Protokoll der 138. Sitzung des 9. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 138. Sitzung des 9. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 9/138
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
138. Sitzung
Bonn, Dienstag, den 14. Dezember 1982
Inhalt:
Eintritt der Abg. Ginsberg und Rieben
-
sahm in den Deutschen Bundestag . . . 8577 A
Zweite Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes über die Feststellung des
Bundeshaushaltsplans für das Haushaltsjahr 1983
(Haushaltsgesetz 1983)
— Drucksachen 9/1920, 9/2050, 9/2139 —
Beschlußempfehlungen und Bericht des
Haushaltsausschusses
Einzelplan 01
Bundespräsident und Bundespräsidialamt
— Drucksachen 9/2141, 9/2281 — . . . . 8577 B
Einzelplan 02
Deutscher Bundestag
— Drucksachen 9/2142, 9/2281 — . . . . 8577 C
Einzelplan 03
Bundesrat
— Drucksachen 9/2143, 9/2281 — . . . . 8577 D
Einzelplan 04
Geschäftsbereich des Bundeskanzlers und
des Bundeskanzleramtes
— Drucksachen 9/2144, 9/2281 —
in Verbindung mit
Einzelplan 05
Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts
— Drucksachen 9/2145, 9/2281 —
Dr. Dregger CDU/CSU 8578A
Dr. Ehmke SPD 8584 B
Hoppe FDP 8592 D
Dr. Kohl, Bundeskanzler 8596 C
Dr. h. c. Leber SPD 8607 D
Dr. Blüm, Bundesminister BMA . . . 8616 C
Rapp (Göppingen) SPD 8619 D
Genscher, Bundesminister AA 8623 B
Voigt (Frankfurt) SPD 8629 B
Möllemann, Staatsminister AA 8633 D
Picard CDU/CSU 8636 B
Coppik fraktionslos 8638 B
Wieczorek (Duisburg) SPD 8639 C
Präsident Stücklen 8596 B
Einzelplan 14
Geschäftsbereich des Bundesministers der
Verteidigung
— Drucksachen 9/2154, 9/2281 —
in Verbindung mit
Einzelplan 35
Verteidigungslasten im Zusammenhang
mit dem Aufenthalt ausländischer
Streitkräfte
— Drucksachen 9/2165, 9/2281 —
in Verbindung mit
Einzelplan 23
Geschäftsbereich des Bundesministers für
wirtschaftliche Zusammenarbeit
— Drucksachen 9/2158, 9/2281, 9/2289 —
in Verbindung mit
Einzelplan 27
Geschäftsbereich des Bundesministers für
innerdeutsche Beziehungen
— Drucksachen 9/2160, 9/2281 —
Dr. Stavenhagen CDU/CSU 8640 B
Frau Traupe SPD 8641 C
Dr. Zumpfort FDP 8644 D
Dr. Wörner, Bundesminister BMVg 8644 B, 8659 B
Neumann (Stelle) SPD 8651 C
Hauser (Bonn-Bad Godesberg) CDU/CSU 8653 D
Popp FDP 8655 B
Meinike (Oberhausen) SPD 8656 D
Hansen fraktionslos 8659C, 8682A
Kolbow SPD 8661 D
Schluckebier SPD 8663 C
Schröder (Lüneburg) CDU/CSU 8665 A
Dr. Vohrer FDP 8667 D
Dr. Holtz SPD 8669 B
Dr. Warnke, Bundesminister BMZ . . 8671 B
Dr. Kreutzmann SPD 8673 D
Frau Berger (Berlin) CDU/CSU 8675 D
Ronneburger FDP 8677 B
Dr. Barzel, Bundesminister BMB . . . 8679A
Wieczorek (Duisburg) SPD 8682A, B
Reddemann CDU/CSU 8682 C
Vizepräsident Wurbs 8681 D
Nächste Sitzung 8683 C
Anlage
Liste der entschuldigten Abgeordneten . 8684* A
138. Sitzung
Bonn, den 14. Dezember 1982
Beginn: 9.00 Uhr
Präsident Stücklen: Die Sitzung ist eröffnet.
Für die ausgeschiedene Abgeordnete Frau
Matthäus-Maier hat mit Wirkung vom 9. Dezember 1982
der Abgeordnete Ginsberg die Mitgliedschaft im
Deutschen Bundestag erworben.
Für den ausgeschiedenen Abgeordneten von
Schoeler hat mit Wirkung vom 13. Dezember 1982
der Abgeordnete Riebensahm die Mitgliedschaft im
Deutschen Bundestag erworben.
Ich begrüße die beiden neuen Abgeordneten und
wünsche ihnen und uns eine gute
Zusammenarbeit.
(Beifall bei allen Fraktionen)
Wir treten in die Tagesordnung ein. Ich rufe den
Tagesordnungspunkt I a auf:
Zweite Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
über die Feststellung des
Bundeshaushaltsplans für das Haushaltsjahr 1983
(Haushaltsgesetz 1983)
— Drucksachen 9/1920, 9/2050, 9/2139 —
Beschlußempfehlungen und Bericht des
Haushaltsausschusses (8. Ausschuß)
Wir kommen zur Beratung der Einzelpläne. Ich
rufe auf:
Einzelplan 01
Bundespräsident und Bundespräsidialamt
— Drucksachen 9/2141, 9/2281 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Zander
Frau Berger (Berlin)
Wird von den Berichterstattern das Wort
gewünscht? — Das ist nicht der Fall. Wird das Wort
zur Aussprache gewünscht? — Das ist auch nicht
der Fall.
Dann kommen wir zur Abstimmung über den
Einzelplan 01 in der Ausschußfassung. Wer dafür
ist, den bitte ich um ein Handzeichen. — Wer ist
dagegen? — Enthaltungen? — Dieser Einzelplan ist
einstimmig angenommen.
Ich rufe auf:
Einzelplan 02
Deutscher Bundestag
— Drucksachen 9/2142, 9/2281 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Carstens (Emstek)
Zander
Gärtner
Wird von den Berichterstattern das Wort
gewünscht? — Das ist nicht der Fall. Wird das Wort
zur Aussprache gewünscht? — Das ist auch nicht
der Fall.
Wir kommen zur Abstimmung über den
Einzelplan 02 in der Ausschußfassung. Wer dafür ist, den
bitte ich um ein Handzeichen. — Wer ist dagegen?
— Wer enthält sich? — Eine Enthaltung. Der
Einzelplan 02 ist damit bei einer Enthaltung
angenommen.
Ich rufe auf:
Einzelplan 03
Bundesrat
— Drucksachen 9/2143, 9/2281 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Borchert
Zander
Wird von den Berichterstattern das Wort
gewünscht? — Das ist nicht der Fall. Wird das Wort
zur Aussprache gewünscht? — Das ist auch nicht
der Fall.
Wir kommen zur Abstimmung über den
Einzelplan 03 in der Ausschußfassung. Wer dem
zuzustimmen wünscht, den bitte ich um ein Handzeichen. —
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Dieser Einzelplan
03 ist einstimmig angenommen.
Ich rufe auf:
Einzelplan 04
Geschäftsbereich des Bundeskanzlers und
des Bundeskanzleramtes
— Drucksachen 9/2144, 9/2281 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Wieczorek (Duisburg)
Metz
Dr. Riedl (München)
Walther
Hoppe
und
Einzelplan 05
Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts
— Drucksachen 9/2145, 9/2281 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Picard
Würtz
Gärtner
Meine Damen und Herren, im Ältestenrat ist für
die Einzelpläne 04 und 05 eine verbundene Debatte
vereinbart worden. — Ich sehe, daß das Haus damit
einverstanden ist.
Wird von den Berichterstattern das Wort
gewünscht? — Dies ist nicht der Fall. Ich eröffne die
allgemeine Aussprache. Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Dr. Dregger.
Dr. Dregger (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Am 1. Oktober
wurde Helmut Kohl zum Bundeskanzler gewählt.
In den zehn Wochen danach wurde folgendes
bewirkt:
Erstens. Die Bundesrepublik Deutschland hat
wieder eine voll handlungsfähige Regierung, die
sich auf eine Mehrheit stützen kann, die zur
Zusammenarbeit, d. h. auch zum Kompromiß bereit und
fähig ist.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Zeit der Lähmung und der Zerstrittenheit, die
die letzten Jahre der Regierung Schmidt
gekennzeichnet hatten, ist beendet. In Bonn wird wieder
regiert und zielstrebig gearbeitet.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Spöri [SPD]: Schneidg, schneidig!)
Innenpolitisch galt es zunächst, die Fahrt in den
finanziellen Abgrund abzubremsen — nicht zu
stoppen; das ist in acht Wochen nicht zu machen — und
erste wirksame Anstöße für die
Wirtschaftsbelebung und damit für die Eindämmung der
Massenarbeitslosigkeit zu geben. Das geschieht zum Teil
durch Maßnahmen der Ressorts, die den Haushalt
nicht berühren, z. B. im Geschäftsbereich des
Bundesministers für Forschung und Technologie oder
des Bundesministers für das Post- und
Fernmeldewesen, im übrigen durch den Nachtragshaushalt
1982 und den Ergänzungshaushalt 1983, die wir mit
den Begleitgesetzen am Donnerstag dieser Woche
verabschieden werden.
Ich möchte diese Haushaltsgesetze politisch
bewerten als das erste Gesetz und das zweite Gesetz
zur Wiederherstellung der wirtschaftlichen und
finanziellen Stabilität der Bundesrepublik
Deutschland.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
In dieser Bezeichnung kommt unsere Entschlossen
-
heit zum Ausdruck, gleichsam im Taktverfahren
unser Land Schritt für Schritt aus der Krise
herauszuführen.
Meine Damen und Herren, mit diesen Gesetzen,
die unter dem Druck einer sich verschärfenden
Wirtschafts- und Finanzkrise in kurzer Zeit
entworfen, beraten und beschlossen werden mußten,
haben beide, die neue Regierung und die neue
Koalition, ihre erste große Bewährungsprobe bestanden
— mit Bravour bestanden, möchte ich sagen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Wehner [SPD]: Selbstlob!)
Außenpolitisch kam es für die neue Regierung
darauf an, Irritationen im westlichen Bündnis
auszuräumen, die nicht nur durch die sogenannte
Friedensbewegung, sondern auch durch
widersprüchliche Positionen innerhalb der Regierungspartei SPD
entstanden waren.
(Westphal [SPD]: Gestern war die letzte!)
Auch diese außenpolitische Aufgabe wurde in
einem Ausmaß und in einer Schnelligkeit erfüllt, wie
es nur wenige erwartet hatten. Zu diesem ohne
Zweifel weitgehend persönlichen Erfolg des
Bundeskanzlers möchte ich ihm unseren Glückwunsch
aussprechen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Diese in nur zehn Wochen erreichten Erfolge der
Regierung Kohl/Genscher erlauben es, ohne
Schaden für unser Land den Weg zu Neuwahlen zu
öffnen. Diese Neuwahlen werden von allen
demokratischen Parteien und, wie die demoskopischen
Umfragen bestätigen, auch von der großen Mehrheit
der Wähler gewollt. Der Bundeskanzler hat sich
entschlossen, zu diesem Zweck den Antrag nach
Art. 68 des Grundgesetzes zu stellen. Die
Abstimmung über diesen Antrag wird am Ende dieser
Woche stattfinden. Da aber beides, die Verwirklichung
unseres Gesetzgebungsprogramms und die
Abstimmung über diesen Antrag, unmittelbar aufeinander
folgen und beides auch in einem inneren
Zusammenhang steht, möchte ich gleich zu Beginn der
Debatte dazu einige Bemerkungen machen.
Die neue Regierung hat von der neuen Koalition
einen inhaltlich und zeitlich begrenzten Auftrag
erhalten. In der Bundestagsdebatte am 13. Oktober
habe ich das Regierungsprogramm als ein
Programm der Konzentration auf das jetzt Wichtigste
und Dringlichste bezeichnet. Andere bedeutsame,
aber weniger dringliche Aufgaben z. B. in der
Innen- und Rechtspolitik blieben in den
Koalitionsvereinbarungen und im Regierungsprogramm
ausgespart.
Der inhaltlichen Begrenzung entspricht die
zeitliche Begrenzung des Regierungsauftrags. Es war
von Anbeginn Geschäftsgrundlage der neuen
Koalition, daß sie sich am 6. März 1983 den Wählern
stellt.
(Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!)
Auf der Grundlage dieses inhaltlich und zeitlich
begrenzten Auftrages wurde Helmut Kohl zum
Bundeskanzler gewählt.
Diesen politischen möchte ich einige wenige
verfassungsrechtliche Bemerkungen hinzufügen.
(Westphal [SPD]: Da sind wir aber ge
-
spannt!)
Der Bundeskanzler ist jederzeit berechtigt, den
Antrag nach Art. 68 des Grundgesetzes zu stellen.
Dieser Antrag richtet sich an uns, den Deutschen
Bundestag.
Für die Fraktion der CDU/CSU erkläre ich: Um
die Wirtschafts- und Finanzkrise meistern und die
schwerwiegenden außenpolitischen
Entscheidungen, vor denen wir stehen, treffen zu können,
braucht die Regierung eine volle Legislaturperiode.
Deshalb wollen wir Neuwahlen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Um für den Herrn Bundespräsidenten eine klare
Entscheidungsgrundlage zu schaffen, füge ich
hinzu: Ohne Neuwahlen sind wir nicht bereit, diese
oder eine andere Regierung parlamentarisch zu
unterstützen. Wir haben diesen Entschluß nicht aus
Willkür, sondern aus wohlerwogenen Gründen
gefaßt. Deshalb ist er unumstößlich.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
neten der FDP)
Auch bei kritischer Prüfung wird man sagen
müssen: Mit diesem Entschluß bleiben wir
Abgeordneten im Rahmen der Rechte, die die
Verfassung uns zuweist. Die politischen Erwägungen, die
unserem Beschluß zugrunde liegen, sind unsere
Sache. Daß wir, die freigewählten Abgeordneten des
deutschen Volkes, unsere Entscheidungen allein
nach unserem Gewissen zu treffen haben,
(Westphal [SPD]: Und uns der Stimme ent
halten!)
entspricht dem Wortlaut und dem Geist unserer
Verfassung, dem Geist der repräsentativen
Demokratie. Deshalb sind wir überzeugt: Unsere
Entscheidung ist verfassungsgemäß.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
neten der FDP)
Unsere Haltung in der Neuwahlfrage ist
eindeutig, wahrhaftig und für jedermann verständlich. Sie
ist auch mutig.
(Dr. Spöri [SPD]: Na?)
Wir treten nicht mit haltlosen Versprechungen und
Geschenken vor die Wähler — und, meine Damen
und Herren, nicht mit Unwahrheiten, wie andere
Regierungen es zuvor getan haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
neten der FDP)
Bei uns wird es weder einen Renten- noch einen
Finanzbetrug geben. Auf unser Wort kann sich
jeder verlassen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Unruhe bei
der SPD)
Angesichts der schwierigen Wirtschafts- und
Finanzlage setzen wir bei dieser Wahl unser ganzes
Vertrauen in unser Volk.
(Dr. Spöri [SPD]: Er trieft vor
Selbstgerechtigkeit, dieser Mensch!)
Wir trauen ihm die Bereitschaft zu, mit uns
gemeinsam auf dem von uns aufgezeigten Weg die Krise in
Freiheit zu meistern.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Einige Beispiele mögen unsere Haltung
erläutern. Erstens. Um die Renten zu sichern, hat die
Regierung eine Rentenerhöhungspause für ein
halbes Jahr anordnen müssen.
(Walther [SPD]: Anordnen?)
Der Bundesminister für Arbeit, unser Freund und
Kollege Dr. Norbert Blüm,
(Zuruf von der SPD: Tusch!)
hat das zum Anlaß genommen,
(Zuruf von der SPD: Der
Lohnpausenminister!)
die Tarifpartner zu bitten, diesem Beispiel zu
folgen.
Anders als z. B. die sozialistische Regierung in
Frankreich, die einen gesetzlichen Lohn- und
Preisstopp eingeführt hatte, lehnen wir jeden Dirigismus
ab.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Unsere Gewerkschaften und Unternehmer sind und
bleiben in ihren Entscheidungen frei. Aber sie
müssen die Verantwortung tragen, die aus ihrer
Freiheit erwächst. Auf diese ihre Verantwortung weisen
wir sie mit Nachdruck hin.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Auch Herrn
Steinkübler!)
Wir vertrauen darauf, daß sie dieser ihrer
Verantwortung gerecht werden auf diesem oder einem
anderen Weg.
(Zuruf von der SPD: In diesem unseren
Lande!)
Zweitens. In den Bereichen, in denen Regierung
und Parlament selbst die Verantwortung tragen,
nehmen wir sie wahr. Die Regierung hat nicht die
Tarifverhandlungen für die Angestellten und
Arbeiter des öffentlichen Dienstes abgewartet, um, wie
bisher üblich, auf ihrer Grundlage die Entscheidung
über die Beamtenbesoldung zu treffen. Die
Regierung hat die Erhöhung der Beamtenbesoldung
vorweg auf 2 % begrenzt.
(Dr. Klejdzinski [SPD]: Ist das kein
Dirigismus?)
Das bringt gewiß Probleme mit sich, auch für die
Gewerkschaften. Aber in einer Lage wie der
jetzigen muß die Regierung in ihrem eigenen
Verantwortungsbereich Signale setzen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Drittens. Die Haushaltspläne 1982 und 1983 sehen
trotz unserer außerordentlichen
Sparanstrengungen immer noch eine Nettoneuverschuldung vor,
deren Höhe wir beklagen, im Gegensatz zur SPD-
Fraktion, die ja voll damit einverstanden ist.
(Reuschenbach [SPD]: Das glauben Sie
doch selbst nicht!)
— Das haben Sie in der letzten Debatte erklärt.
Vielleicht haben Sie Ihren Kollegen nicht
zugehört.
Die theoretisch denkbaren Alternativen haben
wir sorgfältig geprüft und verworfen. Eine weitere
Kürzung von Leistungen wäre jetzt ebenso falsch
wie noch stärkere Steuer- und Abgabenerhöhungen
oder der Verzicht auf vorgesehene
Investitionsanreize für die Bauwirtschaft. In den Zwängen der
Wirtschafts- und Finanzkrise, die wir nicht
gemacht, sondern vorgefunden haben, haben wir
weder resigniert noch falsche Zahlen vorgelegt. Wir
haben uns für den möglichen Weg entschieden, der
solide und wahrhaftig ist. Dieser Weg wird
verkörpert durch den Bundesfinanzminister Gerhard
Stoltenberg.
(Dr. Spöri [SPD]: Und Lambsdorff vor allen
Dingen!)
Das Vertrauen in seine Finanzpolitik hat
wesentlich dazu beigetragen, daß sich die Bundesbank in
der Lage sah, in relativ kurzem Abstand zweimal
die Zinsen zu senken.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Diese Zinssenkung verbessert die
Investitionsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und, wie ich hoffe,
auch ihre Investitionsbereitschaft.
(Dr. Klejdzinski [SPD]: Karneval haben
wir noch nicht!)
Viertes Beispiel: BAföG. Als es zunächst für
Studenten und dann für Schüler eingeführt wurde, hatten
wir nicht nur finanzielle Handlungsspielräume, die
inzwischen verlorengegangen sind, viele Politiker
waren damals auch von der falschen These des
Professor Picht beeindruckt, der für die
Bundesrepublik Deutschland einen Bildungsnotstand wegen zu
geringer Abiturienten- und Akademikerzahlen
voraussagte. Jetzt ist der Bildungsnotstand da, aber
aus anderen Gründen. Nach vorliegenden
Schätzungen werden z. B. in den kommenden Jahren ca.
150 000 zu Lehrern ausgebildete junge Menschen
keinen Arbeitsplatz in ihrem erlernten Beruf finden
— eine tragische Tatsache für die Betroffenen, auch
für uns, wie ich finde.
Notwendig ist hier zweierlei. Die einseitige
Bevorzugung des Abiturs und des akademischen
Studiums in der Bildungsförderung muß beendet
werden.
(Sehr richtig! bei der SPD)
Die praktischen Bildungsgänge müssen
demgegenüber in den Vordergrund treten.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD)
Ein tüchtiger Facharbeiter oder Handwerksmeister
wird bei der gegenwärtigen Akademikerinflation
bessere Zukunftschancen haben als ein
Akademiker,
(Dr. Linde [SPD]: Warum sind Sie nicht
Handwerker geworden?)
der sich auf einen überfüllten Beruf vorbereitet und
dort nur Durchschnittliches leistet.
Auf der anderen Seite, meine Damen und Herren,
darf der berufliche Aufstieg nicht an den
Einkommensverhältnissen scheitern. Das ist nicht nur ein
Gebot der sozialen Gerechtigkeit. Die Förderung
von Begabten ist auch notwendig, um unseren Rang
als Wissenschaftsnation und damit als
Industrienation zu behaupten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das aus finanziellen Gründen eingeschränkte
BAföG muß daher durch eine gezielte
Begabtenförderung ergänzt werden. Eine Kommission des
Präsidiums meiner Partei arbeitet zur Zeit an
entsprechenden Vorschlägen. Meines Erachtens ist das ein
Feld, dem die Länder als Träger der Kulturhoheit
ihre besondere Aufmerksamkeit widmen sollten.
Ein Entschließungsantrag der Koalitionsfraktionen
weist ebenfalls in diese Richtung.
Meine Damen und Herren, diese vier Beispiele
sollen deutlich machen, daß wir auf nahezu allen
Feldern der Politik umdenken müssen, daß wir
besonnen, selbstkritisch und entschlossen handeln
müssen, wenn wir die Krise in Freiheit meistern
wollen.
