Rede von Christel Humme (SPD) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c: Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer.
Text
Rede von Christel Humme (SPD) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Herr Präsident! Liebe Kollegen! Liebe Kolleginnen!
Wenn wir gleich das Gesetz zum Ausbildungsbonus
verabschieden, dann haben wir uns ganz klar an die Seite
der jungen Menschen gestellt.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Wir fördern mit dem Ausbildungsbonus
Bildungsabschlüsse, keine Warteschleifen. Das ist in der Tat
gerechter – das sage ich in alle Richtungen – als dogmatisches
Nichtstun.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)Zugegeben: Das parlamentarische Verfahren war
recht zäh und mühselig. Für junge Menschen, die sich
um ihre Zukunftschancen betrogen sehen, ist das
sicherlich völlig unverständlich. Worum geht es? 22 Prozent
der Menschen zwischen 25 und 35 Jahren sind heute
ohne einen beruflichen Bildungsabschluss.
(Cornelia Hirsch [DIE LINKE]: Warum denn
wohl?)
22 Prozent sind fast ein Viertel dieser Altersgruppe. Für
eine Wirtschaftsnation, wie wir es sind, halte ich das,
gelinde gesagt, für einen Skandal.
Was bedeutet das – darauf haben schon viele
hingewiesen – für die jungen Menschen? Sie haben weniger
Chancen auf eine gute Arbeit und existenzsichernde
Löhne. Sie haben weniger Chancen auf Teilhabe. Sie
haben weniger Chancen auf Unabhängigkeit und
individuelle Persönlichkeitsentfaltung. Darüber hinaus haben
sie ein höheres Risiko, arbeitslos zu werden, und ein
deutlich höheres Risiko, in die Abhängigkeit von
staatlichen Transferleistungen zu geraten. Genau das ist jetzt
die Situation.
Deshalb müssen wir alle Anstrengungen
unternehmen, die Zahl junger Menschen, die heute ohne
Abschluss sind, zu verringern.
Für uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ist
klar: Wir wollen Ausbildung für alle. Alle haben das
Recht auf Ausbildung. In den letzten Jahren sind wir
diesem Ziel etwas nähergekommen.
Wir hatten 2007 eine relativ gute Ausbildungssituation.
2007 – der Staatssekretär hat das bereits erwähnt – war
eines der besten Ausbildungsjahre, und 2008 wird
ebenfalls ein gutes Ausbildungsjahr werden.
In jüngster Zeit war zum Teil nicht mehr von einer
Lehrstellenlücke, sondern von einer Bewerberlücke die
Rede. Ich möchte die Diskutanten bitten, etwas ehrlicher
zu sein, wenn sie die Analyse des Ausbildungsmarktes
betreiben.
– Es wäre gut, wenn Sie ein bisschen weniger schreien
könnten. – Fakt ist: Es gelingt nach wie vor nur jedem
zweiten Jugendlichen, direkt nach der Schule einen
Ausbildungsplatz zu finden. Es landen noch immer viele
Jugendliche in sinnlosen Warteschleifen, Herr Rohde.
Die Hälfte derjenigen, die einen Ausbildungsplatz
suchen, ist seit einem Jahr oder länger vergeblich auf der
Suche.
625 000 Ausbildungsplätze geben zwar ein gutes Bild
ab, aber das sind trotzdem weit mehr als 100 000 zu
wenig. Ich finde, hier steht die Wirtschaft in der
Verantwortung; denn bedauerlicherweise bildet nur die Hälfte der
ausbildungsfähigen Betriebe aus. Da ist richtig viel
Christel HummePotenzial vorhanden. Auch das gehört zu einer ehrlichen
Analyse.
Wir in der Großen Koalition haben uns gefragt, wie
wir den jungen Menschen, die vor diesem Problem
stehen, besser unter die Arme greifen können. Ich sehe
viele junge Menschen auf der Tribüne sitzen. Niemand
kann ernsthaft glauben, dass der Streit, den wir hier über
die Finanzierung führen, einen Jugendlichen interessiert.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU – Jörg Rohde [FDP]: Später hängt
der Job von den Lohnnebenkosten ab!)
