung der
Verklappung und Verbrennung von Abfällen auf See, die
Verhinderung von Ölverschmutzungen.
Parallel dazu arbeitet die Bundesregierung
intensiv in der Helsinki-Kommission mit, damit auch die
Verschmutzung der Ostsee, deren Sauerstoffnot
gerade in den letzten Wochen wieder Gegenstand
alarmierender Meldungen war, eingedämmt und
vermindert werden kann. Unsere vorrangigen
Bemühungen gelten der Bekämpfung der
Ölverschmutzung und der Reduzierung der Schadstoffe,
die von Land aus in die Ostsee gelangen.
Zum Schutz der Binnengewässer verfolgt die
Bundesregierung das Ziel, die Einleitung von
Schadstoffen bereits an der Quelle zu vermindern
oder ganz zu vermeiden.
(Frau Beck-Oberdorf [GRÜNE]: Konkret!
Was heißt das konkret?)
Wir werden die Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten zur Verbesserung von Klär- und
Rückhaltetechniken sowie von Verfahren zur Aufbereitung
von Abwasser und Brauchwasser sowie zur
Entsorgung von Schlämmen intensivieren und deren
Ergebnisse in die Praxis einführen.
(Stahl [Kempen] [SPD]: Die Techniken
sind da! Sie müssen die Industrie nur in die
Lage versetzen, sie zu bauen!)
Damit wollen wir auch dazu beitragen, unsere
natürlichen Wasservorräte zu schonen. Die
Bundesregierung wird jede Anstrengung unternehmen,
damit über einen wirksamen Gewässerschutz
gesundes Trinkwasser langfristig gesichert wird.
(Schily [GRÜNE]: Das sind alles wohlfeile
Absichtserklärungen! Wir wollen etwas
Konkretes hören!)
Dem Vorsitzenden des Innenausschusses des
Deutschen Bundestages habe ich den erbetenen
Erfahrungsbericht zum Abwasserabgabengesetz als
Grundlage für eine sachliche parlamentarische
Erörterung über die Wirkungen und die
Praktikabilität der Abwasserabgabe zugeleitet. Der Bericht
zeigt auf, daß das Abwasserabgabengesetz, von
Anlaufschwierigkeiten abgesehen, in allen
Bundesländern vollzogen wird. Die Abwasserabgabe hat
Industrie und Gemeinden veranlaßt, sich verstärkt um
den Bau von Kläranlagen oder um andere
Verfahren zur Minimierung der Schadstoffe im Abwasser
zu bemühen. Bei der Auswertung des Berichts wird
die Bundesregierung zu entscheiden haben, ob
Vorschriften dieses Gesetzes effektiver und einfacher
ausgestaltet werden können und der
Verwaltungsaufwand bei der Durchführung des Gesetzes
verringert werden kann. Wie ich wiederholt erklärt
habe, geht es hierbei um mögliche Verbesserungen,
aber nicht um Verwässerungen des
Abwasserabgabengesetzes.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das Problem der Werraversalzung und der
erheblich belasteten Elbe müssen wir durch
Verhandlungen mit der DDR lösen. Wir haben in
Expertengesprächen einen Anfang gemacht, der Fortschritte
erhoffen läßt. Die DDR hat auf unsere intensiven
Bemühungen hin in den letzten Tagen erklärt, daß
sie zu weiteren Gesprächen und Verhandlungen
bereit ist. Die nächsten Treffen sind für Oktober vor-
Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 22. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 15. September 1983 1435
Bundesminister Dr. Zimmermann
gesehen. Im Fall der Röden erwartet die
Bundesregierung in der nächsten Zeit die Unterzeichnung
einer Vereinbarung, die zu einer erheblichen
Verbesserung der Flußqualität führen wird. Die
Bundesregierung wird weiter jede Gelegenheit nutzen,
um mit der DDR bei besonders dringlichen
Umweltproblemen konkrete Verbesserungen zu erzielen.
Sie wird in dem Bemühen nicht nachlassen, über
Gespräche mit der DDR zu einer dauerhaften
Zusammenarbeit auch beim Umweltschutz zu
gelangen.
(Sehr gut! bei der CDU/CSU)
Einen zunehmend wichtigen Bereich des
Umweltschutzes sieht die Bundesregierung in der
Abfallwirtschaft. Die lange Ungewißheit über den
verbleib der Seveso-Abfälle hat deutlich gemacht, daß
es in Europa an einer ausreichenden Kontrolle der
grenzüberschreitenden Beseitigung von
gefährlichen Abfällen fehlt. Sonderabfalltourismus ist zu
einem beängstigenden Schlagwort in der
umweltpolitischen Diskussion geworden. Die
Bundesregierung wird alles tun, um dieser Art von
vermeintlicher Problemlösung einen Riegel vorzuschieben.
Abfalleinfuhr, Abfallausfuhr und Abfalltransit
müssen strengen Genehmigungsverfahren unterworfen
werden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Abfälle sind grundsätzlich in dem Staat zu
beseitigen, in dem sie anfallen.
(Sehr wahr! bei der CDU/CSU — Frau
Beck-Oberdorf [GRÜNE]: Gilt das auch für
Atomabf all?)
Nur so sind die Risiken der unkontrollierten
Beseitigung von gefährlichen Abfällen über Grenzen
hinweg in den Griff zu bekommen.
Die Bundesregierung hat in diesen Tagen eine
Vorschaltnovelle zum Abfallbeseitigungsgesetz
beschlossen, die diese Grundsätze zum erstenmal in
Europa rechtlich verankert. Ich hoffe, daß der
Gesetzentwurf in diesem Haus und im Bundesrat mit
der notwendigen Dringlichkeit behandelt und
verabschiedet werden kann.
Das Prinzip „weitergehender Beseitigung im
eigenen Land" erfordert die Schaffung von
Einrichtungen zur Sonderabfallbeseitigung. Damit sind
politische Entscheidungen zur Festlegung von
Standorten für solche Anlagen gefordert.
(Schily [GRÜNE]: Wie ist das mit dem
Atommülltourismus?)
Das ist oft unpopulär. Man kann aber nicht nach
der ordnungsgemäßen Beseitigung gefährlicher
Abfälle rufen und gleichzeitig die Schaffung
notwendiger Anlagen durch lautstarke Proteste verhindern.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Nach dem Sankt-Florians-Prinzip können wir nicht
vorgehen. Hier ist manchem, der sich nur für einen
Umweltschützer hält, mehr Verständnis für die
Zusammenhänge der Problematik zu wünschen. Das
gilt auch für die Sanierung von Altdeponien.
Die Bundesregierung setzt sich daher dafür ein, daß
die Abfallverwertung in unserem Land
systematisch ausgebaut wird, und sie hat auf diesem Gebiet
konkrete Vorstellungen. Bis Ende der 80er Jahre
soll die Hälfte des Hausmülls verwertet und die
Abfallbeseitigung auf hoher See gänzlich
eingestellt sein. Diese Ziele sind ehrgeizig, aber nicht
utopisch.
Abfallverwertung, meine Damen und Herren,
ersetzt nicht Abfallvermeidung. Die besten Abfälle
sind die, die gar nicht erst entstehen.
(Sauermilch [GRÜNE]: Verpackungsin
-
dustrie!)
Das gilt auch für die Verpackungen. Hier geht es
vor allem darum, das System von
Mehrwegverpakkungen zu erhalten. An dieser Forderung habe ich
gegenüber der Wirtschaft keinen Zweifel gelassen.
(Fischer [GRÜNE]: Bravo!)
Die Wirtschaft hat freiwillig zugesagt, den
Marktanteil von Mehrwegverpackungen nicht weiter
absinken zu lassen. Die Bundesregierung wird die
Einhaltung dieser Absichtserklärung sorgfältig
beobachten, um dann zu entscheiden, ob staatliche
Eingriffe zur Steuerung der Entwicklung notwendig
werden.
(Stahl [Kempen] [SPD]: Aber nicht zu
lange warten!)
Wirtschaftswachstum und Wohlstand haben zu
einer vielfachen Zunahme der Lärmquellen
geführt. Ich weise beispielhaft auf den rapiden
Anstieg von Kraftfahrzeugen und Motorrädern sowie
auf die Zunahme des Flugverkehrs hin. Lärm ist in
den letzten Jahrzehnten zu einer ernsten Belastung
der Bevölkerung in der dichtbesiedelten und
industrialisierten Bundesrepublik geworden.
(Schily [GRÜNE]: Was ist denn mit den
Tiefflügen?)
Der Bundesregierung kommt es in erster Linie
darauf an, den Lärm bereits an der Quelle zu
bekämpfen. Besonders wichtig ist der Kampf gegen den
Verkehrslärm. Mit Nachdruck setzt sich daher die
Bundesregierung für die einheitliche Verschärfung
der Lärmgrenzwerte für Kraftfahrzeuge und
Krafträder in der Europäischen Gemeinschaft ein.
Außerdem wird die Bundesregierung die
Voraussetzung dafür schaffen, daß lärmarme
Nutzfahrzeuge in lärmsensiblen Gebieten
Benutzungsvorteile erhalten, um die Nachfrage nach solchen
Fahrzeugen anzuregen. Die
Straßenverkehrszulassungsordnung wird entsprechend geändert. Der Entwurf
ist in Arbeit.
Schließlich werden wir auch den Lärmschutz an
Straßen und Schienenwegen Schritt für Schritt
verbessern. So hat der Bundesminister für Verkehr am
6. Juli 1983 als vorläufige Regelung Richtlinien für
den Lärmschutz an Bundesfernstraßen erlassen.
Sie betreffen die notwendige Vorsorge und
Sanierung. Sie enthalten insbesondere die vom
Deutschen Bundestag im März 1980 mit Zustimmung
aller Fraktionen beschlossenen anspruchsvollen
Immissionsgrenzwerte für neue Straßen, die im
späteren Gesetzgebungsverfahren in der 8.
Legislaturperiode nicht mehr durchgesetzt worden sind.
Im übrigen wird die Bundesregierung ihre Politik
zum Schutz vor Lärm einschließlich der
Maßnahmen gegen Flug- und Arbeitslärm noch eingehend
in der Antwort auf die Große Anfrage der Fraktion
der SPD vom 7. Juli 1983 dem Deutschen Bundestag
darlegen.
Im Mittelpunkt unserer Verantwortung für die
Umwelt steht der Mensch und seine Gesundheit.
Im Rahmen des Schutzes vor schwerwiegenden
Krankheiten ist die Krebsbekämpfung von
besonderer Bedeutung. Die Bundesregierung hat in der
neuen TA Luft, die seit dem 1. März 1983 in Kraft
ist, Grenzwerte für die Emission von 15
krebserregenden Stoffen festgelegt, die gegenüber früheren
Werten bis zum 200fachen verschärft worden sind.
Wir haben die technischen Möglichkeiten, die in
den letzten Jahren entwickelt worden waren, voll
ausgeschöpft. Darüber hinaus werde ich
gemeinsam mit dem Bundesminister für Jugend, Familie
und Gesundheit der Umweltministerkonferenz
einen von Fachleuten des Bundes und der Länder
überarbeiteten Bericht über das Krebsrisiko durch
Luftverunreinigungen zuleiten, der einen wichtigen
Beitrag zu einem umfassenden Programm zur
Krebsbekämpfung darstellt.
Die Bundesregierung wird zum Schluß der
menschlichen Gesundheit und der Umwelt auch
ihre Politik zur Kontrolle von Chemikalien mit
allem Nachdruck fortsetzen. Zum Schutz der
Gesundheit wird die Bundesregierung weiter entschieden
gegen die Belastung von Lebensmitteln mit
bedenklichen Stoffen vorgehen. Die Arbeiten zur
Neuordnung der zersplitterten Vorschriften über die
Kennzeichnung, den Handel und den Umgang mit
gefährlichen Stoffen und Zubereitungen werden wir
beschleunigen. Unser Ziel ist es, die Länder-
Giftverordnungen alsbald abzulösen und durch eine
einheitliche und übersichtliche Neuregelung zu
ersetzen.
(Beifall des Abg. Stahl [Kempen] [SPD])
Einem verstärkten Schutz der Gesundheit von
Mensch und Tier sowie des Naturhaushalts vor der
Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel dient
ebenfalls der von der Bundesregierung am 14. Juni
1983 beschlossene Entwurf eines Gesetzes zum
Schutz der Kulturpflanzen, der das
Pflanzenschutzgesetz von 1968 ersetzen soll. Die Verkehrs- und
Anwendungsvorschriften für
Pflanzenbehandlungsmittel werden verstärkt, insbesondere um
Grundwasser, Boden, Pflanzen und Tiere stärker als
bisher zu schützen.
Das überraschende Ausmaß der Waldschäden hat
uns gezeigt, daß die bisherigen wissenschaftlichen
Prognoseinstrumente nicht ausreichen. Wir müssen
deshalb neue Methoden entwickeln und anwenden,
die uns eine genaue Beobachtung der Natur und
der Entwicklung der Umwelt ermöglichen. Wir
werden zunächst in Zusammenarbeit mit den Ländern
die Datenbasis zur Lage der Umwelt verbessern.
Die Arbeiten hierzu sind angelaufen. Außerdem ist
vorgesehen, wichtige und aussagefähige Untersu
-
chungsproben in einer Umweltprobenbank
langfristig sicherzustellen und für zukünftige
Vergleichsuntersuchungen über Veränderungen in der
Umwelt bereitzuhalten. Wenn wir heute über solche
Proben aus den Wäldern in den letzten 30 Jahren
verfügen könnten, könnten wir vermutlich die
Ursache des Waldsterbens schneller aufklären.
Ergänzend werden wir versuchen, durch
fortlaufende wissenschaftliche Untersuchungen und
Beobachtungen repräsentativer Gebiete die
Erkenntnisse über Vorgänge in unserer Natur zu vertiefen,
damit wir in Zukunft ähnlich überraschende
Schadenseinbrüche vermeiden können.
Um Kontinuität und die langfristig angelegte
Politik der Vorsorge zu sichern, halte ich es darüber
hinaus für erforderlich, den Leitlinien und
Schwerpunkten der Umweltpolitik der Bundesregierung
eine vertiefte Darstellung und Begründung in
einem besonderen Umweltbericht zu geben. Wir
werden dort ausführlicher und gründlicher, als dies in
einer Regierungserklärung möglich ist, darlegen,
wo langfristig die Schwerpunkte unserer Arbeit
liegen, was wir in dieser Legislaturperiode und
darüber hinaus vorhaben und von welchen
Grundüberlegungen wir uns dabei leiten lassen. Wir streben
damit keine unrealistische Totallösung aller
Umweltprobleme an. Solche Ansprüche führen nur zu
Ankündigungen und versäumten Gelegenheiten.
Wir wollen eine am konkreten Handlungsbedarf,
am Machbaren und an der gezielten Problemlösung
orientierte Darstellung, die für jedermann die
Prioritäten und Akzente unserer Politik sichtbar macht.
Wichtige Bausteine habe ich Ihnen mit meinen
Ausführungen zum Schutz des Waldes, des Bodens und
der Nordsee bereits vorgestellt. Der Bericht selbst
wird 1984 vorgelegt werden.
Die Bundesregierung kennt die Sorgen und
Ängste der Bevölkerung über die Gefahren für unsere
natürlichen Lebensgrundlagen; die
Bundesregierung teilt diese Sorgen.
(Drabiniok [GRÜNE]: Und handelt nicht!)
Sie ist entschlossen, zielstrebig und konsequent die
Umweltsituation Schritt für Schritt zu verbessern.
Der Erfolg wird sich um so eher einstellen, je
entschlossener und umfassender die Umweltpolitik der
Bundesregierung unterstützt wird. Die
Bundesregierung begrüßt deshalb den Entschließungsantrag,
den die Fraktionen von CDU/CSU und FDP zur
Umweltpolitik eingebracht haben. Sie stimmt mit
den Maximen und Forderungen dieses Antrags voll
überein. Sie steht zu ihrer Verantwortung für die
Umwelt. Verantwortung für die Umwelt, meine
Damen und Herren, tragen wir alle: Regierung und
Parlamente, Wirtschaft und Gewerkschaften und
nicht zuletzt der Mensch in diesem Land selbst.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich bin sicher: Wenn jeder an seinem Platz und
mit seinen Mitteln seinen Teil der Verantwortung
für unsere Umwelt wahrnimmt, werden wir das Ziel
erreichen, das der Bundeskanzler in seiner
Regierungserklärung gesetzt hat, „die uns anvertraute
Umwelt den nachfolgenden Generationen zu
erhalten".
