Rede von Jörg Rohde (FDP) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c: Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer.
Text
Rede von Jörg Rohde (FDP) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen
und Kollegen! Herr Staatssekretär, ich habe Ihre Rede
sehr aufmerksam verfolgt, und Sie haben ab und zu
Beifall über die Fraktionsgrenzen hinweg bekommen, auch
von der FDP.
Wir stimmen im Ziel überein, aber ich habe vermisst,
dass Sie darauf hinweisen, wer am Ende die Zeche zahlt.
Das ist ein entscheidender Punkt, um das in meiner Rede
vorweg zu nehmen. Sie hätten schon sagen sollen, wer
zahlt. Ich komme darauf zurück.
Wir haben im April in erster Lesung gemeinsam über
den sogenannten Ausbildungsbonus beraten. Wir
Liberale hatten Ihnen von der Großen Koalition signalisiert,
dass wir das Ziel Ihres Ansinnens mittragen.
Auch die FDP hält es für richtig, förderungsbedürftigen
Jugendlichen, die schon seit Jahren einen
Ausbildungsplatz suchen, durch einen Arbeitgeberzuschuss eine
Chance für eine betriebliche Berufsausbildung zu geben.
Aber wir haben Ihnen von der Union und der SPD auch
unsere Bedenken mitgeteilt. Der Bonus schien uns
weder hinreichend zielgenau auf die wirklichen
Problemfälle zugeschnitten, noch konnte der Entwurf
Mitnahmeeffekte bei den Arbeitgebern wirklich verhindern. Vor
allem aber hatten wir von der FDP darauf hingewiesen,
dass die Verbesserung der Ausbildungschancen
Jugendlicher keine Aufgabe der Arbeitslosenversicherung, also
allein der angestellten Erwerbstätigen, ist, sondern dass
wir dies als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sehen,
die ergo aus Steuermitteln zu finanzieren wäre.
(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Peter
Rauen [CDU/CSU] und der Abg. Brigitte
Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
In der folgenden Anhörung des Bundestagsausschusses
für Arbeit und Soziales haben die Experten unsere Kritik
mehrheitlich bestätigt.
Meine sehr geehrten Damen und Herren der
Regierungskoalition, die Hausaufgaben für Sie waren glasklar:
Erstens. Nur die Jugendlichen fördern, die aus eigener
Kraft keine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben.
Zweitens. Echte Anreize zum Abschluss der Ausbildung
setzen und damit Mitnahmeeffekte vermeiden. Drittens.
Die Arbeitslosenversicherung nicht mit
versicherungsfremden Ausgaben belasten.
Jörg RohdeWerte Kolleginnen und Kollegen von Schwarz-Rot,
Ihre gestern im Bundestagsausschuss für Arbeit und
Soziales präsentierten Lösungen für diese Aufgaben
bleiben weit hinter unseren Erwartungen und auch den
Ratschlägen der Sachverständigen zurück.
Sie erweisen sich leider selbst als lernbeeinträchtigt: Der
Anhörung im Ausschuss konnten Sie ganz offensichtlich
nicht in Gänze folgen; sonst wären Sie bei der Korrektur
Ihres eigenen Gesetzentwurfs nicht auf halbem Wege
stehen geblieben. Ich prophezeie Ihnen deshalb: Viele
von Ihnen werden in dieser Verfassung die Versetzung in
die nächste Legislatur wohl nicht schaffen.
Es ist paradox: Die Regierung erwartet von den
Betrieben und Unternehmen, dass diese mehr
Ausbildungsplätze anbieten, insbesondere für schwer in Ausbildung
vermittelbare Jugendliche. Aber wenn die Arbeitgeber in
einer Bundestagsanhörung erläutern, wie eine
Fördermaßnahme für die betroffene Gruppe aussehen sollte,
gehen die Regierungsfraktionen über diese Anregung
hinweg.
Selbst der Deutsche Gewerkschaftsbund, der nicht
gerade als treuer Gefährte der BDA bekannt ist, steht hier
eng an der Seite der Arbeitgeber und hat vor der
heutigen Debatte noch einmal eindringlich davor gewarnt,
den Kreis der Förderberechtigten zu weit zu fassen.
Statt einer Gießkannenförderung brauchen wir ein
Instrument, das eindeutig auf die schwächsten
Jugendlichen ausgerichtet ist. Jede andere Lösung wird zur
Rosinenpickerei durch die ausbildenden Unternehmen auf
dem Markt förderberechtigter Jugendlicher führen. Die
Koalition hat mit diesem Gesetzentwurf einige kleine
Schritte in die richtige Richtung gemacht. Das erkennen
wir ausdrücklich an. Sie haben aber nicht den Mut
aufgebracht, einigen Jugendlichen zu sagen: Du hast es aus
verschiedenen Gründen nicht leicht, kannst es aber
dennoch aus eigener Kraft schaffen. Vor allem von den
Kollegen der CSU und der CDU hätte ich hier mehr
erwartet.
Ihrem Ausbildungsbonus fehlt auch ein wichtiger
Erfolgsanreiz. Wir von der FDP haben vorgeschlagen, die
zweite Hälfte des Bonus erst dann auszuzahlen, wenn
der Auszubildende die Abschlussprüfung absolviert hat.