Wir haben es geschafft, ein – so nenne ich es einmal –
Chancenverbesserungspaket zu schnüren. Wir schlagen
zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens unterstützen wir
die benachteiligten Jugendlichen, die schon länger einen
Ausbildungsplatz suchen, mit einem Ausbildungsbonus,
und zweitens haben wir mit der
Berufseinstiegsbegleitung ein Instrument geschaffen – das ist sehr wichtig –,
mit dem wir Schulabgängern unter die Arme greifen
können. Die Jugendlichen sollen nach der Schule direkt
eine Ausbildung aufnehmen können und gar nicht erst zu
Altbewerbern werden.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Ich möchte einen letzten Punkt ansprechen. Aus
bildungspolitischer Sicht habe ich eine Debatte der letzten
Wochen überhaupt nicht verstanden: Es wurde immer
wieder gefragt, welche Jugendlichen gefördert werden
sollen. Viele Politiker hatten das Ziel, diese Gruppe so
klein wie möglich zu halten. Ich habe immer wieder
versucht, mir vorzustellen, wie diese Debatte, die wir
geführt haben, auf den einzelnen Jugendlichen wirken
muss. Was sagen wir ihm? Wenn sich diejenigen, die
vorhatten, die Gruppe kleinzuhalten, durchgesetzt
hätten, dann hätte zum Beispiel eine 19-jährige Arbeitslose
mit Hauptschulabschluss, die seit drei Jahren vergeblich
einen Ausbildungsplatz sucht, gar keine Förderung
erhalten. Was hätten wir dieser Frau sagen sollen? Ich
kann dazu nur sagen: Für diese Zielgruppendiskussion,
die wir auch mit den Gewerkschaften führen mussten,
werden die Jugendlichen kein Verständnis aufbringen.
Dafür wiederum habe ich Verständnis.
Ich bin sehr froh, dass es uns gelungen ist, dieses
Paket im Sinne der Jugendlichen zu schnüren. Die
Entscheidung, die wir gleich treffen werden, ist mehr als die
Verabschiedung eines Gesetzes. Das ist eine Botschaft
an die jungen Menschen. Sie lautet: Wir nehmen euch
und eure Sorgen ernst. Wir tun nicht so, als gäbe es eure
Probleme nicht. Wir wollen und wir brauchen euch in
der Gesellschaft. Deswegen lassen wir euch nicht im
Regen stehen. – Ich danke allen, die das ermöglicht haben.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Das Wort hat nun Stefan Müller, CDU/CSU-Fraktion.
Stefan Müller (Erlangen) (CDU/CSU):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Eine erfolgreiche Berufsausbildung ist der Schlüssel für
ein erfolgreiches berufliches Leben, weil sie Sicherheit
bietet und die Möglichkeit gibt, das eigene Leben
selbstbestimmt und selbstbewusst zu gestalten und zu
bestreiten. Ich finde, wir können froh sein über die Erfolge, die
wir in den letzten Jahren haben zur Kenntnis nehmen
dürfen. Der starke Wirtschaftsaufschwung und die
erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik dieser Großen Koalition
haben zum größten Rückgang der Arbeitslosigkeit und
zu einer Zunahme der Beschäftigung geführt.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Man kann
bestreiten, dass die Große Koalition irgendeinen
Einfluss darauf hatte!)
Es hat auch dazu geführt, dass die Ausbildungszahlen in
unserem Land deutlich besser geworden sind.
Die Arbeitsmarktzahlen für den Mai dieses Jahres
belegen das. Es gibt 61 000 Arbeitslose unter 25 Jahren
weniger als im Mai 2007. Zwischen dem 1. Oktober
2006 und dem 30. September 2007 wurden insgesamt
625 000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das
sind fast 50 000 Ausbildungsverträge mehr als im
Vorjahr. Das zeigt, dass unser duales Ausbildungssystem
funktioniert. Ich wehre mich dagegen, dass es auch in
diesem Haus Kolleginnen und Kollegen gibt, die das
duale Ausbildungssystem immer wieder infrage stellen.
Es funktioniert; das belegen die Zahlen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Es gibt erstmals seit dem Jahr 2001 über 600 000 neue
Ausbildungsverträge. Das sind Zahlen, über die man
sich, wie ich finde, zu Recht freuen kann.