Gestatten Sie mir zum Abschluß dieser
Regierungserklärung noch eine persönliche Anmerkung.
Ich bin davon überzeugt, daß jeder einzelne und wir
alle gemeinsam in diesem Haus für einen
wirksamen und einen verbesserten Umweltschutz
eintreten. Ich begrüße den Wettbewerb an Ideen und
Meinungen. Ich habe auch nichts gegen jetzt noch
utopische Forderungen; denn die Utopie von heute
ist oft die Realität von morgen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Oho-Rufe von der SPD und den GRÜ
-
NEN)
Ich bitte jedoch bei allem verständlichen
Bemühen um ein umweltpolitisches Profil
(Zuruf von den GRÜNEN)
— die Kehrseite der Medaille kommt schon noch —
nicht zu vergessen, daß wirksamer Umweltschutz
und gesunde Wirtschaft nicht Gegensätze sind,
sondern als Einheit gesehen werden müssen. Nur eine
florierende Volkswirtschaft kann die finanziellen
Mittel für neue Maßnahmen im Umweltschutz
aufbringen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das, was wir an Umweltschutz für die nächsten
Jahre brauchen und vorschlagen müssen, kostet
zweistellige Milliardenbeträge, die nicht von einer
schrumpfenden Wirtschaft und von Menschen mit
geringem Einkommen aufgebracht werden
können.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wenn wir uns in der Welt umschauen, so stellen wir
fest, daß eine schlechte Volkswirtschaft Hand in
Hand mit verhängnisvollen Sünden gegen die
Umwelt einhergeht. Für uns in der Bundesrepublik gilt
es daher, beim Umweltschutz alles Denkbare zu
diskutieren und alles Machbare durchzusetzen.
Das zweite, was ich sagen möchte, ist ein Appell
an uns alle: Erliegen wir nicht der Versuchung, uns
in Anbetracht schwerwiegender Umweltschäden in
düsteren Zukunftsvisionen zu ergehen. Machen wir
die Menschen problembewußt, aber machen wir
ihnen keine Angst vor der Zukunft!
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Zeigen wir Wege auf, strengen wir uns an,
vermitteln wir vor allem Mut, die Probleme anzupacken!
Ich bin davon überzeugt, daß wir es schaffen
können, nicht von heute auf morgen, aber doch
schneller, als manche heute glauben. Wir sollten jedoch
wissen und keine falschen Illusionen hegen: Die
Sünden von Jahren und Jahrzehnten können nur in
langen Zeiträumen wieder korrigiert werden.
Umweltschutz ist kein kurzatmiges Programm,
sondern Umweltschutz wird von jetzt an eine ständige
Aufgabe, eine ständige Herausforderung sein, für
diese Bundesregierung und für alle, die nach ihr
kommen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Trotz aller Umweltprobleme sage ich:
Deutschland ist in seinem Kern gesund.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Gesund san
ma!)
Es gibt Schäden, aber sie werden zu beheben sein.
Jeder, der unsere Landschaft bewußt erlebt, wird
meinem Urteil zustimmen: Deutschland ist einer
der schönsten Flecken in dieser Welt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir alle müssen — jeder an seinem Platz — dazu
beitragen, daß das Leben hier lebenswert bleibt.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP)
Präsident Dr. Barzel: Wird das Wort zur
Einbringung oder zur Begründung der Vorlagen unter den
Tagesordnungspunkten 3 bis 5 gewünscht? — Das
ist nicht der Fall.
Ich eröffne die Aussprache. Der erste Redner ist
Herr Hauff. Bitte schön.
Dr. Hauff (SPD): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Diese
Regierungserklärung
(Zuruf von der CDU/CSU: War gut!)
zur Verantwortung für unsere Umwelt muß sich an
den Herausforderungen messen lassen, vor denen
wir stehen. Die Herausforderung, vor der wir
stehen — zusammen mit vielen anderen
Industrieländern —, ist die dramatische Veränderung im
Verhältnis von Mensch und Natur.
Früher war das Ziel menschlichen Handelns die
Beherrschung der Natur. Das hat zu riesigen
Erfolgen, das hat zu einem beispiellosen Wohlstand
geführt. Aber heute erkennen wir, daß dieser Weg
auch zur Zerstörung der gesunden Umwelt, auch
zur Bedrohung der Natur geführt hat. Der Mensch
führt sich in weiten Teilen der Welt als ein Feind
der Natur auf, und das kann nicht gutgehen.
Deswegen empfinden immer mehr Menschen die
Zerstörung der Umwelt als eine konkrete Gefahr für ihr
persönliches Leben. Diese Menschen haben recht.
Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht in den
Zeitungen alarmierende Nachrichten entdecken. Da
gibt es mit Blei vergiftete Kinderspielplätze; da
findet man im Trinkwasser gesundheitsgefährdende
Stoffe; da werden Schadstoffrückstände, sogar
DDT, in der Muttermilch entdeckt; da sind
inzwischen im Schwarzwald neun von zehn Tannen
krank; da gehen täglich in der Bundesrepublik 160
ha Boden durch Bebauung für Häuser, für Straßen,
für öffentliche Einrichtungen und ähnliches
verloren. Und jedes Jahr — so sagen uns die Fachleute
— sterben seltene Tierarten aus. Schließlich steigt
die Zahl — das halte ich für das Wichtigste — der
durch Umweltverschmutzung bedingten
Erkrankungen der Menschen steil an. Kurz gesagt: Wir
müssen zur Kenntnis nehmen, der Mensch lebt
nicht mehr in Frieden mit der Natur.
Gemessen an dieser Herausforderung war diese
Regierungserklärung sicherlich eine lange Rede
mit vielen Ankündigungen, mit vielem, dem man
zustimmen kann, aber auch mit vielen
Undeutlichkeiten. Nur, ich finde, wir brauchen keine
wortreichen Regierungserklärungen, sondern wir
verlangen, daß die politischen Entscheidungen, die
getroffen werden, dem Ernst der Lage wirklich gerecht
werden.
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Nachdem ihr so lange geschlafen habt! —
Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
— Keine Angst, das kommt alles noch zur Sprache.
— Hier beginnt unsere Kritik — hören Sie gut
zu —; denn zwischen den großen Worten und den
tatsächlichen Umweltmaßnahmen dieser
Regierung — und das ist der einzige legitime Maßstab — ,
den eigenen Ankündigungen und den eigenen
Entscheidungen klafft ein riesengroßer Unterschied.
(Berger [Lahnstein] [CDU/CSU]: Das glau
-
ben Sie doch selbst nicht!)
Statt Politik betreiben Sie Public Relations. Sie
betreiben eine Politik der starken Worte und der
schwachen Taten. Sie leben von Ankündigungen,
die gut klingen.
(Beifall bei der SPD — Dr. Laufs [CDU/
CSU]: Sie nehmen nicht einmal die Be
schlüsse zur Kenntnis!)
— Ich nehme Entscheidungen zur Kenntnis.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Die sind gefallen!)
- Auf die kommen wir gleich zu sprechen. Keine
Bange, Herr Laufs.
Wer Ihre Reden und Ihre Interviews liest, Herr
Bundesinnenminister, wer Sie in unregelmäßigen
Abständen mit dem Hubschrauber über die
sterbenden Wälder fliegen sieht, dem drängt sich in der
Tat der Eindruck auf, hier handele es sich um einen
engagierten Umweltschützer, den die Sorge um
unsere Umwelt treibe
(Zuruf von der CDU/CSU: Stimmt auch!)
und der auch uneinsichtigen Leuten die Stirn biete,
jenen uneinsichtigen Leuten, die es beispielsweise
auch in der Industrie gibt und die uns und Ihrem
Vorgänger, Herrn Baum, früher das Leben so
schwergemacht haben.
Nur, zwischen Ihren Ankündigungen und Ihren
Taten klaffen Lücken. Ich fange mit dem ersten
Beispiel, mit der ersten Entscheidung an, die diese
Regierung getroffen hat. Sie sagten, Herr
Bundesinnenminister, am 4. Februar 1983 im Bundesrat: In
der Umweltpolitik der Bundesregierung hat
absolute Priorität die Luftreinhaltung.
Mit der vorliegenden Novellierung der
Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft ...
hat die Bundesregierung einen bedeutsamen
Schritt auf dem Wege zur Verbesserung der
Luftqualität vollzogen. Das wird nicht ohne
positive Auswirkungen auf die Situation unserer
Wälder bleiben.
Nur, das Gegenteil ist der Fall.
(Schily [GRÜNE]: Sehr wahr!)
Entgegen Ihrer Ankündigung enthält die TA Luft,
die Sie vorgelegt haben, keinerlei Verbesserung der
Schwefelbelastung.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Sie müssen wissen,
daß das nicht richtig ist, was Sie sagen!)
Das wäre wirklich wichtig gewesen, um den
Wäldern zu helfen. Wir wollen nicht Ankündigungen
haben, sondern Entscheidungen, die den
Ankündigungen gerecht werden.
(Beifall bei der SPD — Dr. Laufs [CDU/
CSU]: Genau das ist nicht richtig, was Sie
jetzt sagen! Das ist gegen besseres Wis
sen!)
Die Chance haben Sie verpaßt. So sieht in Wahrheit
Ihr Beitrag zum Kampf gegen das Umweltsterben
aus: Ankündigungen, Worte.
(Zurufe)
— Herr Laufs, hören Sie gut zu; es geht weiter. Wir
diskutieren in der Sache miteinander.
Geändert haben Sie in der neuen TA Luft das
Berechnungs- und Meßverfahren zur Ermittlung
der Zusatzbelastung.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Mit entsprechender
Verwirklichung!)
Diesem Verfahren haben in der Tat alle
zugestimmt. Wir auch, alle Bundesländer und zunächst
übrigens auch die Umweltschutzverbände. Sie
haben — das fand damals Zustimmung — gesagt, mit
Hilfe dieser komplizierten Formel werde etwas für
den Umweltschutz und gegen das Waldsterben
getan. Nun stellt sich heraus, daß das gar nicht
stimmt. Da haben Sie ein — Herr
Bundesinnenminister, das ist ein Wort des früheren
Umweltschutzministers von Nordrhein-Westfalen — krummes
Ding gedreht.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Das ist doch uner
hört!)
In Zahlen ausgedrückt: Im Fall von Nordrhein
Westfalen bedeutet das praktisch bei der
Verschmutzung mit Schwefel, daß nach dem alten
Verfahren 1981 70 Anlagen den Grenzwert
überschritten hätten; nach dem neuen Verfahren wäre das
keine einzige Anlage mehr gewesen.
(Hört! Hört! bei der SPD)
So kann man auch Politik machen. Auf dem Papier
eine Verbesserung, aber in Wirklichkeit überhaupt
keine Verbesserung der Luftqualität. In Wahrheit
bleibt der Dreck.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Das stimmt doch
gar nicht!)
Unseren sterbenden Wäldern haben Sie damit
keinen guten Dienst erwiesen.
Die „Süddeutsche Zeitung" hat recht, wenn sie
wörtlich sagt: „Mit Hilfe von Taschenspielertricks
wird dafür gesorgt, daß der deutsche Wald weiter
sterben muß."
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Das ist doch Un
sinn!)
Gehen wir zur nächsten Entscheidung dieser
Bundesregierung, der Großfeuerungsanlagen-
Verordnung. Ich sage immer noch: Wir messen Sie an
den eigenen Ankündigungen und fragen, ob das,
was angekündigt war, auch dem entspricht, was
getan wird. Da gab es zunächst eine Vorlage aus dem
Bundesinnenministerium. Sie hatte viele
Schlupflöcher und Ausnahmeregelungen. Die
Umweltschutzverbände sprachen mit einem gewissen Recht von
einer „Großschwindelverordnung", die da vorgelegt
wurde. Diese massive öffentliche Kritik — übrigens
doch auch aus den Bundesländern, die von der
Union regiert waren und sind — hat dann im
Bundesrat zu wesentlichen Veränderungen und
Verbesserungen geführt. Nur, Herr Bundesinnenminister,
diese Verbesserungen stammen nicht von Ihnen,
sondern von der Mehrheit der Bundesländer,
übrigens mit sehr bunten Abstimmungskoalitionen, die
sich da ergaben.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Und Rücktritten
von SPD-Ministern!)
Wenn man das Ergebnis, das dabei
herausgekommen ist und das heute geltendes Recht ist, bewertet,
dann kommen trotz dieser Verbesserungen die
Herren Späth und Dregger — der eine ist im Saal, der
andere nicht — nach wenigen Monaten zu dem
Ergebnis, daß diese Verordnung überholungsbedürftig
ist. Herr Dregger sagt wörtlich: „Wir müssen die
Obergrenzen der zulässigen Schadstoffbelastungen
absenken. Wir müssen die Übergangsfristen z. B.
für alte Kraftwerke verkürzen." Und das noch nicht
einmal nach einem halben Jahr, nachdem man das
vorher noch als großen Fortschritt gefeiert hat! Wir
haben Ihnen das schon bei der Verabschiedung
gesagt. Man ist geneigt zu sagen: Spät kommt ihr,
doch ihr kommt, verehrter Herr Späth.
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Ihr überhaupt nicht! — Weitere Zurufe von
der CDU/CSU)
Herr Zimmermann, mittlerweile kriegen Sie
selbst kalte Füße. Denn Sie scheinen ja zu merken,
daß Ihre Verordnung eine umweltpolitische
Fehlleistung ist. Sonst hätten Sie doch nicht — was Sie
getan haben — an die Bundesländer geschrieben,
sie sollten in den landeseigenen Anlagen mehr tun,
als die Verordnung selbst vorsieht, also über das
hinausgehen, was der Gesetzgeber vorschreibt. Es
wäre in der Tat gut, wenn das geschähe. Allerdings
drängt sich ein Schluß aus diesem Brief, den Sie an
die Bundesländer geschrieben haben, zwingend auf:
Sie halten die Großfeuerungsanlagen-Verordnung
offensichtlich selbst für mangelhaft, für
verbesserungswürdig.
Was Ihr Image als unnachgiebiger
Umweltschützer betrifft, so ist der Lack wohl endgültig ab, denn
die Einhaltung der schärferen Vorschriften, die Sie
in dem Brief anmahnen, fordern Sie ja nicht von
der privaten Industrie, sondern nur von den
öffentlichen Unternehmen. Herr Zimmermann, Sie
müssen noch den Beweis erbringen, daß Sie
Umweltschutz in der Tat auch einmal gegen mächtige
wirtschaftliche Interessen durchsetzen können.
(Beifall bei der SPD)
Vielleicht waren Sie doch etwas zu nachgiebig und
zu nachsichtig gegenüber dieser Lobby. Hat man
Sie denn arg bedrängt, so muß man Sie fragen.
Haben Sie mit dieser Verordnung wirklich das
Bestmögliche getan? Offensichtlich nicht, wenn
man Herrn Dregger Glauben schenken kann.
Kürzlich — ich zitiere dies — nannten Sie als
Leitlinie Ihrer Politik — Sie haben es sinngemäß
heute in der Regierungserklärung noch einmal
wiederholt —, „daß sich umweltfeindliches Verhalten
nicht lohnen darf, während sich
umweltfreundliches Verhalten auch wirtschaftlich auszahlen muß".
Sie fordern weiter „eine Stärkung des
Eigeninteresses der Wirtschaft an der Verminderung der
Umweltbelastungen". — Richtig! Ich stimme Ihnen zu.
Das ist ein vernünftiger Gedanke. Verehrter Herr
Zimmermann, warum aber lehnen Sie dann eines
der hervorragendsten und flexibelsten Instrumente
in der Luftreinhaltepolitik, die in der Diskussion
sind, nämlich die Schwefelabgabe, wie sie vom
Land Hessen beschlossen wurde, eigentlich ab?