In den 70er Jahren hat die Politik die Menschen
zu Ansprüchen ermuntert, die von vornherein über
unsere Möglichkeiten hinausgingen.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Diese Ansprüche wurden zum Teil auf Pump
befriedigt, d. h. auf Kosten der Zukunft. Viele Bürger
haben gespürt, daß das nicht so weitergehen würde.
Jetzt sind wir — wie voraussehbar — an unsere
Grenzen gestoßen. Rückblickend wird man sagen
müssen, daß es eine Kultur der Unbescheidenheit
war,
(Walther [SPD]: Bitte, was?)
die in den 70er Jahren propagiert wurde. Die
Regierungen Brandt und Schmidt haben das zunächst
gefördert, nachher hingenommen. Die Kraft, das
Steuer herumzuwerfen, hat ihnen gefehlt. Die
Balance von Anspruch und Pflicht ging dabei verloren.
Das hat die Menschen nicht zufriedener gemacht,
im Gegenteil.
(Dr. Spöri [SPD]: Aber jetzt kommt
Dregger!)
Zum Fordern erzogen lernten viele junge Menschen
das Glück der Leistung nicht kennen.
(Lachen bei der SPD)
Was man der eigenen Leistung verdankt, das
genießt man mit Stolz.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei der FDP
— Zurufe von der SPD)
Was man zum Geschenk erhält, ohne es vorher oder
nachträglich verdienen zu müssen, das wird man
verachten, übrigens mitsamt dem Schenker, sei es
der Staat oder der eigene Vater.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Solange wir über unsere Ansprüche besser
Bescheid wissen als über unsere Pflichten, sind wir
zur Unzufriedenheit verurteilt.
(Zuruf von der SPD: Bei Flick trifft das
zu!)
Noch eines: Junge Menschen haben ein Recht auf
Vorbilder. Vorbilder sind wir Älteren nur dann,
wenn wir klare Positionen beziehen und dabei auch
die Gegnerschaft junger Menschen aushalten. Es
ist nicht ungewöhnlich, daß junge Menschen
mögliche Vorbilder prüfen, indem sie sie bekämpfen. Sie
prüfen auch, ob unser Reden mit unserem Handeln
übereinstimmt. Sie beachten, was uns wichtiger ist:
die Menschen selbst oder irgendwelche Sachwerte.
Zeiten der Einschränkung sind auch Zeiten der
Besinnung.
(Dr. Spöri [SPD]: Jetzt kommt die besinnli
-
che Phase!)
In dieser Besinnung steckt die große Chance, näher
zusammenzurücken, meine Damen und Herren von
der SPD, und das Wesentliche von dem
Unwesentlichen zu unterscheiden.
Sparsamer zu leben bedeutet zugleich, mehr
Verständnis zu entwickeln
(Zuruf von der SPD: Sparen Sie mal!)
für das, was wir wirklich brauchen. Aber es geht für
einen Politiker gewiß nicht darum, das einfache
Leben zu predigen. Die Politik muß auch neue Wege
aufzeigen.
Ein Beispiel. Wenn die Arbeitnehmer durch
Lohnzurückhaltung Investitionen ermöglichen, um
dadurch ihre Arbeitsplätze zu sichern, und wenn
durch diese Lohnzurückhaltung das
Produktivvermögen wächst,
(Zuruf des Abg. Dr. Spöri [SPD])
dann ist es ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit, die
Arbeitnehmer an diesem auch durch ihre
Lohnzurückhaltung wachsenden Produktivvermögen zu
beteiligen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das soll nicht zwangsweise durch Gesetz
angeordnet werden. Die Entscheidungsfreiheit des
einzelnen Arbeitnehmers und des Unternehmens
(Zuruf des Abg. Dr. Ehmke [SPD])
sollen gewahrt bleiben. Das Gesetz soll lediglich die
Rahmenbedingungen schaffen; aushandeln müssen
es die Gewerkschaften und die Arbeitgeber.
Ich habe darüber in den letzten Wochen mit allen
Beteiligten gesprochen. Das positivste und
konstruktivste Echo auf der Gewerkschaftsseite habe
ich bei der DAG und dem CGB gefunden.
(Zurufe von der SPD)
Auch bei Einzelgewerkschaften des DGB gibt es
positive Ansätze. Ich bin überzeugt, daß der DGB in
einigen Jahren allgemein dieser Entwicklung
folgen wird, wenn wir Ihr nur Bahn brechen.
Eine Kommission des Präsidiums meiner Partei
arbeitet an der Verbesserung und
Vervollständigung eines Gesetzentwurfes, den das Land
Niedersachsen im Bundesrat eingebracht hat. Nach dem
6. März werden wir ein solches Gesetz
verabschieden.
(Dr. Ehmke [SPD]: Oh!)
Was wir jetzt brauchen, sind Partnerschaft und
Solidarität. Solidarität, zu der sich
Sozialdemokraten und Freie Demokraten ebenso bekennen wie
wir, heißt, die Freiheitsspielräume nicht nur zu
nutzen, sondern ihnen auch einen auf das Ganze
bezogenen Sinn zu geben.
(Zurufe von der SPD)
Nur wer die Grenzen der Freiheit achtet, wird die
Freiheit behalten. Nur wer den Rechtsstaat als ein
hohes Gut hütet, wird vor dem Unrechtsstaat
bewahrt bleiben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ein letzter Gedanke in diesem Zusammenhang.
In Zeiten der Krise müssen wir Gegensätze, die uns
trennen, zurückstellen. Solidarität heißt hier auch,
füreinander einzutreten statt gegeneinander
anzutreten.
(Dr. Spöri [SPD]: Nennen Sie doch
Gegenbeispiele! — Weitere Zurufe von der SPD)
Was alle Demokraten verbindet, auch Sie und
uns, meine Damen und Herren von der SPD, zählt
in Zeiten der Krise doppelt. Das sollten wir nicht
vergessen, auch nicht in dem Wahlkampf, der uns
bevorsteht.
(Dr. Spöri [SPD]: Erst prügeln, dann
säuseln!)
— Wenn Sie sich meinem Stil anpassen, dann
haben wir einen guten parlamentarischen Stil.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Widerspruch und Lachen bei der SPD)
Was für die Innenpolitik gilt, gilt auch für die
Außenpolitik. Der Regierungswechsel ist nicht die
Stunde Null. Die neue Regierung hat das Erbe so
anzunehmen, wie es ist,
(Zuruf von der CDU/CSU: Leider!)
um es dann weiterzuentwickeln.
(Zuruf von der SPD: Das braucht Ihr
nicht!)
Die neue Bundesregierung steht in der
Kontinuität ihrer Vorgängerregierungen, allerdings nicht
nur in der Kontinuität der unmittelbar
vorausgegangenen Regierungen Brandt und Schmidt,
sondern auch in der Kontinuität der Regierungen
Adenauer, Erhard und Kiesinger.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf von der
SPD: Und Brüning!)
Diese unionsgeführten Regierungen haben die
Grundlagen geschaffen, auf denen Existenz und
Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland
beruhen. An diesen Grundlagen zu rütteln, wie es
manche in den letzten Jahren versucht haben,
heißt, an den Grundlagen unserer freien Existenz
zu rütteln.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Zu erinnern ist an folgende drei große
Vertragswerke.
Erstens an den Deutschlandvertrag des Jahres
1952. Er verpflichtete die drei Westmächte auf ein
nationales und demokratisches Ziel der Deutschen:
auf ein wiedervereinigtes Deutschland mit einer
demokratischen Verfassung.
Zweitens nenne ich den Beitritt zur NATO im
Jahre 1955. Er war Ausfluß der Erkenntnis, daß wir
als Mittelmacht an der Grenze zwischen Ost und
West nicht allein bestehen, daß wir Frieden und
Freiheit nur im Bündnis mit denen bewahren
können, die unsere Wert- und Verfassungsordnung
teilen.
Drittens. Die dritte Grundlage unserer
freiheitlichen Existenz ist die schrittweise Einigung der
freien Völker Europas. Europarat, WEU,
Montanunion, Wirtschaftsgemeinschaft und Europäische
Gemeinschaft sind die Stationen, die zurückgelegt
wurden. Auch dieses Werk ist unvollendet. Wir
beglückwünschen den Außenminister und FDP-
Vorsitzenden Genscher zu der Initiative, die er
zusammen mit dem Außenminister Italiens zur
Fortentwicklung der Europäischen Gemeinschaft ergriffen
hat.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Unsere Politik gegenüber der Sowjetunion und
den anderen sozialistischen Ländern muß vor allem
der Sicherung des Friedens dienen. Für uns
Deutsche gibt es zum Frieden wirklich keine
Alternative. Unser Land würde bei Ausbruch eines
europäischen Krieges — ob atomar oder konventionell —
Hauptkriegsschauplatz sein und damit nahezu
vollständig zerstört werden. Frieden entsteht nicht aus
Unterwerfung oder Unterwerfungsbereitschaft. Er
ist das Ergebnis von Abwehrfähigkeit, verbunden
mit der Bereitschaft, mit dem möglichen Gegner
zusammenzuarbeiten. Daß Abwehrfähigkeit eine
unentbehrliche Komponente der Friedenssicherung
ist, war in den 60er Jahren noch nahezu
unbestritten.
In den 70er Jahren folgte dann der
Hochkunjunktur in der Wirtschaft die Hochkonjunktur in den
guten Absichten, sehr unüberlegten guten
Absichten allerdings, die die Natur des Menschen ebenso
verkennen wie die geschichtlichen Erfahrungen
und die politischen Kraftfelder, die von außen auf
uns einwirken. Es ist ein geistig-moralischer
Hochmut, der dem materiellen Hochmut gefolgt ist.
Gepflegt wird er vor allem in Alternativkulturen, in
der Propaganda der Angst und der sogenannten
Friedensbewegung. Was wir erleben, ist eine Krise,
die unser Menschenbild betrifft. Um ihr zu
begegnen, muß gesagt werden, daß radikaler Idealismus
die Gewalt fördert. Der Mensch ist nicht durchweg
gut. Er bleibt der Unsicherheitsfaktor Nummer 1.
Das ist keine Frage des politischen oder
gesellschaftlichen Systems, sondern ein Wesenszug der
gefallenen, wie wir Christen sagen, der sündhaften
Natur des Menschen. Der Mensch will und bewirkt
nicht nur das Gute; er will und tut auch das Böse.
Deshalb bedarf er wie der Staat, der ihm Schutz
gewährt, der Sicherung nach innen und außen. Wer
es mit guten Absichten rechtfertigt, auf uns
gerichtete offensive Systeme zu verkennen, der wird über
kurz oder lang dem Machtwillen dieser Systeme
erliegen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wer aus Friedenswillen auf die Sicherung des
Friedens durch Abwehrfähigkeit verzichtet, der
verspielt den Frieden und dazu die Freiheit, ohne die
es einen menschenwürdigen Frieden nicht geben
kann.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Aus dieser Einschätzung der Natur des
Menschen, aus der geschichtlichen Erfahrung und einer
realistischen Beurteilung der Weltlage heraus
stehen wir Christlichen Demokraten voll hinter der
Nordatlantischen Allianz. Wir bekennen uns zu
ihrer Wertordnung und zu ihrem rein defensiven
Sicherheitskonzept.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Der NATO-Doppelbeschluß, der Helmut-Schmidt-
Doppelbeschluß, wie er auf Grund der besonderen
Verdienste des früheren Kanzlers um diesen
Beschluß mit Recht genannt wird, ist verbindlich. Die
SPD sollte nicht den Eindruck entstehen lassen, sie
würde derartige Beschlüsse als leere Hülsen
betrachten, die man einfach wegwerfen könne, nur
um innerparteilichen Schwierigkeiten zu entgehen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, die sowjetischen
Mittelstreckenraketen bedrohen nicht die Vereinigten
Staaten von Amerika, die sie gar nicht erreichen
können; sie bedrohen uns. Es waren die Europäer,
die die USA gedrängt haben, dieser Bedrohung ein
Gegengewicht in Europa entgegenzustellen. Helmut
Schmidt vor allem war es, der das als erster
gefordert hat. Die Amerikaner jetzt dafür zu
beschimpfen, daß sie dieser Forderung nachgekommen sind,
und ihnen unsinnige Atomkriegspläne zu
unterstellen, ist nicht nur ein Erfolg der sowjetischen
Desinformationskampagne, sondern auch ein Zeichen für
das kurze Gedächtnis und das mangelnde politische
Urteilsvermögen mancher Publizisten und Politiker
in Europa.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir wünschen dem Verhandlungsteil des NATO-
Doppelbeschlusses in Genf Erfolg, damit die
Nachrüstung vermieden werden kann. Wir fordern alle
Beteiligten, auch und insbesondere die
Sowjetunion, auf, außer dem eigenen Sicherheitsbedürfnis
auch das Sicherheitsbedürfnis der anderen zu
würdigen. Nur eine gegenseitige Rücksichtnahme kann
dem Rüstungswahnsinn, der sich in einer
Überrüstung äußert, ein Ende setzen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Im Verhältnis zu unseren osteuropäischen
Nachbarn geht es aber nicht nur um Sicherheit und
Handelsaustausch; es geht auch um die
Wiederherstellung eines alten Vertrauensverhältnisses, das durch
die Erschütterungen der letzten Jahrzehnte, durch
Krieg, Mord und Vertreibung unterbrochen worden
ist. Ich habe kürzlich einen hochrangigen
sowjetischen Gesprächspartner nicht nur als Vertreter der
UdSSR, sondern auch als einen Vertreter des
russischen Volkes begrüßt, denn hinter den Systemen,
die ja nicht ewig sind, stehen die Menschen und in
ihrer historischen Kontinuität die Völker. Ich habe
diesen Vertreter der Sowjetunion und des
russischen Volkes gebeten, in mir nicht nur den Inhaber
eines bestimmten Amtes in der Bundesrepublik
Deutschland zu sehen, sondern ebenfalls einen
Vertreter des deutschen Volkes, und zwar des ganzen
deutschen Volkes. Ich habe ihn an die langen und
glücklichen Perioden der deutsch-russischen
Geschichte erinnert, in denen unsere Länder auf der
Basis der Gleichheit Partner waren. Ich habe
gemeint, das sollte die Perspektive für unsere
künftigen Beziehungen sein, die die Wiederherstellung
der Rechte des deutschen Volkes einschließen
müßte.
Das, was ich jetzt sage, richtet sich an die
Adresse aller, nicht nur der Sowjetunion: Jeder im
Westen und im Osten sollte davon ausgehen, daß
die Vollendung der Einheit und Freiheit
Deutschlands in freier Selbstbestimmung — so formuliert
es das Grundgesetz, und der Herr Bundeskanzler
hat es in seiner Regierungserklärung unterstrichen
— immer das Ziel deutscher Politik bleiben wird.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich weiß, daß die Sowjetunion das nicht gern hört,
der eine oder andere westliche Politiker oder
Publizist ebenfalls nicht. Aber was andere gern hören,
kann ja nicht der einzige Maßstab unserer
politischen Ziele und unseres politischen Handelns sein.
(Schröder [Lüneburg] [CDU/CSU]: Sehr
gut!)
Die Teilung unseres Landes und die Teilung seiner
Hauptstadt, Teilungen, die nur durch Mauer,
Stacheldraht, Minen und Schießbefehl
aufrechterhalten werden können, verstoßen gegen die
rechtlichen und sittlichen Normen der
Völkergemeinschaft.
(Beifall der der CDU/CSU und der FDP)
Das sollte niemand verdrängen, weder die
Sowjetunion noch unsere Verbündeten, noch wir selbst,
meine Damen und Herren.
Der Grundvertrag und die Ostverträge sind
bindendes Recht. Sie haben aber an der Gültigkeit des
Deutschlandvertrags nichts geändert, wie es durch
den Brief zur deutschen Einheit, die gemeinsame
Entschließung des Deutschen Bundestags vom
7. Mai 1972, die salvatorischen Klauseln in den
Verträgen selbst und durch die einschlägigen
Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts eindeutig
klargestellt worden ist.
Die Sieger des Zweiten Weltkrieges stehen heute
in verschiedenen Lagern, aber die Verantwortung
für Deutschland als Ganzes tragen sie gemeinsam.
Die Besiegten sind für den Krieg verantwortlich,
die Sieger für den Frieden. Zu dieser gemeinsamen
Verantwortung der Sieger gehört auch die Pflicht,
das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes
und die Menschenrechte in ganz Deutschland zu
verwirklichen. Nur diese gemeinsame Pflicht kann
heute, über 35 Jahre nach dem Ende des Krieges,
die Mitwirkungsrechte der Siegermächte in
Deutschland rechtfertigen.
Machtausübung zu anderen Zwecken, etwa zur
dauernden Rechtsverweigerung den Deutschen
gegenüber, wäre ebenso illegitim, wie jede
Machtausübung illegitim ist, die nicht den rechtlichen und
sittlichen Normen der Völkergemeinschaft
entspricht.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir alle wissen, daß die Wiederherstellung der
Rechte unseres Volkes nur im Einvernehmen mit
allen Nachbarn verwirklicht werden kann. Auch
deshalb wollen wir die Ostverträge mit Leben
erfüllen. Das steht mit unserem Oppositionsverhalten
bei der Erarbeitung und der Verhandlung dieser
Verträge nicht im Widerspruch. Wir wollten vor
allem bessere Verträge, wir wollten zur Wahrung der
nationalen Interessen des deutschen Volkes für
diese Verträge eine Interpretation durchsetzen, die
wir dann in gemeinsamen Entschließungen und
einschlägigen Verfassungsgerichtsentscheidungen
auch erreicht haben.
Nachdem die Verträge gültig sind, sind sie zu
Instrumenten der deutschen Außenpolitik
geworden. Nur auf ihrer Grundlage können wir Politik
machen, die Vertrauen erweckt. Nur so können wir
im Interesse unseres Volkes die Möglichkeiten
nutzen, die auch diese Verträge uns bieten. Dazu sind
wir entschlossen, wie schon die ersten Wochen der
Arbeit der neuen Regierung eindrucksvoll gezeigt
haben.
Meine Damen und Herren, insbesondere der
SPD, vielleicht ist das eine außenpolitische
Perspektive, auf die sich die große Mehrheit des
Hauses einigen kann. Ich sage das, weil wir Christlichen
Demokraten gerade in der Außen- und
Sicherheitspolitik den Konsens mit allen demokratischen
Kräften, insbesondere selbstverständlich auch mit der
großen Sozialdemokratischen Partei, wünschen.
Wir jedenfalls stehen in der Kontinuität der
Friedens- und Sicherheitspolitik aller Regierungen der
Bundesrepublik Deutschland. Wir würden es
begrüßen, wenn das auch von den Sozialdemokraten
ausnahmslos gesagt werden könnte. Es wäre tragisch
für Sie und es läge nicht in unserem nationalen
Interesse,
(Bindig [SPD]: Das bestimmen Sie?!)
wenn Sie gerade die Kontinuität mit den Teilen
unserer Außen- und Sicherheitspolitik aufkündigen
würden, die den besonderen Stempel des letzten
Bundeskanzlers tragen, den Sie gestellt haben.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Zum Schluß dieser außenpolitischen
Bemerkungen möchte ich dem Herrn Bundeskanzler danken
für die kluge, jede Schroffheit nach außen
vermeidende und zugleich souveräne Art, in der er die
deutschen Interessen wahrnimmt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Unser Dank gilt auch dem Herrn
Bundespräsidenten, der es in hervorragender Weise versteht, unser
Land auch nach außen mit Würde und Klugheit zu
vertreten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP so
-
wie bei Abgeordneten der SPD)
Es war das Ergebnis besonderer Umstände, daß
vor wenigen Wochen zwei wichtige Begegnungen
gleichzeitig stattfanden. Der Herr Bundespräsident
traf als erstes westliches Staatsoberhaupt mit dem
neuen sowjetischen Generalsekretär in Moskau
zusammen; gleichzeitig verhandelte der Herr
Bundeskanzler mit dem amerikanischen Präsidenten in
Washington.
(Bindig [SPD]: Er radebrechte!)
Beide Gespräche, in Moskau wie in Washington,
verliefen in guter, von gegenseitigem Respekt
getragener Atmosphäre, in Washington auf Grund der
engen Bündnisbeziehungen natürlich in besonderer
Herzlichkeit.
Was im zeitlichen Zusammentreffen ein Zufall
war, hat doch symbolische Bedeutung. Die
Bundesrepublik Deutschland ist heute wegen ihrer Stärke
und wegen ihrer Besonnenheit ein geachteter
Friedensfaktor der internationalen Politik. Daß die
neue Regierung besonders geeignet ist, der sich
daraus ergebenden Verantwortung gerecht zu
werden, hat damit zu tun, daß sie sich auf Parteien
stützen kann, an deren geschlossener Bündnistreue
ebensowenig gezweifelt werden kann wie an ihrer
Bereitschaft, den Frieden zu wahren und zu diesem
Zweck auch eng mit der Sowjetunion und den
sozialistischen Ländern zusammenzuarbeiten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Es ist die innere Übereinstimmung zwischen
Regierung und Koalition, die unserem Eintreten für
den Frieden besonderes Gewicht verleiht. So soll es
bleiben im Interesse des Friedens und im Interesse
des deutschen Volkes.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP)
Präsident Stücklen: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Dr. Ehmke.
Dr. Ehmke (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Vor zwei Monaten hat der Herr
Bundeskanzler in seiner Regierungserklärung für die
Rechtskoalition von CDU/CSU und FDP
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
einen politischen Neuanfang, eine wirtschaftliche
Wende und eine geistig-politische Erneuerung
versprochen. Wir Sozialdemokraten haben bereits
damals darauf hingewiesen, daß das
Zustandekommen dieser Regierung, ihre personelle
Zusammensetzung und ihr Koalitionsprogramm nicht zu
einem Gewinn, sondern zu einem Verlust an Stabili
tät und politischer Glaubwürdigkeit führen
werden.
