Rede von Katja Mast (SPD) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c: Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer.
Text
Rede von Katja Mast (SPD) – Gruß, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, weiterer
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!
Heute ist ein guter Tag für vorsorgende
Arbeitsmarktpolitik.
Heute ist Chancentag im Bundestag. Es ist Chancentag,
weil wir den Weg für 100 000 zusätzliche
Ausbildungsplätze in den Betrieben freimachen.
Es ist Chancentag, weil wir uns um die Jugendlichen
kümmern, die seit über einem Jahr vergeblich eine
Lehrstelle suchen, um die Jugendlichen, die täglich eine
Absage im Briefkasten haben, in Warteschleifen verharren
und so langsam den Glauben verlieren, dass sie in
unserem Land gebraucht werden.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Es ist Chancentag, weil wir ihnen mit dem
Ausbildungsbonus für Altbewerber eine Perspektive geben. Wir
lassen sie nicht allein.
Aber auch die Betriebe wissen uns an ihrer Seite. Wer
zusätzlich einen Altbewerber ausbildet, kann damit
rechnen, den Bonus für Ausbildung, der zwischen 4 000 und
6 000 Euro beträgt, zu erhalten.
Die Bundesagentur für Arbeit geht noch einen Schritt
weiter. Wo notwendig, bietet sie sozialpädagogische
Begleitung in Form von ausbildungsbegleitenden Hilfen
an. Denn nur beides gemeinsam, der Bonus für
Ausbildung und sozialpädagogische Begleitung, wird dazu
führen, dass eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen
wird.
Das zeigen uns die Erfahrungen aus der Praxis, so auch
in meiner Heimatstadt Pforzheim und im Enzkreis, wo
es einen solchen Bonus schon gibt. Ich erinnere nur an
Aishe – ich habe dieses Beispiel in meiner letzten Rede
erwähnt –, die nach 80 Absagen schon geglaubt hatte,
keinen Ausbildungsplatz mehr zu finden. Durch den
Bonus der Bundesagentur und die Hilfe eines Jobcoachs,
der ihr über die gesamte Ausbildungsdauer hinweg zur
Seite stand, hat sie ihre Lehre als Einzelhandelskauffrau
im letzten Jahr im zweiten Anlauf abgeschlossen. Von
dieser Praxiserfahrung ließ sich die Große Koalition bei
der Erarbeitung dieses Gesetzentwurfes leiten.
Natürlich spielten bei den letzten kleinen Änderungen
auch die Auffassungen der Sachverständigen, die in der
Anhörung des Ausschusses für Arbeit und Soziales ge-äußert wurden, sowie die Anregungen des Bundesrates
eine Rolle. Das hat zum Beispiel dazu geführt, dass wir
die Ausbildungsabbrecher aus Insolvenzunternehmen
mit aufgenommen haben.
Im vorliegenden Gesetzentwurf ist eine Befristung
auf drei Jahre vorgesehen.
Das hat seinen Grund. Denn seit kurzem ist auf dem
Ausbildungsmarkt eine Trendwende zu verzeichnen. Im
Jahre 2007 wurden 625 000 Ausbildungsverträge
abgeschlossen, so viele wie seit 1999 nicht mehr. Wir können
aber nicht länger mit ansehen, dass die Zahl der
abgeschlossenen Ausbildungsverträge steigt, während die
Chancen der Altbewerber auf einen Ausbildungsplatz
sinken.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Wie wir heute zur Genüge gehört haben, wird auch
bei diesem Chancengesetz Kritik laut. Die einen wollen
mehr, die anderen wollen weniger, wieder andere
verlieren sich in Grundsatzdebatten. Das ist der beste Beweis
dafür, dass dieses Gesetz zielgerichtet ist, dass dieses
Gesetz die Jugendlichen erreicht.
Den Kritikern rufe ich zu: Bedenken Sie, dass für den
Bonus zwei Kriterien erfüllt sein müssen: Erstens. Der
Betrieb muss einen zusätzlichen Ausbildungsplatz
schaffen. Grundlage der Bewertung ist dabei die Zahl der
Ausbildungsplätze im Betrieb in den letzten drei Jahren.
Zweitens. Der Betrieb muss einen Altbewerber
einstellen. Wo da der Anreiz zu flächendeckender Mitnahme
liegen soll, müssen Sie mir auch nach der heutigen
Debatte noch glaubhaft begründen.
Ich fordere die Wirtschaft auf, mitzumachen und zu
helfen, dass die Betriebe die Chancen, die dieses Gesetz
bietet, nicht etwa ausnutzen, sondern nutzen.
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Stefan
Müller [Erlangen] [CDU/CSU])
Meist sind es Jugendliche mit Hauptschulabschluss,
Sonderschulabschluss oder ganz ohne Schulabschluss,
die längere Zeit keinen Ausbildungsplatz finden. Sie
bekommen mit diesem Gesetz einen Rechtsanspruch auf
den Bonus für Ausbildung, sofern für sie ein zusätzlicher
Ausbildungsplatz geschaffen wird. Das gibt den
Jugendlichen und den Betrieben Sicherheit; das ist das, was die
Große Koalition will. Altbewerber mit einem höheren
Schulabschluss können den Bonus ab dem nächsten
Ausbildungsjahr ebenfalls erhalten, sofern der Bundesrat
zustimmt.
Aufstieg durch Bildung, das ist sozialdemokratische
Ausbildungs- und Arbeitsmarktpolitik.
Wir schaffen Chancen, wo vorher Frust war. Wir wollen,
dass jeder ausgebildet wird, wenn möglich im Betrieb.
Katja MastEines ist doch uns allen klar: Wer morgen Fachkräfte
braucht, muss sie heute ausbilden. Es sind der
Mittelstand und das Handwerk, die Vorbilder in Sachen
Ausbildung sind. Aber das reicht nicht. Jeder Jugendliche
muss ausgebildet werden. Politik ohne
Ausbildungszwang setzt voraus, dass die Unternehmen ihrer
Verantwortung für den Nachwuchs solidarisch gerecht werden.
Der Bonus – ich bleibe dabei – ist ein Musterbeispiel
für vorsorgende Arbeitsmarktpolitik. Chancentag im
Bundestag – das war heute nicht das letzte Mal. Die
Reform der arbeitsmarktpolitischen Instrumente steht noch
in dieser Legislatur an.
Wir von der SPD-Bundestagsfraktion wollen gemeinsam
mit unserem Arbeitsminister Olaf Scholz die Kultur der
zweiten Chance verankern: Jeder soll das Recht
bekommen, seinen Hauptschulabschluss nachzuholen. Nur so
gilt „Aufstieg durch Bildung“, nur so bekommen wir den
nächsten Chancentag im Bundestag. Stimmen Sie heute
dem Chancentag im Bundestag zu!
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Relationen
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