(Beifall bei der SPD)
Die Unglaubwürdigkeit und Unverbindlichkeit
Ihrer Ankündigungen, die Umweltverschmutzer
tatsächlich bei ihren ökonomischen Interessen zu
pakken und entsprechend zu belasten, werden nur noch
durch Ihre parteitaktische Abneigung übertroffen,
einem Vorschlag zuzustimmen, der aus dem
sozialdemokratisch geführten Bundesland Hessen
kommt. Die SPD-Bundestagsfraktion wird noch in
diesem Jahr ein Schwefelabgabengesetz nach dem
hessischen Vorbild im Bundestag einbringen.
(Beifall bei der SPD)
Wir werden dann Ihre Bekenntnisse zu
marktwirtschaftlichen Lösungen im Umweltschutz auf die
Probe stellen. Meine Prognose ist: Genauso wie bei
der Einführung des bleifreien Benzins werden Sie
bei der Schwefelabgabe am Ende klein beigeben.
Sie wackeln ja jetzt schon und sagen, das sei alles
prüfungsbedürftig.
Meine Damen und Herren, es gibt aber noch
mehr von der Öffentlichkeit wenig beachtete
Beispiele für umweltpolitisch prahlerische, aber leider
konsequenzenlose Ankündigungen.
(Duve [SPD]: Öko-Prahlhans!)
Die Bundesregierung wendet sich in ihren
Regierungserklärungen gegen den zunehmenden
Flächenverbrauch. Das ist ein gutes Argument. Der
Bundesverkehrsminister redet aber vollmundig von
3 000 neuen Bundesautobahnkilometern, die gebaut
werden sollen. Nur weil das Geld knapp ist, kann er
es nicht machen. Fast ist man geneigt zu sagen:
Gott sei Dank.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Sie wollten vor
zehn Jahren jedem einen Autobahnan
-
schluß vor das Haus bauen!)
Mit Bezug auf das Sicherheitsniveau unserer
Kernkraftwerke sagt diese Bundesregierung — so
wörtlich —, sie wolle „keinerlei Abstriche" zulassen.
Mein Eindruck ist allerdings: das ist offensichtlich
nicht so ganz ernst gemeint. Was tut sich denn da
mit der Lockerung der Störfallrichtlinien? Wie
sehen denn die Entwürfe aus, die im Umlauf sind?
Meine Vermutung ist: Hier kündigt sich ein kleiner
Skandal an.
(Zustimmung bei der SPD)
Was soll eigentlich die Aussage, daß Sie für eine
stärkere Berücksichtigung von
Umweltverträglichkeitsprüfungen sind? Wo, bei welchen Projekten,
wann wollen Sie das machen'? Setzen Sie das beim
Wattenmeer durch, machen Sie das beim Rhein
-
Main-Donau-Kanal?
(Zustimmung bei der SPD)
Wenden Sie die Regelungen doch an. Sie brauchen
in diesem Zusammenhang doch gar nichts
anzukündigen.
Beim Waldsterben haben Sie nun eine ganz
famose Idee. Sie könnte von einer Werbeagentur
stammen. Gemeinsam mit Ihrem Kollegen Kiechle
rufen Sie jetzt zur Gründung einer Stiftung „Wald
in Not" auf. Ein tolles Wort! Hier wird der Show
Charakter Ihrer Politik besonders deutlich. Damit
es keinen Zweifel gibt: Eine Stiftung ist dort eine
gute Sache, wo sich die Bürger zur besseren
Zusammenarbeit, zur Förderung ihrer Ziele
zusammenschließen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Sie können ja
beitreten!)
Wer etwas tun will, soll sich doch bitte der Aktion
„Rettet den Wald" anschließen, die die Menschen,
die sich um den Wald Sorgen machen, in
Freudenstadt durchführen. Das ist eine Aktion, bei der sich
die Bürger zusammenschließen. Schließen Sie sich
dem doch an. Das wäre eine vernünftige
Entscheidung.
(Beifall bei der SPI))
Wenn Sie aber selbst zur Gründung einer Stiftung
aufrufen, wird man den Verdacht nicht los, hier
wolle man sich aus der Verantwortung stehlen, hier
wolle man darauf verzichten, politische
Maßnahmen wirksam durchzusetzen.
Bei der Einführung des bleifreien Benzins haben
wir gesagt: Wir brauchen eine klare Entscheidung
dieser Bundesregierung. Wir sind dafür. daß
bleifreies Benzin eingeführt wird. Wir sind bereit, die
negativen Auswirkungen, die es gibt, mit zu tragen
und mit zu verantworten. Und vor wenigen
Monaten, ja, vor wenigen Wochen, haben wir hier im
Bundestag über diese Frage diskutiert. Und dabei
haben Sie diese Forderung wörtlich als
„Weltfremdheit" bezeichnet und groß argumentiert, der
deutsche Arbeiter müßte, wenn er in Zukunft nach
Italien fahre, am Brenner sein Auto stehenlassen. Und
deswegen komme das überhaupt nicht in Frage;
europäische Lösungen müßten her.
(Dr. Vogel [SPD]: Im Mai war es!)
— Erklären Sie uns doch bitte einmal, was sich
zwischen Mai und September verändert hat und den
Sinneswandel rechtfertigte, den Sie heute hier
vorgetragen haben.
(Beifall bei der SPD — Dr. Laufs [CDU/
CSU]: Sind Sie gegen diese Entschei
dung?)
Erklären Sie uns doch einmal, was geschehen ist,
(Zuruf von der CDU/CSU: Wir sind klüger
geworden!)
daß Sie heute den Vorschlag von uns
Sozialdemokraten zur steuerlichen Begünstigung bleifreien
Benzins für prüfungswürdig halten — eine
vernünftige Entscheidung —, während Sie noch im Mai im
Bundesrat den hessischen Vorschlag dazu nicht
einmal für wert hielten, sich überhaupt damit zu
befassen. Erklären Sie uns doch einmal, was da
wirklich passiert ist.
(Zuruf des Abg. Dr. Laufs [CDU/CSU])
Das einzige, was geschehen ist, ist, daß eine
wachsende Zahl von Menschen erkennen, daß das
vernünftige Vorschläge sind, und daß man denen
Beifall gespendet hat. Und um diesen Beifall geht
es jetzt auch Ihnen.
Die SPD-Bundestagsfraktion hat Anfang Juli ihre
Vorschläge zur Bewahrung unserer lebendigen
Umwelt erarbeitet. Ich will im Rahmen dieser Debatte
über die Regierungserklärung auch über die ganz
kurzfristigen Entscheidungen reden, die wir uns
noch für das Jahr 1983 vorgenommen haben.
Erstens. Wir brauchen einen neuen Ansatz, um
Ökologie und Ökonomie zu versöhnen. Wir schlagen
dazu eine Initiative „Arbeit und Umwelt" vor. Da
genügt es nicht nur, von mehr Dynamik zu reden,
sondern da braucht es konkrete Entscheidungen
der Regierung. Dazu, wie man das auf
Regierungsseite umsetzen könnte, findet sich in Ihrer
Regierungserklärung kein Wort.
Zweitens. Die schnelle Einführung des bleifreien
Benzins ist für uns jetzt das Wichtigste. Wir fordern
zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund,
daß das jetzt geschieht. Wir hoffen, daß sich
Regierung und Opposition in dieser Frage gegenseitig
unterstützen. Wir hoffen es; ich bin mir nicht sicher,
ob es dazu kommen wird. Wenn Ihre Taten, Herr
Bundesinnenminister, auch tatsächlich so ausfallen,
daß sie den Ankündigungen entsprechen, besteht in
der Tat kein Anlaß, Sie in dieser Frage zu
kritisieren. Nur Ihre Regierungserklärung ist zu diesem
Punkt unklar und verschwommen.
(Beifall bei der SPD)
Sie nennen keinen Termin für die Einführung der
neuen Abgaswerte entsprechend der Katalysator
technik bei Neuwagen. Hier darf nicht drum herum
geredet werden. Der Zickzackkurs der letzten Tage
muß zu Ende sein. Nennen Sie klipp und klar den
Termin, und sagen Sie klipp und klar, daß die
Abgasgrenzwerte, die mit dem Dreiwegkatalysator zu
erreichen sind, die unterste Grenze dessen sind,
was zu akzeptieren Sie bereit sind. Eine klare
Aussage, bitte. Aber wenn man nur vage davon redet,
daß man das bleifreie Benzin einführen wolle,
können das auch ganz andere Dinge sein. Hier fehlt
noch einiges. Ich hoffe, daß das im Laufe dieser
Debatte klarer wird.
Drittens. Die sozialdemokratische
Bundestagsfraktion wird bald den Entwurf eines
Schwefelabgabengesetzes nach dem hessischen Vorbild
einbringen. Das bedrohliche Fortschreiten des
Waldsterbens erfordert unser aller Ernsthaftigkeit. Wir
fordern die Bundesregierung eindringlich auf, die
Möglichkeiten eines solchen
Schadstoffabgabengesetzes noch einmal ohne Vorurteile und ohne
parteitaktische Überlegungen zu prüfen. Wir sehen
darin eine sinnvolle Ergänzung zu Verboten und
Geboten. Zu diesem Punkt schweigen Sie sich in
Ihrer Regierungserklärung gänzlich aus. Kein Wort
dazu, obwohl breit öffentlich diskutiert wird, was
eigentlich die Position der Bundesregierung dazu
ist.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Sie haben offen
-
sichtlich nicht zugehört!)
Aber vielleicht irre ich mich auch,
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Zuhören!)
und die Stiftung „Wald in Not" ist Ihre Alternative
zu einem Schwefelabgabengesetz. Es kann sein, daß
so Ihre Umweltpolitik aussieht.
Viertens. Wir haben im Sommer eine Große
Anfrage zum Lärmschutz eingebracht. Wir haben die
Bundesregierung aufgefordert, Stellung zu nehmen
zu den Schwerpunkten Lärm am Arbeitsplatz,
Lärm im Verkehr und Gerätelärm. Und wir wollen
diesen Streßfaktor Nr. 1 hier im Deutschen
Bundestag im Herst debattieren. Bei diesem Punkt
verweisen Sie in Ihrer Regierungserklärung auf die
Großen Anfragen der Sozialdemokraten. Gut, warten
wir die Antwort ab. Dann werden wir darüber
diskutieren.
Fünftens. Die zunehmende Verschmutzung und
die wachsenden Umweltprobleme der Nordsee
erfordern rasche Maßnahmen.
Die Nordsee und das Wattenmeer müssen durch
ein Bündel von Maßnahmen geschützt und vor der
Vergiftung mit 01 und Chemikalien gerettet
werden. Wir haben zusammen mit unseren Freunden in
den Küstenländern ein Aktionsprogramm für die
Nordsee erarbeitet. In Ihrer Regierungserklärung
verweisen Sie in diesem Zusammenhang auf die
Nachbarländer. Ich finde das etwas dürftig.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Das ist
aber auch mächtig revolutionär, was Sie
sagen!)
Sechstens. Dringlich erscheint meiner Fraktion
die Verabschiedung eines Verbotsgesetzes zur
Abwendung der Gefahren, die mit der Verwendung
von 2,4,5-T-haltigen Unkrautvernichtungsmittel
verbunden sind.
(Beifall bei der SPD)
Wir begrüßen eine entsprechende Initiative der
nordrhein-westfälischen Landesregierung für ein
Verbotsgesetz und hoffen, daß sich die
Bundesregierung in dieser Frage diesem Anliegen nicht
verschließen wird. Aber dazu enthält Ihre
Regierungserklärung wiederum kein Wort.
Siebtens. Ein Bereich, von dem wir befürchten,
daß er wohl zwischen der Bundesregierung und uns
kontrovers bleiben wird, wird die weitere
Energiepolitik sein. Dazu wird mein Kollege Harald
Schäfer im weiteren Verlauf der Debatte noch einmal
Stellung nehmen.
Meine Damen und Herren, ich habe mehrfach
den Zwischenruf gehört: Warum ist das nicht alles
in den 13 Jahren gemacht worden; warum kommt
das erst jetzt? — Damit möchte ich mich sehr gern
auseinandersetzen.
Die Umweltgesetzgebung der sozialliberalen
Koalition, die in der Zusammenarbeit zwischen
Sozialdemokraten und Freien Demokraten entstanden
ist, gilt heute in Europa als vorbildlich. Das weiß
auch Herr Zimmermann; das weiß übrigens auch
Herr Dregger, wenn Sie seine Rede, die er in Ihrer
Fraktionssitzung vor drei Tagen in Berlin gehalten
hat, noch einmal nachlesen. Ich darf Sie selbst, Herr
Zimmermann, zitieren, und zwar aus Ihrer Rede vor
dem Verband der bayerischen Bezirke. Dort sagen
Sie, daß „im Gewässerschutz in den letzten Jahren
viel erreicht worden" sei. Dort verweisen Sie auf die
„erfreulichen Fortschritte" bei der biologischen
Abwasserbehandlung. Dort erkennen Sie auch die
„erfreuliche Entwicklung in der Abfallwirtschaft". Dort
würdigen Sie auch die Finanzierungshilfen, die die
alte Bundesregierung z. B. über das Rhein-
Bodensee-Programm oder über das
Zukunftsinvestitionsprogramm von 1977 bis 1981 geleistet hat. Da wurde
einiges erreicht. — Herr Zimmermann, ich stimme
Ihnen zu: Es ist erfreulich, was da geschehen ist. Es
wurde auch gegen vielfache Widerstände
durchgesetzt,
(Boroffka [CDU/CSU]: Vorsicht!)
die meist einzelnen egoistischen wirtschaftlichen
Interessen entsprangen. Wir Sozialdemokraten sind
stolz auf das, was in der sozialliberalen Koalition
umweltpolitisch erreicht wurde.
(Beifall bei der SPD)
Wir sind stolz darauf, ohne Selbstgefälligkeit, aber
im Bewußtsein, daß wir zum richtigen Zeitpunkt
den richtigen Weg eingeschlagen haben. Übrigens
oft gegen den erbitterten Widerstand der damaligen
Opposition. Das sollte man nicht vergessen, wenn
man die Reden heute hört.
Aber es gibt auch Gefahren — auch darüber
möchte ich offen mit Ihnen reden —, die wir alle
miteinander unterschätzt haben, z. b. beim
Waldsterben. Keine der im Bundestag vertretenen
Parteien hat 1980 vorausgesehen, daß diese
Umweltzerstörung so schnell voranschreitet, wie das jetzt
erkennbar ist.
(Zustimmung bei der SPD — Fischer
[Frankfurt] [GRÜNE]: Aber außerhalb ha
ben das einige Leute vorausgesehen!)
— Herr Fischer, ich bin gern bereit, Ihnen zu
zeigen, daß weder
(Zurufe von den GRÜNEN)
— hören Sie gut zu! — das Wahlprogramm der
GRÜNEN von 1980 noch das Bundesprogramm der
GRÜNEN von 1980 weder das Wort noch das Thema
„Waldsterben" überhaupt erwähnen.
(Beifall bei der SPD und der FDP — Zuruf
des Abg. Fischer [Frankfurt] [GRÜNE])
1442 Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 22. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 15. September 1983
Dr. Hauff
Sehen Sie, so schnell wird man zur alten Partei,
wenn man den Mund zu voll nimmt. So schnell geht
das heutzutage.
(Beifall bei der SPD)
Aber es ist uns Sozialdemokraten auch
schwergefallen — auch dies will ich nicht verschweigen —,
jenes berühmte Bündnis zwischen Waldläufern und
Malochern zu schaffen. Das ist richtig. Und das
wird auch so bleiben. Den richtigen Weg zur
Versöhnung zwischen Ökologie und Ökonomie zu
finden, bleibt ein Problem. Dabei werden sich auch
weiterhin Konflikte nicht vermeiden lassen, auch
nicht bei uns selbst. Darüber mache ich mir keine
Illusionen. Es geht jedem so in seiner Partei, der
ernsthaft über Umweltschutz redet.
(Lenzer [CDU/CSU]: Sie müssen auch ein
-
mal Leistungen anerkennen!)