(Beifall bei der SPD — Lachen bei der
CDU/CSU)
Die vergangenen Wochen haben uns in unseren
Sorgen und Befürchtungen bestätigt.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Der Bundeskanzler hat zwar ein beachtliches
Programm an Reisen, Lächeln und Händeschütteln
absolviert. Auch die übrigen Regierungsmitglieder
sind fleißig in die Medien gegangen, und der
Propagandaapparat der CDU läuft auf Hochtouren. Die
tatsächlichen Probleme unseres Landes aber,
verehrte Kollegen, haben sich verschärft.
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Dazu haben Sie in
13 Jahren einen Beitrag geleistet!)
Daher ist es zu begrüßen, daß diese
Übergangsregierung abtritt.
(Beifall bei der SPD)
Die Art, in der Sie, Herr Bundeskanzler, die Frage
der Neuwahlen in Unklarheit wochenlang vor sich
hergeschoben haben, war allerdings eine
zusätzliche Zumutung für den Bürger, vom Herrn
Bundespräsidenten gar nicht zu sprechen.
(Beifall bei der SPD)
Wir Sozialdemokraten wollen seit Wochen
Neuwahlen.
(Lachen bei der CDU/CSU — Dr. Waigel
[CDU/CSU]: Höchstens in Ihrer Fraktion
wollen Sie Neuwahlen!)
Wir werden Ihre Vertrauensfrage aus politischer
Überzeugung mit einem klaren Nein beantworten.
(Beifall bei der SPD)
Die verfassungsrechtliche Verantwortung, Herr
Bundeskanzler, für den Weg zu Neuwahlen, den Sie
gewählt haben, liegt allerdings allein bei Ihnen.
(Beifall bei der SPD)
Bei uns gibt es unter diesem Aspekt gegen den von
Ihnen gewählten Weg Bedenken. Wir hätten einen
Rücktritt für die saubere Lösung gehalten.
(Beifall bei der SPD — Schwarz [CDU/
CSU]: Das hätten Sie mit Schmidt machen
sollen!)
Daß die Kollegen von der FDP Neuwahlen mit
gemischten Gefühlen entgegensehen, kann man
verstehen. Die FDP befindet sich nach Ihrem
Wortbruch in einem desolaten Zustand; das Hamburger
Wahlergebnis wird das erneut bestätigen. Viele
Mitglieder haben die Partei verlassen. Die Restpartei
hat uns in den vergangenen Wochen ein
jammervolles Schauspiel geboten.
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Meinen Sie
Matthäus-Maier?)
Scheinkämpfe etwa um den BAföG-Abbau oder um
den Rhein-Main-Donau-Kanal standen Seite an
Seite mit einem kläglichen Umfallen selbst in so
wichtigen politisch-moralischen Fragen wie denen
der Kriegsdienstverweigerung oder der
Menschenrechte in der Türkei.
(Beifall bei der SPD)
Die Kritiker, glaube ich, haben recht: Eine zu
einem Mitläufer der Unionsparteien werdende FDP
hat keine politische Funktion mehr, sie ist
überflüssig.
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Nur als Mehrheits
-
beschaffer für Sie, da geht es!)
Die FDP befürchtet daher zu Recht, daß ihr die
Wähler am Wahltag diese Tatsache bestätigen
werden.
Die Unionsparteien dagegen hoffen, nach
Neuwahlen ohne die FDP regieren zu können. Das
voreilige Gerangel um Ministerposten ist dabei ein
erneuter Ausdruck ihres schon beim Sturz von
Bundeskanzler Schmidt deutlich gewordenen Mangels
an Respekt vor dem Wähler. Jetzt muß aber erst
einmal der Wähler das Wort haben, damit sich die
neue Regierung — anders als die
Übergangsregierung — in einer schwierigen Zeit für ihre Politik
auf ein Vertrauensvotum des Wählers stützen
kann.
(Schwarz [CDU/CSU]: Das wird sie bekom
men!)
Diese Übergangszeit hat auch durchaus ihr Gutes
gehabt, vor allem in Sachen politischer Klarheit.
Selbst die Unionsparteien beteuern nun eifrig, daß
unsere wirtschaftlichen Schwierigkeiten Folgen
einer Weltwirtschaftskrise sind.
(Lintner [CDU/CSU]: Erblast!)
Die Unwahrheit Ihrer Oppositionsaussage, an allem
seien nur die Sozial-Liberalen schuld,
(Lintner [CDU/CSU]: So ist es!)
schleppen Sie zwar in Ihrer „Erblast"-Kampagne
noch weiter mit sich herum. Angesichts der
Entwicklung der Weltwirtschaftskrise schlägt diese
Kampagne aber mehr und mehr gegen Sie selbst
zurück.
(Bühler [Bruchsal] [CDU/CSU]: Abwar
ten!)
Diejenigen Bürger, vor allem junge Bürger,
unseres Landes, die dem Eindruck erlegen waren, es
gebe zwischen den Unionsparteien und der SPD gar
keine Unterschiede mehr, sind von Ihnen in einem
Schnellkurs eines Besseren belehrt worden.
(Beifall bei der SPD)
Selbst großen Teilen Ihrer eigenen Anhängerschaft
haben Sie geradezu brutal klargemacht, daß Ihr
verbales Bekenntnis zu sozialer Gerechtigkeit in
Ihrer politischen Praxis nicht viel mehr Bedeutung
hat als Ihre erhabenen Allgemeinheiten über die
geistig-moralische Krise.
(Beifall bei der SPD)
Ihre personalpolitische Glaubwürdigkeit ist
sicher nicht dadurch größer geworden, daß Sie dem
Fall Zimmermann noch die Fälle Schwarz-Schilling
und Geißler hinzugefügt haben.
(Beifall bei der SPD — Dr. Stark [
Nürtingen] [CDU/CSU]: Das sagt Ehmke! —
Bühler [Bruchsal] [CDU/CSU]: Sie haben es
nötig!)
Ihre Glaubwürdigkeit ist auch nicht dadurch
gewachsen, daß Sie verfassungsrechtliche Bedenken
etwa in den Fragen der Zwangsanleihe oder in den
Fragen des Finanzausgleichs geflissentlich beiseite
geschoben haben.
(Hauser [Krefeld] [CDU/CSU]: Professor
Dreckschleuder!)
Schließlich sind Sie nicht dadurch glaubwürdiger
geworden, daß Sie an Ihren verhängnisvollen
Plänen zum Abbau des sozialen Mietrechts und der
Ausbildungsförderung sowie zur weiteren
Verschlechterung des
Kriegsdienstverweigerungsverfahrens festgehalten haben, obwohl doch selbst
viele Ihnen nahestehende Organisationen und
Personen gegen Ihre Vorhaben massive Bedenken
erhoben haben. Die Art, wie Sie diese Gesetze durch
den Bundestag gepeitscht und die Anhörungen zur
Farce gemacht haben, hat darüber hinaus der
Glaubwürdigkeit unseres parlamentarischen
Verfahrens geschadet.
(Beifall bei der SPD)
Und all das, verehrte Damen und Herren von den
Unionsparteien, für eine tief fragwürdige Politik.
Über diese Politik sagen die zwei Monate Ihrer
Übergangsregierung mehr aus, als alle Wahlreden
und Wahlversprechen noch aussagen werden. An
Ihren Taten kann man Sie in der Tat erkennen.
(Schwarz [CDU/CSU]: Das wollen wir
auch!)
Sie haben sich zwar angesichts der Neuwahlen
noch zurückgehalten, aber das, was Sie getan
haben, reicht durchaus aus, dem Bürger deutlich zu
machen, wie Ihre Politik aussehen würde, wenn Sie
nach Neuwahlen etwa keine Rücksicht mehr zu
nehmen hätten.
(Dr. Stark [Nürtingen] [CDU/CSU]: Ach, ist
das primitiv!)
Sie haben vor wenigen Wochen großsprecherich
verkündet, das wirksamste Konjunkturprogramm
sei ein Regierungswechsel.
(Zurufe von der CDU/CSU: Richtig!)
Dieses politische Eigenlob ist schneller geplatzt als
eine Seifenblase.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
Die Wirtschaftskrise, verehrte Kollegen, hat sich
in den letzten zwei Monaten erheblich verschärft.
Die wirtschaftlichen Trendzahlen, nicht nur die
Arbeitslosenzahlen, sind fast alle negativ.
(Zuruf des Abg. Schwarz [CDU/CSU])
Es gibt einzelne positive Einsprengsel, auch sie
übrigens Erbe der sozialliberalen Koalition, etwa die
Nichterhöhung oder gar Senkung von
Krankenkassenbeiträgen oder die Fortsetzung der
Zinssenkungspolitik der Bundesbank. Aber wir sind der
Meinung: Man darf diese Zeichen nicht
überschätzen.
Die sozialliberale Regierung hat sich, leider, von
Graf Lambsdorff und anderem sogenanntem
wirtschaftlichem Sachverstand 1980 einreden lassen,
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Ich denke, die
wurde von einem Weltökonomen geleitet!)
wir hätten es nur mit einer „Flaute" zu tun, die wir
im ersten Halbjahr 1981 „durchsegeln" würden, um
dann wieder einen wirtschaftlichen Aufschwung zu
erleben. Jetzt, verehrte Kollegen, sind wir am
Jahresende 1982 und die sogenannte Flaute sieht eher
wie ein Sturmtief aus.
Angeblich aus Gründen der
Wirtschaftspsychologie abgegebene zu optimistische
Lagebeurteilungen waren und bleiben fatal. Das gleiche gilt für zu
optimistische Prognosen. 3 % Wachstum für 1983
hat Herr Lambsdorff noch vor wenigen Monaten
geweissagt. Verehrte Kollegen von den
Unionsparteien, wir haben bitteres Lehrgeld für diese Fehler
im Jahre 1980 gezahlt. Machen Sie doch nicht noch
einmal den gleichen Fehler.
(Beifall bei der SPD — Dr. Stark [Nürtin
-
gen] [CDU/CSU]: Die Bürger haben ge
zahlt!)
Wir müssen uns der Tatsache der
Weltwirtschaftskrise stellen. Der Kanzlerkandidat der SPD,
unser Freund Jochen Vogel, hat in
Übereinstimmung mit Helmut Schmidt zu Recht auf die
Notwendigkeit gemeinsamer internationaler
Anstrengungen hingewiesen. Und da sieht es nicht gut aus.
In den GATT- wie in den EG-Verhandlungen ist es
diesmal nicht gelungen, die Versuchungen des
Protektionismus zurückzuweisen. Dieser Fehlschlag,
Herr Kollege Dregger, wird auch nicht dadurch
wettgemacht, daß Sie uns wiederholt versichern,
das Konferenzklima sei besonders gut gewesen.
Der amerikanisch-europäische Streit um den
freien Welthandel auch mit dem Osten ist nicht
beigelegt. Der Herr Bundeskanzler hat zwar nach
seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten von
einer „substantiellen Einigung" gesprochen, in
Wirklichkeit hat man sich aber lediglich auf die
Einsetzung einiger Kommissionen einigen können.
In der Politik gegenüber der Dritten Welt
schließlich hat der neue Minister für wirtschaftliche
Zusammenarbeit deutlich werden lassen, daß sich die
Vorstellungen der Unionsparteien mühelos mit den
ideologischen Vorstellungen der amerikanischen
Rechten in Übereinstimmung bringen lassen. Zwar
ist Herrn Warnke inzwischen offenbar bis zur
Neuwahl Zurückhaltung anempfohlen worden, aber das
Zögern der Bundesregierung hinsichtlich der
Zustimmung zur Seerechtskonvention spricht in
bezug auf ihre Anpassung an amerikanische
Positionen eine ebenso beredte wie alarmierende Sprache.
Denn gerade die amerikanische Politik hat — und
nicht nur in bezug auf die Dritte Welt — in den
vergangenen Jahren wesentlich zu den Turbulenzen
der Weltwirtschaft beigetragen.
(Dr. von Geldern [CDU/CSU]: Bar jeder
Sachkenntnis!)
Sie hat das übrigens aus dem gleichen
neokonservativen Geist heraus getan, der auch diese
Rechtskoalition beseelt.
Die Warnungen und Empfehlungen der Brandt
Kommission
(Zuruf von der CDU/CSU: Des Bibel-
Verkäufers!)
hinsichtlich der Entwicklung des Nord-Süd-
Verhältnisses werden in den Wind geschlagen, obwohl
unsere eigene wirtschaftliche Zukunft und die
Zukunft unserer Kinder von der Lösung dieser Fragen
abhängt.
(Sehr wahr! bei der SPD)
Die nationalen wirtschaftlichen Faktoren und
Indikatoren haben sich ebenfalls verschlechtert, teils
auf Grund der weltwirtschaftlichen Entwicklung,
teils auf Grund der von der Übergangsregierung
eingeschlagenen Politik. Ich verstehe zwar, meine
Damen und Herren von der Rechtskoalition, daß
Sie sich dagegen zu wehren suchen,
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Ausgerechnet ein
Linksprofessor spricht von einer
„Rechtskoalition"!)
daß diese Verschlechterung Ihnen angekreidet
wird. Aber Sie sind insoweit doch nur die Opfer
Ihrer eigenen Propaganda aus der Oppositionszeit.
(Beifall bei der SPD)
Wer so oft und so laut verkündet hat, an allen
wirtschaftlichen Schwierigkeiten seien nur die
Sozialdemokraten schuld, der darf sich nicht wundern,
wenn die Bürger jetzt von ihm die schnelle
Einlösung seiner leichtsinnigen Versprechen fordern.
(Beifall bei der SPD)
Im übrigen haben wir schon in der Debatte über
die Regierungserklärung und in der ersten Lesung
des Haushalts 1983 dargelegt, warum die von Ihnen
eingeschlagene Politik die Krise noch verschärft,
Sie also für die negative Entwicklung
mitverantwortlich sind.
Sie geben Steuergelder an Leute zurück, die diese
Gelder nicht investieren, sondern weit eher wieder
in hochverzinslichen Papieren anlegen werden. Auf
der anderen Seite schränken Sie durch Ihre
massiven Einschnitte in die Sozialleistungen und durch
die Mehrwertsteuererhöhung die Nachfrage und
damit den Binnenmarkt zusätzlich ein mit der
Gefahr, daß sich daraus ein selbstnährender
Schrumpfungsprozeß entwickelt. Unser
Beschäftigungsprogramm lehnen Sie ab. Die ohnehin schon
eng begrenzten Möglichkeiten der Gemeinden zu
öffentlichen Investitionen schränken Sie weiter ein,
und dies trotz des Protestes von
Kommunalpolitikern aus Ihren eigenen Reihen.
(Beifall bei der SPD)
Industriepolitisch wird bei Ihnen, und zwar
keineswegs nur im Bereich von Kohle und Stahl, die
verhängnisvolle Tendenz deutlich, die Dinge
treiben zu lassen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist doch gar
nicht wahr! — Weitere Zurufe von der
CDU/CSU)
Wir Sozialdemokraten wissen, daß auch wir mit
unseren Vorschlägen die Arbeitslosigkeit nur
dämpfen, nicht aber schnell beseitigen könnten. Aber wir
haben die Bundesrepublik mit unserer Politik
besser über die Krise gebracht als jedes andere
vergleichbare Land,
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
und an diesem Maßstab werden Sie sich messen
lassen müssen.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Sie versagen sich aber nicht nur einer aktiven
Beschäftigungspolitik. In enger Bindung an den
Arbeitgeberverband tabuisieren Sie auch das Thema
der Arbeitszeitverkürzung. Einige Kollegen von
Ihnen machen da zwar inzwischen im Gegensatz zum
Bundeskanzler Lockerungsübungen. Aber Sie
haben unser Arbeitszeitgesetz ebenso abgelehnt wie
unseren im Beschäftigungsprogramm enthaltenen
Vorschlag einer Vor-Ruhestands-Regelung, die auf
Anregungen des Kollegen Döding zurückgeht.
Dabei ist es in der ernsthaften Diskussion ganz
unbestritten, daß die Arbeitszeitverkürzung in einer
„Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht", um
Hannah Arendt zu zitieren, genauso wichtig ist wie die
Schaffung neuer Arbeitsplätze durch private und
öffentliche Investitionen.
Gerade an diesem Thema wird auch deutlich, daß
die heutige Krise der Weltwirtschaft — Herr
Bürgermeister von Dohnanyi hat es hier neulich
skizziert —
(Kolb [CDU/CSU]: Laubfrosch! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
andere Ursachen hat und daher andere Fragen
aufwirft als die Weltwirtschaftskrise der 20er und der
30er Jahre. Von der Aufbauphase nach dem Krieg
ist die heutige Situation so grundverschieden, daß
Ihre Hoffnung, die Probleme der 80er Jahre mit
einer Rückkehr zur Politik der 50er Jahre lösen zu
können, nur als eitel bezeichnet werden kann.
(Beifall bei der SPD)
In der Literatur — ich habe mich leider nicht
mehr rechtzeitig erinnert, bei welchem Autor —
gibt es die Geschichte von einer stillgelegten
Fabrik, an deren Tor zu lesen stand: „Wegen
Reichtums geschlossen." Angesichts des in den letzten
Jahrzehnten ständig gewachsenen Reichtums in
der westlichen Welt könnten wir heute an die
Fabriktore vieler stillgelegter Betriebe schreiben:
„Wegen ungerecht verteilten Reichtums geschlossen."
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Jetzt kommt der Klassenkampf! —
Oh-Rufe und weitere Zurufe von der CDU/
CSU)
Das gilt international wie national, und es gilt auch
für die Verteilung der Arbeit.
(Zurufe von der CDU/CSU)
— Meine Damen und Herren der Rechtskoalition,
die Sie sich bei der Erörterung der die Menschen
unseres Landes bedrückenden Probleme so
amüsieren,
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
ich will Ihnen etwas sagen: Ich verstehe Ihr
hämisches Zwischenrufen; denn in Denkanstößen der
Alternativen findet sich mehr Nachdenkliches über
diesen Umbruch unserer Arbeitsgesellschaft als in
Ihrem ganzen ideologischen Neokonservatismus.
(Beifall bei der SPD)
Präsident Stücklen: Herr Abgeordneter Ehmke,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Cronenberg?
Dr. Ehmke (SPD): Mit Vergnügen.
Cronenberg (FDP): Herr Kollege Ehmke, mit
Rücksicht auf das Schild vor Ihrer geschlossenen
Fabrik erlaube ich mir die Frage: Können Sie dem
Hohen Hause die Unternehmen nennen, die wegen
zuviel Eigenkapital und zuviel Geld pleite gemacht
haben?
(Heiterkeit und Beifall bei der FDP und
der CDU/CSU)
Dr. Ehmke (SPD): Herr Kollege Cronenberg, für
einen so intelligenten Wirtschaftspolitiker wie Sie
(Zurufe von der CDU/CSU: Antwort!)
sollte es deutlich sein, daß eines der Probleme in
der Weltwirtschaft das Problem ist, daß die einen
nicht mehr kaufen können, was die anderen
exportieren möchten, um ihren Lebensstandard zu
halten. Wenn Sie sich nicht freimachen von dem
Denken, daß wir das unter uns regeln könnten, wenn
wir nicht einsehen, daß nicht mangelnder Reich
-
tum, sondern falsch verteilter Reichtum einer der
Gründe dieser Weltwirtschaftskrise ist, werden wir
aus dieser Krise keinen Ausweg finden.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
Wir fürchten aber nicht nur, daß Ihre Politik die
Wirtschaftskrise verschärfen wird.
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: War das bei der
Neuen Heimat auch so?)
Wir fürchten auch, daß sie den sozialen Konsens
gefährden wird und damit eine der
Voraussetzungen, mit der Krise sozial und politisch fertig zu
werden.
Wir Sozialdemokraten haben schon angesichts
Ihrer Koalitionsvereinbarungen von einer
Umverteilung von unten nach oben gesprochen. Wir
können von diesem Vorwurf nichts zurücknehmen. Im
Gegenteil!
(Beifall bei der SPD)
Die Einzeldurchrechnung Ihrer Gesetzesvorhaben
zeigt, in welch rücksichtsloser, ja schamloser
Weise
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: Na, na!)
Sie die Kosten dieser Krise auf dem Rücken der
einkommensschwachen Schichten abladen wollen.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Deswegen verkauft Herr Brandt
seine Bücher!)
Ich finde es sehr beachtenswert, verehrte Frau
Kollegin Geiger, daß auch die zahlreichen
Warnungen und Proteste aus Ihren eigenen Reihen, von
Ihren Leuten im Städtetag, von Ihren Leuten im
VdK, im Caritas-Verband und Familienbund, an
Ihnen vorbeigegangen sind wie ein Regen, der an
einer Ölhaut abläuft.
(Beifall bei der SPD)
Ich wiederhole, was ich hier schon in der Debatte
um die Regierungserklärung gesagt habe: Es ist
unbestritten, daß es angesichts der Krise nicht so
weitergeht wie bisher. Es ist unbestritten, Kollege
Dregger, daß wir alle uns einschränken müssen.
Aber was Sie offenbar nicht akzeptieren wollen, ist
das, was wir sagen: daß allen voran die sich
einschränken müssen, die den meisten Bauchspeck
haben.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Ehmkes Hosen!)
Sie aber nehmen gerade diese Gruppen von der
Belastung aus.
Ich kann mir vorstellen, daß Sie sich so sehr als
Vertreter derer, die da haben, fühlen, daß dieser
Vergleich Sie nicht berührt. Aber vielleicht hören
Sie ihn doch einmal mit größerem Ernst an, denn
die Menschen draußen empfinden das als ein
Problem.
(Beifall bei der SPD — Schwarz [CDU/
CSU]: Sie sind charakterlich ein Problem!)