Ausdrücklich wollen wir Liberale die Förderung nicht an
ein Bestehen der Prüfung knüpfen; aber es muss
gewährleistet sein, dass die Ausbildung abgeschlossen wird.
Gerade bei den förderbedürftigen Jugendlichen ist die
Quote der Ausbildungsabbrecher sehr hoch. Wir müssen
den Unternehmen hier also einen Anreiz bieten, ihre
Schützlinge auch wirklich bis zum Ende bei der Stange
zu halten.
Deshalb sollte die letzte Rate des Bonus erst dann
ausgezahlt werden, wenn der Auszubildende die
Abschlussprüfungen tatsächlich in Angriff genommen hat.Neben diesen inhaltlichen Mängeln ist es aber vor
allem ein ordnungspolitischer Fauxpas, der uns Liberale
zur Ablehnung dieses Gesetzentwurfs zwingt; ich habe
schon darauf hingewiesen. Auch von zahlreichen
Sachverständigen haben Sie von Schwarz-Rot sich nicht
davon abbringen lassen, das Instrument aus
Beitragsmitteln der Bundesagentur für Arbeit finanzieren zu wollen.
Wir reden hier von Jugendlichen, die noch nie einen
einzigen Cent in die Arbeitslosenversicherung
eingezahlt haben. Wir reden hier von Jugendlichen, die keine
adäquaten Schulabschlüsse haben. Wir reden hier von
Jugendlichen, die eine Lernbeeinträchtigung haben oder
sozial benachteiligt sind.
(Christel Humme [SPD]: Wollen Sie die
zurücklassen?)
Der Ausgleich all dieser Ausbildungshemmnisse ist eine
gesamtgesellschaftliche Aufgabe,
muss also von allen gestemmt werden, nicht nur von den
Beitragszahlern der Arbeitslosenversicherung.
(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Peter
Rauen [CDU/CSU])
Nicht nur der FDP, sondern auch der Mehrheit der
Sachverständigen in der Anhörung ist schleierhaft,
warum die Koalition hier die Kasse der Bundesagentur
plündern will. Mit einem solchen Griff ins Portemonnaie
der Beitragszahler nehmen Sie von Union und SPD dem
Parlament weiteren Spielraum, den Beitrag zur
Arbeitslosenversicherung zu senken und damit den Faktor
Arbeit insgesamt von den hohen Lohnnebenkosten zu
entlasten. Die FDP hält bei der Arbeitslosenversicherung
einen Beitragssatz von weniger als 3 Prozent für
möglich.
Mit dem Gesetz zum Ausbildungsbonus steuert die
Bundesregierung nun in die Gegenrichtung. Dies hätten wir
gerne vermieden.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat
die Zeit zwischen erster und dritter Lesung für eine
Umfrage genutzt. 12 000 Unternehmen haben online zum
Thema Ausbildungsplätze abgestimmt. Die Ergebnisse
der Umfrage dürften Sie von der großen
sozialdemokratischen Koalition überrascht haben – für die FDP waren
sie absehbar –: 85 Prozent der Unternehmen haben
erklärt, dass der Ausbildungsbonus ihre Ausbildungspläne
überhaupt nicht beeinflusst. Von den gerade einmal
5 Prozent der Betriebe, die mit dem Bonus einen neuen
Ausbildungsplatz schaffen wollen, sind die meisten im
Gastgewerbe und im Handel aktiv, also dort, wo ohnehin
traditionell schlechter qualifizierte Bewerber
ausgebildet, aber häufig nicht übernommen werden. Ich hatte
heute Morgen selber einen Anruf von einem
Unternehmer. Ich habe ihn direkt gefragt: Wie sieht’s aus? Wirst
du mit diesem Instrument arbeiten? Antwort: Nein;
Jörg Rohdeich mache Ausbildungsplätze nur dann, wenn sie
Aussicht auf Erfolg haben.
(Andrea Nahles [SPD]: War das eine
repräsentative Umfrage?)
– Das war nicht repräsentativ. Ich konnte nur eine
Stichprobe machen. Aber die Umfrage bei den 12 000 war
repräsentativ. – Diese ernüchternde Aussage darf aber
nicht als Destruktivität der Unternehmen bewertet
werden.
Klipp und klar haben die Unternehmen erklärt,
welche Maßnahmen sie stattdessen von der Politik erwarten.
Ganz oben steht dabei der Wunsch nach einer besseren
schulischen Vorbildung der Bewerber. Fast zwei Drittel
der Unternehmen haben Schwierigkeiten mit dem
Bildungsstand der Jugendlichen. Hier liegt das eigentliche
Problem: Zu viele Jugendliche verlassen die Schule ohne
hinreichende Ausbildungsreife. Wer dieses Problem löst,
meine Damen und Herren, braucht sich später keine
Gedanken um Ausbildungsplätze und Fachkräftemangel zu
machen.
(Ulla Burchardt [SPD]: Das nützt den
Jugendlichen aber jetzt nicht!)
Ich bringe die Position der FDP in einem Satz auf den
Punkt: Die FDP lehnt den Griff in die Kasse der
Arbeitslosenversicherung und damit der Beitragszahler ab und
wird deshalb bei aller Sympathie für das Anliegen dem
vorliegenden Gesetzentwurf nicht zustimmen.
Vielen Dank.
(Beifall bei der FDP – Andrea Nahles [SPD]:
Das hilft den Leuten aber bedauerlicherweise
gar nicht!)