Neben diesen Problemen, die mit dem
Bewußtsein der Menschen zusammenhängen, gibt es noch
einen ganz anderen sachlichen Zusammenhang, der
meines Erachtens im Hinblick auf Ihre
Zwischenrufe noch sehr viel wesentlicher ist. Weder der
technische Fortschritt noch die Umweltverschmutzung
sind während der letzten Jahrzehnte
stehengeblieben. Unsere Umweltschutzgesetzgebung — das gilt
nicht nur für die soziale liberale
Umweltschutzgesetzgebung, sondern das werden auch Sie
erfahren -, jede Umweltschutzgesetzgebung kann nur
in dem Maße verbessert werden, wie neu
entwikkelte Technologien, wie neuerarbeitete
Erkenntnisse zur Bekämpfung von Umweltschäden es
tatsächlich gestatten. Schadstoffminderungen
beispielsweise im Abgas oder im Abwasser können
heute eben auf Grund der technischen Entwicklung
weiter gehen, ais wir es in den Gesetzeswerken der
70er Jahre und den Verordnungen festgehalten
haben. Hier sind, meine Damen und Herren, in
gewissen Abständen und parallel zum technischen
und zum wissenschaftlichen Fortschritt immer
wieder Anpassungen erforderlich. Auf diese weisen wir
Sozialdemokraten heute hin, ohne uns
Nachlässigkeit in der Vergangenheit nachsagen lassen zu
müssen. Lernfähigkeit ist hier gefragt, auch von der
Politik, nicht nur von Wissenschaftlern und
Ingenieuren.
(Beifall bei der SPD)
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich noch
auf den Zusammenhang zwischen Umwelt, Wachs
tum und Beschäftigung eingeben. Wir
Sozialdemokraten wissen, daß Umweltschutz nicht erst dann
beginnt, wenn der Dreck oder der Gestank die
Villenvororte erreicht hat. Deswegen treten wir
zusammen mit den Gewerkschaften für einen aktiven
Umweltschutz ein. Dieser beginnt zunächst am
Arbeitsplatz.
(Beifall bei der SPD)
Ich stimme dem Bundesinnenminister zu, wenn
er kürzlich darauf hinwies — wörtlich —:
Eine wachsende Umweltschutzgüterindustrie
zeigt uns, daß der Umweltschutz nicht
Hemmschuh, sondern geradezu Schrittmacher des
technischen Fortschritts ist.
Richtig! Ich würde es mit meinen Worten so sagen:
Mehr Umweltschutz heißt auch mehr Technik,
mehr Innovation, mehr neue Produkte.
Auch hier drängt sich die Frage auf: Wenn das
richtig ist, warum versäumt es vor diesem
Hintergrund die Bundesregierung, diesen Aspekt in dem
kürzlich eingebrachten Bundeshaushalt
angemessen zu berücksichtigen,
(Beifall bei der SPD)
etwa im Rahmen eines Programms zu Wachstum
und Beschäftigung, eines Programms zur
Verbesserung der Wachstums- und der
Umweltbedingungen?
(Zuruf von der CDU/CSU: Mit neuen Schul
den!)
Bereits im Juli haben wir Sozialdemokraten die
Dringlichkeit eines solchen Programms
unterstrichen.
In dem Zusammenhang erinnere ich an das Wort
unseres früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt:
Wir brauchen beides, mehr Arbeitsplätze und mehr
Umweltschutz. Wir können auch beides zugleich
erreichen. Hier erinnere ich an ein Wort von Karl
Schneider: Wir brauchen mehr Arbeitsplätze durch
mehr Umweltschutz. So muß die Lösung aussehen!
(Beifall bei der SPD)
Im Umweltschutz gibt es einen drängenden
Investitionsbedarf. Allein die nachweisbaren
Gesundheitsschäden als Folge der Umweltverschmutzung
rechtfertigen ein umweltpolitisches
Investitionsprogramm in Milliardenhöhe, weil es auch Schäden
in Milliardenhöhe gibt. Denken wir nur an die
Erkrankung der Atmungswege der Menschen! Heute
werden diese Schäden sozialisiert, indem man sie
auf die Solidargemeinschaft der Versicherten
überwälzt. Deswegen sind Maßnahmen zur
Luftverbesserung kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit zur
Schadensabwendung.
Die ständigen Verschlechterungen der
Umweltbedingungen haben auch dazu geführt, daß sich in
der Bevölkerung das Bewußtsein verändert hat. In
wachsendem Maße sind die Menschen kritisch und
mißtrauisch gegen Umweltverschmutzungen
geworden. Sie sind bereit, zur Verbesserung dieser
Situation Opfer, Einschränkungen, zusätzliche
Belastungen auf sich zu nehmen; denn sie wissen:
Nichts ist so teuer wie unterlassener
Umweltschutz.
(Beifall bei der SPD)
Die OECD schätzt, daß in den Mitgliedsländern
die gesamten Schäden allein durch
Luftverschmutzung einschließlich der Gesundheitsschäden
jährlich 3 bis 5% des Bruttosozialprodukts ausmachen.
Allein die Gebäudeschäden durch
Luftverschmutzung schätzt das Umweltbundesamt auf 1,5
Milliarden DM.
Wenn es uns nicht gelingt, durch massive
Investitionen im Umweltbereich für einen entsprechenden
Ausgleich zu sorgen, d. h. die Schäden abzuwenden,
dann müssen wir, ob wir uns dessen bewußt sind
oder nicht, die Schäden in Kauf nehmen, d. h.
praktisch reale Wohlstandsverluste hinnehmen.
Bei all diesen Berechnungen ist zusätzlich zu
berücksichtigen, daß viele ökologische
Langzeitschäden, z. B. die Bodenversalzung oder das Artenaus
-
sterben, in Geldkategorien überhaupt nicht zu
fassen sind.
Die Umweltindustrie, die Ökoindustrie ist eine
Schlüsselindustrie für die Zukunft. In allen
Industrieländern steigt das Umweltbewußtsein der
Menschen und steigt die Nachfrage nach technisch
ausgereiften Produkten der Umweltindustrie, um die
Umweltprobleme zu lösen. Meine Damen und
Herren, das sind die Märkte von morgen. Das schafft
mehr Arbeit durch mehr Umweltschutz.
(Beifall bei der SPD)
Wer hier die Nase vorn hat, sorgt vor. Deswegen ist
es wirtschaftlich sinnvoll, beim Umweltschutz die
Nase tatsächlich vorn zu haben. Deswegen ist die
Aussage, nur eine florierende Wirtschaft könne sich
den Aufwand von Mitteln für den Umweltschutz
leisten, etwas zu kurz gedacht.
(Beifall bei der SPD)
Hier gibt es einige Daten und Fakten, die zum
Handeln aufrufen. So liegen die Ausgaben für
Umweltschutz, gemessen an den Gesamtinvestitionen
des Bruttosozialprodukts, in Japan bei 14 %; in der
Bundesrepublik betragen sie lediglich 5,5%. Mit
anderen Worten: Hier liegen ungenutzte Chancen für
mehr Arbeit durch mehr Umweltschutz.
Das ist für uns Sozialdemokraten das
Hauptargument für diese Initiative, für dieses Programm
„Arbeit und Umwelt", wie wir es genannt haben. Ein
solches Programm ist sowohl umwelt- als auch
wachstums- und beschäftigungspolitisch dringend
geboten. Es ist auch finanzierbar, wenn man
endlich darauf verzichtet, in Form von
Steuersenkungen bei der Vermögensteuer Milliarden zum
Fenster hinauszuwerfen, die überhaupt nichts nutzen
und überhaupt nichts voranbringen.
(Beifall bei der SPD — Schily [GRÜNE]:
Beispiel Kalkar! - Widerspruch bei der
CDU/CSU)
Wir werden dazu einen konkreten Vorschlag im
Bundestag einbringen.
Ich weiß, daß die Menschen durchaus bereit sind,
für den Umweltschutz auch finanzielle Opfer zu
bringen, aber nur dann — das ist richtig —, wenn
sie sicher sein können, daß damit tatsächlich
wirksame Maßnahmen gegen das Waldsterben, für die
Verbesserung der Qualität des Trinkwassers, gegen
den Lärm, für den Gewässerschutz, für den Schutz
des Bodens, für die Verkehrsberuhigung und auch
- hoffentlich erschrecken Sie nicht — für den Bau
von Radwegen beispielsweise ergriffen werden. Die
Bürger lehnen Opfer nicht grundsätzlich ab. Sie
sind bereit, sie zu akzeptieren, wenn man konkrete
Ziele damit verbindet; das ist erforderlich und
möglich.
(Beifall bei der SPD)
Solche Umweltabgaben sind im übrigen auch
ökonomisch dann sehr sinnvoll, wenn dadurch ein
umweltpolitisch vernünftiges Verhalten unterstützt
wird. Unsere Erfahrungen mit dem
Abwasserabgabengesetz sind ermutigend; das sagt ja auch der
Erfahrungsbericht, den die Bundesregierung
vorgelegt hat.
(Zuruf von der SPD: Jetzt!)
— „Mittlerweile", sagen Sie; das ist richtig. Es gab
da andere Stimmen, z. B. die des Herrn Späth, der
das immer kritisiert hat. Herr Späth, lassen Sie
mich in diesem Zusammenhang einmal jemanden,
der nicht in der politischen Auseinandersetzung
steht und der das etwas aus der Distanz betrachten
kann, zitieren. Ein Vorstandsmitglied von Daimler-
Benz, Herr Reuter, hat dazu folgendes gesagt — ich
finde, daß dies eine bemerkenswert weitsichtige
Aussage eines Verantwortlichen in der Wirtschaft
ist —:
Letztlich ist politisch — also mit öffentlicher
Klarheit, über die Konsequenzen — zu
entscheiden, was wir uns vorrangig leisten wollen:
entweder illusionäre Hoffnungen auf
Steigerungsraten beim Massenkonsum wie in der
Vergangenheit oder aber eben nicht individuell
käufliche Produktionsstruktur, die den neuen
Einsichten in unsere Abhängigkeit von
knapper werdenden Umweltressourcen entspricht.
Ich
— so Reuter —
halte es jedenfalls für keinen Zufall, daß das
marktwirtschaftlich konstruierte
Abwasserabgabengesetz die brillanteste umweltpolitische
Erfolgskarriere gemacht hat.
(Beifall bei der SPD)
So weit ein Vertreter aus der Industrie. Die
Abwasserabgabe ist ein gutes Beispiel dafür, was der
Staat tun muß, damit das ökologisch Notwendige
für die Betroffenen auch zum ökonomisch
Vernünftigen wird.
(Beifall bei der SPD)
In diese Richtung müssen wir unsere
umweltpolitischen Instrumente weiterentwickeln. Wir
Sozialdemokraten haben den Grundsatz, daß eine
Stärkung des Eigeninteresses der Umweltverschmutzer
an der Vermeidung von Umweltbelastungen
dringend ist. Ich möchte in dem Zusammenhang noch
einmal jemanden zitieren, der nicht unmittelbar an
der parteipolitischen Auseinandersetzung steht,
Herrn Bennigsen-Foerder, den
Vorstandsvorsitzenden der VEBA. Er sagte dazu — und das stimmt
sehr nachdenklich —:
Rund 200 Jahre betrachteten wir das
Wirtschaften als Kombination der Faktoren „Arbeit" und
„Kapital", wobei jeder Faktor im
Wirtschaftsprozeß so zu entlohnen ist, daß seine
Regenerationskraft gesichert bleibt. Nun erkennen wir
die Bedeutung des dritten Faktors, der „Natur".
Er wurde in der Wirtschaftstheorie als
sogenanntes „freies Gut" behandelt und in der
Praxis ohne Rücksicht auf deren Erhalt der
Regenerationskraft eingesetzt oder — sagen wir
ruhig — ausgebeutet. Waren wir bislang daran
gewöhnt, im Rahmen der Güterproduktion den
Faktoren Kapital und Arbeit jeweils einen
Lohn für ihren Beitrag zu zahlen, so müssen
wir uns nunmehr gedanklich darauf einstellen,
daß aus demselben Produktionswert künftig
auch der dritte Faktor seinen Lohn bekommt.
(Beifall bei der SPD — Richtig! bei der
CDU/CSU)
So Herr Bennigsen-Foerder.
Dies ist in sehr nüchternen Worten eine
Erkenntnis, der sich heute niemand mehr verschließen
kann, der sich mit Umweltschutz ernsthaft
beschäftigt. Ich wäre dankbar gewesen, wenn Ihre
Regierungserklärung nicht nur eine Aneinanderreihung
von Ankündigungen gewesen wäre, sondern in
diesen Grundsatzfragen endlich einmal auch Klarheit
und Orientierung vermittelt hätte. Das wäre geistig
-
moralische Erneuerung gewesen. Aber statt dessen
haben wir nur Sprüche gehört.
(Beifall bei der SPD — Dr. Laufs [CDU/
CSU]: Das ist unglaublich! — Weitere Zu
rufe von der CDU/CSU: Genau das hat sie
getan! — Sie haben 13 Jahre Zeit gehabt,
was haben Sie da getan? — Die Versäum
nisse Ihrer Regierung!)
— Also, wenn Sie sich zu Wort melden wollen, bitte
schön! Aber Ihr Geschrei überzeugt mich nicht. —
Ökonomie und Ökologie müssen wieder ins
Gleichgewicht gebracht werden. Der ökologischen
Krise der Industriegesellschaft entspricht übrigens
die Krise der Wirtschaftstheorie, die eben die Natur
als freies Gut behandelt. Das heißt, die gängige
Wirtschaftswissenschaft behandelt die Natur als
etwas, das wirtschaftlich irrelevant ist. Meine Damen
und Herren, das ist falsch. Das müssen wir
erkennen. Dort ist eine Wende notwendig: daß diese
Einschätzung aus ökonomischen Gründen falsch ist.
(Beifall bei der SPD)
Für den Umweltschutz heißt das ganz praktisch,
daß eine bloße Abwehr, daß ein rein defensiver
Umweltschutz nicht ausreicht. Wir müssen in den
nächsten Jahren noch stärker den vorsorgenden
Umweltschutz betonen. Das wird ein Problem sein,
(Zuruf von der CDU/CSU: Das machen wir
doch!)
das uns miteinander mehrere Jahrzehnte
beschäftigen wird.
In diesem Zusammenhang stellt sich dann die
Frage, ob wir den Umweltschutz als
Staatszielbestimmung im Grundgesetz verankern wollen.
Meine Fraktion, die Fraktion der
Sozialdemokraten, sagt noch einmal klar und deutlich, daß wir
diesen Vorschlag begrüßen, den die Kommission
„Staatszielbestimmung/Grundgesetzaufträge" vor
wenigen Tagen dem Bundesjustizminister
übergeben hat.
(Beifall bei der SPD)
Sie schlägt nämlich vor, in unserer Verfassung den
Umweltschutz ebenso wie Arbeit und Kultur als
Ziel staatlichen Handelns zu verankern. Mit diesem
Vorschlag wird an einen Gedanken angeknüpft, den
Hans-Jochen Vogel seinerzeit als Justizminister
schon geäußert hat und der damals Eingang in die
Regierungserklärung der sozialliberalen Koalition
gefunden hat. Wir knüpfen daran an. Wir halten es
für sinnvoll und für richtig. Denn es kann dadurch
klargestellt werden, daß auch die Erhaltung der
natürlichen Lebensgrundlagen ein
verfassungsrechtliches Gebot und geschütztes Ziel staatlichen
Handelns ist.
(Beifall bei der SPD)
Arbeit und Umwelt sind wichtig, mindestens so
wichtig wie die Förderung eines stetigen und
angemessenen Wirtschaftswachstums. Wir wissen doch
heute — anders als vor 20 Jahren —: es gibt kein
Grundrecht auf Leben ohne eine gesunde Umwelt.
Von einer Verankerung des Umweltschutzes im
Grundgesetz sind deswegen wichtige Impulse auf
die Gesetzgebung, auf die Verwaltung und auch auf
die Rechtsprechung zu erwarten.
Es geht nicht an, daß das gesamtwirtschaftliche
Gleichgewicht gemäß Art. 109 GG
verfassungsrechtlich geboten wird, nicht aber daß die Gesetze der
Wirtschaft mit denen der Natur in Einklang stehen.
Das geht so nicht.