Sie ersparen den Einkommensstarken unter dem
Tarnmantel einer rückzahlbaren Zwangsanleihe
(Schwarz [CDU/CSU]: Sie sollten sich schä
-
men!)
eine steuerliche Ergänzungsabgabe. Gleichzeitig
machen Sie die von der sozialliberalen Koalition
bereits vereinbarte Kürzung der Vorteile aus dem
Ehegatten-Splitting rückgängig. Sie beschenken die
Einkommensstarken mit einer Reihe neuer
Steuervergünstigungen, und die von Ihnen so gefeierte
Begrenzung des Kindergeldes gleichen Sie durch
die Wiedereinführung steuerlicher
Kinderfreibeträge wieder aus.
(Beifall bei der SPD)
Zeigen Sie mir einen mit hohem Einkommen, der
nach Ihrer Politik irgendeinen Beitrag zur
Überwindung der Krise leistet! Das findet nicht statt.
(Beifall bei der SPD — Pohlmann [CDU/
CSU]: Klassenkämpfer!)
Die einkommensschwachen Gruppen unserer
Gesellschaft aber belasten Sie mit erhöhter
Mehrwertsteuer, die nicht zurückgezahlt wird. Dabei
sinken die Reallöhne, und die Anpassung der Renten
wird von Ihnen weiter zurückgeschnitten. Sie
ermöglichen massive Mieterhöhungen und kürzen
das Wohngeld. Außerdem kürzen Sie das
Kindergeld und heben die Bildungs- und
Ausbildungsförderung für die Kinder einkommensschwacher
Familien praktisch auf. Bei Familien, bei denen sich
diese Ihre Kürzungen kumulieren, führt Ihre
Politik zu einer sozialen Katastrophe.
(Beifall bei der SPD)
Ebenso gehen Sie mit den sozial Schwächsten
um. Sie schränken das Arbeitslosengeld ein, und für
die Sozialhilfeempfänger drücken Sie die
Leistungsanpassung für das Gesamtjahr 1983 auf 1 %.
Bei einer Preissteigerungsrate von 4,5 % — ich
wähle die untere Grenze, die genannt worden ist —
bedeutet das eine Kürzung der Einkommen der
sozial Schwächsten um real 3,5 %. Und obendrein
wollen Sie noch die Berechnungsgrundlage, den
Warenkorb, zum Nachteil der Sozialhilfeempfänger
ändern.
Verehrte Kollegen, wem in diesem Lande wollen
Sie eigentlich erklären, daß diese Politik, die
Großen zu schonen und die Kleinen zu belasten, etwas
mit den Worten „sozial" oder „christlich" zu tun
hat?
(Beifall bei der SPD)
Welch drastischer Umverteilungsprozeß von
Ihnen eingeleitet wird, zeigt sich u. a. im Bereich des
Wohnens. Während Sie das Haus- und
Wohnungseigentum — allerdings auf eine in sich ungerechte
Weise — verstärkt fördern, demontieren Sie
gleichzeitig das im Grundgesetz verankerte, von der
sozialliberalen Koalition, j a, auch von Ihnen — denn
Sie haben ja 1974 unserem Mietrecht
zugestimmt —, das also von uns allen ausgebaute
soziale Mietrecht.
Sie eröffnen mit dieser Politik neben der
Grundstücks-Spekulation auch der Umwandlungs
Spekulation Tür und Tor. Es droht eine Verdrängung
sozial schwacher Mieter, die man eines Tages
vielleicht in Erinnerung an das Bauernlegen des
Mittelalters als „Mieterlegen" bezeichnen wird.
(Beifall bei der SPD — Lachen bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Diesen Prozeß fördern Sie noch durch eine
Kürzung des Wohngeldes, von der etwa die Hälfte der
wohngeldberechtigten Familien betroffen wird.
(Zuruf von der CDU/CSU: Fehlt bloß noch
die Behauptung, wir seien
Menschenfresser; dann haben Sie alles gesagt!)
Wie mein Fraktionskollege Ernst Waltemathe hier
erst am vergangenen Freitag noch einmal dargelegt
hat, nehmen Sie Kürzungen des Wohngeldes bis zu
50% vor, wodurch die soziale Lage insbesondere von
Schwerbeschädigten und von Kinderreichen
drastisch verschlechtert wird.
(Zustimmung bei der SPD — Zuruf von der
CDU/CSU: Da haben selbst die eigenen
Genossen nicht geklatscht!)
Oberbürgermeister aus Ihren eigenen Reihen wie
auch der Deutsche Städtetag haben Sie darauf
hingewiesen, daß diese Wohn- und Mietenpolitik nicht
nur zu einer weiteren massiven Belastung der
Gemeinden im Bereich der Sozialhilfe führen muß,
sondern die Gemeinden auch vor das Problem der
Unterbringung einer wachsenden Zahl von
Obdachlosen stellen wird. Aber auch diese Mahnungen aus
Ihren eigenen Reihen scheinen Sie von Ihrer
neokonservativen Gesellschaftspolitik nicht abbringen
zu können.
Genauso schlimmm sind die Kürzungen der
Bildungs- und Ausbildungsförderung, insbesondere
des Schüler-BAföG. Lassen Sie mich dazu einmal
drei konkrete Beispiele anführen.
Erstes Beispiel: Eine Familie mit zwei Kindern,
14 und 17 Jahre alt; die 17jährige Tochter besucht
die 11. Klasse eines Gymnasiums; der Vater ist
Facharbeiter, Alleinverdiener, Nettoeinkommen
1 750 DM. Die Familie erhält für die 17jährige
Tochter heute 275 DM Schüler-BAföG. Ab Herbst 1983 —
natürlich erst nach dem Wahltag; erst soll gewählt
werden, dann soll rasiert werden —
(Zuruf von der CDU/CSU: Wir sagen es
doch vorher!)
entfällt die Förderung.
(Zuruf des Abg. Schwarz [CDU/CSU])
— Herr Kollege Schwarz, denken Sie, bevor Sie hier
viel zwischenrufen, einmal über die Zahlen nach:
Damit entfallen 13,5 % der der Familie zur
Verfügung stehenden Mittel.
Zweites Beispiel: Eine alleinerziehende
Verkäuferin mit zwei Kindern und einem Nettoeinkommen
von 1 400 DM hat bisher 550 DM für ihre Kinder in
Klasse 12 eines Gymnasiums und Klasse 11 einer
Fachoberschule erhalten.
(Zuruf von der CDU/CSU. Wer hat Ihnen
das aufgeschrieben?)
Ab Herbst 1983 entfällt der Gesamtbetrag und
damit mehr als ein Viertel des bisherigen
Familieneinkommens.
(Zurufe von der CDU/CSU)
— Ich wundere mich, daß Sie da noch Zwischenrufe
machen. Sie sollten einmal darüber nachdenken,
verehrte Kollegen, was Sie in diesem Lande
eigentlich anrichten!
(Schwarz [CDU/CSU]: Was haben Sie denn
angerichtet? — Dr. Schäuble [CDU/CSU]:
Sie haben doch die Kassen geplündert! —
Schwarz [CDU/CSU]: Schade, daß man im
Parlament nicht sagen darf, was man zu
Ihnen sagen möchte! — Weitere Zurufe von
der CDU/CSU)
Ein drittes Beispiel. Eine Witwe mit einer Rente
von 900 DM erhielt bisher 490 DM BAföG für einen
Sohn in einer Berufsaufbauschule. Ab Herbst 1983
fällt diese Ausbildungshilfe fort, was eine Kürzung
des Familieneinkommens um 35 % bedeutet.
Meine Damen und Herren, dieser Kahlschlag
wird dazu führen, daß Kinder aus
einkommensschwachen Familien überhaupt nicht mehr auf
weiterführende Schulen und Berufsschulen gehen
können.
(Beifall bei der SPD — Bindig [SPD]: Das
wollen die ja! — Schwarz [CDU/CSU]:
Ausgemachter Quatsch ist das!)
Wenn die FDP das wirklich ernst genommen hätte,
Kollege Hoppe, dann hätte sie dagegen gestimmt.
(Beifall bei der SPD)
Daß diese Kinder nicht mehr auf weiterführende
Schulen gehen können, wird dazu führen, daß sich
die Klassen dieser Schulen leeren werden und daß
Sie eine dramatische Verschärfung auf dem
Ausbildungsmarkt kriegen, weil schon jetzt nicht
genügend Plätze da sind. Sie wissen das alles und
machen diese Politik doch.
(Beifall bei der SPD)
Ich wende mich noch einmal an die Kollegin
Geiger, die so besonders empört reagiert.
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: Die kann die
Unwahrheit nicht vertragen!)
Frau Kollegin Geiger, bei der öffentlichen
Anhörung haben alle angehörten Verbände Ihr
skrupelloses Vorgehen abgelehnt, vom Bundeselternbeirat
bis zum Beamtenbund, von den Jusos bis zur
Schülerunion, von den Gewerkschaften bis zu den
Jungdemokraten, vom Bundesinstitut für Berufliche
Bildung bis zur Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen.
Alle haben Sie vor diesem Weg gewarnt. Aber Sie
sind fest entschlossen, Ihren Weg in den
Sozialdarwinismus weiterzugehen.
Gerade Ihre Rückkehr zum
Dreiklassenschulrecht zeigt, daß Ihre Gesellschaftspolitik reaktionär
ist.
(Beifall bei der SPD)
Sie läuft — ich wiederhole es — auf eine
Entsolidarisierung unserer Gesellschaft hinaus. Dieser
gesellschaftspolitischen „Rolle rückwärts" hat der
Kanzlerkandidat der SPD, Hans-Jochen Vogel, den
Vorschlag eines Solidarpakts entgegengestellt,
durch den sich alle Gruppen unseres Volkes
verpflichten sollen, je nach ihrer Finanzkraft zur
Überwindung der Krise beizutragen.
(Beifall bei der SPD)
Denn, meine Herren, wir brauchen in der Tat eine
große gemeinsame Anstrengung.
(Dr. Schäuble [CDU/CSU] und Schwarz
[CDU/CSU]: Nach 13 Jahren!)
Aber wir brauchen eben nicht eine Anstrengung
der einen auf Kosten der anderen, wie Sie das
praktizieren.
(Beifall bei der SPD)
Der Wähler muß nun entscheiden, welchen Weg
unser Volk gehen soll.
(Schwarz [CDU/CSU]: Gott sei Dank! —
Sehr wahr! bei der CDU/CSU)
Angesichts des Anschauungsunterrichts, den uns
die Übergangsregierung der Rechtskoalition
geboten hat, soll sich keiner im nachhinein darüber
beschweren, er habe nicht gewußt, was die
Unionsparteien mit uns vorhaben.
(Sehr richtig! bei der SPD — Dr. Schäuble
[CDU/CSU]: Wir sagen die Wahrheit!)
Lassen Sie mich zum Schluß auf die Frage
kommen, warum Sie gegen allen Sachverstand und
gegen den Rat so vieler Leute aus Ihren eigenen
Reihen diese Politik eigentlich machen. Manchem von
Ihnen wird dann vielleicht auch erklärt, warum er
hier so heftig zwischenruft. Meiner Meinung nach
erklärt sich Ihre Politik daraus, daß Sie die
Wirklichkeit durch die Brille eines neokonservativen
Gesellschaftsmodells sehen.
(Beifall bei der SPD — Lachen bei der
CDU/CSU)
— Ich werde das jetzt vortragen. Sie werden gleich
zustimmen, Herr Kollege.
Nach diesem Modell stecken wir angeblich dank
der Machenschaften dunkler Mächte — der Linken,
der Intellektuellen, wer auch immer — in einer
geistig-moralischen Krise. Sie sei, so sagen die
Neokonservativen und die deutschen
Christdemokraten, gekennzeichnet durch mangelnden
Leistungswillen, Anspruchsdenken und fehlenden Mut zur
Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Das
führe zu einer Überlastung des Systems der
sozialen Sicherung; diese führe zu einer Finanz- und
diese wiederum zu einer Wirtschaftskrise. Wolle
man die Krise bekämpfen, müsse man also massive
Einschnitte in die Sozialleistungen vornehmen. Das
so eingesparte Geld aber müsse man den
wirtschaftlich Starken geben, damit sie die Wirtschaft
wieder ankurbeln können. — Ich wundere mich,
Herr Kollege Schwarz, daß Sie nicht klatschen. Das
ist doch die Philosophie, die Sie hier dauernd
verkaufen. Im übrigen muß man das Ganze dann
natürlich mit geistig-moralischen
Erweckungspredigten über Leistungs-, Dienst- und Opferbereitschaft
begleiten, damit die Einkommensschwachen bei
dieser Operation auch stillhalten.
Herr Kollege Dregger, ich muß Ihnen ein
Kompliment machen: Sie haben heute morgen die
vollständigste Sammlung der einschlägigen Phrasen
geboten, die ich bisher in diesem Hause gehört habe.
(Lebhafter Beifall bei der SPD)
In Wirklichkeit verläuft der
Ursachenzusammenhang aber doch gerade umgekehrt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Sie sind unüber
-
trefflich!)
Wir befinden uns — aus Gründen, die hier schon oft
analysiert worden sind — in einer erneuten Krise
der Weltwirtschaft
(Zurufe von der CDU/CSU)
mit Auswirkungen auf alle Länder in der Welt.
Diese Wirtschaftskrise führt zu einer ebenfalls
weltweiten Finanzkrise, und diese Finanzkrise
führt zu einer Infragestellung unseres bisherigen
Systems sozialer Sicherung und seiner
Finanzierung. Damit wir uns da nicht auseinanderreden: Die
Notwendigkeit des Umbaus des Systems der
sozialen Sicherung ist unbestritten.
(Zurufe von der CDU/CSU: Aha! —
Schwarz [CDU/CSU]: Nach 13 Jahren!)
Ich glaube, daß Bruno Kreisky einen guten Satz
gesagt hat, als er die Richtung dieses Umbaus mit
den Worten umschrieb: „Vom Wohlfahrtsstaat zur
sozialen Demokratie".
(Beifall bei der SPD)
Sehen Sie, unbestritten ist auch, da der Mensch
nun einmal sündhaft ist — nach meinem
christlichen Verständnis kann uns allerdings nur die
Gnade darüber hinwegtrösten; wenn ich heute
morgen recht gehört habe, Herr Kollege Dregger, tritt
bei Ihnen der Schutz des Staates an die Stelle der
Gnade —,
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Unsinn!)
daß der Wohlfahrtsstaat nicht nur seine Schwächen
und Fehler, sondern auch seine moralischen
Versuchungen hat. Auch das ist unbestritten zwischen
uns. Aber, meine Damen und Herren von den
Unionsparteien, der Wohlfahrtsstaat ist nun sicher
nicht die Ursache dessen, was Sie als geistig-
moralische Krise bezeichnen.
Lassen Sie mich dazu zunächst zitieren, was
Jochen Vogel zu diesem Thema in seiner Rede in Kiel
gesagt hat:
(Zurufe von der CDU/CSU)
Maßhalten
— so sagte Jochen Vogel —
(Zurufe von der CDU/CSU: Wie neu!)
beginnt nicht bei der Sozialhilfe, sondern bei
den Vergütungen von Aufsichtsräten, die
verschlafen, daß ihre Unternehmen aus dem
Markt fallen.
(Beifall bei der SPD — Anhaltende
lebhafte Zurufe von der CDU/CSU: Neue
Heimat!)
— Meine Damen und Herren, ich verstehe, daß Sie
das noch einmal von mir hören wollen. Ich sage es
Ihnen noch einmal. Gerade als Mitglied einer DGB-
Gewerkschaft bin ich über das, was bei der Neuen
Heimat passiert ist, noch sehr viel empörter als
Sie.
(Beifall bei der SPD — Lachen bei der
CDU/CSU)
Auch dort wurden ja nicht die
Aufsichtsratsvergütungen beschnitten.
(Zuruf von der CDU/CSU: Da wurde das
Weihnachtsgeld beschnitten! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
— Ja, ich mache Ihnen gegenüber kein Hehl
daraus. Ich finde, es ist traurig, wenn sich ein
gewerkschaftliches Unternehmen so benimmt wie andere
kapitalistische Unternehmen.
(Beifall bei der SPD — Dr.-Ing. Kansy
[CDU/CSU: Da sitzen Ihre Genossen, Herr
Ehmke! — Weiterer Zuruf von der CDU/
CSU: Der „Vorwärts"!)
— Aber Sie wollen ja sicher noch Jochen Vogel
weiter hören.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Nein!)
— Sie sind intolerant; Sie werden sich ja noch an
ihn gewöhnen müssen.
(Zuruf des Abg. Dr. Waigel [CDU/CSU])
Jochen Vogel sagte weiter:
Und die Bekämpfung von Mißbrauch beginnt
nicht beim Arbeitslosengeld, sondern bei der
Steuerhinterziehung und beim
Subventionsschwindel.
(Beifall bei der SPD)
Daß der sozial Schwächere von vornherein
eher zum Mißbrauch neige als der Stärkere, ist
eine durch nichts bewiesene Behauptung.
(Zustimmung bei der SPD)
Mehr noch: Sie ist eine Beleidigung, hinter der
kühl kalkuliertes Interesse steckt.
(Beifall bei der SPD — Dr. Spöri [SPD]:
Hervorragend!)
Aber, verehrte Kolleginnen und Kollegen, das gilt
a nicht nur für die Frage des Mißbrauchs: Die
moralischen und kulturellen Unsicherheiten unserer
Gesellschaft, die Sie als Verfallserscheinungen
beklagen, wurzeln insgesamt viel tiefer. Sie
entspringen der Zerstörung traditioneller Strukturen des
Familien- und Arbeitslebens durch die
arbeitsteilige Industriegesellschaft. Gerade unsere Art des
Wirtschaftens ist eine Ursache für die
Erscheinungen, die Sie in Form von Negativbildern aus dem
Lesebuch der heilen Welt als moralische Krise
beklagen.
Sie sind da wie alle Neokonservativen sehr
inkonsequent. Sie wollen die materiellen Ergebnisse der
arbeitsteiligen Konkurrenzgesellschaft, ja Sie
bewundern sie geradezu. Ihre negativen kulturellen
Folgen aber wollen Sie nicht dieser
Konkurrenzgesellschaft selbst, sondern einem angeblichen
Angriff auf sie zuschreiben. In Wirklichkeit war es
doch gerade der Gewinnmechanismus der
Konkurrenzgesellschaft, der den Egoismus, den Besitztrieb,
die Hab- und Prunksucht, vor allem aber die
Rücksichtslosigkeit gefördert hat, die den Gemeinsinn
und die Solidarität der Menschen in der
Industriegesellschaft zu untergraben drohen.
(Beifall bei der SPD)
Jochen Vogel hat in diesem Zusammenhang sehr
zu Recht Papst Johannes Paul II. zitiert.
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Den Papst! Um
Gottes willen! — Schwarz [CDU/CSU]: Das
von Ehmke! — Weitere Zurufe von der
CDU/CSU)
— Es ehrt mich, daß Sie beim Papst offenbar die
gleiche Begeisterung zu Zwischenrufen entwickeln
wie bei mir. Ich darf ihn trotzdem zitieren.
(Heiterkeit bei der SPD — Windelen [CDU/
CSU]: „Ich und der Papst"! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
Papst Johannes Paul II. hat gesagt:
Das notwendige wirtschaftliche Wachstum mit
seinen ihm eigenen Gesetzmäßigkeiten muß in
die Perspektive einer ganzheitlichen und
solidarischen Entwicklung der einzelnen
Menschen und Völker einbezogen werden.
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Lassen Sie doch
den Papst aus dem Spiel!)
Sonst wird der Teilbereich wirtschaftlichen
Wachstums so übermächtig, daß er den
gesamten Bereich des menschlichen Lebens seinen
partiellen Erfordernissen unterordnet, dabei
die Menschen erstickt, die Gesellschaft zersetzt
und schließlich in den eigenen Spannungen
und Exzessen steckenbleibt.
So weit Papst Johannes Paul II.
(Schwarz [CDU/CSU]: Sehr gut!)
Sie aber, meine Damen und Herren von der
Rechtskoalition,
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Jawohl, Herr
Linksprofessor! — Unruhe bei der CDU/
CSU und der FDP)
drehen das Rad doch gerade zurück. Sie machen
doch eine Politik gegen mehr soziale und
wirtschaftliche Mitbestimmung. Sie machen doch eine
Politik gegen mehr Solidarität in dieser
Industriegesellschaft.
(Beifall bei der SPD — Dr. Waigel [CDU/
CSU]: Jawohl, Herr Linksprofessor! —
Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Wer hat denn
zu Unrecht in einer subventionierten
Wohnung gewohnt, Herr Ehmke? — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
Vielleicht bringe ich Sie doch noch zu einem
Hauch von Nachdenklichkeit, wenn ich Ihnen
vorführe, wie Ihr schiefes Verhältnis zur Wirklichkeit
sich in Widersprüchen zwischen dem niederschlägt,
was Sie einerseits sagen, und dem, was Sie
andererseits tun.
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Das müssen
gerade Sie sagen!)
Sie sagen einerseits — und daran ist manches —,
wir hätten zuviel Staat. Aber diese verbale
Liberalität bezieht sich nur auf den wirtschaftlichen
Bereich. Im Bereich etwa der Meinungs- und
Versammlungsfreiheit treten Sie andererseits jeweils
für mehr staatliche Regulierung ein.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
Sie sagen einerseits, wir hätten zuviel Bürokratie.
Andererseits haben Sie in den zwei Monaten Ihrer
Übergangsregierung einen traurigen Rekord an
unsinniger Bürokratisierung aufgestellt,
(Beifall bei der SPD — Schwarz [CDU/
CSU]: Auch das noch!)
in der Änderung des Verfahrens für
Kriegsdienstverweigerer ebenso wie in der Ausgestaltung der
sogenannten Zwangsanleihe, in der Neuregelung
des Kindergelds ebenso wie in der
Selbstbeteiligung an den Krankenhauskosten.
