Rede von Michael Leutert (DIE LINKE) – Drucksachen 16/8905, 16/9471
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 8: Drucksachen 16/8905, 16/9471 –.
Text
Rede von Michael Leutert (DIE LINKE) – Drucksachen 16/8905, 16/9471
Frau Kollegin Däubler-Gmelin! Liebe Kolleginnen
und Kollegen! Unsere Fraktionen bewegen sich im
Bereich der Menschenrechtspolitik langsam aufeinander
zu. Nach Ihrer Rede hätte ich fast geklatscht.
Wir beraten heute auch eine Große Anfrage der
Grünen. In ihrer Antwort darauf kommt die
Bundesregierung zu dem Gesamturteil:
Die Menschenrechtslage in China gibt – trotz
einiger Verbesserungen – weiterhin Anlass zur
Besorgnis.
Diese Einschätzung wird auch von meiner Fraktion
geteilt. Ich möchte das kurz begründen.
In der Volksrepublik China hat nach der
Kulturrevolution eine rasante Veränderung eingesetzt, die die
unterschiedlichsten Bereiche – insbesondere Wirtschaft,
Politik und Recht – erfasst hat und China auch heute noch
weiter verändert. In den letzten Jahren sind mehr und
mehr Defizite auch in den Bereichen Sozialpolitik,
soziale Spannungen, Wanderarbeiter, Umweltbelastungen
oder Ausbildung des Rechtssystems zutage getreten. Das
sehen nicht nur wir, sondern das sieht auch der
Botschafter der Volksrepublik China so, wie in seiner
schriftlichen Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung im
Sportausschuss nachzulesen ist.
Trotz alledem ist festzustellen, dass die Erfolge
messbar sind, sowohl nach ökonomischen als auch nach
rechtlichen Kriterien. Aber ganz sicher wird diese
Entwicklung dann scheitern, wenn dieser Weg der Stabilität
verlassen wird. Diese Stabilität im Wandel ist unseres
Erachtens davon abhängig, ob es der chinesischen
Regierung gelingt, zivilgesellschaftliche Lösungsstrate-
Michael Leutertgien zu entwickeln und auf Repressionsmechanismen zu
verzichten. Darin sehen wir die Perspektive, einen
gemeinsamen Nenner in der deutschen und der
chinesischen Politik zu finden, weil die Reformkräfte in der
Kommunistischen Partei Chinas an dieser Stabilität und
diesem Wandel und damit auch an
zivilgesellschaftlichen Lösungsstrategien inklusive der Menschenrechte
interessiert sind. Das gilt meines Wissens auch für alle
Fraktionen in diesem Hause und die Bundesregierung.
Wir sind der Auffassung, dass Instrumente wie der
deutsch-chinesische Rechtsstaatsdialog und der
Menschenrechtsdialog die geeigneten Mittel sind, um dieses
Ziel zu erreichen, weil sie vernünftig sind. Das heißt, sie
sind dialog- und kooperationsorientiert.
(Dr. Karl Addicks [FDP]:
Kooperationsorientiert! Das muss man sich auf der Zunge
zergehen lassen!)
Alternativ dazu kann natürlich Menschenrechtspolitik
im Sinne moralischer Appelle verstanden werden. Damit
haben wir uns hier schon mehrfach auseinandergesetzt.
Diese Politik ist sicherlich billig zu haben, wird aber
letztendlich keinen Erfolg haben. Sie blendet aus, dass
China 15-mal mehr Einwohner hat als Deutschland,
Deutschland aber ein 15-mal höheres
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf aufweist als China.
(Dr. Karl Addicks [FDP]: Was hat das jetzt mit
den Menschenrechten zu tun?)
Genau das ist der objektive Rahmen, in dem sich die
Reformpolitik in China bzw. sich unsere Politik bewegt.
Zum Antrag der Grünen bleibt Folgendes zu sagen:
Ob China auch nur einen einzigen politischen
Gefangenen freilässt oder nicht freilässt, hat sehr wenig mit den
Olympischen Sommerspielen zu tun, sehr viel aber mit
dem rechtsstaatlichen Charakter des Strafrechts in
China. Veränderungen im Strafrecht sind nur durch
Dialog zu erreichen, nicht durch Symbolpolitik vor den
Sommerspielen. Deshalb werden wir uns bei der
Abstimmung über den Antrag enthalten.
Ich freue mich, dass die Linke in dieser Debatte das
letzte Wort hatte.
Danke.
(Beifall bei der LINKEN – Volker Beck
[Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bei
der Forderung nach Freilassung von
Gefangenen enthalten Sie sich! Super!)