(Beifall bei der SPD)
Jeder Schritt, der zeigt, daß wir uns um den Frieden
mit der Natur bemühen, in der Tagespolitik, in
unseren Orientierungen, von denen wir uns dabei
leiten lassen, und in dem, was wir in unsere
Verfassung hineinschreiben, ist ein guter Schritt und wird
von vielen Menschen als ein Zeichen verstanden,
als ein Zeichen der Ermutigung. Wir brauchen in
unserer Zeit viele solcher Zeichen der Ermutigung,
damit sich die Menschen in unserem Lande wohl
fühlen können.
(Anhaltender Beifall bei der SPD)
Präsident Dr. Barzel: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Miltner.
Dr. Miltner (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Die heutige Regierungserklärung
zum Umweltschutz hat in einem umfassenden
Sinne die Umweltpolitik der Bundesregierung
dargestellt und nach meiner Auffassung an Klarheit
und Zielstrebigkeit und auch an Konkretheit nichts
zu wünschen übrig gelassen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von den GRÜNEN)
Die CDU/CSU begrüßt daher die heutige
Regierungserklärung zum Umweltschutz. Es ist gut, daß
die Bundesregierung am Anfang ihrer
Legislaturperiode — zum wiederholten Male, muß ich sagen
— den hohen Stellenwert des Umweltschutzes im
Rahmen ihrer Gesamtpolitik herausgestellt hat.
Nach der Regierungsübernahme im vergangenen
Oktober hat sie bekanntlich rasch und entschlossen
gehandelt. Die vergangenen Monate haben gezeigt:
das für den Umweltschutz zuständige Ressort wird
von einem Minister verwandelt — —
(Lachen und Zurufe von der SPD und den
GRÜNEN: „Verwandelt"! — Das ist richtig!
— Gegenrufe von der CDU/CSU — Zuruf
von der CDU/CSU: Zum Guten verwan
-
delt!)
— Entschuldigung, verwaltet, der auf Worte Taten
folgen läßt.
Die Bundesregierung, meine Damen und Herren,
hat die jahrelange Lähmung in der Umweltpolitik
beendet.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Sehr richtig!)
Lassen Sie mich einmal ein paar Bemerkungen
zu den Ausführungen meines Kollegen Hauff
sagen. Ich glaube, die SPD hat es sehr schwer, heute
hier Tadel an der Regierungspolitik anzubringen,
da sie 13 Jahre lang Zeit gehabt hat, Umweltpolitik
zu machen. Was ist dabei herausgekommen? Trotz
jahrelanger Forderungen aus den Ländern hat sie
von der Ermächtigung zum Erlaß einer
Großfeuerungsanlagen-Verordnung keinen Gebrauch
gemacht.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: So ist es!)
In ihrem Umweltbericht 1976 hatte sich die
Regierung zum Ziel gesetzt, die Schadstoffanteile in den
Autoabgasen bis 1980 auf ein Zehntel der
Durchschnittswerte von 1969 herabzusetzen.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
1981 mußten Sie einräumen, daß die Emissionen
von Automotoren an Kohlenmonoxyd um 17 %, an
Kohlenwasserstoff um 32 % und an Stickoxyden
sogar um 85% über denen von 1970 lagen.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Das sind die Fak
ten, Herr Hauff!)
Das sind die Fakten, die wir hier feststellen
müssen. Vielleicht sollte sich die SPD auch einmal
darum bemühen, ihre Politik mit dem nordrhein
westfälischen Ministerpräsidenten abzustimmen.
(Sehr wahr! bei der CDU/CSU — Susset
[CDU/CSU]: Dem laufen die Minister da
von!)
Ich glaube, die heutige Regierungserklärung ist
dem Ernst der Lage in jeder Hinsicht gerecht
geworden. Der mutige Schritt, der mutige Beschluß,
die gesetzlichen Grundlagen für die Einführung
bleifreien Benzins ab 1. Januar 1986 zu schaffen,
setzt weitere Maßstäbe, insbesondere im Kampf
gegen das Waldsterben. Sie haben vorhin gefragt:
Warum eigentlich jetzt schon, nach wenigen
Monaten, am 21. Juli, dieser Beschluß gekommen ist? Das
ist damit zu beantworten, daß die Bemühungen des
Bundesinnenministers, mit unseren
Nachbarstaaten auf dem Gebiet voranzukommen, Erfolg gehabt
haben, und in der Zwischenzeit die Mehrheit dieser
Länder, nämlich Italien und Frankreich, Schweiz
und Österreich, zustimmen. Es wird demnächst, in
einigen Jahren, so sein, daß derjenige, der kein
bleifreies Benzin hat, den Alleingang wird machen
müssen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Noch ein Wort zu den Abgaswerten, die Sie
vermißt haben, Herr Hauff. Der Bundesinnenminister
hat in seiner Rede — ich glaube, so konkret, wie
dies in einer Regierungserklärung nur möglich ist
— davon gesprochen. Er sagte: Die Einführung von
Abgaswerten, die heute im wesentlichen nur mit
der Katalysatortechnologie eingehalten werden
können.
(Dr. Hauff [SPD]: Was weißt „im wesentli
chen"?)
Ich glaube, damit hat er die Begrenzung so scharf
vorgenommen, wie er das in einer
Regierungserklärung nur tun kann.
Meine Damen und Herren, wir müssen heute
feststellen: Der Schutz der Umwelt ist um so
dringlicher geworden, als in der Vergangenheit viele aus
der Umweltbelastung unserer Zivilisation
erwachsenen Probleme und Gefahren nicht erkannt
wurden, nicht erkannt werden konnten oder auch nicht
konsequent bekämpft wurden. Die alarmierenden
Schädigungen, nicht nur das rapide Waldsterben,
zwingen uns zum schnellen Handeln. Aber es ist
wenig hilfreich, wenn jetzt von allen Seiten
Bekenntnissen zur Notwendigkeit des
Umweltschutzes noch weitere hinzugefügt werden. Durch
Demonstrationen und Proteste ist noch kein einziger
Baum in der Bundesrepublik gerettet worden.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
den GRÜNEN)
Rationale Umweltpolitik muß handeln und muß
sehr schnell handeln. Wir wollen so schnell wie
möglich das Machbare in der Umweltpolitik
erreichen. Was wir jetzt brauchen — ich denke
wiederum an das Problem des Waldsterbens —, sind
weder Propheten noch nebulöse Konzeptionen,
sondern einfach konkrete Entscheidungen und deren
Durchsetzung.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Machen Sie
es doch!)
Die Bundesregierung wird daher nicht an ihren
Berichten, auch wenn diese zum Teil notwendig sind,
sondern an ihren konkreten Maßnahmen für den
Umweltschutz gemessen werden.
Zu den einzelnen Bereichen des Umweltschutzes
macht der Ihnen vorliegende Entschließungsantrag
der CDU/CSU- und der FDP-Fraktion im einzelnen
Aussagen, auf die auch mein Kollege Paul Laufs zu
sprechen kommen wird. Dieser
Entschließungsantrag stellt den Handlungsbedarf fest, angefangen
beim Waldsterben, bei der Luftreinhaltung, über
den Gewässerschutz, den Bodenschutz, die
Abfallwirtschaft, die Lärmbekämpfung, die
Zusammenarbeit mit unseren Nachbarstaaten, mit der DDR, mit
der Dritten Welt, eben auf allen Gebieten des
Umweltschutzes.
(Krizsan [GRÜNE]: Der wird ja ein Para
dies!)
Die Umweltpolitik meiner Fraktion ist nach
folgenden Leitlinien ausgerichtet:
Erstens. Die Bundesrepublik ist ein
Industriestaat, der auf technischen Fortschritt angewiesen
ist. Einer Bevölkerung von über 60 Millionen kön-
1446 Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 22. Sitzung. Bonn, Donnerstag. tien 15. September 1983
Dr. Miltner
nen wir nun einmal kein idyllisches Leben aus dem
eigenen Biogarten ermöglichen.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Ich denke,
wir nehmen ab!)
Rationale Umweltpolitik heißt deshalb: ja zur
Industriegesellschaft, ja zur Technologie. Gleichzeitig
heißt es aber auch: Nutzung und Gebrauch der
natürlichen Lebensgrundlagen nur so, daß sie weiter
benutzbar bleiben und sich regenerieren können.
Wir müssen Vorsorge gegen die Ursachen künftiger
Schäden treffen. Deshalb heißt rationale
Umweltpolitik auch, nach den Ursachen von Umweltschäden,
nach Möglichkeiten zur Behebung von Schäden zu
forschen und die Erfindungskraft unserer
Industrie, unseres Handwerks, unserer Hochschulen in
den Dienst des Umweltschutzes zu stellen.
Rationale Umweltpolitik heißt schließlich, so weit
wie möglich bereits durch umweltbewußte Planung
zur Erhaltung der Umwelt beizutragen. Der
Umweltschutz muß Bestandteil der umweltrelevanten
politischen Sachgebiete sein, also ganz stark
verankert z. B. in der Verkehrspolitik, in der
Energiepolitik, in der Landwirtschaft, in der
Raumordnungspolitik und in der Bauleitplanung.
Zweitens. Unsere Marktwirtschaft, die wir mit
Recht eine soziale nennen, muß auch eine
ökologische Marktwirtschaft sein. Wir haben in der
Zwischenzeit gelernt, daß unsere Natur mit Luft und
Wasser und Boden uns unter den Händen verdirbt,
wenn man sie als Gut behandelt, das beliebig und
kostenlos verfügbar ist. Einem Ausverkauf der
Natur müssen wir begegnen, indem wir der
Marktwirtschaft ökologische Korsettstangen einziehen.
(Schily [GRÜNE]: Ökologisch mit
Korsettstangen zu verwechseln!)
Ökologisch wird unsere Marktwirtschaft dann sein,
wenn sich alle am Markt Vertretenen — Wirtschaft,
Industrie, Handel, öffentliche Hand, der
Verbraucher — bei ihrem Verhalten am Gleichgewicht und
an der natürlichen Weiterentwicklung unseres
Lebensraumes ausrichten. Ökologische
Marktwirtschaft bedeutet ein klares Nein zur Ausbeutung
unserer natürlichen Ressourcen. Luft, Wasser und
Boden müssen von allen genutzt werden können, und
zwar so, daß sie nicht nur heute unbeschädigt zur
Verfügung stehen, sondern daß sie späteren
Generationen einen humanen Lebensraum bieten.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Darum ist Umweltschutz auch ein ethisches
Gebot, es ist aber auch ein Gebot der wirtschaftlichen
Vernunft.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Sauber,
sauber!)
Wir müssen unsere Umwelt im Rahmen der
Marktwirtschaft schützen. In unseren Augen muß
Umweltschutz ein integraler Bestandteil der sozialen
Marktwirtschaft werden. Wir müssen also
ökologische und soziale Marktwirtschaft in der
Bundesrepublik betreiben.
Drittens. Die Umweltpolitik darf sich nicht in
Geboten und in Verboten erschöpfen.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Sagt auch
der Herr Zimmermann!)
Staatliche Ordnungspolitik zur Erhaltung der Um
welt ist natürlich gut und schön und in erheblichem
Umfange auch unverzichtbar, ganz klar. Mit Geset
zen und Verordnungen und einer stetig wachsen
den Umweltbürokratie körnen die gegenwärtigen
Probleme in der Umwelt nicht bewältigt werden. Ob
etwas um weltgerecht oder umweltbelastend ist,
muß daher unübersehbaren und beach
tenswerten Faktor in der Nutzen-Kosten-
Rechnung sowohl der Industrie als auch beim einzelnen
Verbraucher werden.
(Schily [GRÜNE]: Umweltbilanz!)
Nur wenn wir Umweltschutz möglichst
marktwirtschaftlich betreiben, können wir auch hoffen, ihn
möglichst wirksam und möglichst kostengünstig zu
bekommen. Denn die Erfahrung lehrt uns: Was in
Ämtern ausgedacht wird m ag zwar durchaus
tauglich sein, ist aber meistens nicht das wirksamste
und meistens auch nicht das kostengünstigste
Mittel.
(Beifall bei der CDU/CSC - Fischer
[Frankfurt] [GRÜNE]: Sanierung der Be
amtenhierarchie!)
Mit anderen Worten: Wir wollen das
Eigeninteresse von Industrie und Handwerk zur Bewahrung
unserer Lebensgrundlagen ausgenutzt wissen. Wir
wollen Spielräume geben, damit die Industrie in der
Lage ist die Mittel ihrer Wahl auszusuchen, um
einen möglichst effizianten Umweltschutz zu
erreichen. Also: ,,Umweltschutz nicht gegen die
Industrie, sondern mit der Industrie machen" ist die
Devise.
Wir sind uns dabei im klaren die vom Staat
gemachten Vorgaben im Umweltschutz
längerfristig verläßlich sein müssen ,
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Richtig!)
damit die Wirtschaft sich darauf einstellen kann,
damit die Wirtschaft ihren Einfallsreichtum
mobilisieren und entfalten kann.
Viertens. Eine aktive Umweltschutzpolitik hat in
der Bundesrepublik Deutschland 60 Millionen
Adressaten. Unsere Burger werden einsehen. daß
Umweltschutz ebensowenig wie die soziale Sicher
heit zum Nulltarif zu haben ist. Wir sind überzeugt,
daß das gewachsene Umweltbewußtsein unserer
Bevölkerung letztlich auch das Verständnis für die
notwendigen Umweltmaßnahmen und deren
Kostenbelastung einschließt. Jeder einzelne Bürger
wird sich in den kommenden Jahren den
Umweltschutz etwas kosten lassen müssen. Produkte, die
billig erscheinen, jedoch bei ihrer herstellung oder
nach dein Gebrauch zu überhöhten Umweltkosten
führen, können wir uns in der Zukunft nicht mehr
leisten.
In den letzten Tagen sind zum Waldsterben
demoskopische Erhebungen gemacht worden. Danach
kennen 99 Prozent das Wort „Waldsterben". Das ist
erfreulich. Es zeigt, dati last alle Bürger mehr oder
weniger über diese Problematik informiert sind. 65
Prozent haben ihre Bereitschaft zu Opfern
erkennen lassen. Aber auch von der Industrie werden in
der Zukunft noch mehr
(Zuruf des Abg. Schily [GRÜNE])
konkrete und kostenbelastende Maßnahmen für
eine umweltschonende Produktion verlangt. Das
wird für manche Unternehmen unbequem sein.
Umstrukturierungen und Übernahme sonstiger
Lasten werden verlangt. Gerade die
Mineralölindustrie und die Autoindustrie werden einen
besonderen Beitrag leisten müssen. Aber ich wiederhole
auch, was hier schon gesagt worden ist: Der
Umweltschutz muß ja auch finanziert werden. Er muß
von der Wirtschaft und vom Verbraucher bezahlt
werden.
Nicht zuletzt ist auch die öffentliche Hand
Adressat der fordernden Umweltpolitik. Und ich
appelliere von dieser Stelle an alle Einrichtungen der
öffentlichen Hand, beim Umweltschutz mit gutem
Beispiel voranzugehen.
Wenn wir Umweltschutz rational und aktiv mit
dem Ziel einer ökologischen Marktwirtschaft
betreiben, haben wir in der Bundesrepublik keinen
Anlaß zu Resignation oder zu Pessimismus. Die
Bundesrepublik — ihre Bevölkerung und die
Regierung — hat die Herausforderungen des
Umweltschutzes angenommen. Ein Volk, das sich in einer
Generation aus dem Nichts nach dem Zweiten
Weltkrieg an die Spitze der Industrienationen
hinaufgearbeitet hat, dieses Volk wird auch diese
Bewährungsprobe im Umweltschutz bestehen.
(Sehr richtig! und Sehr gut! bei der CDU/
CSU)
Die Bundesregierung ist, wie sie erklärt hat,
bereit, die großen Probleme des Umweltschutzes
anzugehen, und hat sich selbst ehrgeizige Ziele
gesetzt. Die CDU/CSU wird diese Ziele mit ihr
vorantreiben. Sie wird die Bundesregierung darin
unterstützen, sie wird ihr Rückhalt geben. Die
Bundesregierung kann sich im Umweltschutz auf die
Bundestagsfraktion der CDU/CSU verlassen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Präsident Dr. Barzel: Das Wort hat der
Abgeordnete Baum.