(Beifall bei der SPD)
Sie sagen einerseits: Wir brauchen mehr
Leistung. Aber Sie fördern andererseits die
leistungslosen Einkommen aus Grundstücks- und
UmwandlungsSpekulation.
(Beifall bei der SPD)
Fängt man an, das Leistungsthema genauer zu
diskutieren, so zeigt sich bald: Ihre Leistungsideologie
ist nicht viel mehr als ein Instrument im Kampf
gegen demokratische Gleichheit.
(Beifall bei der SPD)
Was mich in der Sozialpolitik erstaunt, ist
folgende Schizophrenie: Sie sprechen einerseits vom
Anspruch der Familie aus Art. 6 Grundgesetz auf
den Schutz des Staates. Andererseits kritisieren Sie
das Anspruchsdenken — und bauen
dementsprechend den Schutz der Familie ab: im Mietrecht, in
der Bildungs- und Ausbildungsförderung, im
Kindergeld wie im Wohngeld —, was Sie wiederum
nicht daran hindert, den Frauen weiterhin ein
Erziehungsgeld zu versprechen, obwohl Sie wissen,
daß das Milliarden kosten würde und daß diese
Milliarden nicht da sind.
Und, meine Damen und Herren von den
Unionsparteien, was sollen eigentlich die unserer Hilfe
bedürftigen Kinder und Alten mit Ihrer Aufforderung
zu mehr Leistung, mehr Selbständigkeit und mehr
Eigenverantwortung anfangen?
(Beifall bei der SPD)
Ist es denn nicht gerade auch nach dem
Grundgesetz die Aufgabe der Gesellschaft, ihnen die
Voraussetzungen für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit
bzw. für soziale Sicherheit im Alter zu schaffen?
Sind wir uns darüber etwa nicht mehr einig?
In Wahrheit ist es doch so — die Kollegen
Dohnanyi und Mikat waren sich hier neulich darüber
einig —: Die arbeitsteilige Konkurrenzgesellschaft
mit ihrer Mobilität und Spezialisierung hat die
Großfamilie unwiderruflich zerrissen. Mit ihrer
Mobilität, mit ihrer Akkord- und Schichtarbeit, auch
mit der Arbeit beider Elternteile gefährdet sie
heute selbst die ,,Rest"-Familie. Und Sie fördern in
Ihrem wirtschaftlich-politischen Handeln diesen
Prozeß, um ihn dann in Ihren familienpolitischen
Sonntagsreden lauthals zu beklagen.
(Beifall bei der SPD)
Um nur ein Beispiel zu geben: Herr Bundeskanzler,
Sie haben neulich in Ihrer Regierungserklärung
von der Familie gesprochen, die wieder unter einem
Dach wohnen können solle. Ihre gerade beschlos
-
sene Wohnungspolitik wird aber vielen Familien
ihre Wohnung und damit ihr Zuhause nehmen.
(Beifall bei der SPD — Dr.-Ing. Kansy
[CDU/CSU]: Das ist doch absolute
Verleumdung, was Sie da machen!)
Sie beklagen einerseits die Einsamkeit und die
Beziehungslosigkeit vieler Menschen in unserer
Gesellschaft, und Sie möchten sie andererseits mit
Dutzenden von Kabelfernsehprogrammen
überschütten. Meine Damen und Herren, praktisch
gesehen ist es doch so: Ihnen ist die Aufhebung von
sogenannten Investitions-Hemmnissen noch immer
wichtiger als die Lebensqualität einzelner
Menschen und Familien.
(Beifall bei der SPD)
Ihre Politik steht nicht nur in diesem Punkt im
direkten Gegensatz zu den Mahnungen und
Anregungen der Kirchen. Ich muß dies leider sagen: Die
Berufung auf die kirchliche Soziallehre dient den
Unionsparteien heute leider im wesentlichen nur
noch zur Bemäntelung einer strikt
interessengebundenen Wirtschaftspolitik.
(Beifall bei der SPD)
Wir Sozialdemokraten sind dagegen der
Meinung, daß die Fortsetzung einer Wirtschaftspolitik,
die die Krise nur verschärft, daß die Fortsetzung
einer Sozialpolitik, die die Schutzbedürftigen
gerade in der Stunde der Not schutzlos werden läßt,
und die Fortsetzung einer Gesellschaftspolitik, die
der Entwicklung zu mehr demokratischer
Gleichheit den „Herrn-im-Hause"-Standpunkt
entgegenstellt, für unser Volk ein politisches Unglück wäre.
(Beifall bei der SPD)
Darum bitten wir die Bürgerinnen und Bürger
unseres Landes,
(Zuruf von der CDU/CSU: Die sind nicht so
dumm, wie Sie sie brauchen!)
dieser Politik durch ihre Stimmabgabe am 6. März
ein Ende zu setzen.
(Beifall bei der SPD)
Wir sind der festen Überzeugung, daß es dem
inneren Frieden dieses Landes dienen würde,
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: ... wenn Sie
aufhören, zu reden!)
wenn diese Übergangsregierung eine bloße Episode
bliebe.
(Anhaltender lebhafter Beifall bei der
SPD)
Präsident Stücklen: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Hoppe.
(Abgeordnete der SPD verlassen den Saal
— Seiters [CDU/CSU]: Guckt sie euch an!
— Weiterer Zuruf von der CDU/CSU: Das
ist deren Solidarität!)
Hoppe (FDP): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Der Kollege Ehmke hat ganz sicher zum
Kapitel 04 03 gesprochen. Ich weiß nicht, ob er weiß,
was das ist.
(Zuruf von der CDU/CSU)
— Er muß es ja nicht wissen, wahrlich nicht. Das
wissen auch viele andere Kollegen nicht. Es ist das
Kapitel Bundespresseamt. Die Rede stand ja wohl
auch unter dem Motto „Popanz und Propaganda".
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, wenn der Kollege
Ehmke als Rechtsprofessor mit seiner Rede so in
die Linkskurve geht, um von der „Rechtskoalition"
sprechen zu können, wird er damit auch nicht mehr
lange durch den TÜV kommen.
(Große Heiterkeit und Beifall bei der FDP
und der CDU/CSU — Dr. Waigel [CDU/
CSU]: Er sieht auch schon ein bißchen ab
-
gelagert aus!)
Es ist das zweite Mal in der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland, daß der Bundestag vor
seiner vorzeitigen Auflösung steht. Daß wir heute
erneut über eine Entscheidung im Zusammenhang
mit Art. 68 des Grundgesetzes debattieren, hat
ebensowenig wie vor zehn Jahren etwas mit einer
Bankrotterklärung einer Regierung oder mit
Mißtrauen gegenüber dem amtierenden Bundeskanzler
zu tun.
(Zurufe von der SPD)
Im Gegenteil: Die Regierung Kohl/Genscher wird
nach nur 77tägiger Bewährungsfrist eine
außerordentlich erfolgreiche Bilanz vorlegen können.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Lachen bei der SPD)
Die Parteien, die jetzt in Bonn die Regierung
bilden, hatten sich vorgenommen, einen
konjunkturgerechten Haushalt und die dazu erforderlichen
Begleitgesetze zu verabschieden. Ich nehme an, daß
ich mit allseitiger Zustimmung feststellen kann: Die
zusätzlichen Einsparungen von 5,6 Milliarden DM
im konsumtiven Bereich wären mit der SPD nicht
möglich gewesen; denn die Summe dieser
Maßnahmen nennt die Opposition ja „Umverteilung von
unten nach oben".
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Aber gerade diese gewiß unpopulären Maßnahmen
sind notwendige Schritte zur Gesundung der
Staatsfinanzen.
(Zustimmung bei der FDP und der CDU/
CSU)
Dabei kommt es nicht einmal so sehr auf die
konkrete Zahl bei den Einsparungen oder bei der
Nettokreditaufnahme an, sondern, wie Hans
Barbier in der „Süddeutschen Zeitung" schon am
21. Mai dieses Jahres feststellte: „Für die
Etatplanung '83 wird wirtschaftspolitische Zielsicherheit
verlangt."
Diese Zielsicherheit, Konsequenz und Stringenz
haben Regierung und Regierungsparteien in den
letzten Wochen unter Beweis gestellt. Wir konnten
dabei auf einer urliberalen Erkenntnis aufbauen,
die jahrtausendelang den Ökonomen als
Richtschnur diente. Allerdings dürfte sie schon im Jahre
55 vor Christus alles andere als populär gewesen
sein. Damals formulierte Cicero:
Der Staatshaushalt muß ausgeglichen sein. Die
öffentlichen Schulden müssen verringert
werden.
(Zuruf von der SPD)
Die Arroganz der Behörden muß gemäßigt und
kontrolliert werden. Die Zahlungen an
ausländische Regierungen müssen verringert werden,
wenn der Staat nicht bankrott gehen soll. Die
Leute sollen wieder lernen zu arbeiten, statt
auf öffentliche Rechnung zu leben.
(Erneuter Zuruf von der SPD)
Meine Damen und Herren, wir haben ein
Mammutprogramm hinter uns gebracht, das oftmals
hart an die Belastungsgrenze der Solidität
parlamentarischer Beratungsabläufe ging. Nur die
äußerst kollegiale Rücksichtnahme in und zwischen
den in der parlamentarischen Arbeit tangierten
Entscheidungsgremien ermöglichte überhaupt eine
fristgerechte Vorlage des Haushalts. Dennoch, die
Bilanz kann sich sehen lassen.
Unterstützung kommt ja jetzt auch von außen.
Nach den erfreulichen Beschlüssen der
Bundesbank sinken jetzt endlich auch bei den
Geschäftsbanken die Zinsen, und die Bauwirtschaft, ein
besonders sensibler Indikator, verspürt Aufwind. Und
doch wird die wirtschaftliche Entwicklung von sich
noch weiter verschärfenden Problemen am
Arbeitsmarkt geprägt sein; denn von einer raschen
Änderung der konjunkturellen Misere kann im Moment
wahrlich niemand sprechen. Wir stehen vor einem
Problemberg, der uns noch viel Mühe, Schweiß und
Entbehrung abnötigt.
Schnelle und vernünftige Beschlüsse der neuen
Koalition hat es jedoch auch auf anderen Gebieten
als auf dem Gebiet der Haushaltspolitik gegeben.
Wir haben mit der Technischen Anleitung Luft
niedrigere Grenzwerte für die Luftbelastung
eingeführt, wie das von meinen Parteifreunden auf dem
Berliner Parteitag gefordert worden ist.
(Beifall bei der FDP)
Ich glaube, hier ist im Umweltschutz in der Tat ein
Meilenstein gesetzt worden.
(Matthöfer [SPD]: Das war doch vorher
schon beschlossen!)
— Verehrter Herr Kollege Matthöfer, ich leugne ja
nicht, daß diese Forderung im alten Kabinett
aufgestellt wurde. Wie mühsam war es in der
Vergangenheit, vom Aufstellen der Forderung zur
Durchsetzung in der Praxis zu kommen.
(Beifall bei der FDP — Bindig [SPD]:
Gegen Lambsdorff durchzusetzen!)
Auch die zweite Forderung unseres Berliner
Parteitags, neue Regelungen für die
Kriegsdienstverweigerung zu verabschieden, wird erfüllt.
(Zuruf von der SPD: Aber wie?)
übermorgen werden wir die Gewissensprüfung für
Zivildienstaspiranten abschaffen.
(Bindig [SPD]: Sie haben Ihre Meinung
fünfmal geändert!)
Auch für unsere dritte Forderung, Revidierung
des Kontaktsperregesetzes, liegt nun ein
gemeinsamer Lösungsvorschlag auf dem Tisch.
(Dr. Hauff [SPD]: Die Welt ist wieder in
Ordnung!)
In der Außenpolitik wurden Kontinuität und
Stabilität gewahrt. Die Welt, auch die Welt in der
Bundesrepublik, die Welt hier und um uns herum,
verehrter Herr Kollege Hauff, ist leider gar nicht in
Ordnung. Da ist mit großer Anstrengung und viel
Mühe noch vieles in Ordnung zu bringen.
(Zuruf von der SPD)
Die Bundesregierung und die sie tragenden
Parteien arbeiten weiter an der Verbesserung der
Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der
Deutschen Demokratischen Republik. Ich freue
mich, daß uns das der SPD-Kanzlerkandidat Jochen
Vogel ausdrücklich bestätigt hat. Wir knüpfen in
der Tat nahtlos an die erfolgreiche Deutschland-
und Außenpolitik der Regierungen Brandt/Scheel
und Schmidt/Genscher an.
(Beifall bei der FDP)
Es gibt keine Kurskorrektur.
In wenigen Tagen übernimmt Außenminister
Genscher die Ratspräsidentschaft in der
Europäischen Gemeinschaft. Er wird sie nutzen, um weiter
für den politischen Ausbau der Europäischen
Gemeinschaft zu kämpfen. Dabei wird auch in
Zukunft die enge Zusammenarbeit mit Frankreich auf
der Grundlage des deutsch-französischen Vertrages
im Vordergrund stehen. Der Besuch des
Bundeskanzlers noch am Tag seiner Vereidigung in Paris
war hierfür ein sichtbares Symbol.
In der Sicherheits- und Abrüstungspolitik zeigt
die Bundesregierung ein wesentlich
geschlosseneres Konzept als die jetzige Opposition, die
offensichtlich dabei ist, sich mit Lockerungsübungen —
hier nehme ich dann ein Stichwort auf, das Horst
Ehmke in seiner Rede an anderer Stelle für andere
politische Formationen gebraucht hat — langsam
von den früheren gemeinsamen Beschlüssen zu
entfernen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Genauso ist es!)
Jedermann weiß: trotz der positiven
Zwischenbilanz stehen die Liberalen in einer existentiellen
Bewährungsprobe.
(Zuruf von der SPD: Die Rechtsliberalen!)
Durch den von ihnen bewirkten Regierungswechsel
wiederholt sich das, was wir bereits 1969 leidvoll
erfahren mußten: Die geballte Wut des früheren
Koalitionspartners und der ihm nahestehenden
Medien trifft uns. Darüber hinaus haben 13 Jahre
sozialliberaler Koalition in Bonn auch das politische
Bewußtsein und die Sympathien vieler Mitglieder
meiner Partei tief geprägt.
(Zuruf von der SPD: Bei Ihnen selbst gibt
es keine Kritik?)
Wenn ich es richtig sehe, haben nicht einmal 10 %
der Kollegen während ihrer Zugehörigkeit zum
Deutschen Bundestag etwas anderers erlebt als die
sozialliberale Regierung.
(Zuruf von der CDU/CSU: Entsetzlich!)
Wir haben mit den Sozialdemokraten lange Zeit
vertrauensvoll und erfolgreich
zusammengearbeitet. Es war eine bewegende und bewegte Zeit, eine
Zeit der Kreativität, des Aufbruchs, der
Neubesinnung und der mitreißenden Reformen.
(Zuruf von der SPD: Dann fingen Sie an zu
wackeln!)
Ich erinnere nur an die Entspannungspolitik, an die
Verträge mit dem Osten, an Verbesserungen der
Betriebsverfassung und der Mitbestimmung, an die
Strafrechtsreform, an Wahlalter, Reform des § 218,
Ehe- und Familienrecht. Aber, meine Freunde, eine
Partei wie die SPD stößt immer schnell an die
Grenzen ihres Selbstverständnisses, wenn ihr für
diese Politik der Reformen die wirtschaftliche
Prosperität fehlt. Wieviel Warnungen wurden von uns
ausgesprochen! Sie fielen nicht auf fruchtbaren
Boden. Die Epoche des begrenzten
Wirtschaftswachstums hatte begonnen. Doch die Forderung nach
Konsumverzicht und Dämpfung der Dynamik
staatlicher Leistungen paßte nicht zum Charme der
sozialdemokratischen Kreativität.
(Beifall bei der FDP — Zuruf von der SPD:
Auch nicht zur Konjunkturlage!)
Historiker werden den Liberalen des Jahres 1982
vielleicht einmal den Vorwurf machen, sich nicht
schon eher einen Koalitionspartner für die Politik
der wirtschaftlichen Vernunft gesucht zu haben.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Aber diese Frage kann jetzt unerörtert bleiben.
(Zurufe von der SPD)
Den Zerfall der sozialliberalen Koalition in dem
Abschnitt vom 16. September 1981 bis zum 17.
September 1982
(Zuruf von der SPD: Genscher und
Lambsdorff sind daran schuld!)
habe ich in meiner Haushaltsrede am 11. November
hier dokumentiert. Ich nehme darauf Bezug und
will das heute nicht wiederholen. Aber dabei wäre
auch durchaus ein anderer Zeitabschnitt für die
Darstellung des Zerrüttungsprozesses denkbar
gewesen. Man muß dazu in die Phase der
Koalitionsverhandlungen über das Regierungsprogramm
nach der Bundestagswahl 1980 zurückkehren.
Damals fühlte sich die SPD schlecht vertreten und von
den gut vorbereiteten Liberalen übervorteilt. Von
diesem Augenblick an nahm in der SPD die Lust an
der Zusammenarbeit rapide ab. So kam es denn gar
nicht mehr zu der Nagelprobe für die Koalition
beim Haushalt 1983.
(Matthöfer [SPD]: Das war die Bewäh
-
rungsprobe: die Begrenzung der Schulden
auf 30 Milliarden!)
Mit einem brillanten Schachzug entzog sich der
Kanzler der Beweisführung und warf uns die
Haushaltsbrocken vor die Füße.
(Beifall bei der FDP — Dr. Spöri [SPD]:
Das ist die Hoppe-Legende!)
Bei den dann erforderlichen Entscheidungen
standen wir Freien Demokraten im
Spannungsverhältnis zwischen unserer Verantwortung,
(Dr. Spöri [SPD]: Geschichtsklitterer!)
den Nutzen des Deutschen Volkes zu mehren und
Schaden von ihm zu wenden,
(Oh-Rufe bei der SPD)
und unserer Verpflichtung gegenüber dem
Parteitagsvotum, mit dem wir uns 1980 auf eine Koalition
mit der SPD festgelegt hatten.
Wir haben uns angesichts des Zustandes der
Staatsfinanzen und der Arbeitslosenzahlen für den
Versuch entschieden, mit einem Notprogramm für
Haushalt und Beschäftigung einen Dammbruch zu
verhindern.
(Beifall bei der FDP und Abgeordneten der
CDU/CSU)
Die Lösung der wirtschaftlichen und finanziellen
Probleme duldete keinen Aufschub. Mehr als 10
Milliarden DM an zusätzlichen Haushaltsdefiziten
hätten nicht rechtzeitig abgewendet werden
können. Unsere Wirtschaft brauchte neue Zuversicht,
Vertrauen und finanzpolitische Sicherheit.
Die Regierung Kohl/Genscher erhielt von uns
einen begrenzten Auftrag, den sie in begrenzter Zeit
zu erfüllen hatte. Dieser Auftrag ist übermorgen
mit der Verabschiedung des Haushaltsgesetzes und
der Begleitgesetze erfüllt.
(Zuruf von der SPD: Am 6. März ist es
aus!)
Es ist für viele nicht leicht zu verstehen, warum
einer Regierung, die erfolgreich zehn Wochen lang
zusammengearbeitet hat, danach nicht mehr das
Vertrauen des Hauses ausgesprochen wird. Wenn
sich die FDP-Fraktion am Freitag bei der
Vertrauensabstimmung der Stimme enthält, spiegelt
das aber unsere Vereinbarung zum
Regierungswechsel wider. Sie war zeitlich und inhaltlich
begrenzt. Der für das verabredete
Regierungsprogramm ausgestellte Vertrauensbonus ist
aufgebraucht. Es ist also konsequent, jetzt vor den
Wähler zu treten.
Dabei wissen wir Freien Demokraten sehr wohl
— das sage ich nun auch an die Kollegen der SPD
gerichtet; es mag dort Lustgewinn schaffen oder
auch Mitleid mobilisieren —: Es geht für die
Liberalen um nicht mehr und nicht weniger als ihre
parlamentarische Existenz.
(Zuruf von der SPD: Ein paar Minister!)
In Anlehnung an Karl-Hermann Flach sage ich:
Kein Mensch kann uns den Erfolg garantieren.
Doch für eins garantieren wir: Die Historiker
werden niemals schreiben können, die Liberalen waren
feige, sie haben nicht gekämpft.
(Beifall bei der FDP — Zuruf von der SPD:
Die waren immer dabei, das ist richtig!)
Meine Damen und Herren, unser Ziel steht fest:
Sicherung und Ausbau liberaler Positionen auf
allen Ebenen. Darüber wird mit der CDU/CSU noch
zu ringen sein. Viele Fragen harren noch der
Erörterung und der Kompromißfindung. „Die Bereiche
der inneren Sicherheit, der Rechtspolitik, der
Familienpolitik, der Gesellschaftspolitik und auch der
Entspannungspolitik liefern hier wichtige
Stichworte." An dieser Stelle habe ich mir nun erlaubt, den
„Bayern-Kurier" zu zitieren.
Die FDP wird peinlich darauf achten, daß der
liberale Rechtsstaat nicht abgebaut, sondern
ausgebaut wird.
(Dr. Spöri [SPD]: Mit Zimmermann!)
Wir werden keiner Einschränkung der
Freiheitsrechte des einzelnen oder politischer
Gruppierungen zustimmen. Wir wollen sie erweitern, wo immer
das möglich und notwendig ist. Wir wollen die
stärkere Betonung der Selbstverantwortung des
einzelnen. Wir wollen dem Prinzip der Subsidiarität
entsprechend der Hilfe zur Selbsthilfe wieder mehr
Geltung verschaffen. Das, so glaube ich, ist in der
Zusammenarbeit mit der CDU/CSU ebenso
erreichbar wie die Verbesserung wirtschaftlicher
Rahmendaten und die weitere Konsolidierung der
Staatsfinanzen.