Das alles ist Ergebnis der Politik dieser Großen
Koalition.
Bei aller Freude über diese Zahlen muss ich dennoch
sagen: Es gibt immer noch zu viele, die nicht profitieren,
die ohne Erfolg Hunderte Bewerbungen schreiben und
das Gefühl haben, nicht gebraucht zu werden. Das sind
vor allem diejenigen, die lernbeeinträchtigt sind, die aus
einem schwierigen sozialen Umfeld kommen und als
sozial benachteiligt gelten. Genau für diese Jugendlichen,
die sich in den vergangenen Jahren vergeblich bemüht
haben, eine Lehrstelle zu finden, schaffen wir mit dem
Ausbildungsbonus das richtige Instrument, um ihnen
zielgenau zu helfen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Wir wollen ihnen damit eine Chance auf eine
Ausbildung, eine Beschäftigung und auf ein selbstbestimmtes
Stefan Müller (Erlangen)Leben geben. Nur wer gut ausgebildet ist, hat dauerhaft
eine berufliche Perspektive. Genau da wollen wir heute
ansetzen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Ziel einer erfolgreichen Arbeitsmarktpolitik muss
sein, möglichst frühzeitig denen unter die Arme zu
greifen, die unsere Hilfe brauchen. Das zeichnet unser
Sozialsystem aus. Wir alle wissen: Je länger die Wartezeit
ist, bis junge Leute einen Ausbildungsplatz bekommen,
und je länger die Verweildauer in der Arbeitslosigkeit
ist, desto schwieriger wird die Integration in ein
reguläres Arbeitsleben und desto höher sind auch die
Folgekosten für unsere Sozialsysteme. Wir tun gut daran, uns
mit diesem neuen Instrument um die zu kümmern, die es
besonders schwer haben.
Ziel des Ausbildungsbonus ist es, zusätzliche – ich
betone: zusätzliche – Ausbildungsstellen zu schaffen,
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Herr Müller, das glauben Sie doch
selber nicht!)
und zwar vor allem für diejenigen, die bisher noch nicht
vom Aufschwung profitiert haben, die als lernschwach
gelten oder sozial benachteiligt sind.
Frau Pothmer, da Sie hier immer das Kriterium der
Zusätzlichkeit anführen – gestern im Ausschuss haben
Sie das auch getan –, will ich es wiederholen:
Die Ausbildung erfolgt zusätzlich, wenn bei
Ausbildungsbeginn die Zahl der
Ausbildungsverhältnisse … in dem Betrieb aufgrund des mit dem
Auszubildenden abgeschlossenen
Ausbildungsvertrages höher ist, als sie es im Durchschnitt der drei
vorhergehenden Jahre jeweils am 31. Dezember
war.
Ich habe aus dem Gesetzentwurf vorgelesen; das hätten
Sie dort nachlesen können.
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Ich weiß, was da drinsteht!)
Natürlich lassen sich Mitnahmeeffekte nie
ausschließen, wenn es direkte finanzielle Leistungen an
Unternehmen gibt.
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Haben Sie einmal mit der IHK darüber
gesprochen, Herr Müller?)
Ich glaube aber, dass wir dem mit der Definition der
Zusätzlichkeit, so wie sie im Gesetzentwurf steht, und auch
aufgrund der Tatsache, dass die Industrie- und
Handelskammern und die Handwerkskammern die
Zusätzlichkeit bescheinigen müssen, Rechnung getragen haben
und Mitnahmeeffekte weitgehend ausschließen können.
Ein weiteres Thema im Zusammenhang mit
Mitnahmeeffekten ist die Frage des förderfähigen
Personenkreises. Ich gebe zu, Herr Kollege Rohde, man hätte an dereinen oder anderen Stelle sicherlich noch mehr machen
können; ich kenne die Stellungnahmen. Wie auch
immer: Wir haben Vorschläge der Sozialpartner in unsere
Änderungsanträge aufgenommen, zum Beispiel
hinsichtlich der Eingrenzung des förderfähigen
Personenkreises und auch hinsichtlich der Möglichkeit, EQJ-
Praktikanten im gleichen Betrieb zu fördern. Ich bin mir
sicher, dass wir durch die jetzige Definition des
förderfähigen Personenkreises Mitnahmeeffekte ausschließen
können, jedenfalls mehr als durch den alten Wortlaut des
Gesetzentwurfes.