Baum (FDP): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Wir, die Freien Demokraten, sind der
Meinung, daß der „Maßstab Natur" zu einem
politischen Maßstab werden muß. Die „Zukunft" ist für
uns in der Politik hier in der Bundesrepublik und
anderswo noch kein durchgängiges Thema. Wir
sind alle wohl viel zu stark der Gegenwart
verhaftet. Aber wir begreifen allmählich, daß das
Überleben der Menschheit entscheidend abhängt vom
Überleben des Naturhaushalts, des
Wasserhaushalts, des Weltklimas, der Natursysteme.
Wie kaum vorher in der Geschichte der
Menschheit liegt die Zukunft des Planeten in unserer Hand.
Wir müssen dafür sorgen, daß die düsteren
Szenarien, die uns vorliegen, eben nicht zur Wirklichkeit
werden. Durch globale Umweltzerstörung wie die
Vernichtung tropischer und subtropischer Wälder,
durch den schonungslosen Verbrauch von
Rohstoffen durch Übervölkerung werden sich die
Spannungen auf der Welt verstärken. Nach meiner
Meinung ist daher Umweltschutz ein Stück
Weltinnenpolitik geworden, und die internationale
Zusammenarbeit ist hier mindestens ebenso wichtig wie
in den Bereichen Abrüstung, Energie- und
Wirtschaftspolitik.
Leider ist die internationale Kooperationsbereit -
schaft noch unterentwickelt. Das gilt auch für die
Zusammenarbeit in Europa, obwohl hier
Fortschritte erzielt werden konnten. Das gilt aber auch
für andere Foren der Weltpolitik wie beispielsweise
die Weltwirtschaftsgipfel. Es ist für mich
unbegreiflich, daß die globale Umweltzerstörung bisher kein
Thema für die Weltwirtschaftsgipfel gewesen ist.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
GRÜNEN)
Die Europäische Gemeinschaft — auch dies muß
kritisch angemerkt werden — ist noch keine
konsequent handelnde Umweltgemeinschaft geworden.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der SPD und der CDU/CSU)
Zu sehr sind die Nationalstaaten auf ihre eigenen
Vorteile bedacht; zu wenig wird die Verantwortung
für grenzüberschreitende Umweltverschmutzungen
von den Verursachern übernommen. Aber
immerhin: Es gibt eine sich entwickelnde
Zusammenarbeit mit dem Ziel, Umweltschäden zu bekämpfen.
Was die DDR und die Länder Osteuropas angeht,
so liegt die Zusammenarbeit erst in bescheidenen
Anfängen, so positiv die Fortschritte auch sind, die
wir beispielsweise zur DDR hin im Rahmen
unserer Politik erreicht haben.
Die Zusammenarbeit mit Osteuropa wird wichtig
bestimmt durch die internationale
Luftreinhaltekonvention der ECE. Hier ist das einzige
Instrumentarium gegeben, mit den Staaten Osteuropas zu
Übereinkommen zu gelangen.
Da sich das Waldsterben fortsetzt, möchten wir,
die Freien Demokraten, die Bundesregierung
bitten, eine gesamteuropäische Konferenz zum
Schutz der Wälder ins Augen zu fassen, eben um
auch West- und Osteuropa hier
zusammenzubringen. Nationale Alleingänge sind auf Dauer
vergeblich, wenn die anderen nicht mitziehen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
„Umweltpolitik verlangt Umdenken und
Nachdenken. Liberales Ziel ist es, jedem Bürger die für
seine Gesundheit und sein Wohlbefinden
notwendige Qualität seiner Umgebung zu sichern. Deshalb
muß Umweltpolitik den gleichen Rang erhalten wie
soziale Sicherung, Bildungspolitik oder
Landesverteidigung." — Dies, meine Damen und Herren, war
ein Zitat aus dem Freiburger Programm der Freien
Demokraten von 1971. Wir haben das nicht nur
beschlossen, sondern wir haben — jedenfalls im
Bereich des Umweltschutzes — auch danach
gehandelt.
(Zuruf des Abg. Roth [SPD])
Der Antrag, den die beiden Koalitionsfraktionen
heute vorlegen, liegt in der Kontinuität dieser
Politik. Wir unterstützen den Bundesinnenminister bei
der Durchsetzung und bei der Fortentwicklung der
umweltpolitischen Ziele und fügen hinzu: Es sind
unsere Ziele ebenso wie seine. Wir wollen der
Legendenbildung erneut entgegentreten, als sei dies
alles seit dem 1. Oktober letzten Jahres erfunden
worden.
(Beifall bei der FDP und der SPD)
Ich kenne nahezu kein Projekt, das nicht im
Kabinettsbeschluß vom 1. September vorigen Jahres
„Umweltbilanz und Perspektiven" vorhanden
gewesen wäre.
(Beifall bei der FDP und der SPD)
Leider müssen wir alle bekennen — das ist schon
gesagt worden —, daß wir von dem Phänomen des
Waldsterbens überrollt worden sind. Wir haben es
so nicht vorhersehen können. Auch die Länder,
Herr Kollege Späth — wir hatten j a im Mai
Gelegenheit, uns darüber zu unterhalten —, waren
darauf nicht vorbereitet. Viele dieser Schritte, etwa die
Großfeuerungsanlagen-Verordnung, waren und
sind nur in der Kooperation mit den Ländern
möglich.
In dem vorliegenden Antrag werden folgende
Positionen bekräftigt, die für uns von besonderer
Bedeutung sind:
Da ist die konsequente Anwendung des
Vorsorgeprinzips: Vorsorge auch dann, wenn wir nicht
genau wissen, wie die Schadstoffe zusammenwirken.
Vorsorge ist dann, wenn wir es genau wissen,
meistens zu spät. Also müssen wir vorher handeln.
Umweltverträglichkeitsprüfungen sind für alle
umweltrelevanten Maßnahmen der öffentlichen
Hand erforderlich. Wir setzen — auch das ist in
dem Antrag ausgeführt — auf dezentrale Lösungen,
wo es irgend geht, beispielsweise bei der
Abfallbeseitigung und bei der Wiederaufarbeitung von
Abfall, aber auch bei der Abwasserbeseitigung.
(Schily [GRÜNE]: Und bei der Kerntechno
-
logie?)
Diese dezentralen Lösungen sind in vielen Fällen
kostengünstiger und wirkungsvoller.
Wir setzen konsequent auf das
Verursacherprinzip. Wir wollen marktwirtschaftliche Instrumente
einsetzen, wo es geht. Allerdings muß der Staat
nach wie vor Normen setzen und diese auch
kontrollieren.
(Schily [GRÜNE]: Wie ist es mit dem
Verursacherprinzip bei der Atomenergie, Herr
Baum?)
Wir bekräftigen unser Ziel, die
Schadstoffbekämpfung an der Quelle vorzunehmen. Wir wollen immer
erneut den Stand der Technik durchsetzen. Wir
wollen uns also nicht mit dem Status quo abfinden oder
Verschmutzungsrechte anerkennen. Der Maßstab
„Stand der Technik", wie er etwa im Bundes-
Immissionsschutzgesetz verankert worden ist, ist das
Bewegungsprinzip, das die ständige Verbesserung der
Umweltqualität gewährleistet.
Wir begrüßen die Verstärkung des
Naturschutzes, wie sie in dem Antrag zum Ausdruck kommt.
Bei der Agrarproduktion muß die
Umweltverträglichkeit noch stärker als bisher berücksichtigt
werden. Wir warten auf die Vorlage einer Novelle zum
Bundesnaturschutzgesetz mit dem Ziel, die
sogenannte Landwirtschaftsklausel an
umweltpolitischen Zielen zu orientieren. Ich hoffe, daß Herr
Kiechle dazu einiges sagt.
Das geplante Biotopschutzprogramm ist
voranzutreiben. Geschützt werden muß das Wattenmeer.
Wir brauchen eine Verbesserung des
Artenschutzes. Besondere Anstrengungen zum Schutz
wildlebender Pflanzen und Tierarten sind erforderlich.
Hier sind wir ja alle einig.
1979 hatte ich zusammen mit dem Kollegen Ertl
eine Projektgruppe „Ökologie" unter Leitung des
Bonner Professors Bick gebeten, uns bestehende
Defizite bei der Durchsetzung ökologischer
Maßstäbe aufzuzeigen. Dieser Bericht liegt jetzt vor.
Seine Erkenntnisse können, meine ich, bei der
Erarbeitung beispielsweise eines
Bodenschutzprogramms sehr gut verwertet werden.
Besondere Sorge bereitet uns der hohe
Landverbrauch in der Bundesrepublik Deutschland. Wir
wollen die Bundesverkehrswegeplanung auf das
Notwendigste begrenzen.
(Sehr gut! bei der SPD)
Neue Siedlungen dürfen keine ökologisch
wertvollen Landflächen verbrauchen. Von dem Plan,
3 000 km Autobahnen zu bauen, halten wir nichts.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
SPD)
Vor wenigen Tagen hat eine
Gutachterkommission unter Leitung von Professor Denninger die
Einfügung von neuen Staatszielbestimmungen in
das Grundgesetz befürwortet. Das ist eine alte
Forderung meiner Partei. Wir haben sie in den
Koalitionsverhandlungen 1980 dem Koalitionspartner
unterbreitet. Das Ergebnis war dann die Berufung
dieser Kommission. Wir werden das Gutachten jetzt
sorgfältig auswerten und erwarten die
Unterstützung des Hauses.
Das Zentralthema, sozusagen der Augenöffner in
Sachen Umweltpolitik, ist nach wie vor das
Waldsterben. Hier stehen wir in der Tat vor einer
ökologischen Katastrophe. Wir müssen zugeben, das
Vorsorgeprinzip hat nicht funktioniert. Wir sind von
der Entwicklung, die wir so nicht voraussehen
konnten, überrollt worden. Um so wichtiger ist es,
daß die Bundesregierung die Politik fortgesetzt hat,
die wir eingeleitet haben. Wir begrüßen hier die
Entscheidungen der Bundesregierung.
Diese Politik betrifft zunächst das Auto. Obwohl
die deutsche Automobilindustrie im europäischen
Vergleich bei der Abgasreduzierung noch immer
vorne liegt, müssen wir feststellen: Die im
Umweltprogramm 1971 vorgegebenen Ziele, die von uns
wiederholt bekräftigt worden sind, sind heute nicht
erreicht. Wir erwarten jetzt eine Reduzierung der
Schadstoffe, die von Kraftfahrzeugen ausgestoßen
werden, um weitere 90 %, wie Herr Zimmermann
das dargestellt hat.
Wir stellen folgende Forderungen an das
umweltfreundliche Auto:
Erstens die Einführung bleifreien Benzins
alternativ zu dem bisherigen Kraftstoff schon, wenn
irgend möglich, ab 1. Januar 1985, Herr Zimmermann
— nicht erst Ende 1985, wie die Bundesregierung
das vorsieht.
(Beifall bei der FDP)
Wir werden prüfen, ob Steuerpräferenzen gewährt
werden können. Es muß auch darauf geachtet
werden, daß der freie und mittelständische
Mineralölhandel bei dieser Gelegenheit nicht vom Markt
gedrängt wird.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
SPD)
Eine solche Gefahr gab es auch bei der Einführung
des Benzinbleigesetzes.
Zweitens. Wir halten den Dreiwegekatalysator
derzeit für das wirksamste Instrument zur
Abgasreinigung. Wir sehen jedoch mit Genugtuung, daß
sich die von uns von vornherein vertretene
Meinung durchsetzt, nicht eine Einbauvorschrift zu
erlassen, sondern eine Wirkungsvorschrift.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der SPD)
Damit bleiben der Industrie verschiedene
technische Optionen. Es ist hier beispielsweise an
Maßnahmen am Motor selbst zu denken.
Drittens. Hier haben wir bei keiner der hier
sitzenden Parteien ein Echo gefunden: Die FDP
fordert, die Gesamtbelastung durch eine bessere
Kontrolle des jetzigen Autobestandes wesentlich zu
verringern. Bei den ca. 28 Millionen Kraftfahrzeugen,
die wir in der Bundesrepublik Deutschland haben,
könnte nach verläßlichen Schätzungen eine
Reduzierung der Abgase um 20 bis 30 % erreicht werden.
Wir stellen uns vor, daß in einem unbürokratischen
Verfahren — auch durch Heranziehung
mittelständischer Unternehmen — das Abgasverhalten von
Altfahrzeugen im halbjährlichen Rhythmus
überprüft wird. Dabei müssen auch neben
Kohlenmonoxid, das heute allein geprüft wird, die anderen
Schadstoffe und Dieselemissionen einbezogen
werden. Wir haben uns an den Bundesverkehrsminister
mit der Bitte gewandt, in diesem Sinne eine
Änderung der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung
vorzubereiten.
Viertens. Die öffentliche Hand sollte bei der
Nachfrage nach umweltfreundlichen Treibstoffen
und Fahrzeugen vorangehen.
Fünftens. Die FDP erinnert die Bundesregierung
daran, daß die Reduzierung des Lärms beim
Kraftfahrzeug nicht vergessen werden darf. Viele
Millionen Bürger sind durch Straßenlärm in ihrer
Gesundheit beeinträchtigt. Auch hier sollte, wenn es
nicht anders geht, überlegt werden, im nationalen
Alleingang vorzugehen.
Sechstens. Wir fordern die Bundesregierung auf,
zum Schutze der Gesundheit unserer Bürger, wenn
notwendig, auch den nationalen Alleingang zu
wagen. Die Erfahrungen der letzten Wochen zeigen:
Die Bundesrepublik Deutschland bleibt nicht allein.
Nur mit dieser Entschlossenheit bringen wir einen
Prozeß in Gang, der ansonsten im Dickicht der
verschiedenen nationalen Einzelinteressen
steckenbleiben würde.
Siebtens. Wir erwarten, daß der
Bundesinnenminister sobald wie möglich konkrete Werte
hinsichtlich der Abgasgrenzen und der Benzinqualität
vorlegt. Nur so kann sich die Forschung, nur so können
sich Automobilindustrie und Zulieferer auf die
kurzen Fristen einrichten.
Ich möchte heute am Tage der Eröffnung der
Automobilausstellung noch ein Wort zur
Automobilindustrie sagen. Wir würdigen die Bemühungen um
Treibstoffeinsparung. Dies ist ein wesentlicher
Beitrag zum Umweltschutz. Wir sehen auch seit einiger
Zeit Bemühungen um konsequentere
Schadstoffreduzierung. Ich wünsche mir aber an diesem Tage
besonders, daß die deutsche Automobilindustrie
erkennt, daß es einen Markt für das
umweltfreundliche Auto gibt und daß zahlreiche Bürger auch
bereit sind, dafür finanzielle Opfer zu bingen.
(Beifall bei der FDP)
Ich wünsche mir also, daß die
Umweltfreundlichkeit unserer Autos endlich auch zu einem
Verkaufsargument wird, daß die Abgaswerte beim
Kauf eines Autos bekannt sind und verglichen
werden können. Unsere Mitbürger sollten die
Autoverkäufer eben nicht nur nach dem
Treibstoffverbrauch, sondern auch nach dem Abgasverhalten
ihres neuen Autos fragen.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der SPD)
Zur Luftreinhaltung bei Energie- und
Industrieanlagen vertreten wir folgende Position. Von
besonderer Bedeutung ist für uns im gemeinsamen
Antrag der Koalitionsfraktionen folgender Passus:
Die Bundesregierung wird ... aufgefordert, ...
bis Anfang 1984 zu prüfen und darüber zu
berichten, ob und gegebenenfalls wie Emissionen,
inbesondere Schwefeldioxid und Stickoxide aus
sogenannten Altanlagen, noch schneller und
weitgehender vermindert werden können, als
dies nach den bereits bestehenden Vorgaben zu
erwarten ist.
Mit seiner Aufforderung an die Länder hat der
Bundesinnenminister vor einigen Tagen zu
erkennen gegeben — wir begrüßen das —, daß er eine
Unterschreitung der jetzt gesetzten Fristen nicht
nur für notwendig, sondern auch für möglich hält,
zumindest was die besonders belastenden
Altanlagen angeht. Das sind ja gar nicht nur Anlagen, die
jahrzehntelang in Betrieb sind. Es sind Anlagen wie
z. B. in Buschhaus, die noch gar nicht in Betrieb
sind, bei denen wir uns darum kümmern müssen,
ob sie überhaupt gemäß den vorliegenden
Genehmigungen in Betrieb gehen können.