(Beifall bei der FDP)
Nur wenn es uns gelingt, die Beschäftigungskrise
zu überwinden, die öffentlichen Finanzen in
Ordnung zu bringen und das soziale System in seiner
Substanz zu erhalten, werden wir unsere
wirtschaftliche Leistungskraft sichern und
fortentwikkeln.
Für Liberale ist die freie und Soziale
Marktwirtschaft am besten geeignet, die ökonomischen
Bedürfnisse der Gesellschaft auf zugleich freiheitliche
und humane Weise zu befriedigen. In ihr kommt
der mittelständischen Wirtschaft ein besonders
hoher Rang zu.
(Dr. Spöri [SPD]: Wo denn?)
Die Soziale Marktwirtschaft steht jetzt in einer
Bewährungsprobe. Sie muß ihre Überlegenheit
auch beim Kampf um die Rückgewinnung der
Vollbeschäftigung beweisen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Der Staat aber muß dazu beitragen, indem er eine
verläßliche und stetige Wirtschaftspolitik betreibt,
die Rahmenbedingungen für Investitionen
verbessert und gerade für mittelständische Unternehmen
gezielte Anreize für Investitionen und Innovationen
setzt.
Wir Freien Demokraten wollen durch eine
nüchterne, praktische und mutige Politik wieder
Zukunftsperspektiven deutlich machen. Für uns steht
deshalb auch fest: Wenn es gelingen soll, den Anteil
der Investitionen zu Lasten des Konsums zu
vergrößern, so bedarf dies, auch und gerade des sozialen
Konsenses wegen, der Ergänzung durch eine
gezielte Vermögensbildungspolitik.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Die Arbeitnehmer müssen verstärkt am
Produktivvermögen beteiligt werden. Durch Beteiligung einer
wachsenden Zahl von Menschen am Zuwachs des
Produktivkapitals wird einer
Vermögenskonzentration vorgebeugt.
(Matthöfer [SPD]: Kennen Sie denn nicht
die Koalitionsabsprache!)
Wir fordern deshalb eine aktive Vermögenspolitik
mit dem Ziel, die Beteiligungsmöglichkeiten der
Arbeitnehmer am Risikokapital ihres Unternehmens
zu verbessern.
(Erneuter Zuruf des Abg. Matthöfer
[SPD])
Meine Damen und Herren, ich meine, nur durch
liberale Perspektiven kann und wird es gelingen,
die pessimistischen Zukunftseinschätzungen zu
überwinden und die Dynamik einer offenen
Gesellschaft freizusetzen, die für die Lösung unserer
Zukunftsaufgaben notwendig, ja, unerläßlich, ist.
Die Freien Demokraten bitten am 6. März um das
Vertrauen der Wähler.
(Dr. Spöri [SPD]: Dann seid ihr weg!)
Sie werden alle Kraft darauf konzentrieren, ein
Votum des Wählers für die Fortsetzung ihrer politisch
-
parlamentarischen Arbeit zu erlangen. Und dieses
Votum bestimmt dann die Stärke der Fraktion und
ihren parlamentarischen Einfluß.
Meine Damen und Herren, die FDP ist
entschlossen, auch in Zukunft mit ihrer Politik der liberalen
Vernunft gegen die drohende Konfrontation und
Erstarrung des politischen Lebens zwischen einem
sozialistischen und einem konservativen
Machtblock anzukämpfen. Für diese faszinierende, im
Augenblick schier unlösbar erscheinende Aufgabe
möchte ich meiner Fraktion und meiner Partei ein
Wort zur seelischen Aufrüstung mit auf den Weg
geben,
(Zuruf von der SPD: Es lebe der Opportu
nismus! — Weitere Zurufe von der SPD)
mit dem ein liberaler Weggefährte mir zu meinem
Geburtstag Mut gemacht hat:
Herr, laß mich hungern, dann und wann! —
Satt sein macht stumpf und träge.
Herr, schick mir Feinde, Mann für Mann! —
Kampf hält die Kräfte rege.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Präsident Stücklen: Bevor ich das Wort
weitergebe, muß ich folgendes sagen: Ich ersehe aus der
vorgelegten Niederschrift des Stenographischen
Dienstes, daß der Ausdruck „Dreckschleuder", bezogen
auf ein Mitglied des Hauses, gefallen ist. Herr
Abgeordneter Hauser, ich erteile Ihnen einen
Ordnungsruf.
(Seiters [CDU/CSU]: Bezogen auf Ehmke!
— Dr. Spöri [SPD]: So eine Schande! —
Zuruf von der SPD: Wo ist die moralische
Erneuerung?)
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler.
Dr. Kohl, Bundeskanzler: Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Ich war wie
viele Mitglieder des Hauses natürlich gespannt, wie
der Sprecher der Opposition, Herr Professor
Ehmke, nach den Ankündigungen der letzten Wochen
hier die politische Position seiner Partei darlegen
würde. Herr Professor Ehmke, ich brauche nicht
viel zu dem zu sagen, was Sie hier dargelegt haben.
Schimpfen und Beleidigen politisch
Andersdenkender, das ist keine politische Alternative.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wenn Sie einmal mit Ruhe den Text der Rede
nachlesen, die Sie heute hier gehalten haben und wenn
das auch die große Mehrheit Ihrer eigenen Fraktion
tut, habe ich nicht den geringsten Zweifel daran,
daß Sie wissen, daß dies nicht der Weg der
deutschen Sozialdemokratie in Opposition sein kann.
(Dr. Ehmke [SPD]: Was Sie alles wissen!)
— Herr Kollege Ehmke, Herr Professor Ehmke, Ihr
Rat, das Problem der Neuwahlen über den Rücktritt
des Kanzlers zu lösen, hätte mich erfreut, wenn Sie
ihn im September Bundeskanzler Helmut Schmidt
gegeben hätten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Herr Abgeordneter Ehmke, dieser einzige
Hinweis ist eigentlich für Ihre ganzen Ausführungen
symptomatisch. Sie versuchen, Ihre eigene
Tätigkeit in der Vergangenheit, Ihre Mitverantwortung
an dem, was heute Erblast genannt wird, in der
Weise zu vertuschen, daß Sie wild um sich schlagen.
Ich kann mir nur wünschen, Herr Abgeordneter
Ehmke, daß Sie bis zum 6. März noch viele solcher
Reden halten werden.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei
Abgeordneten der FDP)
Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen
und Herren! In meiner Regierungserklärung vom
13. Oktober 1982 habe ich das Programm der von
FDP, CSU und CDU getragenen Bundesregierung
vorgestellt, und ich habe unsere Absicht bekräftigt,
möglichst am 6. März 1983 vor den Wähler zu treten.
Es gab in diesen Wochen nie einen Zweifel daran,
daß die Koalition von FDP, CSU und CDU diesen
Wunsch und dieses Versprechen einhalten wird.
Herr Kollege Ehmke, es wäre sehr interessant
nachzuforschen, was in Ihren Reihen in diesen
Wochen alles diskutiert und erwogen wurde, um um
die Neuwahlen herumzukommen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir haben an dieser Absicht immer festgehalten,
weil wir unser dem Wähler gegebenes Wort
einhalten.
Deshalb habe ich den Antrag gemäß Art. 68 des
Grundgesetzes gestellt. Nach zahlreichen
Gesprächen, nach reiflicher Überlegung habe ich die
Überzeugung gewonnen, daß dieser Weg der
angemessene Weg ist, um unsere Absicht zu verwirklichen.
(Dr. Spöri [SPD]: Hat das der Carstens
gesagt?)
Der Deutsche Bundestag will am 17. Dezember
1982, am Freitag dieser Woche, über meinen Antrag
abstimmen. Ich will diese Frage deshalb heute nicht
näher in die Debatte einführen. Es entspricht der
verfassungspolitischen Bedeutung eines Antrags
gemäß Art. 68 des Grundgesetzes, daß sich der
Deutsche Bundestag damit gesondert befaßt. Meine
Haltung zu diesem Antrag werde ich deshalb vor
der Abstimmung am kommenden Freitag näher
darlegen.
(Dr. Spöri [SPD]: Warten wir mal ab!)
Meine Damen und Herren, wenden wir uns heute
dem Haushalt zu. Wir stehen heute vor
Entscheidungen, die für die Zukunft unseres Landes und
aller seiner Bürger von außergewöhnlicher
Bedeutung sind. Heute geht es — jeder spürt dies — nicht
allein um die alljährlich wiederkehrende Beratung
und Verabschiedung eines Haushalts. Es geht
darum, unser Land aus der schwersten Wirtschafts-
und Finanzkrise seit Bestehen der Bundesrepublik
Deutschland herauszuführen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Zerrüttete Staatsfinanzen,
Firmenzusammenbrüche, steigende Massenarbeitslosigkeit und deren
harte Folgen für Millionen unserer Mitbürger
dürfen und wollen wir nicht hinnehmen. Es muß ein
neuer Anfang gemacht werden; wir waren und sind
aus unserer Verantwortung zum schnellen Handeln
verpflichtet.
Unsere vorrangige Aufgabe ist es, die
Staatsfinanzen wieder in Ordnung zu bringen. Unser Ziel
ist es, den Staat wieder zu befähigen, seine
Aufgaben zum Nutzen aller Bürger wahrzunehmen, ohne
die heranwachsende Generation unserer Kinder
mit einem riesigen Schuldenberg vorzubelasten.
Alle öffentlichen Haushalte einschließlich Bahn
und Post, meine Damen und Herren, sind
gegenwärtig zusammen mit rund 700 Milliarden DM
Schulden belastet. Tag für Tag, jeden Tag, muß die
öffentliche Hand zusätzlich über 200 Millionen DM
Schulden neu aufnehmen. Unerträglich ist das für
uns — wie ich hoffe, für uns alle.
(Dr. Spöri [SPD]: Ganz und gar unerträg
-
lich!)
— Nun, Herr Kollege, Sie haben doch entscheidend
dazu beigetragen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Herr Kollege Matthöfer, daß Sie in dieser Debatte
überhaupt das Wort nehmen, ist schon erstaunlich,
denn Sie sind doch einer der
Hauptverantwortlichen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD: Das war der gar nicht!)
Es ist schon bemerkenswert und gehört zu einer
alten sozialistischen Tradition, wie Sie innerhalb
eines Vierteljahres versuchen, die Tatsache zu
verdrehen. Aber Sie werden keine Chance haben. Die
Wähler werden zum 6. März erkennen, wer die
Verantwortung für das Desaster trägt.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei
Abgeordneten der FDP)
Unerträglich ist es, daß es heute über 2 Millionen
Menschen gibt, die ohne Arbeit sind. Wir
befürchten, daß diese Zahl noch weiter zunimmt. Darunter
sind viele junge Leute. Daß viele Menschen ohne
Arbeit sind, muß für uns alle das größte und
bedrückendste Problem bleiben.
(Zurufe von der SPD)
Meine Damen und Herren, unser Land ist in
diese verhängnisvolle Situation gekommen, weil
der Staat überfordert und damit seine finanzielle
Grundlage erschüttert wurde, weil soziale
Gerechtigkeit mit staatlicher Betreuung und
Bevormundung verwechselt wurde und weil die Belastbarkeit
der Wirtschaft nicht zuletzt von Ihnen, meine
Damen und Herren aus der Sozialdemokratie, im
Übermaß erprobt wurde.
(Beifall bei CDU/CSU)
Die Eigenkapitalbasis der Betriebe ist ausgehöhlt
worden, die Investitionstätigkeit zurückgegangen.
Noch nie hat es in der Geschichte unserer
Bundesrepublik so viele Firmenzusammenbrüche, vor
allem im mittelständischen Bereich, gegeben wie in
diesem Jahr. Auch dadurch ging eine große Zahl
von Arbeitsplätzen verloren.
Meine Damen und Herren, wir müssen jetzt und
heute die Folgen einer gescheiterten Politik
bewältigen, einer Politik, die mit vielen Versprechungen
begann und die mit über 2 Millionen Arbeitslosen
und drückenden Schulden- und Zinslasten endete.
Aus dieser Sackgasse müssen wir wieder heraus.
Nur die Umkehr zu wirtschaftlicher Vernunft und
Stabilität, zu einem geordneten Haushalt und zu
einer Sozialpolitik mit Augenmaß kann bewirken,
daß auf die wirtschaftliche Talfahrt kein sozialer
Absturz folgt.
Wir wissen, meine Damen und Herren, und wir
haben nie etwas anderes gesagt: Keine Politik ist in
der Lage, die Folgen der langjährigen
Fehlentwicklung kurzfristig zu tilgen. Wir dürfen die Ursachen
für unsere Probleme — und das ist genau das
Gegenteil dessen, was Sie, Herr Professor Ehmke, hier
wieder behauptet haben — nicht vor allem im
Ausland suchen. Wir dürfen nicht darauf warten, daß
andere handeln. Dies war im übrigen auch die
Auffassung der Regierungs- und Staatschefs auf der
Sitzung des Europäischen Rates Anfang Dezember
in Kopenhagen. Dort waren sich alle darüber einig,
daß man bei der Verbesserung der wirtschaftlichen
Lage, daß man bei der Bekämpfung und schließlich
bei der Überwindung der Arbeitslosigkeit nur dann
erfolgreich sein wird, wenn jeder zu Hause anfängt,
selbst Hand anlegt und nicht auf andere wartet.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das Dringlichkeitsprogramm der
Bundesregierung umfaßt nicht nur die den Haushalt 1983
begleitenden Maßnahmen, sondern auch die Stärkung der
internationalen Verbindungen der Bundesrepublik
Deutschland. Meine Damen und Herren, wir
müssen unsere Probleme so bewältigen, daß uns die
Probleme anderer Länder so wenig wie möglich in
Mitleidenschaft ziehen. Die Bundesrepublik als
eines der führenden Industrieländer der Welt muß
bei der Stabilisierung der Weltwirtschaft ihren
eigenen Beitrag leisten, und unsere vordringlichste
Aufgabe ist es, Arbeit zu schaffen. Deshalb müssen wir
die Wirtschaft beleben, deshalb setzen wir auch
Wachstum, und deshalb wollen und müssen wir im
internationalen Wettbewerb bestehen.
Der Schlüssel zu all dem sind die Investitionen.
Die Unternehmer werden aber nur dann wieder
investieren, wenn sie Vertrauen in die Zukunft
gewinnen, wenn sich Investieren wieder lohnt. Dazu,
meine Damen und Herren, ist es notwendig, daß wir
die Verschuldung der öffentlichen Hand, die
Staatsverschuldung, in den Griff bekommen. In der
gegenwärtigen Lage ist es leider unvermeidlich, den
konjunkturell bedingten Teil des Haushaltsdefizits
durch Kreditaufnahmen auszugleichen; denn die
Nachfrage darf sich nicht weiter abschwächen, und
weitere Wachstumsverluste dürfen nicht
entstehen.
Die Bundesregierung hat — im Gegensatz zur
früheren Regierung — den Haushalt auf der
Grundlage realistischer gesamtwirtschaftlicher Daten
aufgestellt.
(Matthöfer [SPD]: Seien Sie doch nicht so
voreilig!)
Wir haben den Bürgern endlich gesagt, wie es um
die öffentlichen Finanzen steht, und wir haben die
Wahrheit vor der Wahl im März gesagt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Bei der Übernahme der Regierung haben wir
eine Haushaltslücke von rund 50 Milliarden DM für
1983 vorgefunden. Die Bundesregierung hat mit
ihren Maßnahmen die Neuverschuldung auf rund 41
Milliarden verringert.
(Zuruf von der SPD: 42 Milliarden!)
Bei einer Nettokreditaufnahme in dieser Höhe ist
doch, meine Damen und Herren aus der Opposition,
der Vorwurf des „Kaputtsparens" einfach
lächerlich!
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Den strukturellen Teil des Defizits, also den Teil,
der auch bei einem Konjunkturaufschwung nicht
abschmelzen würde, haben wir kräftig
zurückgeführt und haben damit ein deutliches Signal für die
Haushaltskonsolidierung gesetzt.
Meine Damen und Herren, die Zinsentwicklung
der letzten Wochen und Tage zeigt, daß die
Bundesregierung und die sie tragenden politischen
Parteien mit ihrem Kurs richtig liegen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir haben damit begonnen, die
Rahmenbedingungen für selbstverantwortliches Wirtschaften zu
verbessern. Wir haben damit begonnen, die
Rahmenbedingungen für den unternehmenden
Mitbürger wieder kalkulierbar zu machen.
Das alles geht nicht ohne Anpassung der
Staatsausgaben an die verminderte Leistungsfähigkeit
der Volkswirtschaft. Dem Staat und uns allen als
Bürgern unseres Staates kann es eben nur so gut
gehen, wie es unserer Volkswirtschaft geht. Wer
diese Kurskorrekturen bekämpft, verlängert die
Wirtschaftskrise und verlängert die Phase, in der
Arbeitslosigkeit herrscht. Ich bin fest davon
überzeugt, daß die Politik der Vernunft von der großen
Mehrheit unserer Mitbürger in der Bundesrepublik
Deutschland verstanden und unterstützt wird.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich weiß, daß die Opfer, die wir abverlangen
müssen, natürlicherweise Diskussionen und auch Ärger
verursachen. Ich weiß, daß die notwendigen
Einschränkungen beim BAföG, beim Wohngeld und
auch beim Kindergeld für manchen nicht leicht
sind, aber wir müssen sie angesichts dieser Lage
unseren Bürgern zumuten.
(Zurufe von der SPD)
Ich möchte ein Beispiel hierfür herausgreifen: die
Umstellung des Studenten-BAföG auf Darlehen.
Das Darlehen ist zinslos. Die
Rückzahlungsbedingungen sind sozial ausgestaltet, und sie sind
einkommensabhängig. Möglichkeiten zu einer
erheblichen Minderung der Darlehensbelastung sind
geschaffen. Sie werden vor allem jenen Studenten
zugutekommen, die ihr Studium zügig und erfolgreich
abschließen. Damit, meine Damen und Herren, ist
Vorsorge getroffen, daß kein Jugendlicher aus
wirtschaftlichen Erwägungen auf ein Studium
verzichten muß. Meine Damen und Herren, ich würde es
für sehr nützlich halten, wenn Sie hier in die
Gesamtdiskussion um das BAföG einmal Vergleiche
mit anderen Ländern in der Welt, auch in Europa —
die stellen Sie doch immer gern an —, in die
Debatte einbeziehen würden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich halte es für ein wesentliches Ergebnis, daß
wir trotz des großen Finanzdrucks einen
Kahlschlag in der Schülerförderung vermeiden
konnten.
(Zuruf von der SPD)
Eine Härteregelung stellt sicher, daß alle zur Zeit
geförderten Schüler aus Familien mit niedrigem
Einkommen bis zu ihrem Schulabschluß weiter
gefördert werden können. Die Bundesregierung hat
alles getan, um die Belastungen erträglicher zu
machen und sie möglichst ausgewogen auf alle
Gruppen der Gesellschaft zu verteilen. Dies ist für uns
selbstverständlich ein Gebot der Solidarität.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Deshalb, Herr Kollege Ehmke, wurden im
Gegensatz zu Ihren Behauptungen einige Maßnahmen
auf die Bezieher höherer Einkommen beschränkt,
wie z. B. die Neuregelung des Kindergeldes und die
Investitionshilfeabgabe. Dabei soll nicht übersehen
werden — Herr Kollege Ehmke, das wissen doch
auch Sie —, daß diese Gruppe ohnedies durch die
Progression der Einkommensteuertarife von Jahr
zu Jahr stärker in Anspruch genommen wird. Wer
hier von Klassenkampf von oben oder gar von
Ellenbogengesellschaft spricht, betreibt bewußt
Irreführung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Ehmke [SPD]: Nein!)
Meine Damen und Herren, es ist alte sozialistische
Politik, mit Neid und Mißgunst Politik betreiben zu
wollen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU —
Pfui-Rufe und lebhafte weitere Zurufe von
der SPD)
Gehen Sie bitte davon aus,
(Anhaltende Zurufe von der SPD)
daß wir in den nächsten Wochen unsere Bürger
aufklären werden.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf von der
SPD: Hetzer! — Weitere Zurufe von der
SPD)
Wir werden unsere Mitbürger aufklären, wer durch
seine Politik gegenüber dem kleinen Mann in der
Bundesrepublik Ellenbogengesellschaft erzeugt
hat.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Ein besonders wichtiger Punkt zur
Wiederbelebung der Wirtschaft ist die Förderung des
Wohnungsbaus. Dies ist ein besonderer Schwerpunkt
unseres Dringlichkeitsprogramms. Wir wollen
bessere Möglichkeiten zur steuerlichen Absetzung
beim Bau von Eigenheimen, ein Sonderprogramm
zur Bauspar-Zwischenfinanzierung, ein
Sonderprogramm zur Belebung des Sozialen Wohnungsbaus
und Änderungen des Mietrechts. Der Wohnungsbau
ist ein Schlüssel der Wirtschaft.
(Dr. Spöri [SPD]: Staffelmiete! — Zuruf von
der SPD: Mieterhöhung!)
Die Förderung kann hier schnell wirksam werden,
kräftige Impulse für die Wirtschaft auslösen und
neue Arbeitsplätze schaffen.
(Waltemathe [SPD]: Kräftige Mieterhöhun
-
gen!)
Meine Damen und Herren, die Anzeichen und die
Reaktionen auf unser Programm sind ermutigend.