Herr Rohde, ich möchte gerne auf einen Punkt
eingehen, den Sie angesprochen haben. Sie haben von einem
Telefonat berichtet, das Sie heute mit einem
Unternehmer geführt haben. Diesen Unternehmer haben Sie
gefragt, ob er zusätzlich ausbilden würde. Er hat dies
verneint. Gut, es gibt immer Unternehmen, die es für sich
– aus welchen Gründen auch immer – ausschließen, mehr
auszubilden. Ich darf Ihnen trotzdem etwas aus der
heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorlesen. Dort
wird unter anderem über die heutige Beratung über den
Ausbildungsbonus berichtet, jedoch auch von einer
Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im
Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Dort
heißt es:
Annähernd zwei Drittel der Unternehmer
befürworten jedoch, dass Betriebe einmalige Zuschüsse
erhalten, wenn sie Ausbildungs- oder Arbeitsplätze
für gering qualifizierte Jugendliche schafften.
Damit unterstützen sie die von der großen Koalition
geplante Einführung eines Ausbildungsbonus.
So ist es, liebe Kollegen von der FDP. Wir haben im
Grundsatz die Zustimmung für diesen
Ausbildungsbonus. Ich finde, das muss einmal gesagt werden. Sie täten
gut daran, das zuzugeben.
Frau Pothmer, Sie haben vorhin an dieser Stelle sehr
viel kritisiert. Sie haben alles Mögliche genannt, was
man ansprechen könnte. Man kann ja in der Sache
unterschiedlicher Meinung sein. Ich habe von Ihnen aber
keine Alternativen gehört.
(Beifall bei der SPD – Brigitte Pothmer
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Doch!)
Die FDP hat sich zumindest die Mühe gemacht, einen
eigenen Änderungsantrag vorzulegen.
(Abg. Jörg Rohde [FDP] meldet sich zu einer
Zwischenfrage)
– Herr Kollege Rohde, wenn Sie noch einen Moment
warten, können Sie Ihre Zwischenfragen gebündelt
loswerden; denn ich komme noch zu Ihnen. – Im
Änderungsantrag der FDP heißt es, der Ausbildungsbonus
solle nicht aus Mitteln der Bundesagentur für Arbeit,
sondern aus Steuermitteln finanziert werden. Sie haben
das schon oft im Ausschuss gesagt.
(Jörg Rohde [FDP]: Das haben auch andere
gesagt!)
Stefan Müller (Erlangen)Ich habe Ihnen schon gestern im Ausschuss die Frage
gestellt: Wenn Sie der Auffassung sind, dass
gesamtgesellschaftliche Aufgaben über Steuern finanziert werden
müssten, dann frage ich mich, warum Sie dies nur auf
den Ausbildungsbonus beziehen. Wenn Sie konsequent
wären, dann würden Sie sich hier hinstellen und sagen,
alle Leistungen zur Bekämpfung der
Jugendarbeitslosigkeit müssten aus Steuermitteln bezahlt werden und nicht
wie heute aus der Arbeitslosenversicherung. Damit
wären alle berufsvorbereitenden Maßnahmen, alle
Maßnahmen der vertieften Berufsorientierung und vieles andere
mehr eingeschlossen. Sie haben gerade davon
gesprochen, dass wir über die Beitragszahler etwas für
Jugendliche finanzieren, die noch nie etwas in die
Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben. Das würde auch für alles
andere gelten, was die Bundesagentur in diesem Bereich
macht. Wir reden hier über eine Größenordnung von
1 Milliarde Euro.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Ich frage Sie: Wären Sie so konsequent, zu sagen,
dass bei uns in Erlangen zum Beispiel das Projekt
„Straße ins Leben“, das zur Hälfte aus Mitteln der
Bundesagentur finanziert wird, ebenfalls nicht mehr durch
die Bundesagentur unterstützt werden kann?