Auch wir setzen — wie die Bundesregierung —
im Bereich des Umweltschutzes und der
Luftreinhaltung auf das Verantwortungsbewußtsein der
Wirtschaft und deren Bereitschaft, über das
vorgesehene Pflichtsoll hinaus Umweltschutz zu
betreiben. Wir haben die Schwefeldioxidabgabe gefordert.
Sie bleibt auf der Tagesordnung. Wir haben gute
Erfahrungen mit Abgaben, etwa auch im
Benzinbleigesetz und beim Altöl. Über die Ausgestaltung
im einzelnen, über die Anwendung neuer
ökonomischer Instrumente wollen wir gern in eine
umfassende Diskussion eintreten. Eine Möglichkeit wäre,
daß in Luftreinhalteplänen ein Zielrahmen
festgelegt wird, der regional mit den betroffenen Firmen
und Industriezweigen abgestimmt wird.
(Vorsitz: Vizepräsident Frau Renger)
Durch solche Vereinbarungen können. in Form
einer verschärften Sanierungsklausel bestehende
Genehmigungsbescheide befristet außer Kraft gesetzt
werden und die Zusammenarbeit zwischen
verschiedenen Firmen und Industriezweigen gefordert
werden. Zu denken wäre auch an ein kombiniertes
Prämien- und Abgabensystem. Ich verweise auf
Modellvorschläge meines Kollegen Rumpf, wonach
die Schadstoffemissionen von Schwerfeldioxid und
Stickoxiden durch ein Bonus-Malus-System mit
marktwirtschaftlichen Mitteln reduziert werden
können. Ein Handel mit Verschmutzungsrechten
und -genehmigungen entspricht eher dem
amerikanischen Rechtssystem. Mit unseren Zielen, den
Stand der Technik durchzusetzen, steht dies nicht
ohne weiteres im Einklang.
(Sehr wahr! bei der SPD)
Wenn es uns gelänge, mindestens für die
Belastungsgebiete jedes Jahr das Emissionsvolumen
um einen bestimmten Prozentsatz zu senken, wobei
es auch Ausgleichs- und
Kombinationsmöglichkeiten zwischen Emittenten geben kann, so wäre dies
ein wesentlicher Fortschritt. Wir müssen unbedingt
darauf achten, daß unsere Ziele nicht durch allzu
-
lange Genehmigungsverfahren unterlaufen
werden.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Eine Langfriststrategie zur Luftreinhaltung
erfordert nach unserer Meinung — hier sind wir
anderer Meinung als die Bundesregierung; sie hat
ihre Meinungsbildung, wie ich annehme, aber noch
nicht abgeschlossen — eine Novellierung des
Bundes- Immissionsschutzgesetzes.
(Zustimmung bei der FDP)
Wir brauchen diese Novellierung, um
Sanierungsmaßnahmen der geschilderten Art überhaupt
treffen zu können, um in Luftreinhalteplänen
verbindliche Umweltqualitätsziele vorgeben zu können und
um die Berufung auf § 17 des Bundes-
Immissionsschutzgesetzes, also die Berufung auf
wirtschaftliche Gesichtspunkte der Betreiber, abmildern zu
können. Schon die Großfeuerungsanlagen-
Verordnung stößt ja an den Rahmen der Möglichkeiten
des Bundes-Immissionsschutzgesetzes.
Es ist unsere Pflicht, auf die wirtschaftlichen
Folgen unserer Entscheidungen hinzuweisen. Luftrein
halteinvestitionen sind außerordentlich teuer.
Erhebliche Lasten kommen auf Kraftwerksbetreiber
und Industrie zu. Einzelne Bundesländer — wie
beispielsweise Nordrhein-Westfalen mit seiner Kohle
— sind in ihrer Wirtschaftsstruktur besonders
betroffen. Wir werden deshalb, so meine ich, über eine
Verteilung der Lasten nachdenken müssen. Das ist
heute noch nicht gesagt worden. Wir möchten
diesen Prozeß hier aber anstoßen. Insbesondere dann
müssen wir das tun, wenn nach der Vorlage des
Waldschadensberichtes im Oktober zusätzliche
Maßnahmen getroffen werden.
Möglicherweise sind die Investitionen nur durch
einen Lastenausgleich in einem nationalen
Notprogramm zu bewältigen. Ich weise darauf hin, daß
die Abwassermaßnahmen am Rhein, seinen
Nebenflüssen und am Bodensee auch nur mit
Unterstützung möglich waren, also durch die Betreiber allein
gar nicht zu schaffen waren. Wir sollten also über
neue Finanzierungsinstrumente nachdenken.
Über forstwirtschaftliche Maßnahmen wird mein
Kollege Bredehorn heute noch sprechen.
Wir setzen auf eine weitere Novellierung der
Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft in
bezug auf die Emissionen.
Das Potential der Industrie als Anbieter und
Abnehmer von Energie muß optimal genutzt werden.
Der erforderliche Energieverbund darf nicht durch
Monopolstellung öffentlicher
Versorgungsunternehmen behindert werden. Mögliche Einsparungen
an Energie und damit Entlastungen der Umwelt
müssen auch realisiert werden können. Das macht
nach unserer Auffassung eine Überprüfung des
Energiewirtschaftsgesetzes erforderlich. Wir wollen
die Bundesregierung dazu ermuntern.
Wir setzen uns für den verbesserten Schutz
unseres Wassers ein. Es geht um den
Grundwasserschutz mit dem Ziel, die Belastung durch Nitrate,
Schwermetalle und Pflanzenschutzmittel
zurückzudrängen. Wir wollen die phosphathaltigen
Waschmittel durch umweltfreundliche Ersatzmittel
ablösen. Dies haben wir in unserem Antrag
niedergelegt, Herr Kollege Laufs. Wir wissen, da gibt es
einige Probleme. Das Ziel muß doch aber
klarwerden. Ich habe im übrigen nie verstanden, daß wir
um der Weißmacher willen unsere Gewässer
vorsätzlich geschädigt haben.
Wir erwarten zu alledem Berichte der
Bundesregierung bis 1984 sowie die notwendigen
Gesetzentwürfe.
Wir freuen uns, daß die Bilanz des
Abwasserabgabengesetzes positiv ist. Entgegen aller Kritik,
zuletzt noch im Bundestagswahlkampf 1980, hat sich
dieses marktwirtschaftliche Instrument
hervorragend bewährt.
Die Reinhaltung der Meere, insbesondere von
Nord- und Ostsee, ist eine dringliche Aufgabe. Die
Verklappung von Dünnsäure und das Verbrennen
von Abfällen auf den Meeren ist einzustellen.
Schadstoffe müssen eben hier auf dem Lande
sicher beseitigt werden.
(Zustimmung bei der FDP und der CDU/
CSU)
Wir freuen uns, daß es eine internationale
Nordseeschutzkonferenz geben wird — wir hatten sie
bereits in Angriff genommen , und wir hoffen, daß
dies noch 1984 geschehen wird.
Eine wirksame Eindämmung des Lärms auch an
Altstraßen, Herr Bundesinnenminister, ist
erforderlich. Dazu erwarten wir Vorschläge. Wir haben dazu
in unserem Antrag einige Anregungen gegeben.
Die Abfallwirtschaft hat sich in den letzten zehn
Jahren zu einem zentralen Problembereich des
Umweltschutzes und der Rohstoffversorgung
entwikkelt. Wir begrüßen die Aktivitäten der
Bundesregierung, haben allerdings Zweifel, Herr Zimmermann,
ob Sie es bei den bisherigen Anstrengungen zur
Verringerung des Abfallaufkommens aus
Verpakkungen belassen können. Es geht vor allem darum,
das System der Mehrwegverpackungen zu sichern.
Das ist nach dem heutigen Stande, nach den
Verhandlungen mit der Wirtschaft eben nicht
gewährleistet. Insbesondere wehren sich Teile des
Handels. Wir sind der Meinung, alternativ zu
freiwilligen Vereinbarungen sollten jetzt die gesetzlichen
Möglichkeiten genutzt werden, etwa zum Verbot
von Einwegverpackungen. Der Staat muß eben
handeln, wenn das Kooperationsprinzip versagt.
(Zustimmung bei der FDP und der SPD)
Einige Bemerkungen zum Schluß: Wir lassen uns
durch die düsteren Szenarien, wie sie etwa in
„Global 2000" aufgezeigt sind, nicht lähmen, meine
Damen und Herren. Wir wissen, daß wir etwas
dagegen tun können. Wir sollten uns also auch ermutigt
sehen, das scheinbar Unmögliche und
Unerreichbare anzustreben, und nicht in tausend Bedenken
ersticken. Vieles schien auch in der Vergangenheit
technisch nicht machbar und nicht zu finanzieren,
und es wurde doch erreicht, und es wurde doch
gemacht.
Umweltvorsorge ist eine Überlebensfrage für
unsere Industriegesellschaft, eine
Jahrhundertaufgabe, vergleichbar mit der Lösung der sozialen Frage
in früheren Jahrzehnten. Künftig wird es nur eine
an ökologischen Zielen orientierte Soziale
Marktwirtschaft geben. Wir appellieren an den
Erfindungsreichtum, an die Kreativität unserer
Wirtschaft. Wir wissen, daß nur im Rahmen einer
funktionierenden, einer gesunden Volkswirtschaft
Umwelterfolge zu erzielen sind. — Allerdings sind in
einer zerstörten Umwelt auch keine
Wirtschaftserfolge mehr zu erzielen.
Die Zwangswirtschaften des Ostens haben diese
Herausforderung bisher nicht annähernd so gut
bestanden wie unsere freie Wirtschaftsordnung.
Wir wissen: Es gibt keine Umweltbelastung zum
Nulltarif. Die meisten Schadstoffe bleiben in der
Luft, bleiben im Wasser und bleiben im Boden. Es
gibt aber auch keine Beseitigung von
Umweltschäden zum Nulltarif. Wir sind uns bewußt, daß
verbesserter Schutz der Umwelt heute hohe Kosten für
die Wirtschaft und für die Verbraucher zur Folge
hat. Wir wollen die aufgewandten Mittel so
wirksam wie möglich einsetzen. Wir würdigen das
Engagement vieler Bürger, die einzeln, in Gruppen, in
Umweltinitiativen und -verbänden an dieser
Aufgabe mitwirken und in vielen Fällen nicht nur
geredet haben, sondern für sich und ihr eigenes Leben
Konsequenzen gezogen haben.
(Hört! Hört! bei den GRÜNEN)
Bei der großen Übereinstimmung, die doch, Herr
Kollege Hauff, in diesem Hause heute sichtbar
wird, ist es, meine ich, letztlich nicht die Stunde der
gegenseitigen Vorwürfe, sondern die Zeit für die
Fortsetzung gemeinsamer Anstrengungen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat der Herr
Abgeordneter Sauermilch.
Sauermilch (GRÜNE): Frau Präsidentin! Meine
Damen und Herren! Liebe Bürgerinnen und Bürger!
Die GRÜNEN sind u. a. deswegen in den Bundestag
gekommen, weil sie eine neue gesellschaftliche
Entwicklung repräsentieren und tragen, die
mitbestimmt ist von den Erkenntnissen der Ökologie.
Diese Wissenschaft ist nicht gestern erfunden
worden. Sie erlebt aber heute allgemein und speziell
auch hier heute eine geradezu inflationäre
Bewertung.
(Zuruf von der CDU/CSU: Na, na!)
Die Ursache dafür, der Bewußtseinswandel, was die
Endlichkeit der Ressourcen, die Verletztheit des
Lebendigen und die Rücksichtslosigkeit des
Menschen betrifft, müßte eigentlich längst Bestandteil
jeder Politik, jedenfalls verantwortungsbewußter,
weitblickender Politik, sein.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Das ist aber hier real — nicht verbal — in
erschrekkender und bezeichnender Weise nicht der Fall.
Wir stellen heute fest, daß die Bundesregierung,
vertreten durch Herrn Innenminister
Zimmermann, erstmalig Aussagen zum Thema
Umweltschutz macht, die einen gewissen Stellenwert
haben, nachdem frühere Äußerungen in diesem
Hohen Hause nicht über das Niveau von Sprechblasen
und Worthülsen hinausgekommen sind.
(Beifall bei den GRÜNEN — Werner [CDU/
CSU): Das ist fast schon dümmlich!)
Herr Zimmermann, es gab eine Zeit, in der Sie
weder von Umweltschutz geredet noch etwas dafür
getan haben. Wir, die davon geredet haben und
nichts tun konnten, wurden von Ihnen ignoriert und
später verspottet, als Sie uns nicht mehr ignorieren
konnten. Aber als auch das Spotten nicht mehr half,
diffamierten Sie uns, und das tun Sie noch heute.
Sie konnten nicht verhindern, daß nun auch wir
in diesem Hause sind. Darüber müssen Sie
wenigstens einmal reden, auch wenn Sie immer noch
nicht das Notwendige tun. Aber, Herr
Innenminister und auch Herr Bundeskanzler, es bleibt den
Bürgern und Bürgerinnen draußen in diesem Ihrem
Lande nicht verborgen, daß Sie erst jetzt davon
1452 Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 22. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 15. September 1983
Sauermilch
reden, nachdem wir Sie dazu gezwungen haben,
weil wir hier hineingewählt worden sind,
(Beifall bei den GRÜNEN — Lachen bei
der CDU/CSU — Zuruf von der CDU/CSU:
Das ist eine ganz kleine Unterschätzung!)
und, nachdem es schon fast zu spät ist, dieses Land
von den Schäden Ihrer Politik zu sanieren, ein
Land, dessen Böden vergiftet, dessen Luft verpestet,
dessen Flüsse Kloaken sind, ein Land, in dem die
Wälder sterben, die Menschen in Ghettos und die
Haustiere in „Zuchthäusern" leben.
(Dr. Laufs [CDU/CSU]: Das ist doch Quark,
Herr Sauermilch! — Weiterer Zuruf von
der CDU/CSU: Das ist ja furchtbar!)
Es wird bald ein neues Sprichwort geben: Der
Zimmermann erspart die Axt im Walde.
(Beifall bei den GRÜNEN — Lachen bei
der CDU/CSU — Zuruf von der CDU/CSU:
Sehr witzig!)
Wenn ich sage „Ihrer Politik", dann meine ich
natürlich, daß auch die anderen ehemals regierenden
Parteien hier ihr Fett abkriegen müssen.
Vizepräsident Frau Renger: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage der Frau
Abgeordneten Dr. Hamm-Brücher?
Sauermilch (GRÜNE): Nein, ich habe leider nicht
genug Zeit zur Verfügung. Bitte das nächste Mal.
(Lachen bei der CDU/CSU)
Aber die von Ihnen, Herr Dregger — Herr
Dregger ist heute nicht da? —,
(Zuruf von der CDU/CSU: Der war da!)
in der vergangenen Woche so gerühmte Politik
eines Ludwig Erhard hat nämlich die Wurzeln dazu
gelegt.
Ich muß schon sagen, Herr Zimmermann, das
Wort Umweltschutz aus Ihrem Munde zu hören ist
schon sehr merkwürdig und gibt Anlaß zu größter
Skepsis, Herr Wendeminister.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Ihre verbale Wende ist jedenfalls total. Ich bin
eigentlich geneigt, Ihnen gegenüber ein
Vermummungsverbot auszusprechen: Sie haben Ihre
umweltfeindliche Realpolitik mit einer Öko-Maske
getarnt. Diese Maske muß runter.
(Beifall bei den GRÜNEN — Zuruf von der
CDU/CSU: Der spricht, wie er heißt!)