(Bindig [SPD]: Mieterhöhungskanzler! —
Weitere Zurufe von der SPD)
Meine Damen und Herren, Sie können hier noch so
viel lärmen und versuchen zu stören — Sie werden
uns nicht daran hindern, unseren Mitbürgern
klarzumachen, wohin der richtige Weg deutscher Politik
geht.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Nehmen Sie jetzt zur Kenntnis — das sage ich
nun als Vorsitzender der CDU Deutschlands —:
Wenn der Wahlkampfstil, den Sie praktizieren, der
Stil des Kollegen Ehmke ist, werden Sie erleben,
daß Sie von uns in gleicher Weise angegangen
werden, wie Sie dies seit Wochen praktizieren.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD)
Wir suchen diese Form und diesen Stil der
Auseinandersetzung nicht, aber wenn Sie ihn erzwingen,
dann werden Sie diese Auseinanderstzung
bekommen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD)
Meine Damen und Herren, um die Investitionen
zu stärken und die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen,
brauchen wir eine Steuerpolitik, die Investitionen
und Leistung fördert.
(Zuruf von der SPD: Umverteilung von un
ten nach oben!)
Deshalb entlastet unser Dringlichkeitsprogramm in
einem ersten Schritt kleine und mittlere Betriebe
steuerlich und bietet weitere Hilfen für den
Mittelstand an.
(Dr. Spöri [SPD]: Das war der letzte
Schritt!)
Wir schaffen einen steuerlichen Anreiz für die
Übernahme gefährdeter Unternehmen, um
Produktionsstätten und Arbeitsplätze zu erhalten. Wir
verbessern die Bedingungen für die Gründung
selbständiger Existenzen, stocken die Mittel auf und
schaffen damit neue Arbeitsplätze.
Wir richten die Belastung der Wirtschaft mit der
Gewerbesteuer künftig stärker als bisher an der
Ertragskraft der Betriebe aus. Die
Einnahmeausfälle, die dadurch den Gemeinden entstehen, werden
wir durch eine Senkung der Gewerbesteuerumlage
ausgleichen.
Meine Damen und Herren, wir machen den Weg
frei für die Entwicklung und Anwendung neuer
Technologien. Die ersten Schritte sind erfolgt.
Durch den Ausbau eines modernen
Kommunikationsnetzes werden kräftige Anstöße für
Investitionen gegeben. So schaffen wir Arbeit in der
Bundesrepublik Deutschland.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Investitionsausgaben der Bundespost werden
im kommenden Jahr insgesamt die Rekordsumme
von 14,9 Milliarden DM erreichen. Neue
Kommunikationsdienste erhöhen die Produktivität und damit
die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Dieser Weg dient der Meinungsvielfalt in unserem
Land.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Bundesregierung wird die öffentlichen
Investitionen verstärken. 1983 werden wir für die
Gemeinschaftsaufgaben Hochschulbau, regionale
Wirtschaftsförderung, Agrarstruktur, Küstenschutz,
Stadterneuerung und Krankenhausbau 500
Millionen DM zusätzlich einsetzen. Ich will in diesem
Zusammenhang besonders darauf hinweisen, daß
diese Mittel für den Hochschulausbau auch
Möglichkeiten für die Schaffung zusätzlicher
Studienplätze eröffnen.
Diese Politik — dessen bin ich sicher — wird
mehr Wirtschaftswachstum und mehr
Beschäftigung bewirken.
(Dr. Spöri [SPD]: Wer es glaubt, wird se
-
lig!)
Das wird sich für alle, auch und gerade für die
Bezieher von Sozialleistungen auszahlen, denn die
von der Bundesregierung vorgeschlagenen
Wachstums- und Investitionsförderung zielt auf eine
Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen
Situation aller Bürger ab. Wer die Wirtschaft
bevormundet, handelt unsozial. Wer nicht Vorhandenes
verteilen will, wer von Klassenkampf statt von
Partnerschaft redet, vernichtet Arbeitsplätze.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir, meine Damen und Herren, die Koalition der
Mitte aus CDU/CSU und FDP, setzen auf
Gemeinsamkeit und Partnerschaft. Ich bekomme täglich
viele Briefe von Mitbürgern, die sich Gedanken
machen, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse in
unserem Lande verbessert werden können. Ich
bekomme auch viele Briefe von jungen Mitbürgern,
die nicht nur Kritik üben und unsere
Staatsordnung verneinen, sondern mitarbeiten wollen. Das
ist eine wichtige Ermutigung auf unserem Weg.
(Zuruf des Abg. Dr. Spöri [SPD])
Wir haben in diesen wenigen Wochen in einem
sehr wichtigen Bereich versucht, mehr
Gerechtigkeit zu verwirklichen.
(Zuruf von der SPD)
Seit sieben Jahren wurde der jungen
Männergeneration unseres Landes eine Lösung der dringenden
Probleme der Wehrdienstverweigerung
versprochen; dieses Versprechen konnte nicht gehalten
werden. Die Koalition aus CDU/CSU und FDP hat
in sieben Wochen einen ausgewogenen und
tragfähigen Kompromiß erreicht.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Lachen bei der SPD)
Meine Damen und Herren, ich habe überhaupt
nichts dagegen, daß Sie auch dieses Ergebnis
draußen anzweifeln.
(Lambinus [SPD]: Das ist doch kein Ergeb
nis!)
Wir sind sicher, daß die große Mehrheit im Lande
weiß: Dies ist ein eindrucksvoller Beweis für die
Handlungsfähigkeit unserer Regierung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir wollen eine Gesellschaft mit menschlichem
Gesicht verwirklichen,
(Zuruf von der SPD)
die den Staat aus seiner Verantwortung nicht
entläßt, aber nicht alles Heil vom Staat erwartet.
Wir wollen, daß jeder frei von wirtschaftlicher
Not und frei von Angst leben
(Dr. Klejdzinski [SPD]: Bei Ihrer Politik!)
und sich seinen Fähigkeiten gemäß bilden und
entwickeln kann.
(Dr. Ehmke [SPD]: Die Mieter nicht
vergessen!)
Wir wollen nicht, daß Mittel, die von den
Steuerzahlern aufgebracht werden müssen, auf Bürger
umverteilt werden, die selbst leistungsfähig sind.
(Zurufe von der SPD)
Wir setzen in der Tat, Herr Kollege Ehmke, auf
den Leistungswillen und die Leistungsbereitschaft
des einzelnen in unserem Lande.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Und wir setzen auf die Dynamik der
gesellschaftlichen Kräfte,
(Dr. Spöri [SPD]: Sehr gut!)
damit Wohlstand für alle möglich bleibt und den
wirklich Bedürftigen besser geholfen werden
kann.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zuruf des Abg. Waltemathe [SPD])
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen
und Herren, in den letzten Wochen hat es eine
öffentliche Erörterung der finanziellen Lage der
Rentenversicherung gegeben. Ich habe viel
Verständnis dafür, daß die Verantwortlichen der
Selbstverwaltung Alarm schlagen, wenn in den
Kassen der Rentenversicherung Probleme drohen.
Aber ich will mit aller Deutlichkeit für die von mir
geführte Bundesregierung sagen: Der Rentner
kann sich darauf verlassen, daß seine Rente sicher
ist und pünktlich ausgezahlt wird.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Lachen und Zurufe von der SPD)
Ich habe eigentlich erwartet, daß Sie sich jetzt dazu
zu Wort melden, meine Damen und Herren von der
SPD. Denn zum Thema „Renten vor Wahlen" sind
Sie doch Spezialisten in den letzten Jahren
gewesen.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU
und der FDP — Zurufe von der SPD)
Deshalb haben wir in unserem
Dringlichkeitsprogramm dafür gesorgt, daß es nicht zu
Zahlungsschwierigkeiten kommen wird. Ab 1. Juli 1983
erhalten die Rentner ihre Rentenerhöhung.
Aber es liegen in der Rentenversicherung noch
eine Menge Probleme vor uns. Ich erinnere an die
notwendige Neuordnung der
Hinterbliebenenversorgung. Ich erinnere an die notwendige Anpassung
der Rentenversicherung an die demographischen
und ökonomischen Bedingungen, die sich seit der
Rentenreform von 1957, wie jeder weiß, erheblich
verändert haben.
Unser Ziel ist es, für die Rentenversicherung eine
tragfähige, sichere und langfristig finanzierbare
Grundlage zu schaffen. Ich bin sicher, hier gibt es in
Wahrheit keine Differenzen über dieses Ziel
zwischen den verschiedenen politischen
Gruppierungen, zwischen Regierungskoalition und Opposition
im Haus. Ich finde, nach der Wahl sollte es möglich
sein, daß zu diesem wichtigen Punkt ein ruhiges,
sachbezogenes Gespräch zwischen allen politischen
Gruppierungen zustande kommt. Denn hier geht es
um die Daseinsfürsorge, hier geht es um den
gesicherten Lebensabend der Generation, die nach dem
Krieg das Land aufgebaut hat und auf deren
Schultern wir stehen, und wir sind gemeinsam
verpflichtet, die Sicherheit dieses Lebensabends zu
garantieren.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wie ich überhaupt bei aller Härte der
Auseinandersetzung sagen möchte, meine Damen und
Herren von der SPD: Von mir und von meinen Kollegen
von der FDP, der CDU und der CSU werden Sie nie
das Wort hören: Wir brauchen die Opposition
nicht.
(Dr. Dregger [CDU/CSU]: Sehr gut!)
Bei aller Schärfe der politischen
Auseinandersetzung ist es im höchsten Maß erwünscht, daß es
Felder der deutschen Politik gibt, wo wir die Fähigkeit
besitzen, bei allen Kontroversen auch
zusammenzuarbeiten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Bundesregierung hat nur acht Wochen Zeit
gehabt, um die dringendsten Probleme in Angriff zu
nehmen. Aber wir haben die Weichen richtig
gestellt, und wir haben damit gezeigt, in welcher
Richtung es weitergehen wird, um dauerhafte Lösungen
zu erreichen.
Vorrangig bleibt für mich im Gesamtkontext
unserer Probleme der Kampf gegen die
Arbeitslosigkeit, vor allem gegen die Jugendarbeitslosigkeit.
Wir müssen dafür sorgen, daß möglichst viele junge
Mitbürger möglichst gut und qualifiziert
ausgebildet werden und daß damit ihre Chance wächst,
einen sicheren Arbeitsplatz zu bekommen.
(Zurufe von der SPD)
Ich bin mit allen Verantwortlichen in der
Wirtschaft, den Unternehmen wie den Gewerkschaften,
darin einig, daß der beruflichen Bildung unserer
Jugend größte, allergrößte Bedeutung zukommt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Beim Eintritt in das Leben des Erwachsenen darf
für junge Menschen nicht die bittere Erfahrung der
Arbeitslosigkeit stehen. Wir wollen uns gemeinsam,
wie ich hoffe, für weit mehr Arbeitsplätze,
Ausbildungsplätze, Berufsausbildungsplätze einsetzen.
Ich brauche nicht zu betonen, daß davon die
Zukunft unseres ganzen Landes abhängig ist.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, unsere
Zukunftschancen werden wir aber nur dann nutzen können, wenn
wir die Ertragskraft unserer Wirtschaft, unserer
Betriebe weiter verbessern und so die
Voraussetzungen für zusätzliche Investitionen schaffen.
Deshalb bereiten wir weitere Schritte für ein
investitions- und leistungsförderndes Steuerrecht vor. Wir
haben fest eingeplant, die steuerlichen
Entlastungen zur Stärkung der Investitions- und
Innovationskraft der Wirtschaft weiter auszubauen sowie die
Rahmenbedingungen für die Vermögensbildung
der Arbeitnehmer zu verbessern. Dazu brauchen
wir 1984 die zusätzlichen Einnahmen aus der
Mehrwertsteuererhöhung.
Wir wollen möglichst viele Arbeitnehmer an der
Vermögensbildung in der Wirtschaft beteiligen.
Damit verbessern wir auch die Eigenkapitalbildung in
den Betrieben, die jahrelang vernachlässigt worden
ist. Wir sind der Auffassung, daß das Spargeld eben
nicht ausschließlich auf das Sparbuch, sondern
auch, wenn irgend möglich, in das
Produktivvermögen gehen sollte. Dies ist eine zwingende
wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit. Deshalb
sagen wir schon jetzt, daß eine der ersten
gesetzgeberischen Maßnahmen eine Initiative zur
Vermögensbildung für Arbeitnehmer sein wird.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Eine weitere wichtige Aufgabe für die Zukunft ist
die Reform des Familienlastenausgleichs, der für
uns zentrale Bedeutung hat. Es geht auf die Dauer
nicht an, daß mit der Zahl der Kinder die
wirtschaftliche Leistungskraft einer Familie so
abnimmt, daß dies manche Eltern von der Erfüllung
ihres Wunsches nach Kindern abhält.
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Ehmke
[SPD]: Sie verschärfen das doch noch!)
— Herr Abgeordneter Professor Ehmke, wer hat
denn in den letzten zehn Jahren in Deutschland
diese kinderfeindliche Gesellschaft im
wesentlichen herbeigeführt? Das waren doch Sie mit Ihrer
Politik.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
der SPD)
Dabei geht es uns auch um die
familienfreundlichere Gestaltung des Steuerrechts. Nach der jetzt
vorgesehenen Umwandlung des
Kinderbetreuungsbetrages in einen allgemeinen Kinderfreibetrag
wollen wir in der nächsten Wahlperiode das
Ehegatten-Splitting in ein Familien-Splitting umwandeln.
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Klejd
-
zinski [SPD]: Mehr Geld für die Besserver
dienenden!)
Wir werden dabei auch sicherstellen, daß
entsprechend der Entscheidung des
Bundesverfassungsgerichts Alleinerziehende gerechter als bisher
besteuert werden.
Lassen Sie mich ein Wort zum Thema
„Ausländerpolitik" sagen. Wir werden die in der
Regierungserklärung angekündigte Ausländerpolitik
behutsam, aber zielstrebig fortsetzen. Wir wollen die
Integration der bei uns lebenden Ausländer. Wir
können es jedoch nicht zulassen, daß Ausländer
unbegrenzt und unkontrolliert einwandern. Von der
Bundesregierung wird derzeitig geprüft, ob und wie
Ausländern die Rückkehr in ihre Heimat
erleichtert werden kann. Herr Kollege Ehmke, der
Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hat
gerade zu diesen Fragen in der Türkei durchaus
erfolgreiche Gespräche geführt. Angesichts dessen,
was Sie vorhin hier gegenüber den Kollegen von
der Freien Demokratischen Partei im Blick auf die
Türkei gesagt haben, sollten Sie einmal überlegen,
welche Rückwirkungen Äußerungen, wie Sie sie
hier getan haben, für diesen Fragenbereich haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, es ist unsere Aufgabe,
unsere Umwelt zu schützen, um in ihr ohne
Gefahren leben zu können. Wir stehen in der Pflicht,
unsere natürlichen Lebensgrundlagen auch für
künftige Generationen zu erhalten. Dies ist auch
ein Gebot der ökonomischen Vernunft.
Umweltschutz schafft auch Wirtschaftswachstum. Wir, die
Koalition der Mitte, haben uns auch dieser Aufgabe
gestellt.
(Lambinus [SPD]: Steht denn jemand
rechts von Ihnen?)
— Es wird ja wohl hier noch erlaubt sein, an die
Reden vor ein paar Wochen zu erinnern. Nach
Abgabe meiner Regierungserklärung Anfang Oktober
war hier eine leidenschaftliche Debatte darüber,
daß zum Thema Luftreinhaltung in der
Regierungserklärung keine Zusage gegeben worden sei. Meine
Damen und Herren, wir haben nicht nur eine
Zusage gegeben, wir haben sie auch eingehalten. Die
TA Luft ist verabschiedet worden, was Sie in
Jahren bei früheren Regierungen nicht zuwege
gebracht haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir setzen unsere Arbeiten auch im
Gewässerschutz und in der Abfallwirtschaft mit Nachdruck
fort.
Auf Wachstum kann und darf dabei nicht
verzichtet werden. Erst eine dynamische Wirtschaft bietet
soziale Sicherheit und möglichst zugleich eine
menschenwürdige Umwelt.
Wir können deshalb auf den technischen
Fortschritt weder beim Umweltschutz noch bei der
Sicherung unserer künftigen Energieversorgung
verzichten.
(Dr. Spöri [SPD]: Das haben wir gar nicht
gewußt!)
Lassen Sie mich ein Wort zum Thema der
inneren Sicherheit sagen. Dies ist ein Schwerpunkt
unserer Arbeit. Es ist in den letzten Wochen Gott
sei Dank gelungen, gegen den Terrorismus in der
Bundesrepublik einen entscheidenden Schlag zu
führen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Ich beglückwünsche den Bundesinnenminister
Fritz Zimmermann,
(Lachen bei der SPD)
das Bundeskriminalamt, den Bundesgrenzschutz,
den Generalbundesanwalt sowie die
Sicherheitsbehörden der Länder zu diesem Erfolg.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
— Meine Damen und Herren von der SPD, ich ver
-
stehe gar nicht, warum Sie hier lärmen. Stellen Sie
sich einmal vor, der Bundeskanzler Helmut
Schmidt hätte die Chance gehabt, eine solche
Erfolgsmeldung hier bekanntzugeben!
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Stellen Sie sich einmal vor, mit welch einer
Emphase er das getan hätte und mit welchem
Beifallssturm von Ihrer Seite!
Vizepräsident Wurbs: Verzeihen Sie, Herr
Bundeskanzler, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Abgeordneten Pensky?
Dr. Kohl, Bundeskanzler: Nein.
(Zurufe von der SPD)
Meine Damen und Herren, die Bundesregierung
wird dafür sorgen, daß die Sicherheitsbehörden in
Bund und Ländern in der Lage sind, der
Gefährdung der inneren Sicherheit durch terroristische
Aktivitäten und gewalttätige Formen bei der
Verfolgung politischer Ziele wirksam zu begegnen. Wir
werden weiterhin jede Gewaltkriminalität
entschieden bekämpfen.
Um alle diese Aufgaben anpacken und die
Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben in Freiheit
schaffen zu können, brauchen wir eine
Neuorientierung der Politik. Wir brauchen Gemeinsinn, und wir
brauchen den Willen zur Gemeinsamkeit.
(Zurufe von der SPD)
Als konkretes Beispiel für diese Gemeinsamkeit
nenne ich die Vereinbarung über den
Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern.
(Zuruf des Abg. Dr. Spöri [SPD])
In fairen und zügigen Verhandlungen haben sich
Bund und Länder um des Allgemeinwohls willen
schnell geeinigt. Das Gesamtergebnis verbessert
die Finanzsituation in den Ländern erheblich und
wird dazu beitragen, regionale Probleme zu
entschärfen.
(Erneuter Zuruf des Abg. Dr. Spöri [SPD])
Wir haben große regionale Probleme. Ich denke
an Ostfriesland, wo die Arbeitslosigkeit bis zu 20%
beträgt. Ich denke an die Küstenregionen mit den
Problemen des Schiffbaus. Ich denke an das
Ruhrgebiet und an das Saarland mit den tiefgreifenden
Anpassungsproblemen der Montanindustrie. Ich
denke an das bayerische Grenzland und das
Zonenrandgebiet.
Und ich spreche von der alten Reichshauptstadt
Berlin, wo sich die Probleme im Brennpunkt
verdichten. Die Berliner Wirtschaftskonferenz am 11.
und 12. Dezember hat mich außerordentlich
ermutigt, daß die deutschen Unternehmer und die
deutschen Gewerkschaften unsere gemeinsamen
Anstrengungen unterstützen, um die Lebensfähigkeit
Berlins zu sichern.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Bundesregierung hat trotz der schwierigen
Haushaltslage und der Notwendigkeit von
Einsparungen zusätzliche Mittel zur Förderung
strukturschwacher Regionen bereitgestellt. Sie ist bereit,
die Küstenregionen und den Schiffbau auch
weiterhin zu unterstützen, der Stahlindustrie bei ihrem
Anpassungsprozeß zu helfen, das Stahlstandorte
-
Sonderprogramm zur Schaffung von
Ersatzarbeitsplätzen fortzusetzen, das Zonenrandgebiet
angemessen zu fördern, die Frachthilfe für die
Grenzregionen fortzuführen und die Berlinhilfe und die
Berlinförderung in vollem Umfang
aufrechtzuerhalten.
Vielfältige Hilfen für die Kohle kommen
insbesondere dem Ruhrgebiet und dem Saarland
zugute.
(Zuruf des Abg. Wolfram [Recklinghausen]
[SPD])
Auch dazu, meine Damen und Herren, eine
Bemerkung. Vor acht Wochen, in der Debatte über die
Regierungserklärung, haben Sie bestritten, daß wir
zu irgendeiner Übereinkunft in diesem Punkt fähig
seien. Jetzt stehen wir vor der Tatsache, daß unter
dem Vorsitz des Bundeswirtschaftsministers Graf
Lambsdorff eine Gemeinschaftsaktion von Bund,
Ländern, Unternehmen und Arbeitnehmern
herbeigeführt wurde, die es dem Bergbau erlaubt, die vor
uns liegenden schweren Jahre zu meistern. Bevor
Sie Zwischenrufe machen, sollten Sie sich bei
Ihrem eigenen Kollegen, dem Vorsitzenden der IG
Bergbau — bei dem ich mich ausdrücklich für seine
kooperative Haltung bedanken möchte —,
erkundigen, was wirklich an Rhein und Ruhr vonstatten
geht.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das ist ein weiteres Beispiel, das zeigt, daß Ihre
Behauptung, von diesem Pult aus aufgestellt,
innerhalb von acht Wochen durch die Tatsachen
widerlegt wurde.
Die Bundesregierung hat gerade in der
vergangenen Woche ihre Hilfsbereitschaft in einer
Ausnahmesituation unter Beweis gestellt. Sie hat der Ar
bed Saarstahl — —
(Zuruf von der SPD: Und was ist mit den
Kumpeln?)
— Sprechen Sie bitte nicht von den Kumpeln. Die
Politik, die Sie machen, führt sicherlich nicht zum
Glück der Kumpel, sondern hat zu
Massenarbeitslosigkeit in Deutschland geführt.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir haben versucht, mit dieser Arbed-Saarstahl-
Entscheidung, mit der Bewilligung staatlicher
Hilfen zur Fortführung des Unternehmens eine
ganze Region vor einem schlimmen Schicksal zu
bewahren. Ich will ausdrücklich anerkennen, daß
alle Beteiligten dabei wichtige Beiträge geleistet
haben.
Wir brauchen nicht nur den Geist der
Gemeinschaft, sondern auch den gemeinsamen Willen zur
Lösung unserer schwierigen Aufgaben. Diese
Bundesregierung hat in der kurzen Zeit, die ihr zur
Verfügung stand — es sind noch nicht einmal achtzig
Tage gewesen —, ein umfangreiches
Dringlichkeitsprogramm zustande gebracht. Sie konnte das nur —
ich will das ausdrücklich hervorheben — mit der
Hilfe dieses Hohen Hauses, des Bundestags und
des Bundesrats erreichen. Ich bin mir der
Zumutung, etwa hinsichtlich des Terminablaufs,
gegenüber den Kollegen im Haushaltsausschuß und in
einzelnen anderen Ausschüssen des Hohen Hauses
durchaus bewußt. Ich darf mich besonders herzlich
dafür bedanken, daß es bei aller politischen
Auseinandersetzung möglich war, die Gesetzgebung unter
diesem ungeheuren Zeitdruck fertigzustellen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Lambinus [SPD]: Das gilt besonders für
den Rechtsausschuß!)
Für diese Politik sind wir in besonderem Maße
auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen.
Ich bin sicher, es wird aufwärtsgehen, wenn alle
mitmachen. Wir sind auf einem zwar steinigen, aber
— wir spüren das, jedenfalls die große Mehrheit —
auf dem richtigen Weg.
Wir werden die Soziale Marktwirtschaft neu
beleben und mit dieser wichtigen Grundlage unserer
Gesellschaftsordnung auch die Zukunft des Landes
sichern. Wir alle brauchen dazu am Ende dieses
schweren Jahres auch Zuversicht. Diese Zuversicht
kann jeder im Lande aufbringen und verbreiten,
der mit uns bereit ist, die bestehenden Probleme
mit Tatkraft und mit Bürgersinn anzupacken.
(Zuruf von der SPD)
Meine Damen und Herren von der SPD, Sie
haben sich in diesen Wochen schwer getan, sich in die
neue Rolle als Opposition einzuüben.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das kann man
wohl sagen! — Zuruf von der SPD: Besser
als Sie!)
Wir haben einen vielstimmigen Chor von harter,
wilder Polemik — heute gab es dazu wieder ein
Beispiel — bis zu überraschender Zustimmung erlebt.
Nur, beides betraf häufig ein und dieselbe
Entscheidung der Bundesregierung, etwa im Bereich der
Außenpolitik, der Deutschland- und
Sicherheitspolitik. Was Herr Glotz kritisierte, begrüßte Herr Vogel.
War Herr Bahr begrüßte, kritisierte mein
Vorgänger. Es waren seltsame Kombinationen, die hier
zutage traten. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie uns
und den Bürgern im Lande allmählich mitteilen
würden, was Sie von der SPD wirklich politisch
wollen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Es ist die Pflicht der Bundesregierung, die
nationalen Interessen unseres Landes mit aller
Entschiedenheit zu vertreten.
(Sehr richtig! bei der SPD)
Lassen Sie mich das zu Ihnen in der SPD auch
sagen: Wir lassen uns dabei von niemandem
übertreffen. Das gilt für unsere Gespräche mit den
Freunden in Europa und im Bündnis ebenso wie für
unsere Gespräche mit den Nachbarn im Osten. Das
gilt für die multilateralen Begegnungen und
internationalen Konferenzen, in denen die
Bundesregierung entscheidend mitwirken kann.
Wir finden es allerdings besser, mit den Freunden
zu reden, als über die Freunde zu reden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Öffentliche Kritik und Zurechtweisung müssen
auch bei Freunden und Verbündeten zu
Mißstimmung führen.
Ich habe in der Tat deshalb besonderen Wert
darauf gelegt in diesen Wochen, das in der
Vergangenheit vielfach gestörte Klima zu verbessern. Damit
erleichtern wir uns die Lösung der Probleme. Wir
lösen damit nicht die Probleme, aber wir erleichtern
uns die Probleme. Ich weiß gar nicht, meine Damen
und Herren, warum das eigentlich Ihre Kritik
findet. Sie sind auch als Sozialdemokraten dazu
selbstverständlich verpflichtet, das nationale wahre
Interesse unseres Landes wahrzunehmen. Wenn wir
gute Beziehungen zu den Vereinigten Staaten
haben, muß das doch Ihre Zustimmung finden. Wenn
wir gute Beziehungen zur Französischen Republik
haben, muß das doch Ihre Zustimmung finden.
Wenn Sie nun in diesem Zusammenhang meine
Tätigkeit auf diesem Gebiet in den letzten Wochen
kritisieren, dann kann ich nur sagen: wer hat denn
eigentlich die Termine festgelegt, die da abgelaufen
sind? Wer hat eigentlich den Europäischen Rat
nach Kopenhagen einberufen? Das war doch nicht
ich. Mein Vorgänger, der stellvertretende
Parteivorsitzende der SPD, hat diesem Termin zugestimmt.
Was hätten Sie gesagt, wenn ich versucht hätte,
diesen Termin nicht wahrzunehmen oder gar zu
verschieben? Was hätten Sie gesagt, wenn wir den
deutsch-französischen Gipfel und den
deutschbritischen Gipfel nicht abgehalten hätten? Was hätten
Sie gesagt, wenn der Staatsbesuch in Luxemburg
ausgefallen wäre? Mit solchen Methoden, indem Sie
dem Bürger weismachen wollen, das seien alles
vordergründige Aktivitäten, obwohl das langfristig
geplante Termine noch meines Amtsvorgängers
waren, werden Sie die Sinne unseres Landes nicht
vernebeln können.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Ich füge noch ein Wort zur Opposition hinzu. Wir
weichen keiner politischen Auseinandersetzung mit
der Opposition aus, solange es darum geht, den
richtigen Weg und die richtige Entscheidung
durchzusetzen. Aber bei all dem, was heute auch hier
streitig erscheint, einen Fehler der früheren Regierung
und des früheren Kanzlers werde ich nicht
wiederholen: ich werde Sie nicht auf Jahre hindurch von
wichtigen Informationen ausschließen. Sie werden
die notwendigen Informationen von dieser
Regierung bekommen. Was Sie daraus machen, ist dann
Ihre Sache.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Außenpolitische und außenwirtschaftliche
Beziehungen und Bindungen unseres Landes bestimmen
fast jeden Bereich unseres Lebens. Wir sind in
unserer politischen und in unserer persönlichen
Existenz verbunden mit dem, was bei unseren
Nachbarn und in oft sehr fernen Regionen der Welt vor
sich geht. Es geht dabei um nationale Interessen,
um eine Politik, die von der Mehrheit unseres
Volkes und seiner Repräsentanten getragen werden
muß. Deswegen sage ich auch vor Wahlen: es ist
notwendig, in diesen Grundfragen zu
Gemeinsamkeit fähig zu sein. Mir geht es darum, in diesem
Bereich unserer auswärtigen und
sicherheitspolitischen, europapolitischen und
entwicklungspolitischen Interessen nicht Gräben neu aufzureißen,
sondern, wo nötig, Brücken zu bauen. Dafür zu
wirken und zusammen mit allen, die guten Willens
sind, zu arbeiten, ist unsere Pflicht. Ich bin zutiefst
von dem Satz überzeugt, daß der äußere Friede nur
dann gesichert werden kann, wenn man einen
Beitrag zum inneren Frieden zu leisten bereit ist.
(Zuruf von der SPD)
Deshalb, meine Damen und Herren von der SPD,
betrachten wir mit Sorge, wie rasch und in welchem
Maße sich Ihre Partei von den Grundsatzpositionen
meines Amtsvorgängers Helmut Schmidt
fortbewegt. Der Beschluß des SPD-Vorstandes am 6.
Dezember, also vor ein paar Tagen, zum
Doppelbeschluß der NATO, muß sich doch in der
gegenwärtigen Verhandlungsphase in Genf verheerend
auswirken. Er untergräbt den Verhandlungsansatz des
Bündnisses für eine beiderseitige Null-Lösung. Der
Vorschlag des SPD-Parteivorstands läuft doch in
Wahrheit auf eine einseitige Null-Lösung zu Lasten
des Atlantischen Bündnisses hinaus. Die
Bundesregierung steht in dieser Frage des
Doppelbeschlusses in der Tat in der Kontinuität zu ihrer
Amtsvorgängerin. Wenn je der Begriff der Kontinuität einen
Sinn gibt, dann genau in diesem Sachverhalt. Der
Doppelbeschluß in beiden Teilen bleibt für uns ein
Instrument, um wirksame und gleichgewichtige
Abrüstung zu erreichen. Die Bundesregierung setzt
sich mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln für
ein zeitgerechtes konkretes Ergebnis bei den
Verhandlungen in Genf ein.
Ich habe dies in meinen Gesprächen mit den USA
getan, über die ich hier bereits berichtet habe. Mein
Kollege Genscher und ich haben kürzlich auch
darüber sehr klar mit Außenminister Shultz bei
seinem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland
gesprochen. Diese Gespräche haben einmal mehr
bestätigt, daß es den USA wie uns in Genf um
konkrete vereinbarte Ergebnisse geht. Wir haben
keinen Zweifel, daß sich dies alles auf einem guten
Weg befindet.
Noch nie waren die Konsultationen im Bündnis
so eng, so intensiv; noch nie waren unsere
Einwirkungsmöglichkeiten so groß. Hören wir also damit
auf — vor allem die Stimmen der deutschen
Sozialdemokraten — öffentlich den Verhandlungswillen
der USA in Zweifel zu ziehen.
Wenn wir Zweifel am Erfolg in Genf haben
müssen, dann vor allem wegen der bisherigen
Weigerung der Sowjetunion, zu
Verhandlungsfortschritten zu kommen. Diese mangelnde
Verhandlungsbereitschaft der sowjetischen Führung könnte sich
noch mehr verfestigen, wenn sie den Eindruck
gewinnen sollte, daß Sie, meine Damen und Herren
von der SPD, aus der bisherigen gemeinsamen
Politik der Bundesrepublik Deutschland und des
Westens aussteigen wollen. Dann könnte die
Versuchung für die Sowjetunion zu groß sein, auf Zeit zu
spielen, um ihre Überlegenheit im Bereich der
Mittelstreckenwaffen zu erhalten und den Westen zu
einer einseitigen Null-Lösung zu zwingen.
Wir werden auch weiterhin alles tun, damit die
Verhandlungen in Genf zum Erfolg führen.
Erfolgreiche Verhandlungen in Genf liegen im
existentiellen Interesse aller, aber sie liegen vor allem im
existentiellen Interesse des deutschen Volkes diesseits
und jenseits des Eisernen Vorhangs.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Sowjetunion muß den Anspruch der
europäischen NATO-Staaten auf gleichberechtigte
Sicherheit akzeptieren. Ich bin davon überzeugt, daß die
Verhandlungen Erfolg haben können, wenn wir uns
an die klare, im Doppelbeschluß vorgezeichnete
Politik halten. Wer glaubt, sich nur einen Teil des
Doppelbeschlusses auswählen zu können, nämlich den
Verhandlungsteil, gefährdet den Erfolg und die
Chance der ganzen Verhandlungen.
(Zuruf von der SPD: Fragen Sie einmal die
CSU!)
Wer unsere Entschlossenheit, im Falle eines
Scheiterns der Verhandlungen die Stationierung
durchzuführen, ständig in Frage stellt, untergräbt — das
ist doch logisch — die westliche
Verhandlungsposition. Er tut alles — ob er es will oder nicht —, um
die Sowjets davon abzuhalten, ihrerseits ernsthaft
die Möglichkeit der Abrüstung ihrer Systeme in
Erwägung zu ziehen.
Wir, die Bundesregierung und die Koalition,
wollen die Politik des Dialogs und der
Zusammenarbeit mit dem Osten fortführen. Wir wollen
konstruktivere Ost-West-Beziehungen erreichen. In
Kopenhagen, auf dem Europäischen Rat, haben wir
uns zu einer Politik der ausgestreckten Hand bereit
erklärt. Wir hoffen, daß alle Teilnehmerstaaten des
KSZE-Folgetreffens von Madrid die erforderlichen
Beschlüsse fassen, damit das Treffen bald
erfolgreich, das heißt mit einem substantiellen und
ausgewogenen Schlußdokument und mit einem präzisen
Mandat für eine Konferenz über Abrüstung in
Europa, abgeschlossen werden kann.
Gemeinsam mit unseren Freunden fordern wir
die Sowjetunion auf, ihre Beiträge zur Stärkung des
Vertrauens in den internationalen Beziehungen zu
leisten. Dies gilt für das Verhalten der sowjetischen
Verhandlungsführer in Genf und Madrid; dies gilt
auch für ihr Verhalten in Polen und Afghanistan.
Meine Damen und Herren, es liegt an der
Sowjetunion, diese Belastungen und Vorbehalte
auszuräumen und so den Weg zu besseren Verhältnissen zu
bahnen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir hoffen, daß die neue sowjetische Führung
erkennt, daß hegemoniale Bestrebungen eine
überholte Politik darstellen, daß militärische Gewalt
politische Lösungen weder herbeiführen noch auf die
Dauer ersetzen kann.
Was wir tun können, werden wir tun, um unserem
polnischen Nachbarvolk unsere Verbundenheit
gerade in diesen Tagen zu beweisen. Mit unseren
Partnern in der Europäischen Gemeinschaft und im
Bündnis werden wir auf wirkliche Fortschritte bei
der Wiederherstellung des nationalen Konsenses in
Polen positiv antworten. Ich sage: auf wirkliche
Fortschritte. Wir werden uns aber nicht scheuen,
deutlich zu sagen, was wir für richtig halten, wenn
es um die Rechte und die Freiheiten des polnischen
Volkes gemäß der Schlußakte von Helsinki geht.
Die Bundesregierung nimmt aktiv Anteil an der
Abstimmung über ein langfristig angelegtes
westliches Gesamtkonzept für die Ost-West-Beziehungen.
Dies schließt, Herr Professor Ehmke, die
Wirtschaftsbeziehungen, die wirtschaftliche
Zusammenarbeit mit dem Osten ein. Wir sind uns mit unseren
europäischen und amerikanischen Partnern einig,
daß Wirtschaftsbeziehungen auf der Grundlage
gegenseitigen Vorteils und unter Wahrung unserer
Sicherheitsinteressen bei der Stabilisierung des Ost
-
West-Verhältnisses insgesamt auch zukünftig eine
wichtige Rolle spielen.
Die Bundesregierung hat das Gespräch mit dem
neuen Generalsekretär der KPdSU, Andropow,
unverzüglich aufgenommen. Sie beabsichtigt, dieses
Gespräch weiterzuführen. Wir begrüßen deshalb
den Besuch von Außenminister Gromyko Mitte
Januar bei uns in Bonn.
Ich will diesen Besuch zum Anlaß nehmen,
besonders auf den erheblichen Rückgang der Zahlen
bei der Familienzusammenführung aus der
Sowjetunion hinzuweisen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir bedauern diese Entwicklung zutiefst, und wir
hoffen, daß die sowjetische Führung diese
humanitäre Frage — wie sie es mehrfach zugesagt hat — in
wohlwollendem Geist lösen wird.
Zu dieser Politik der Zusammenarbeit und des
Dialogs gehört auch die Pflege unserer
Beziehungen zur DDR. Unsere Deutschlandpolitik verfolgt
zwei grundlegende Ziele, die zugleich Aufforderung
zum politischen Handeln sind: die deutsche Teilung
auf friedlichem Weg durch einen Prozeß der
Verständigung und in Freiheit zu überwinden und die
Folgen der Teilung für die Menschen in
Deutschland erträglicher zu gestalten. Die Regierung der
Mitte hat unmißverständlich klargestellt, daß sie
beide Zielsetzungen gleichermaßen als verbindlich
ansieht.
Meine Damen und Herren, für uns bleibt
Deutschlandpolitik über die deutsch-deutschen
Beziehungen hinaus immer die Frage nach der
Einheit der deutschen Nation. Über diese Frage hat die
Geschichte natürlich nicht das letzte Wort
gesprochen. Sie ist und bleibt weiterhin offen, bis das
deutsche Volk sein Selbstbestimmungsrecht frei
ausgeübt hat.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir wissen, daß die Teilung Deutschlands in
absehbarer Zeit nicht überwunden werden kann; aber
wir weigern uns, diese Teilung als endgültig
hinzunehmen. Wer dies tut, wer die gegenwärtige Lage in
Deutschland — und damit auch in Europa —
sozusagen in die Zukunft hineinverlängert, der beweist
nicht nur politischen Kleinmut, sondern auch
geschichtsloses Denken, und er dient nicht dem
Frieden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Im Vordergrund unserer Bemühungen stehen die
Interessen der Menschen im geteilten Deutschland.
Wir fühlen uns ihnen gegenüber in besonderer
Weise verpflichtet, und wir wissen, was sie von uns
erwarten. Wir werden alles in unseren Kräften
Stehende tun, um diesen Erwartungen gerecht zu
werden.
Meine Damen und Herren, heute bestehen auf
deutschem Boden zwei voneinander unabhängige
Staaten. Wir müssen mit dieser Tatsache leben;
aber wir halten am geschichtlichen Auftrag der
Präambel unseres Grundgesetzes fest. Deshalb
muß auch die Regierung der DDR respektieren, daß
wir an der Einheit der Nation festhalten. Es führt
nicht weiter, die Durchsetzung unvereinbarer
Rechtspositionen zum Gegenstand beiderseitiger
Verhandlungen machen zu wollen. Die
Bundesregierung wird keine ihrer grundlegenden
deutschlandpolitischen Rechtspositionen aufgeben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich wiederhole, was ich in der
Regierungserklärung am 13. Oktober gesagt habe: Die DDR kann
sich darauf verlassen, daß wir zu allen
übernommenen Verpflichtungen stehen. Das gleiche erwarten
wir allerdings auch von der Regierung der DDR. —
Ich begrüße es, daß auch die DDR-Führung ihr
Interesse an gutnachbarschaftlichen Beziehungen
bekräftigt hat.
Für die überschaubare Zukunft besteht unsere
Aufgabe darin, die Beziehungen so zu gestalten, daß
sie den Menschen nutzen und dem Frieden dienen.
Es geht um praktische Lösungen, um praktische
Ergebnisse. Und wir sind überzeugt, daß die
meisten Sachprobleme bei gutem Willen zum
gegenseitigen Nutzen gelöst werden können. Aber
Rückschritte müssen beseitigt werden, Verträge. müssen
ausgefüllt und Absichtserklärungen verwirklicht
werden. Was uns betrifft: Wir sind zum Fortschritt
im Interesse der Menschen bereit.
Meine Damen und Herren, mit zunehmender
Arbeitslosigkeit, zunehmendem Anpassungsdruck auf
die Volkswirtschaften wächst die Versuchung,
nationale Alleingänge zu unternehmen, nationale
Sonderwege in der Haushaltspolitik, in der Wirtschafts-,
Währungs- und Handelspolitik einzuschlagen. Es
wäre verhängnisvoll für uns alle in Europa, wenn
wir diesen Versuchungen nachgeben würden. Ein
Bruch der wirtschaftlichen Solidarität durch
Handelsprotektionismus würde nicht nur die
wirtschaftliche Krise verschärfen, sondern dies hätte auch
erhebliche Folgen für die politische Solidarität in
der westlichen Welt. Unser aller Bereitschaft, auch
Opfer für diese Solidarität zu erbringen, das Risiko
mit dem Partner zu teilen und es nicht auf ihn
abzuwälzen, wird — dessen bin ich sicher — in den
kommenden Monaten und Jahren auf eine harte Probe
gestellt. Aber nur in Solidarität in der
Europäischen Gemeinschaft und im Bündnis werden wir in
der Lage sein, die augenblicklich schwere
Wirtschaftskrise durchzustehen und aus ihr
herauszufinden, den Frieden zu sichern, den Dialog mit dem
Osten zu führen und unseren Beitrag zur
westlichen Welt zu leisten.
In diesem Sinne haben wir in Kopenhagen einen
fruchtbaren Gedankenaustausch gehabt. In diesem
Sinne haben wir auch persönlich miteinander
gesprochen. Ich habe in Kopenhagen vorgeschlagen,
daß wir die Mittel des Sozialfonds und vielleicht
andere Mittel am besten dafür einsetzen,
Jugendliche in Ausbildung und Lehre und danach in Arbeit
zu bringen. Dies könnte, wie ich finde, ein wichtiger
Beitrag dafür sein, junge Bürger in Europa wieder
an die europäische Idee heranzubringen.
Meine Damen und Herren, im Januar werden wir
die Präsidentschaft in der Gemeinschaft
übernehmen. Eine vorrangige Aufgabe unserer
Präsidentschaft muß es sein, den freien Binnenmarkt zu
erhalten. Wir haben damit viel zu tun. Weil jetzt soviel
über Protektionismus gesprochen wird, meine ich,
wäre es nützlich, wenn sich alle europäischen
Länder, jeder für sich, einmal die eigenen Sündenlisten
des Protektionismus vornehmen und dann mit dem
Partner und mit dem anderen reden und dann auch
gemeinsame Lösungen zu finden bereit sind.
(Dr. Hauff [SPD]: Toll! — Weitere Zurufe
von der SPD)
— Ich ho
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Gesetz über die Feststellung des Bundeshaushaltsplans für das Haushaltsjahr 1983 (Haushaltsgesetz 1983) (G-SIG: 09020226)
- spoke_in ← Walter Picard (Rede)