Nun kurz zu Ihren Vorstellungen von der
Bewältigung der anstehenden Probleme. Weil die zu
verwaltenden Bereiche Ihres Haushalts so
unüberschaubar vielfältig und so entfremdet von jeglicher
menschlichen Dimension sind, haben sich
Ressortdenken der Bürokraten, Perfektionismus der
Technokraten und Machtdenken der etablierten
Politiker zu einem Haushalt verdichtet, dessen
Beweglichkeit immer geringer wird, egal welche Partei
gerade damit operiert. Schließlich streitet man nur
noch über — bezogen auf das Gesamtvolumen —
winzige Details, die sich vorwiegend als immer
mehr Sozialknapserei für — und jetzt, Herr
Zimmermann, hören Sie bitte gut zu — mehr Massen
-
beherrschungsmittel und Kriegstechnik entlarven.
Parallel dazu entwickelt das kapitalistische System
mit seinem sogenannten freien Geldmarkt eine
Eigendynamik, die u. a. die Staatsverschuldung an
den Rand eines Abgrunds treibt. Und dann ist da
schließlich auch noch der Onkel aus Amerika.
Herr Zimmermann, ich führe hier bewußt den
Begriff „Massenbeherrschungsmittel" als
Ergänzung zu dem Begriff „Massenvernichtungsmittel"
ein und verstehe unter Massenbeherrschungsmittel
die Gesamtheit von Einflußnahmen und Mitteln
struktureller Gewalt wie Polizei,
Bundesgrenzschutz, Rasterfahndung, BKA-Computer,
Fernsehüberwachung, Verkabelung und Schlimmeres sowie
stehende Heere samt Kriegstechnik bis hin zur
Unterstützung von Volksverdummungsmaßnahmen
wie Werbefernsehen, Fensterreden in
Parlamenten,
(Lachen bei der CDU/CSU — Zuruf von der
CDU/CSU: Das machen Sie! — Weitere Zu
rufe von der CDU/CSU)
Steuer- und Subventionsdschungel und vieles
mehr.
(Zurufe von der CDU/CSU: Da muß er sel
ber lachen! — Sauermilch ist ein Beherr
schungsmittel!)
Willige Exekuteure sind dabei übrigens die
multinationalen Konzerne mit ihrer äußerst
beschränkten Haftung oder auch die sogenannten
Energieversorgungsunternehmen, deren Mißbrauch ihrer
Versorgungsaufgaben, Ignoranz und
Rücksichtslosigkeit gen Himmel stinkt und nur noch mit ihrem
Reichtum konkurrieren kann.
(Gerstein [CDU/CSU]: Dümmer geht es
wirklich nicht mehr!)
Ist es nicht z. B. pervers, daß die öffentlichen
Hände vielfach Aktionäre von
Energieversorgungsunternehmen sind'? Ist es etwa keine
Volksverdummung, uns weismachen zu wollen, da gebe es keine
Interessenkonflikte? — „Konflikt" sollte man
übrigens mit ck schreiben. — Ist es nicht eine
Bankrotterklärung unserer politischen Kultur, daß die Flick
Affäre — besser gesagt: der Flick-Skandal — immer
noch nicht lückenlos aufgeklärt und geahndet ist?
Wo soll da das Vertrauen der Bürger noch
herkommen in einen Staatshaushalt, dessen Konsequenz
wieder einmal die Armen ärmer und die Reichen
reicher macht?
Ein römisches Sprichwort heißt: Geld stinkt
nicht.
(Zuruf von der CDU/CSU: Pecunia non
olet!)
— Auch ich kann Latein, Herr Kollege. Ich sage es
aber auf deutsch, damit es mehr Menschen
verstehen können. — Also: Geld stinkt nicht. Das stimmt
zwar, aber nur zu Anfang. Man kann Gras über eine
Affäre genauso wie über eine Mülldeponie wachsen
lassen. Aber irgendwann beginnt sie, zu stinken, zu
faulen, das Grundwasser der Demokratie zu
vergiften, unweigerlich und schwer zu reparieren, Herr
Lambsdorff. Aber Sie sind ja nicht allein. —
(Zurufe von der CDU/CSU: Kommen Sie
doch mal zur Sache! — Jetzt sagen Sie
doch bitte mal etwas Konkretes!)
— Was ich hier sage, ist sehr konkret. Sie sollten
nur einmal begreifen, wie konkret es ist.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Differenzen zwischen dem Bürger und seinem
Staat treten da auf, wo der Staat den Konsens über
die gemeinsamen Interessen verläßt und in eigener
Machtvollkommenheit Schwerpunkte für eigene
Macht setzt. Dies aber ist Machtmißbrauch des
Staates.
(Zuruf von der CDU/CSU: Wie machen Sie
die Milch warm?)
Natürlich wandeln sich die Auffassungen über
diesen Konsens mit den gesellschaftlichen
Veränderungen. Nur muß jederzeit eine gesellschaftliche
Reflexion stattfinden können, um — wiederum im
Konsens — Kurskorrekturen beim Bürger und
seinem Staat konkret zu ermöglichen. Dies ist aber bei
der eingeengten, vom Kapitalismus geprägten
Sichtweise — oder, besser: Darstellungsweise —
dieses Staates nicht gegeben.
Dagegen hat sich das Bewußtsein vieler Bürger
durchaus gewandelt, und dies, obwohl massive
Verdummungsversuche wie beschrieben diesen Prozeß
zu bremsen trachten. Aber Sie können die Bürger
nicht mehr für so dumm verkaufen, daß sie nicht
begreifen, daß nun tatsächlich unwiderruflich große
Teile der deutschen Wälder sterben und mit ihnen
die gesamte Natur und Kultur. Sie können die
Bürger nicht mehr für so dumm verkaufen, daß sie
nicht begreifen, daß nun tatsächlich unsere letzten
Grundwasserreserven vergeudet und zerstört
werden, daß nun die schleichende Vergiftung von Luft,
Wasser und Nahrung eine medizinische Vorsorge
zur Farce macht und die Krankheit unserer Kinder
garantiert,
(Gerstein [CDU/CSU]: Das ist
Katastrophenpolemik!)
daß nun tatsächlich der Rüstungswahnsinn das
Stadium des Amoklaufs erreicht hat, eines Amoklaufs,
der uns schon ohne den Einsatz dieser
Horrormaschinerie — einfach nur durch deren Herstellung —
unvorstellbare Mengen an Energie und
wertvollsten Ressourcen kostet.
Es klafft hier also ein Dissens zwischen dem
Bürger und seinem Staat, den nicht der Bürger zu
vertreten hat. Vielmehr muß der Staat das geschilderte
geänderte Bewußtsein endlich reflektieren und in
entsprechende Leistungen ummünzen.
(Berger [CDU/CSU]: Und Sie wollen das
dann machen, ja?)
Es ist gegen die Aufgabe des Staates, wenn man die
Unfähigkeit des einzelnen Bürgers, diese Politik
wegen deren beschriebener Entfremdung von j
eglichem menschlichen Maß zu durchschauen,
ausnutzt. Das Berufsgeheimnis eines verantwortungs
-
losen Politikers ist das Wissen vom Unwissen
seiner Wähler.
(Gerstein [CDU/CSU]: So etwas Dummes
haben wir in diesem Hause noch nie
gehört!)
Ökologisch bestimmte Politik berücksichtigt vor
allem Mensch, Tier und Natur in ihrer Gesamtheit.
Ökologisch bestimmte Politik geht sparsam mit
Energie und Ressourcen um und berücksichtigt die
Entropie. Ökologisch bestimmte Politik stellt ihre
Kultur in einen sozialen Zusammenhang und
betrachtet Geschichte als verwertbare Erfahrung der
Gesellschaft. Schließlich betreibt ökologisch
bestimmte Politik Vorsorge für kommende
Generationen, und zwar für die ganze überschaubare Zeit —
Vorsorge statt Verpflichtungsermächtigung!
Jetzt einmal ein Satz zur EG, zur EG-Kasse.
(Zuruf von der CDU/CSU: Die wird aber
zittern, wenn sie den hört!)
Eigentlich kann ein Politiker es nicht verantworten,
einen Verein zu subventionieren, dessen geradezu
absurde Prämien- und Vernichtungsidiotie die
europäische Kabarett-Szene seit Jahren beschäftigt.
(Gerstein [CDU/CSU]: Das war aber toll
ausgedrückt!)
Man könnte darüber lachen, wenn es angesichts
des Welthungers nicht so grauenhaft wäre, daß
Kühe mit Trockenmilch gefüttert werden, daß
Millionen Tonnen Obst in Müllhalden gekippt werden,
während sich ein aufgeblähter Beamtenapparat
darum sorgt, welchen Durchmesser eine Erbse
haben muß oder wie man Bananen in Norwegen
züchten kann.
(Susset [CDU/CSU]: Aber Norwegen gehört
nicht zur EG!)
Dagegen ist ökologisch orientierte Politik auch
im klassischen Sinn ökonomisch. Ökologisch
handeln bedeutet Vorbeugen und dadurch spätere
Umweltschäden in astronomischer Höhe vermeiden.
Wie oft muß man Ihnen das noch sagen, damit Sie
endlich handeln?
Die etablierte Politik verhält sich, wie Carl Amery
in seinem Buch „Natur als Politik" vergleicht, wie
ein Hochstapler, der ohne Geld in ein vornehmes
Lokal einkehrt, Austern bestellt und sich der
Hoffnung hingibt, darin zum Bezahlen eine Perle zu
finden.
(Werner [CDU/CSU]: Das scheint ja Ihre
Politik zu sein!)
Wie anders ist es zu verstehen, wenn in den
Atomkraftwerken hochgiftige Isotope wie
Plutonium, dessen Halbwertzeit über 23 000 Jahre
beträgt, mit Duldung unseres Staates hergestellt und
verwendet werden, ohne daß man heute weiß, wie
sie eines Tages beseitigt werden?
(Beifall bei den GRÜNEN)
Wie anders ist es zu verstehen, daß mit Duldung
unseres Staates Luft, Boden und Gewässer mit
nicht abbaubaren Substanzen unserer chemischen
Industrie irreparabel vergiftet werden? Wo sollen
1454 Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 22. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 15. September 1983
Sauermilch
wir denn die vielen Perlen finden, die wir dafür
bräuchten, um dieses schon fast nicht mehr
Machbare zu bewältigen?
Bald wird es keine Austern mehr geben, weil die
Selbstreinigungskraft unserer Gewässer und Meere
endgültig erlahmt ist. Die Austern schmecken alle
schon verdammt nach Ö1.
(Lenzer [CDU/CSU]: Woher wissen Sie
das? — Zuruf von der CDU/CSU: Essen Sie
Austern? — Weitere Zurufe von der CDU/
CSU)
Statt Perlen enthalten sie Quecksilber und
Kadmium. Werden unsere Kinder in Müllhalden oder in
Steppen aufwachsen? Werden unsere Enkel das
Ende einer vom Menschen bewirkten ökologischen
Nische markieren? Entspricht das unserem
Grundgesetz? Ich frage mich ernstlich — und viele fragen
sich —, ob, so betrachtet, unser Grundgesetz noch
auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen
Grundordnung dieser Politik steht.
Ich möchte einmal den Blick auf ein Papier
lenken, das Ende 1979 von dem damaligen Minister für
Inneres und von dem für Landwirtschaft,
Ernährung und Forsten in Auftrag gegeben wurde, die
sogenannte Bick-Studie. Der Abschlußbericht
wurde übrigens im April dieses Jahres vorgelegt.
Ich empfehle Ihnen allen diese Lektüre. Ich zitiere
kurz:
Zweifellos gibt es Forschungsdefizite auch im
ökologischen Bereich. Aber diese dürfen vom
Politiker nicht dort als Alibi zum Nichtstun
benutzt werden, wo nur rasche
Vorsorgemaßnahme noch Hilfe bringen kann ... Es wird
eine wesentliche Aufgabe des
Aktionsprogramms Ökologie sein müssen, bei der
Festlegung der Wertmaßstäbe neue Akzente zu
setzen. Der wertmäßigen und zeitlichen
Prioritätensetzung kommt besondere Bedeutung beim
Arten- und Biotopschutz zu ... Gerade hier sind
Sofortmaßnahmen unverzichtbar, wenn
überhaupt das Programm einen Sinn haben soll.
Und an anderer Stelle:
Natürlich ist es notwendig, bestimmte Anteile
des nutzbaren Raumes für wirtschaftliche
Interessen zur Verfügung zu haben. Selbst die
daraus resultierende Verdrängung von Arten
ist ethisch neutral, solange sie der Befriedigung
menschlicher Grundbedürfnisse dient, nicht
aber, wie heute so oft, der Überproduktion und
der Ermöglichung eines Luxuskonsums. Die
Lebensraumvernichtung von Tier- und
Pflanzenarten aus solchen allein am Egoismus des
Menschen orientierten Gründen ist nicht nur
ethisch verwerflich, sondern auf Dauer auch
dem Menschen schädlich.
Wir können uns heute nicht mehr auf einen rein
technischen Umweltschutz beschränken. Wir
können uns nicht mehr auf Biotopschutz im
konservativen Sinne beschränken. Wir können allerdings die
bestehenden Gesetze viel stärker für den
Umweltschutz ausschöpfen. Zusätzlich brauchen wir neue
Gesetze. Wir müssen zusätzlich die
Umweltverträglichkeitsprüfung einführen.
Herr Miltner, eine ökologische Marktwirtschaft
geht nicht, jedenfalls nicht so, wie sie von Ihnen
vorhin beschrieben wurde. Für eine neue Politik
muß im Prinzip gelten, daß nur die nicht mehr
ortbaren Umweltschaden-Beseitigungskosten der
Allgemeinheit angelastet werden dürfen, während alle
zukünftigen Produktionen mit der echten, der
ökologisch ermittelten Belastung bedacht werden
müssen, die sich nach dem Verursacher- und nach dem
Vorsorgeprinzip ergibt. Das Ganze ist eine
Verpflichtung für uns alle. Sonst werden wir nach der
anspruchsvollen Aufforderung „Macht Euch die
Erde untertan" eines Tages sehr bescheiden
feststellen müssen: Es ist vollbracht. Und die Erde wird
sein wie zu Anfang: wüst und leer.
Ich danke Ihnen.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat Herr
Ministerpräsident Späth.
Ministerpräsident Späth (Baden -Württemberg):
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich
bedaure, nach dem Herrn Vorredner wieder zum
Schwarzbrot des Problems zurückkehren zu
müssen.
(Heiterkeit und Zustimmung bei der CDU/
CSU)
Denn ich habe den deutlichen Eindruck — lassen
Sie mich dies als Bemerkung zu meinem Vorredner
sagen —: wir müssen jetzt entscheiden, ob wir
weiterhin bei der Problembeschreibung bleiben oder ob
wir endgültig darangehen, die Probleme zu lösen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich glaube, die Irritation, die der Herr
Bundesinnenminister heute hier auslöst, ist die Irritation, die
sich zusammenfassen läßt in Ihrer
Anfangsbemerkung: Sie lassen einfach nicht zu, daß dieser
Minister jetzt die Probleme löst; denn wie soll man sie
dann noch so problematisch beschreiben, wenn
man mit der Lösung schon angefangen hat?
(Beifall bei der CDU/CSU)
Ich muß sagen, die Bürger — und das ist der Grund,
warum ich froh bin, daß diese Debatte heute
stattfindet, und ich halte es für wichtig, daß gerade bei
dieser Debatte Bund und Länder zusammenwirken
— haben es satt, sich von den Politikern die
Trostlosigkeit des Seins im allgemeinen beschreiben zu
lassen. Vielmehr haben die Bürger Politiker
gewählt, um zu hören, was wir jetzt konkret tun, um
mit den konkreten Problemen fertigzuwerden. Das
ist die Frage.
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und der
SPD — Zurufe
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Geänderter Vorschlag einer Verordnung des Rates über das Statut für Europäische Aktiengesellschaften (G-SIG: 10000585)
- part_of_vorgang → Vorschlag einer 7. Richtlinie auf Grund von Artikel 54 Absatz g des EWG-Vertrages für den Konzernabschluß (G-SIG: 10000551)
- part_of_vorgang → Vorschlag einer Verordnung (EWG) des Rates über die Europäische Kooperationsvereinigung (EKV) (G-SIG: 10000579)
- part_of_vorgang → Vorschlag einer Verordnung (EWG) des Rates über die Kontrolle von Unternehmenszusammenschlüssen (G-SIG: 10000515)
- spoke_in ← Helga Timm (Rede)